Ankunft in Alaska

Nur eine kurze Info, damit ihr euch nicht wundert, was mit uns passiert ist. Wir sind vor einem Monat wohlbehalten auf den Aleuten angekommen, hatten aber bisher kein Internet für den Blog.

Auch jetzt machen wir nur einen kurzen Zwischenstopp in Sand Point, wo wir wenigstens diese paar Zeilen hochladen können. Wir holen unsere Berichte aber sicher nach – versprochen. Sie werden von Freunden handeln und von der reichhaltigen Tier- und Pflanzenwelt, die sich größtenteils als außerordentlich schmackhaft erweist. Als kleiner Ausblick: Karibus, Schafe, Wale, Papageientaucher, Weißkopfadler, Dorsch, Heilbutt, Saiblinge, Blaubeeren, Erdbeeren, Salmonberries (eine Mischung aus Brom- und Himbeere), Pilze, Braunbären und natürlich Lachse, Lachse und Lachse.

In zwei bis drei Wochen sollten wir Kodiak erreichen, dort gibt es mehr Internet und wir melden uns wieder. Auch über Pactor-Email sind wir derzeit leider nicht erreichbar. Die Amis haben beschlossen, dem größten Teil der europäischen Amateurfunker die Nutzung amerikanischer Winlink-Stationen für den Empfang und Versand von regulären Emails zu sperren. Nur Wetter und Mails anderer Winlink-Stationen funktionieren noch.

Vorhang zu

Das war’s erst einmal mit Japan. Wir sind unterwegs nach Alaska. Und weil selbst die Vorhänge in Japan so schön waren, verabschieden wir uns mit ein paar davon:

Ichimonji Yacht Club

29. Mai – 03. Juni 2019

Am Tag nach der Rally tuckern wir los in Richtung Osten, wir folgen der Einladung unserer Mitsegler vom Katamaran „March“, sie in ihrem Yachtclub zu besuchen und dort die letzten Vorbereitungen für die Abfahrt nach Alaska zu erledigen.
Wir melden uns per Funk, als wir in der Nähe sind und schon kommt uns das Dinghi des Clubs entgegen, um uns hinein zu geleiten. Die Muktuk ist für diesen Hafen eigentlich etwas zu groß, daher müssen wir mit dem Heck zum Land anlegen und vorne den Anker als weitere Sicherung rauswerfen. Ein kniffliges Manöver, denn die Muktuk fährt rückwärts wie sie will, mal so mal andersrum.
Wir sind in einem privaten Yachtclub mit etwa 50 Mitgliedern, die Boote liegen alle in einer Reihe an dem Schwimmsteg. Die Anlage mit Küche, Gemeinschaftsräumen, Werkstatt, Duschen und die Stege – alles ist in Eigenarbeit liebevoll aufgebaut worden. Und es hängt uns zu Ehren eine funkelnagelneue deutsche Flagge aus! Aber das ist noch nicht alles: wir dürfen die Waschmaschine nutzen, die Fahrräder für die Fahrten zum Supermarkt in die Stadt nehmen und am Samstag wird eine „welcome party“ für uns organisiert! Wir sind überwältigt und sprachlos von so viel herzlichem Willkommen!

Wir werden gleich am ersten Abend auf Georgettes Boot eingeladen, und wieder sitzen wir in vertrauter Runde zusammen, mit unseren Mitseglern von der Rally. Am übernächsten Tag lädt uns Shitsukawa-San zu einem Lokal ein, das traditionelles Kushikatsu anbietet, allerlei Leckereien paniert und in heißem Öl ausgebacken.
Georgette fährt uns am Samstag mit ihrem Auto zu den Supermärkten, damit wir die schweren und voluminösen Sachen für die nächsten drei Monate einkaufen können. Vorher haben wir schon lange Listen geschrieben und in den Supermärkten geschaut, was es wo zu kaufen gibt. So sind wir auch in knapp zwei Stunden fertig und das Auto bis oben hin voll mit Kartoffeln, Möhren, Klopapier, Reis, Mehl, Zucker, Sake, Bier und Vieles mehr. Im Club angekommen lassen die Segler alles stehen und liegen und packen mit an: innerhalb von zehn Minuten ist das Auto ausgeräumt und die Sachen alle an Deck!
Am frühen Abend startet dann die Party: Jun-San, die mit ihrem Mann an zwei Wochenenden der Rally auch mit dabei war, hat ein paar Boxen mit vielen verschiedenen kleinen Häppchen vorbereitet. Es sind Holzschalen, die man übereinander stapelt und in einem schönen Tuch transportiert. Wenn an Neujahr die Familien zusammen kommen, bringt jeder solche Boxen mit. Jun-San wollte uns sehr gerne dieses traditionelle Essen präsentieren. Schön sieht es aus und köstlich ist es noch dazu! Es wird gegrillt, Steak, Gemüse, Teigtaschen und Okonomiyaki. Wir sitzen an den Tischen draußen und genießen die Abendsonne, die langsam über dem Berg bei Kobe untergeht! Andreas probiert die Gitarre aus, die wir dem Club geschenkt haben, zum Dank für überwältigende Gastfreundschaft. Und zu später Stunde wird noch die Karaoke-Maschine angeworfen und weiter gesungen.


Jun und ihr Mann


Commodore und Vize-Commodore am Grill


Georgette und Ryuji

Vor unserer Abreise faltet der Commodore des Clubs die deutsche Flagge zusammen und schenkt sie uns mit der Bemerkung, dass unsere ja doch schon sehr in die Jahre gekommen sei. Zum Abschied sind alle noch einmal frühmorgens da und helfen uns beim Ablegen und das Abschiednehmen fällt uns wieder sehr schwer!
Domo arigato gozaimashita! Vielen Dank! Danke schön!

Setouchi International Yacht Rally 2019

  1. – 26. Mai 2019

Bisher hatten wir noch nie an einer Rally teilgenommen, aber für Japan schien die Idee sehr verlockend. Wir stellten uns vor, dass wir in diesem Rahmen einfacher mit japanischen Seglern in Kontakt kommen könnten und mehr über das Land und die Menschen erfahren würden. In diesem Jahr waren wir die einzigen Ausländer waren, die sich dazu angemeldet hatten. Alle anderen Boote kamen aus Japan mit japanischer Besatzung.
http://cruisingjapan.org/wp1/setouchirally2019guide

Yuge – 1. Wochenende der Rally

Um 15.00h gibt es das erste informelle Treffen aller Teilnehmer in Yuge. KC Ohno, der Vorsitzende vom Japan Ocean Cruising Club und wundervoller Organisator der Rally, schrieb im Vorfeld, er erwarte eine Vorstellung der jeweiligen Crews in Japanisch und Englisch. Dieses bereitete mir ein paar schlaflose Stunden, bis mir aufging, dass das vielleicht nur für die japanischen Teilnehmer gelten würde? Denn unser Japanisch beschränkt sich nach den zwei Monaten im Lande leider immer noch nur auf ein paar Sätze für den täglichen Umgang, vorwiegend zum Begrüßen und Bedanken. Doch dann ist alles halb so wild: manche sprechen hervorragend Englisch, andere wiederum begnügen sich mit ein paar Sätzen und erzählen weiter auf Japanisch ausführlich über sich und ihr Boot, was wiederum KC Ohno zusammenfassend für uns übersetzt. Es ist jetzt schon abzusehen, dass es eine sehr nette und lustige Truppe sein wird. Die ersten Witze und Lacher fliegen schon – meist auf Japanisch – hin und her.

Und es dominieren die Herren – mit Georgette und mir sind erst einmal nur zwei Frauen mit dabei. Das hatten wir schon öfters gehört und gelesen, dass in Japan das Segeln erstens ein sehr exklusiver Sport ist und zweitens, dass es kaum Frauen gibt, die dem Hobby ihrer Männer etwas abgewinnen können. Georgette ist als junge Frau nach Japan gekommen und hat Französisch an der Uni unterrichtet und wir verstehen uns auf Anhieb sehr gut.

Abends gib es in der Gemeindehalle einen offiziellen Empfang. Dort erwarten uns junge Studenten vom Technischen College in Yuge mit Sushi-Platten und kühlen Getränken. Erst gibt es aber ein Gruppenbild mit allen, danach begrüßt uns der Bürgermeister von Yuge sowie der Rektor des Colleges und anschließend müssen wir Segler alle noch einmal nach vorne und ein paar Sätze über uns erzählen. Dieses Ritual wird uns von nun an bei fast allen Veranstaltungen begleiten.

Die Studenten stellen sich gemeinsam mit uns um die Tische herum und sobald jeder ein Getränk in der Hand wird gemeinsam „Kampai!“ gerufen und angestoßen. Die jungen Studenten sind alles andere als schüchtern und haben schon ein paar Fragen für uns überlegt – auf Englisch. Und wir lernen auch schon die drei jungen Mädchen kennen, die mit uns am nächsten Tag raus fahren werden.

Am nächsten Morgen schon vor 9.00h sind alle Studenten und ein paar ihrer Lehrer am Pier versammelt. Wir nehmen unsere Studentinnen an Bord: Nanaho, Mai und Ayidi, alle im 2. Jahr ihres IT-Studiums. Mit ihnen fahren wir für zwei Stunden in die Bucht raus. Wir erklären ihnen das Boot, es gibt ein Picknick an Deck mit selbstgebackenem Brot, Kaffee und Keksen und vielen Fotos – alle drei genießen es offensichtlich sehr, und wir auch.

Nachdem alle Boote wieder am Steg fest liegen, gehen wir einmal quer über die Insel zu einer kleinen Bucht mit weißem Sand und einer Strandpromenade mit Kiefernwäldchen dahinter. Dort haben  Studenten des Colleges Zelte aufgestellt und den Grill vorbereitet. Wir gruppieren uns um die Tische, wiederum jedes Boot mit „seinen“ Studenten, die uns immer wieder Schalen mit Gegrillten Würstchen und Fleisch und Gemüse an den Tisch bringen, das wir in eine dieser leckeren japanischen Saucen tunken. Da es kein anderes Besteck gibt, esse ich das erste Mal Würstchen eben mit Stäbchen – geht auch ganz gut. Bier und Sake wird reichlich zugesprochen und die Stimmung steigt entsprechend. Nachdem wir alles bis auf den letzten Krümel vertilgt haben, auch die drei Brote, die ich in der Früh gebacken hatte, wird aufgeräumt. Beeindruckend, wie schnell und effizient die Studenten sind.

Am Abend gehen wir Segler noch alle zusammen in ein Restaurant gegenüber. Nach und nach lernen wir die einzelnen Teilnehmer der Rally kennen und es ergeben sich interessante Gespräche.

Sonntagmorgen stehen Fahrräder bereit, wir bekommen zwei andere Studenten zugeteilt und einen jungen Physik-Lehrer. In kleinen Gruppen fahren wir los, über die große Brücke zur nächsten Insel und wieder zurück. Wir schauen uns Tempel an, fahren durch kleine enge Gassen, und überall gibt es gute Fotomotive. Am Hafen stehen schon in Stapeln die Lunchboxen bereit, die Studenten für uns zum Mittagessen zusammen gestellt haben. Solcherart gestärkt fahren wir die Uferstraße weiter zu einem Schwimmbad mit Meereswasser. Dort erwartet uns eine Überraschung – in einem kleineren Becken schwimmen Rosen auf der Wasseroberfläche und wie herrlich sie duften! Ob das jeden Sonntag so ist, oder nur an diesem, weil zufällig gerade Muttertag ist?

Die Studentinnen vom Vortag kommen vorbei und bringen uns Briefchen mit sorgfältig auf Englisch geschriebenem Dankeschön und es gibt noch mal ein gemeinsames Foto. Wir laden kurzerhand alle noch einmal aufs Boot ein. Auch die Jungs vom Nautischen Zweig kommen dazu und sehen sich interessiert im Boot um, wollen unbedingt den Motor und den Schwenkkiel sehen und fragen, ob sie vielleicht eine Runde mit dem Dinghi drehen dürfen. Ein Wochenende voller neuer Eindrücke – und eine wunderbare Idee, die Segler mit den Studenten zusammen zu bringen!

Toyoshima

Ab Montag haben wir fünf Tage lang freies Segeln, die Boote fahren alle in verschiedene Richtungen los. Wir wollen gar nicht so weit weg, nur einmal um die Ecke zu einer kleinen (fast) unbewohnten Inseln namens Toyoshima. Hier gefällt es uns auf Anhieb so gut, dass wir einfach mal drei Tage bleiben. Das Wasser ist klar, am Strand finden wir riesige Felsenaustern und an den großen Steinen wachsen in den Rillen Entenmuscheln zu Tausenden. Vom Steg in der Bucht geht es ein kurzes Stück hoch zu einem schönen blau angemalten Holzhaus in einem gepflegten Garten, fast wähnt man sich in Schweden. Rote Beeren wachsen im Wald und statt Pilzen gibt es frische Bambussprossen zum Ausgraben.

In dem Kubus ein Kunstwerk von Gerhard Richter: „14 Panes of Glass for Toyoshima, dedicated to futility“ (14 Glassscheiben für Toyoshima, der Vergeblichkeit gewidmet).

Bei Niedrigwasser machen wir uns an einem Morgen auf den Weg und wollen versuchen, die Insel am Ufer entlang zu umrunden. Es ist gar nicht so einfach, denn es gibt zwar kleine sandige Buchten, aber überwiegend müssen wir über Stock und Stein bzw. über viele große und kleine Felsen hinweg klettern. Es ist gut, sich zu bewegen und es gibt so viel zu entdecken. Muscheln, Algen, kleine Krebse und jede Menge Felsenasseln, die nach allen Seiten davon rennen, sobald unser Schatten auf sie fällt.

 

Nio Marina – 2. Wochenende der Rally

Am Samstag im Laufe des Tage trudeln die Boote nach und nach in der Marina von Nio ein. Wir sind nun auf dem „Festland“, der südöstlich gelegenen großen Insel Shikoku, berühmt vor allem für die Pilgerwege, die insgesamt 88 Tempel miteinander verbinden.

Am frühen Abend versammeln wir uns im ersten Stock im Yachtclub und die Willkommensparty ist eine echte Überraschung! Es gibt ein opulentes Buffet und zur Unterhaltung werden von einer kleinen Gruppe von Frauen Hawaiianische Tänze dargeboten. Beim letzten Tanz werden wir aufgefordert mitzumachen und da ich schon vom Stehempfang ein Glas Sake intus habe, lasse ich mich zusammen mit einigen unserer Mitsegler dazu überreden. Japaner und Deutsche sind gleich hüftsteif und wir können mit den echten Tänzerinnen in Hawaii sowieso nicht mithalten. Es ist einfach nur ein großer Spaß.

Sonntagvormittag ist ein gemeinsamer Ausflug geplant zum Berg Shiude nicht weit weg. Mit dem Bus fahren wir hoch und die letzten Meter laufen wir den schön angelegten Park zum Aussichtspunkt hoch mit einem herrlichen Ausblick auf die Inseln, wo wir die letzten Tage verbracht haben.


Lunchbox


Auf dem Rückweg gehen wir alle noch gemeinsam Kaffee trinken


Schuhe aus!

Nun haben wir wieder frei, aber die meisten Boote bleiben noch einen Tag im Hafen liegen, denn draußen bläst es und Regen hat sich angesagt. Wir sind für den Abend eingeladen auf den Katamaran „March“, wo  auch Georgette und ihr Mann als Crew mitfahren. Sie möchten uns eines ihrer Lieblingsessen zu Festtagen präsentieren: fein geschnittenes Fleisch, Tofu und allerlei Gemüse werden in einer großen Pfanne geköchelt und zwar in gesüßter Sojasauce. Der Spirituskocher steht in der Mitte des Tisches und jeder bedient sich aus der Pfanne, in die ständig Zutaten nachgelegt werden.

 

Wir unterhalten uns angeregt über Japan und Deutschland, denn der Skipper, Shitsukawa-San, hat für eine japanische Firma immer mal wieder einige Monate lang in Deutschland gearbeitet und kann lustige Geschichten aus den 80er Jahren erzählen, als er damals im Hessischen in einer Pension wohnte und sich mit den vielen deutschen Vorschriften und eigenartigen Gewohnheiten auseinandersetzen musste. Ein sehr schöner Abend, an dem wir viel diskutiert und viel gelacht haben.

Von Bella Vista nach Onomichi – 3. Wochenende der Rally

Das letzte Wochenende besteht im Wesentlichen aus Feiern, unterbrochen nur von zwei Ausflügen und einer kurzen Seestrecke. Am Donnerstag schon versammeln wir uns wieder in der Bella Vista Marina –Ein langer schön gedeckter Tisch erwartet uns im Restaurant der Marina, während wir uns beim Stehempfang erzählen, was wir die letzten Tage so erlebt haben. Eine Platte nach der anderen mit leckerem Essen wird aufgetischt, während wir die letzten Sonnenstrahlen genießen. Und wieder werden Reden geschwungen, dieses Mal jeweils mit bestem Dank and Kawasaki-San, dem Eigner der Motoryacht „Ocean Point“ und der Sponsor unseres Aufenthaltes hier. Bella Vista Marina ist nämlich sein Heimathafen.

Wir lernen ein weiteres Ritual kennen: alle klatschen auf ein Zeichen gemeinsam einmal in die Hände, dann ist die Party offiziell zu Ende. Der Abend aber noch nicht, denn es geht auf einer anderen Motoryacht im Hafen fröhlich weiter. Was wir inzwischen sicher wissen: die Förmlichkeit, für die Japan so bekannt ist, erstreckt sich aufs Berufsleben und den ersten Umgang miteinander. Wir haben aber in den letzten Wochen so viele gelöste, herzliche, fröhliche und witzige Menschen getroffen, sei es in großer oder kleiner Runde, dass wir diese Meinung längst revidiert haben.

Am Freitag gibt es wieder einen Ausflug, dieses Mal zu dem Shinshoji Zen-Tempel, der – gemessen an anderen mehrere Jahrhunderte alten Tempeln Japans – noch sehr jung ist. Er wurde erst in den 1960er Jahren gegründet. Einer der vier Mönche ist ein Deutscher, der für unsere Gruppe eine Meditationsübung abhält. Erst werden wir mit ein paar Grundregeln vertraut gemacht und dann sitzen wir ungefähr 15 Minuten still da. Es kommt uns beiden gar nicht so lang vor, vielleicht, weil Zeit auf dem Boot unterwegs während der Überfahrten eine andere Dimension bekommt. Aufs Meer schauen hat auch etwas meditatives…

Wir spazieren noch durch die große weitläufige Anlage und erleben zum Schluss noch eine etwas verkürzte Teezeremonie. Am liebsten würden wir noch den ganzen Nachmittag da bleiben und die Ruhe der Gärten genießen.

Abends versammeln wir uns alle wieder bei Ocean Point zu einer Party, bei der wir den schönen Sonnenuntergang in guter Stimmung genießen. Was für ein Glück wir mit dem Wetter haben!

Für den nächsten Morgen haben wir die Crew von „Yuimaru“ zu uns eingeladen: Shin-San war Lehrer und Rektor einer Grundschule, seine Studienfreundin Miharu-San ist ebenfalls Lehrerin und sein alter Schulfreund Shun-San arbeitet in der Verwaltung seiner Heimatpräfektur. Alle drei sind so überaus liebenswerte Menschen und wir freuen uns sehr, sie näher kennen zu lernen. Shin-San spielt ganz hervorragend Gitarre und so spielen und singen sie uns auch etwas vor. Wir schön! Und wir verabreden, dass wir uns unbedingt noch einmal zum Singen treffen müssen.

Danach tuckern wir alle weiter, gerade mal eine Stunde weit weg nach Onomichi, am Festland gelegen. Der kleine städtische Yachthafen liegt an einem Kanal, in dem immer eine sehr starke Strömung herrscht und es ist nicht gerade einfach, alle Boote da rein zu bekommen.

Oben an der Promenade sind schon Tische aufgestellt und wir werden mit Sekt empfangen! Abends sitzen wir unter freiem Himmel und werden wieder bestens verköstigt. Zur Unterhaltung wird ein Bingo-Spiel organisiert, eine gute Gelegenheit, japanische Zahlen zu lernen – Andreas ist richtig gut darin! So ziemlich jeder gewinnt etwas und als ich an der Reihe bin, suche ich mir den kleinen 24V Ventilator aus – sehr zur Belustigung aller, wo sie inzwischen alle wissen, dass wir ja weiter nach Alaska wollen und nicht in die Tropen.

Der letzte Tag der Rally beginnt mit einem Tempel-Spaziergang. Onomichi war ein bedeutender Umschlagplatz für den Handel innerhalb Japans zwischen Nord und Süd und die 33 großen Tempel zeugen vom Reichtum der Stadt bzw. ihrer Sponsoren. Alle 33 schaffen wir an diesem Vormittag nicht, aber doch einige. Danach fahren wir noch mit der Drahtseilbahn den Berg hoch zur Aussichtsplattform und laufen den Literaturpfad, der mit vielen schönen Steinen und kleinen Tempeln gesäumt ist, wieder runter.

Die Abschiedsparty findet in einem großen Lokal statt, das an der langen Uferpromenade gelegen ist und von der Ausstattung ein bisschen an die Schrannenhalle in München erinnert. Die letzten Reden werden noch geschwungen, jeder erzählt, wie schön es war und wohin die Reise in den nächsten Wochen geht. Etwas Wehmut macht sich schon breit und nicht nur bei uns auch das Bedauern, dass die Sprachbarriere zwischen uns und dem einen oder anderen Mitsegler doch zu hoch war, denn wir hätten uns noch so gerne viel mehr erzählen und voneinander erfahren wollen. Wir vertiefen an diesem Wochenende Freundschaften und knüpfen noch ein paar neue – und die Zeit ist am Ende doch viel zu kurz gewesen.

Zum Schluss kommen noch die Crews von „March“, „Simoon“ und „Yuimaru“ zu uns aufs Boot, insgesamt sind 11 Leute bei uns versammelt. Shin-San nimmt die Gitarre und legt los. Er spielt Lieder, die alle, aber auch alle kennen und textsicher mitsingen können. Es sind Lieder aus ihrer Jugend, Songs von Liedermachern, Popsongs. Wir sind erstaunt, beeindruckt und so sehr berührt, dass wir es gar nicht in Worte fassen können! Auch wenn wir die Texte nicht verstehen, so geht uns die Musik unter die Haut und die Stimmung im Boot sowieso. So viel Freude und Lachen beim Singen sieht man in den Gesichtern. Wir werden aufgefordert, auch etwas Deutsches zu singen und bringen Shin-San die Noten von Reinhard May „Über den Wolken“. Die Melodie ist so eingängig, dass schon bei der zweiten Strophe alle mitsummen.

Ein größeres Abschiedsgeschenk als dieses gemeinsame Singen an Bord hätten sie uns gar nicht machen können!

Und hier noch ein paar Videos von der Rally, von Tanaka-San zusammengestellt:

Landausflug

03. – 07. Mai 2019

Go in Okayama

Nach den vielen kleinen Inseln haben wir mal wieder Lust, eine große Stadt anzuschauen und planen einen dreitägigen Abstecher nach Okayama. Wir ankern in einem großen Hafenbecken, das Teil des Industriehafens ist. Der liegt zwar etwas abseits vom Zentrum, aber die Bushaltestelle ist nicht weit und zum Proviantieren sind ein paar große Supermärkte ganz in der Nähe.

Es ist das letzte Wochenende der „Golden Week“, der allgemeinen Urlaubswoche. Aber anders als in Deutschland sind in Japan die Läden auch an Feiertagen geöffnet und gerade weil alle Leute unterwegs sind, gibt es in den Einkaufsmeilen noch mal richtig viele Aktionen. So auch in Okayama: in der überdachten Fußgängerzone sind mitten drin viele Stände aufgebaut, die Kunsthandwerk verkaufen oder Essen anbieten und auch die Geschäfte haben zusätzliche Verkaufsflächen mit Kleidern, Geschirr usw. aufgestellt. In dem ganzen Trubel hätten wir den Go-Club fast übersehen, der ebenfalls einen Tisch nach Draußen gestellt hat. Wir bleiben stehen und Andreas wird sogleich eingeladen, eine Partie zu spielen, was er sehr gerne annimmt.


Leckere frisch ausgerollte Soba-Nudeln aus Buchweizen

Okayama hat einen der ältesten Gärten von Japan und den wollen wir uns auch ansehen. An diesem Tag sind wir aber nicht alleine da, es ist richtig voll. Wir teilen uns den schönen Garten mit vielen fröhlichen Menschen, die die Koi-Karpfen füttern, fotografieren oder im Biergarten Schlange stehen.

Die fliegenden Fische als Drachen werden in Japan überall an diesem Tag aufgehängt, denn es ist der Tag der Kinder!

Tommeln in Kurashiki

Am nächsten Tag, am Sonntag, fahren wir mit einem Regionalzug nach Kurashiki, einer kleineren Stadt, die noch einen gut erhaltenen historischen Stadtkern hat, mit einem malerischen Flussabschnitt, jetzt im Frühling blüht es überall und die Trauerweiden leuchten im hellen Grün. Kurashiki war und ist immer noch für seine Papierproduktion berühmt, auch das blaue Indigotuch wurde hier gefärbt und verarbeitet, die Vorläufer der Jeans, wenn man es so sehen will. Entsprechend viele hübsche kleine und größere Läden gibt es, in denen man stundenlang stöbern und einkaufen könnte. Und wieder haben wir Glück, es ist der letzte Tag, an dem noch viel Programm geboten wird, u.a. treten zwei Trommelgruppen auf. Die erste ist mittags dran, die Sonne scheint und die drei Trommler, zwei junge Frauen und ein junger Mann bearbeiten mit einer ungeheuren Energie und Begeisterung ihre Instrumente, während der Meister mit der Fahne ernst daneben steht. Es ist eine Freude, ihnen zuzusehen und sich von den Rhythmen mittragen zu lassen, sie zu bewundern, für die Kraft und Ausdauer, die sie dafür benötigen.

Als wir zum Fluss kommen, sehen wir dort eine Gruppe von Männern in einem Boot, die kleinere Trommeln bearbeiten, einer spielt Flöte dazu und ein weiterer Mann steht am Ruder. Der ganze Fluss ist voll gesäumt mit Menschen in Urlaubslaune.

Viele junge Frauen haben sich in Schale geworfen, sprich: sie tragen Kimonos, die man sich für einen Tag lang ausleihen kann. Bunte exotische Tupfer in der Menge.

Am späten Nachmittag tritt dann die zweite Gruppe der Trommler auf, der Platz ist inzwischen mit Zuschauern brechend voll. Auch sie spielen mit viel Kraft und Präzision ihre Stücke und werden entsprechend von der Menge bejubelt.

Bizen Keramik in Imbe

Wir beschließen, noch einen Ausflug zu unternehmen, dieses Mal nach Imbe wegen der berühmten Bizen Keramik. Tags zuvor hatten wir in Kurashiki eine schöne Ausstellung von sechs Keramikern aus der Imbe-Gegend bewundert und auch eine kleine Vase erstanden. Und nun wollen wir sozusagen zur Quelle fahren.

Es ist Montag und der letzte Feiertag, aber die Leute sind inzwischen alle auf dem Heimweg, so dass wir den Keramikort fast ganz für uns alleine haben.

Am Bahnhof holen wir uns noch einen Ortsplan von Imbe, auf dem die Keramikwerkstätten und -läden eingezeichnet sind und ziehen los. In diesem überschaubaren Ort konzentriert sich alles auf 2-3 Straßenzüge.

Die Bizen-Keramik kann man sehr leicht an den erdfarbenen Tönen erkennen, von Beige über Orange, überwiegend Braun mit etwas Grau und Schwarz. Die Oberfläche ist eher rau, denn die Objekte werden nicht glasiert, die Farben entstehen durch den langen reduzierten Brand und die Muster durch das Zusammenspiel der einzelnen Töpferwaren im Ofen. Manchmal sieht man Streifen auf den Schalen und Tellern, die stammen von Reisstroh, das dazwischen gelegt wurde.

In einem Laden spricht uns der Keramiker an, ob wir interessiert seien, einen Ofen anzuschauen? Die Nachbarwerkstatt gegenüber hat einen traditionellen Ofen, in dem gerade die Töpferwaren gebrannt werden. Sehr gerne nehmen wir das Angebot an und werden durch den Laden in den Hinterhof geleitet. Dort treffen wir auf eine junge Japanerin, Lehrling im 4. Jahr und eine Keramikerin aus Lausanne, die ganz glücklich ist, dass sie für zwei Monate bei einer Werkstatt mitmachen kann. Die beiden sprechen gut Englisch und können uns viel erklären. Der Ofen ist in mehrere Abschnitte unterteilt und leicht abschüssig gebaut, so dass man unterschiedliche Temperaturen und Zugbahnen der Luft damit erreichen kann. Er wird nur einmal im Jahr in Betrieb genommen, und ist mit rund 2.500 Stücken gefüllt, der Jahresproduktion der Werkstatt. Insgesamt brennt er 7-8 Tage lang und muss rund um die Uhr bewacht und mit Holzscheiten gefüttert werden. In einem ausliegenden Heft wird Logbuch geführt über die Temperaturen und die Menge der Holzbündel und Scheite, die verfeuert wurden. Ab und zu schaut der Meister vorbei und gibt weitere Anweisungen. Es ist eine Wissenschaft für sich, und es braucht jahrzehntelange Erfahrung, um diese besonderen Muster und Färbungen der Bizen Keramik zu erzielen.

In einem anderen Laden zeigt uns eine junge Frau einen sehr schön gemachten dicken Ausstellungskatalog über Bizen-Keramik. Es ist eine aktuelle Wanderausstellung in zehn Museen Japans, u.a. in Tokyo und Kyoto in der ihr Mann, ihr Schwiegervater und ihr Onkel jeweils mit ihren Keramik-Kunstwerken darin vertreten sind. Die Keramik, ob Vasen, Teller oder Tassen, die im Katalog abgebildet ist, und auch die die wir im Laden sehen können, kann man wirklich als Kunstwerke bezeichnen, so schön und einzigartig sind sie.

Am Ende finden wir noch eine kleine Vase, die zu jener passt, die wir tags zuvor erstanden haben. Sicher hätten wir noch viel mehr einpacken wollen, aber das hätte ein zu großes Loch in unseren Geldbeutel gerissen, denn die Bizen-Keramik wird nicht unter ihrem Wert verkauft.

Kunst und leere Häuser

29. April bis 4. Mai

Hunderte kleiner Inseln gibt es in der Seto Inlandsee. Mildes Klima (vom gelegentlichen Taifun einmal abgesehen), unverbaubarer Seeblick, landschaftlich wunderschön – lägen diese Inseln irgendwo in Europa, würden sich Hotels und Ferienhausbesitzer um die Grundstücke reißen. Hier aber wirken viele der Inseln wie ausgestorben: die großzügig angelegten Fischereihäfen halb leer, viele Häuser offenkundig leerstehend, oft auch verfallen. Wer braucht schon ein Ferienhaus bei 16 Urlaubstagen im Jahr? Auf der Straße sehen wir hauptsächlich Alte, denn die Jugend zieht es in die Großstädte. Japan ist noch schlimmer als westliche Industrienationen von der Überalterung der Gesellschaft betroffen, Arbeitskräfte in der Landwirtschaft fehlen, jahrhundertealte handwerkliche Traditionen drohen verloren zu gehen.

Doch es ist nicht alles düster. Auf vielen Inseln gibt es Initiativen, die Ortschaften wiederzubeleben oder Touristen anzulocken: eine lokale Brauerei, ein französisch angehauchter Bäcker, ein schmuckes kleines Café. Manche Inseln locken mit Spezialitäten: Ikuchijima ist berühmt für seine Zitronen, auf Shodoshima wird Olivenöl produziert, aus Kitagi kommt Granit für Grabsteine, Ogijima und Matabe werben mit ihrer großen Population an Straßenkatzen usw.

Einer der größten Publikumsmagneten ist aber die Kunst. Einige Inseln haben berühmte Kunstmuseen, und alle drei Jahre findet das Setouchi Art Festival statt. Und Glückspilze, die wir sind: 2019 ist solch ein Jahr. Wir haben uns schon im Vorverkauf ein Saisonticket gekauft und können damit auf zwölf Inseln Kunst anschauen. OK, das haben wir nicht ganz geschafft, wir haben uns auf die vier Hauptinseln beschränkt. Der Beginn des Art Festivals fiel zusammen mit der „Golden Week“, einer Reihe von Feiertagen, die die wichtigste Urlaubswoche des Jahres in Japan darstellt. Entsprechend voll war es natürlich, denn die Infrastruktur der Inseln mit ihren Restaurants, Fähren und Bussen ist normalerweise auf ein paar Hundert oder Tausend Einwohner ausgelegt und bricht unter dem Ansturm der nicht nur kunst-hungrigen Menschenmassen bisweilen zusammen. Aber überwiegend ist alles gut organisiert und wir genießen nicht nur die Kunstwerke an sich, sondern auch die gelassene Ferienstimmung der vielen Besucher. Dank der typisch japanischen Höflichkeit und Rücksichtnahme kommt auch bei Gedränge und Wartezeiten erstaunlich wenig Stress auf.

Die Kunstprojekte selbst stammen sowohl von japanischen als auch von international bekannten Künstlern. Es ist die für moderne Kunst so typische Mischung, von „hmmm“ bis spannend, von „wow“ bis „na ja“. Viele Werke nehmen die geschilderte Problematik der Landflucht auf. Die Reihe der Arthouse Projekte z.B. baut verlassene Häuser zu Kunstprojekten um, indem sie entkernt und neu gefüllt werden, etwa mit Wasser-, Klang- und Lichtinstallationen, skurrilen Töpferkunstwerken, an Spinnweben anmutende gespannte Schnüre etc. Überall im Freien stehen Skulpturen herum, oft wird dabei die Landschaft oder Ortsgeschichte mit einbezogen.

Unser Favorit war das Kunstmuseum in Teshima, ein linsenförmiger Betonbau mit zwei runden Löchern im Dach, in dem nichts ausgestellt war (es gäbe ja auch keine Wände zum Aufhängen von Bildern), und wo nur die meditative Präsenz des Gebäudes an sich im Vordergrund steht. Aus stecknadelgroßen Löchern im Boden werden Wassertropfen gepumpt, die auf dem glatten, nicht ganz waagerechten Boden entlangrinnen, auf ihrem Weg andere Tropfen mitnehmen, sich zu kleinen Rinnsalen und schließlich Pfützen vereinigen, von wo aus sie wieder im Boden verschwinden. Und überall in den kleinen Wasserkunstwerken spiegelt sich das Gebäude selbst mit seinen zwei Löchern, durch die der Himmel hereinscheint. Klingt in der Beschreibung vielleicht nicht nach viel, ist aber hinreißend schön. Dass man dabei nasse Socken bekommt (denn die Schuhe muss man natürlich draußen ausziehen), stört dabei kaum.

Tempelfest auf Shiraishi

25.-27. April 2019

Über fünf Ecken haben wir von Amy und Paul gehört, die auf der Insel Shiraishi wohnen. Sie freuen sich über Segler, die bei ihnen vorbei schauen, denn sie segeln selbst sehr gerne und haben ein Boot im Hafen liegen. Die beiden leben schon seit vielen Jahren in Japan, Amy spricht fließend japanisch, ist Schriftstellerin und Journalistin. Hier ihre Webseite.

Im neuen Fischereihafen von Shiraishi machen wir längsseits an Pauls Boot fest. Amy erwartet uns bereits und bei einem Kaffee an Bord lernen wir uns nun auch richtig kennen. Danach gehen wir gemeinsam zu Fuß zum Tempelfest. Unterwegs erzählt sie uns schon viel über die Insel und die Projekte, die sie mit den Bewohnern gestartet haben, um für Touristen attraktiv zu sein und um die Abwanderung etwas aufzuhalten.

Beim Tempel angekommen, müssen wir erst einmal die Reinigungszeremonie durchlaufen. Amy macht es vor: mit der rechten Hand nimmt man mit der Schöpfkelle Wasser und schüttet es über die linke Hand, dann schöpft man mit der linken Hand Wasser und schüttet es über die rechte Hand. Danach muss noch der Mund ausgespült werden und das verbliebene Wasser wird über beide Hände verteilt indem man die Schöpfkelle etwas senkrecht hält. Eigentlich alles ganz einfach.

Danach führt uns Amy durch das Gelände des Tempels, zeigt uns die Statue von Kobo Daishi, dem berühmtesten Mönch und Pilger Japans. Überall, wo er Station gemacht hat, findet man eine Statue von ihm. In einem Gemeinderaum nebenan wird gerade noch traditionelle Musik gespielt, eine Gruppe von Frauen sitzt an elektrisch verstärkten Zithern. Wir bekommen zur Begrüßung einen intensiv schmeckenden Trank serviert, eine Art Milch aus Soja und Reis mit einem Schuss Sake darin.

Eine große Trommel wird auf den Platz vor dem Haupttempel gerollt und der Tanz beginnt. Zwei junge Mädchen, drei Jungen und zwei ältere Damen führen einen Reigen auf mit ganz kompliziert anmutenden Handbewegungen und Schrittfolgen. Der ältere Mann an der Trommel wird von einem weiteren Mann am Mikrofon begleitet, beide singen sie. Der Tanz ist mehrere Jahrhunderte alt und diente dazu, die Seelen der in einem Kampf gestorbenen Samurai zu besänftigen und ins Jenseits zu begleiten. Amy hofft, dass dieser Tanz auch an die nächsten Generationen weiter gegeben wird, dass noch genügend junge Menschen auf der Insel leben, die ihn tanzen werden.

Danach gibt es einen Imbiss im Gemeindehaus, zu dem auch wir als Gäste eingeladen werden, Reisbällchen, Salat und Grüntee. Wir fragen, ob wir zum Dank etwas spenden können. Ja, vielleicht, wir könnten Holzstäbchen kaufen, auf die wir unsere Wünsche drauf schreiben, die werden dann zusammen mit allen anderen ins Feuer geworfen.

Auf dem Platz vor dem kleineren Tempel steht schon ein quadratisch angerichteter Scheiterhaufen bereit. Eine lange Holzkette wird heraus gebracht, sie besteht aus vielen großen dunkelbraunen Holzkugeln mit abgegriffenen Inschriften darauf und sie reicht weit um den Holzhaufen herum. Wir stellen uns alle im Kreis auf und halten die Kette fest. Der Priester beginnt mit einem Gebet und die Kette wird im Kreis bewegt, indem jeder von uns sie weiter reicht. Die Feuermeister, alle ganz in Weiß gekleidet, lassen ihre Stöcke erst vom Priester kurz weihen, dann legen sie Feuer an den Scheiterhaufen. Der beginnt sehr schnell zu brennen und die teilweise noch frischen Kiefernzweige erzeugen einen dichten Rauch, der ziemlich in den Augen brennt. Als der Haufen fast ganz abgebrannt ist, werden noch die Holzstäbchen mit den Wünschen ins Feuer geworfen, auch unsere sind mit dabei! Dann beendet der Priester seinen Gebetsgesang, die Kette steht still und wird vorsichtig wieder eingeholt und zusammen gelegt.

Ein schönes und beeindruckendes Fest und wir sind sehr froh, dass wir daran teilnehmen konnten.
Am nächsten Tag machen wir noch eine Wanderung über die Insel – die Gemeinde hat einen langen und teilweise verzweigten Weg um die Insel herum ausgebaut, mit herrlichen Aussichtspunkten über das satte Grün der Insel und aufs weite Meer hinaus, mit Bänken und Tischen zum Ausruhen. Ab und zu kommt man an heiligen Steinen vorbei, die mit kleinen Buddha Statuen verziert sind. Shintoismus und Buddhismus werden auch hier wie überall in Japan oft nebeneinander praktiziert und viele Menschen fühlen sich beiden Religionen zugehörig.

Wir verbringen mit Amy und Paul zwei spannende und lustige Abende, auf der Muktuk und bei ihnen im Haus, erzählen von unserer bisherigen Erlebnissen und positiven Eindrücken von den Menschen hier und lernen von den beiden noch viel mehr über Japan. Amy gibt uns zum Abschied noch jede Menge Lektüre mit, u.a. ihren Benimm-Führer für Japan. Ein sehr gut und unterhaltsam geschriebenes Buch darüber, was man als Tourist in Japan beachten sollte, um nicht unangenehm aufzufallen. Viele der Regeln werden so auch in Europa und anderswo angewendet und viele andere Angewohnheiten und Bräuche könnte man gut und gerne übernehmen, denn sie gestalten auf sehr angenehme Weise einen höflichen und respektvollen Umgang miteinander.

Wasserspiele

In einem Reisebericht aus Japan darf natürlich ein Artikel über die Leidenschaft der Japaner für Toiletten nicht fehlen. Nach den oft rudimentären Aborten der Tropen kommt uns unsere Bordtoilette auf der Muktuk schon sehr komfortabel vor, immerhin sauber und mit (Salz-) Wasserspülung. Während unserer Deutschlandaufenthalte genießen wir den nochmals größeren Komfort, ohne Ventile auf- und zuzuschrauben, ohne 20 Pumpenschläge, einfach aufs Knöpfchen drücken zu können. Aber im Vergleich zu Japan ist die deutsche Toilettenkultur geradezu mittelalterlich.

Das fängt schon damit an, dass es für die Toilette eigene Pantoffeln gibt, die nur dort getragen werden, denn Toiletten sind potenziell schmutzig und man will das nicht im restlichen Haus verteilen. Während man beim Betreten eines Hauses die Schuhe auszieht und entweder in Socken oder in bereitgestellten Hausschuhen weiterläuft, wechselt man an der Schwelle zur Toilette nochmals das Schuhwerk.
Weiter geht es damit, dass einen nach dem Schließen der Tür die Toilette damit begrüßt, dass der Deckel der Klobrille motorgetrieben nach oben klappt (wohl irgendwie mit einem Kontakt am Türschloss gekoppelt). Setzt man sich auf die natürlich körperwarm beheizte Brille, ertönt das Geräusch eines Wasserfalls oder Bächleins, um eventuell peinliche eigene Geräusche zu übertönen. Die Lautstärke ist natürlich einstellbar. Die edleren Modellen können dazu noch überdeckendes Parfum versprühen.

Nach Verrichtung putzt man sich nicht etwa schnöde mit Papier, sondern benutzt verschiedene ausfahrbare Wasserdüsen zur Reinigung. Die Stärke des Wasserstrahls ist steuerbar, die genaue Zielerfassung regelt man durch die eigene Sitzposition. Am Ende (und wenn man den Knopf zum Ausschalten der Wasserspiele gefunden hat) muss man sich mit dem Papier nur noch abtrocknen. Es sei denn, man bevorzugt den eingebauten Föhn.

A propos Knopf: wo deutsche Toiletten einfachste Ein-Knopf-Bedienung aufweisen (oder zwei, wenn es einen Wassersparmodus gibt), ist die Bedienungstafel einer japanischen Toilette so komplex, dass oft ein Schaltpult an der Wand angebracht ist. Natürlich ausschließlich auf Japanisch. Und wo muss man nochmal draufdrücken, um zu spülen?

Findet man diesen Knopf, klappt dezent vorher der Deckel wieder zu, und nach Abschluss des Spülvorgangs zur Kontrolle wieder auf. Und natürlich ist da noch die Innenbeleuchtung der Schüssel zu erwähnen. Verlässt man den Raum, klappt die Toilette höflich wieder zu und desinfiziert sich für den nächsten Besucher.

Und bitte, bitte: nicht vergessen, die Pantoffeln auszuziehen. Ein schlimmerer Fauxpas wäre kaum möglich.

Raku in Kyoto

Dass wir ausgesprochene Keramik-Fans sind, steht ja schon in einigen anderen Artikeln dieses Blogs. Der Höhepunkt der getöpferten Kunstwerke kommt aber hier.

Der Begriff Raku hat in Japan eine speziellere Bedeutung als in Deutschland. Bei uns steht Raku allgemein für eine Brenntechnik, bei der das Töpfergut nach dem Brand bei niedriger Hitze (rund 1000 Grad) eine Reduktionsphase durchläuft, durch die sich Kohlenstoffeinlagerungen, feine Risse und metallischer Glanz bilden können.

In Japan wurde Raku aber auch als Familienname der berühmtesten Töpfer-Dynastie verliehen. Diese geht zurück auf Sen Rikyu, den Meister der Teezeremonie und den Töpfer Chojiro, die das alles im 16. Jahrhundert erfunden haben. Seither gibt es fünfzehn Generationen der Töpfermeister aus der Raku Familie. Der derzeit amtierende heißt Raku Kichizaemon XV, wurde 1949 geboren und löste 1981 seinen Vorgänger in der Dynastie ab. In jeder neuen Generation ist dabei beides gefragt: sowohl die Tradition fortzusetzen, als auch sie zu brechen und weiterzuentwickeln.

Die Produktionen dieser Raku Meister sind überwiegend Teeschalen, die im Rahmen der Teezeremonie Verwendung finden. Und was für welche! Wir hatten in Kyoto sowohl Gelegenheit, Werke aller fünfzehn Generationen im Raku-Museum zu sehen, als auch eine Ausstellung im nahegelegenen Segawa Art Museum, die ausschließlich Raku Kichizaemon XV gewidmet war.

Ein wenig zum Hintergrund: Bei der Teezeremonie dreht sich alles um wa (Harmonie), alle Details ordnen sich dem unter: vom Garten über die Architektur der Teehütte, den reduzierten Schmuck in der tokonoma mit ihrer Bild- oder Schriftrolle und ihrer zur Jahreszeit passenden Pflanze bis hin zur Auswahl des Teekessels und eben der Teeschale. Das kennzeichnende Element der Ästhetik ist dabei wabi-sabi. Sabi bedeutet soviel wie „gereift durch den Gebrauch“ und wird beispielsweise durch Patina erreicht, durch leichte Rostspuren am Teekessel, der seit Generationen im Einsatz ist oder eben durch die Raku-typischen Risse in der Keramik. Wabi ist das Ideal des Unvollkommenen, der Schlichtheit, das Gegenteil der Perfektion. Und typisch japanisch ist es, diese Schlichtheit und Unvollkommenheit zur höchsten Perfektion zu treiben – und damit sind wir wieder bei Raku.

Raku Teeschalen werden in einem mehrtägigen Prozess von Hand geformt, sind nie ganz rund, haben bewusst sichtbare Spuren des Bearbeitungsprozesses oder Abdrücke der Zange, mit der sie noch rotglühend dem Töpferofen entnommen wurden. Jede Schale ist natürlich ein Unikat, hat einen Namen, oft gibt es dazu ein Gedicht aus dem Man’yoshu, der ältesten Gedichtsammlung Japans. Und sie sind einfach unglaublich schön, egal ob es sich um alte Klassiker oder moderne Interpretationen dieses Stils handelt.

In beiden Museen war es eigentlich verboten zu fotografieren. Weil aber einige der ausgestellten Schalen in keinem Katalog zu sehen sind, haben wir doch heimlich ein paar Bilder gemacht:

Kyoto

18.-21. April 2019

Mit leichtem Handgepäck machen wir uns am frühen Morgen auf den Weg. Der Bus fährt über die vielen Brücken bis nach Fukuyama und dort steigen wir in den Shinkansen, den für seine Überpünktlichkeit bekannten Hochgeschwindigkeitszug, der uns innerhalb von eineinhalb Stunden nach Kyoto bringt. Eine angenehme Ruhe herrscht in den Waggons, Handys müssen auf stumm geschaltet werden und wer unbedingt telefonieren will, muss auf die Plattform zwischen den Waggons ausweichen. Der Schaffner verneigt sich, wenn er den Wagen betritt und bevor er zum nächsten weiter geht, dreht er sich noch einmal um und verbeugt sich abermals.

Der Bahnhof von Kyoto ist ein architektonisches Kunstwerk und alle Touristen, die das erste Mal hier ankommen, fahren die Rolltreppen hoch zur 5. Plattform, um Fotos zu machen.

Nach dem wir unsere Zimmer im Hotel bezogen haben, gehen wir erst einmal zur Einwanderungsbehörde, um unser Visum zu verlängern. Eine halbe Stunde später und 4.000 Yen pro Person leichter, erhalten wir den Stempel im Pass, der uns erlaubt, weitere drei Monate in Japan zu bleiben. Nun haben wir noch den ganzen Nachmittag Zeit, herum zu laufen und einen ersten Eindruck von der Stadt zu bekommen.

Kyoto gefällt uns auf Anhieb – diese Mischung aus mondäner Großstadt mit breiten Straßen und Shoppingzentren, großen Parks und Tempelanlagen und kleinen verwinkelten Gassen mit alten Holzhäusern ist etwas ganz Besonderes. In diesen historischen, größtenteils schön renovierten Häusern sind inzwischen viele Gästehäuser untergebracht: hochpreisige Ryokans, in denen man ganz traditionell wohnen kann und vom Personal rund um die Uhr umsorgt wird.


Einer der vielen Tempel im Nordosten der Stadt


Ein Tempel mitten in der Stadt

Unser (ganz normales) Hotel liegt gleich neben dem kaiserlichen Park, Kyoto war nämlich bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts über viele Jahrhunderte hinweg Sitz des japanischen Kaisers. Von hier aus können wir fast alle Sehenswürdigkeiten zu Fuß erreichen.


Die letzten Kirschblüten im Park, eine späte Sorte mit vielen Blütenblättern


In der U-Bahn stellt man sich auch in der Reihe auf

Die ersten beiden Tage verbringen wir abwechselnd in Kunsthandwerk-Museen bzw. laufen durch Einkaufsstraßen mit Läden voller Kunsthandwerk oder zwängen uns mit Hunderten anderer Touristen durch eine Straße voller Lebensmittelläden, neben der der Viktualienmarkt in München bescheiden aussieht.


Alles mit Grüntee


Der berühmteste Messerladen der Stadt


Überall französische Bäckereien mit Baguette, Croissant und Eclair!

Unterwegs entdecken wir häufig Interessantes, wie z.B. einen kleinen Handwerksbetrieb, der Soja-Sauce herstellt, wo wir in die großen Fässer reinschauen dürfen und von den ganz unterschiedlichen Saucen probieren.

Oder eine Ausstellung mit Kalligraphie, wo die jeweiligen Schöpfer der Rollen auch für die Gestaltung der Blumenvasen zuständig sind. Am Eingang liegt ein Besucherbuch aus, in das man sich eintragen kann, mit einem Pinsel seinen Namen zeichnen. Das versuchen wir auch!

Zurzeit findet gerade ein Fotografie-Festival statt, Kyotografie genannt: über die Stadt verteilt sind überall unterschiedliche Fotoausstellungen zu sehen. Von bekannten Namen wie Paolo Pellegrini von Magnum, der mit einer Fotoserie über die Antarktis vertreten ist, bis zu aufstrebenden jüngeren Fotokünstlern wie Weronika Gesicka aus Polen und japanischen Fotografen mit sozialkritischen Themen ist das Spektrum breit gestreut.

Im Raku-Museum sehen wir u.a. eine Sonderausstellung mit Keramik, die den Berg Fuji als Motto oder Motiv hat, Schönes bis Skurriles.

Eine richtig tolle Überraschung ist das Shibori Textilmuseum: Shibori ist eine ganz besondere Technik zur Bearbeitung von Seidenstoffen, bevor daraus die berühmten Kimonos genäht werden. Erst wird der Stoff mit vielen feinen Punkten bedruckt, dann wird der Stoff um den Punkt herum mehrmals ganz eng und fest mit einem Faden umgebunden, eine mühselige monatelange Kleinarbeit, für die man Jahre der Übung braucht, um die Perfektion zu erreichen, die einen Meister bzw. eine Meisterin ausmacht. Danach wird der Seidenstoff gefärbt und anschließend werden die Noppen wieder aufgetrennt. Dort, wo der Faden ganz dicht gewickelt war, ist der Stoff weiß geblieben, es ist das typische gepunktete Muster entstanden. Und solange die Stoffbahnen nicht gewaschen und gebügelt werden, behalten sie auch die unebene Struktur der Noppen. Zwar wurde auch eine Maschine entwickelt, die beim Knüpfen hilft und den Prozess etwas beschleunigt, aber da erscheint das Muster nicht ganz so fein. Ein Kimono aus diesem Stoff war und ist ein wertvolles Kunstwerk für sich und wird über Jahrzehnte sorgsam gepflegt. In der Kimono- und Geisha-Stadt Kyoto waren diese Stoffe früher sehr begehrt, heute aber gibt es nur noch etwa 40 Menschen, die das Handwerk beherrschen.

Abends sind wir so voller Eindrücke und so müde vom Herumlaufen, dass wir nach dem Abendessen nur noch die Beine hoch legen wollen. Erst am dritten Tag schaffen wir es, in das Vergnügungsviertel von Kyoto, wo sich eine Bar an die andere reiht. Wir haben bald genug von dem Trubel und gehen noch durch ein paar einsamere Straßen eines Wohnviertels, mit gedämpftem Licht herrscht hier eine ganz eigene Atmosphäre.


Um Missverständnisse von vornherein zu vermeiden. In diesem Restaurant gibt man mindestens 24,00 EUR aus

Am letzten Tag wollen wir früh raus zum großen monatlich stattfindenden Flohmarkt in einer Tempelanlage. Das Areal ist riesig und die Reihen schier unübersichtlich. Alte und neue Keramik, Holz- und Lackarbeiten, Stoffe und Kimonos, Haushaltswaren und Gemüse, alles kann man hier finden. Und an den Essenständen ist schon am frühen Morgen Hochbetrieb. Dazwischen wird gebetet, Mönche gehen in einer Prozession ein paar Mal durch die Reihen, den Weg wird ihnen von Polizisten frei geräumt.


Hier wird Okonomiyaki gebraten, in der Kyoto-Version: Pfannkuchenteig mit Kohl und Fisch oder Fleisch

Wir haben eine Einkaufsliste geschrieben und finden auch fast alles, was darauf steht: unter anderem einen Teekessel für die Muktuk, Keramik, Fächer und sogar einen Schalenkoffer für den Transport der Keramik nach Deutschland. Den allerdings musste Andreas einem Händler abschwatzen, denn der war eigentlich nicht zum Verkauf sondern zum Transport seiner eigenen Waren gedacht.

Schwer beladen machen wir uns auf den Weg zum Bahnhof und zurück zur Muktuk und überlegen die ganze Zeit, wo wir eigentlich das sperrige Teil auf dem Boot unterbringen können.