Landausflug

03. – 07. Mai 2019

Go in Okayama

Nach den vielen kleinen Inseln haben wir mal wieder Lust, eine große Stadt anzuschauen und planen einen dreitägigen Abstecher nach Okayama. Wir ankern in einem großen Hafenbecken, das Teil des Industriehafens ist. Der liegt zwar etwas abseits vom Zentrum, aber die Bushaltestelle ist nicht weit und zum Proviantieren sind ein paar große Supermärkte ganz in der Nähe.

Es ist das letzte Wochenende der „Golden Week“, der allgemeinen Urlaubswoche. Aber anders als in Deutschland sind in Japan die Läden auch an Feiertagen geöffnet und gerade weil alle Leute unterwegs sind, gibt es in den Einkaufsmeilen noch mal richtig viele Aktionen. So auch in Okayama: in der überdachten Fußgängerzone sind mitten drin viele Stände aufgebaut, die Kunsthandwerk verkaufen oder Essen anbieten und auch die Geschäfte haben zusätzliche Verkaufsflächen mit Kleidern, Geschirr usw. aufgestellt. In dem ganzen Trubel hätten wir den Go-Club fast übersehen, der ebenfalls einen Tisch nach Draußen gestellt hat. Wir bleiben stehen und Andreas wird sogleich eingeladen, eine Partie zu spielen, was er sehr gerne annimmt.


Leckere frisch ausgerollte Soba-Nudeln aus Buchweizen

Okayama hat einen der ältesten Gärten von Japan und den wollen wir uns auch ansehen. An diesem Tag sind wir aber nicht alleine da, es ist richtig voll. Wir teilen uns den schönen Garten mit vielen fröhlichen Menschen, die die Koi-Karpfen füttern, fotografieren oder im Biergarten Schlange stehen.

Die fliegenden Fische als Drachen werden in Japan überall an diesem Tag aufgehängt, denn es ist der Tag der Kinder!

Tommeln in Kurashiki

Am nächsten Tag, am Sonntag, fahren wir mit einem Regionalzug nach Kurashiki, einer kleineren Stadt, die noch einen gut erhaltenen historischen Stadtkern hat, mit einem malerischen Flussabschnitt, jetzt im Frühling blüht es überall und die Trauerweiden leuchten im hellen Grün. Kurashiki war und ist immer noch für seine Papierproduktion berühmt, auch das blaue Indigotuch wurde hier gefärbt und verarbeitet, die Vorläufer der Jeans, wenn man es so sehen will. Entsprechend viele hübsche kleine und größere Läden gibt es, in denen man stundenlang stöbern und einkaufen könnte. Und wieder haben wir Glück, es ist der letzte Tag, an dem noch viel Programm geboten wird, u.a. treten zwei Trommelgruppen auf. Die erste ist mittags dran, die Sonne scheint und die drei Trommler, zwei junge Frauen und ein junger Mann bearbeiten mit einer ungeheuren Energie und Begeisterung ihre Instrumente, während der Meister mit der Fahne ernst daneben steht. Es ist eine Freude, ihnen zuzusehen und sich von den Rhythmen mittragen zu lassen, sie zu bewundern, für die Kraft und Ausdauer, die sie dafür benötigen.

Als wir zum Fluss kommen, sehen wir dort eine Gruppe von Männern in einem Boot, die kleinere Trommeln bearbeiten, einer spielt Flöte dazu und ein weiterer Mann steht am Ruder. Der ganze Fluss ist voll gesäumt mit Menschen in Urlaubslaune.

Viele junge Frauen haben sich in Schale geworfen, sprich: sie tragen Kimonos, die man sich für einen Tag lang ausleihen kann. Bunte exotische Tupfer in der Menge.

Am späten Nachmittag tritt dann die zweite Gruppe der Trommler auf, der Platz ist inzwischen mit Zuschauern brechend voll. Auch sie spielen mit viel Kraft und Präzision ihre Stücke und werden entsprechend von der Menge bejubelt.

Bizen Keramik in Imbe

Wir beschließen, noch einen Ausflug zu unternehmen, dieses Mal nach Imbe wegen der berühmten Bizen Keramik. Tags zuvor hatten wir in Kurashiki eine schöne Ausstellung von sechs Keramikern aus der Imbe-Gegend bewundert und auch eine kleine Vase erstanden. Und nun wollen wir sozusagen zur Quelle fahren.

Es ist Montag und der letzte Feiertag, aber die Leute sind inzwischen alle auf dem Heimweg, so dass wir den Keramikort fast ganz für uns alleine haben.

Am Bahnhof holen wir uns noch einen Ortsplan von Imbe, auf dem die Keramikwerkstätten und -läden eingezeichnet sind und ziehen los. In diesem überschaubaren Ort konzentriert sich alles auf 2-3 Straßenzüge.

Die Bizen-Keramik kann man sehr leicht an den erdfarbenen Tönen erkennen, von Beige über Orange, überwiegend Braun mit etwas Grau und Schwarz. Die Oberfläche ist eher rau, denn die Objekte werden nicht glasiert, die Farben entstehen durch den langen reduzierten Brand und die Muster durch das Zusammenspiel der einzelnen Töpferwaren im Ofen. Manchmal sieht man Streifen auf den Schalen und Tellern, die stammen von Reisstroh, das dazwischen gelegt wurde.

In einem Laden spricht uns der Keramiker an, ob wir interessiert seien, einen Ofen anzuschauen? Die Nachbarwerkstatt gegenüber hat einen traditionellen Ofen, in dem gerade die Töpferwaren gebrannt werden. Sehr gerne nehmen wir das Angebot an und werden durch den Laden in den Hinterhof geleitet. Dort treffen wir auf eine junge Japanerin, Lehrling im 4. Jahr und eine Keramikerin aus Lausanne, die ganz glücklich ist, dass sie für zwei Monate bei einer Werkstatt mitmachen kann. Die beiden sprechen gut Englisch und können uns viel erklären. Der Ofen ist in mehrere Abschnitte unterteilt und leicht abschüssig gebaut, so dass man unterschiedliche Temperaturen und Zugbahnen der Luft damit erreichen kann. Er wird nur einmal im Jahr in Betrieb genommen, und ist mit rund 2.500 Stücken gefüllt, der Jahresproduktion der Werkstatt. Insgesamt brennt er 7-8 Tage lang und muss rund um die Uhr bewacht und mit Holzscheiten gefüttert werden. In einem ausliegenden Heft wird Logbuch geführt über die Temperaturen und die Menge der Holzbündel und Scheite, die verfeuert wurden. Ab und zu schaut der Meister vorbei und gibt weitere Anweisungen. Es ist eine Wissenschaft für sich, und es braucht jahrzehntelange Erfahrung, um diese besonderen Muster und Färbungen der Bizen Keramik zu erzielen.

In einem anderen Laden zeigt uns eine junge Frau einen sehr schön gemachten dicken Ausstellungskatalog über Bizen-Keramik. Es ist eine aktuelle Wanderausstellung in zehn Museen Japans, u.a. in Tokyo und Kyoto in der ihr Mann, ihr Schwiegervater und ihr Onkel jeweils mit ihren Keramik-Kunstwerken darin vertreten sind. Die Keramik, ob Vasen, Teller oder Tassen, die im Katalog abgebildet ist, und auch die die wir im Laden sehen können, kann man wirklich als Kunstwerke bezeichnen, so schön und einzigartig sind sie.

Am Ende finden wir noch eine kleine Vase, die zu jener passt, die wir tags zuvor erstanden haben. Sicher hätten wir noch viel mehr einpacken wollen, aber das hätte ein zu großes Loch in unseren Geldbeutel gerissen, denn die Bizen-Keramik wird nicht unter ihrem Wert verkauft.

Kunst und leere Häuser

29. April bis 4. Mai

Hunderte kleiner Inseln gibt es in der Seto Inlandsee. Mildes Klima (vom gelegentlichen Taifun einmal abgesehen), unverbaubarer Seeblick, landschaftlich wunderschön – lägen diese Inseln irgendwo in Europa, würden sich Hotels und Ferienhausbesitzer um die Grundstücke reißen. Hier aber wirken viele der Inseln wie ausgestorben: die großzügig angelegten Fischereihäfen halb leer, viele Häuser offenkundig leerstehend, oft auch verfallen. Wer braucht schon ein Ferienhaus bei 16 Urlaubstagen im Jahr? Auf der Straße sehen wir hauptsächlich Alte, denn die Jugend zieht es in die Großstädte. Japan ist noch schlimmer als westliche Industrienationen von der Überalterung der Gesellschaft betroffen, Arbeitskräfte in der Landwirtschaft fehlen, jahrhundertealte handwerkliche Traditionen drohen verloren zu gehen.

Doch es ist nicht alles düster. Auf vielen Inseln gibt es Initiativen, die Ortschaften wiederzubeleben oder Touristen anzulocken: eine lokale Brauerei, ein französisch angehauchter Bäcker, ein schmuckes kleines Café. Manche Inseln locken mit Spezialitäten: Ikuchijima ist berühmt für seine Zitronen, auf Shodoshima wird Olivenöl produziert, aus Kitagi kommt Granit für Grabsteine, Ogijima und Matabe werben mit ihrer großen Population an Straßenkatzen usw.

Einer der größten Publikumsmagneten ist aber die Kunst. Einige Inseln haben berühmte Kunstmuseen, und alle drei Jahre findet das Setouchi Art Festival statt. Und Glückspilze, die wir sind: 2019 ist solch ein Jahr. Wir haben uns schon im Vorverkauf ein Saisonticket gekauft und können damit auf zwölf Inseln Kunst anschauen. OK, das haben wir nicht ganz geschafft, wir haben uns auf die vier Hauptinseln beschränkt. Der Beginn des Art Festivals fiel zusammen mit der „Golden Week“, einer Reihe von Feiertagen, die die wichtigste Urlaubswoche des Jahres in Japan darstellt. Entsprechend voll war es natürlich, denn die Infrastruktur der Inseln mit ihren Restaurants, Fähren und Bussen ist normalerweise auf ein paar Hundert oder Tausend Einwohner ausgelegt und bricht unter dem Ansturm der nicht nur kunst-hungrigen Menschenmassen bisweilen zusammen. Aber überwiegend ist alles gut organisiert und wir genießen nicht nur die Kunstwerke an sich, sondern auch die gelassene Ferienstimmung der vielen Besucher. Dank der typisch japanischen Höflichkeit und Rücksichtnahme kommt auch bei Gedränge und Wartezeiten erstaunlich wenig Stress auf.

Die Kunstprojekte selbst stammen sowohl von japanischen als auch von international bekannten Künstlern. Es ist die für moderne Kunst so typische Mischung, von „hmmm“ bis spannend, von „wow“ bis „na ja“. Viele Werke nehmen die geschilderte Problematik der Landflucht auf. Die Reihe der Arthouse Projekte z.B. baut verlassene Häuser zu Kunstprojekten um, indem sie entkernt und neu gefüllt werden, etwa mit Wasser-, Klang- und Lichtinstallationen, skurrilen Töpferkunstwerken, an Spinnweben anmutende gespannte Schnüre etc. Überall im Freien stehen Skulpturen herum, oft wird dabei die Landschaft oder Ortsgeschichte mit einbezogen.

Unser Favorit war das Kunstmuseum in Teshima, ein linsenförmiger Betonbau mit zwei runden Löchern im Dach, in dem nichts ausgestellt war (es gäbe ja auch keine Wände zum Aufhängen von Bildern), und wo nur die meditative Präsenz des Gebäudes an sich im Vordergrund steht. Aus stecknadelgroßen Löchern im Boden werden Wassertropfen gepumpt, die auf dem glatten, nicht ganz waagerechten Boden entlangrinnen, auf ihrem Weg andere Tropfen mitnehmen, sich zu kleinen Rinnsalen und schließlich Pfützen vereinigen, von wo aus sie wieder im Boden verschwinden. Und überall in den kleinen Wasserkunstwerken spiegelt sich das Gebäude selbst mit seinen zwei Löchern, durch die der Himmel hereinscheint. Klingt in der Beschreibung vielleicht nicht nach viel, ist aber hinreißend schön. Dass man dabei nasse Socken bekommt (denn die Schuhe muss man natürlich draußen ausziehen), stört dabei kaum.

Tempelfest auf Shiraishi

25.-27. April 2019

Über fünf Ecken haben wir von Amy und Paul gehört, die auf der Insel Shiraishi wohnen. Sie freuen sich über Segler, die bei ihnen vorbei schauen, denn sie segeln selbst sehr gerne und haben ein Boot im Hafen liegen. Die beiden leben schon seit vielen Jahren in Japan, Amy spricht fließend japanisch, ist Schriftstellerin und Journalistin. Hier ihre Webseite.

Im neuen Fischereihafen von Shiraishi machen wir längsseits an Pauls Boot fest. Amy erwartet uns bereits und bei einem Kaffee an Bord lernen wir uns nun auch richtig kennen. Danach gehen wir gemeinsam zu Fuß zum Tempelfest. Unterwegs erzählt sie uns schon viel über die Insel und die Projekte, die sie mit den Bewohnern gestartet haben, um für Touristen attraktiv zu sein und um die Abwanderung etwas aufzuhalten.

Beim Tempel angekommen, müssen wir erst einmal die Reinigungszeremonie durchlaufen. Amy macht es vor: mit der rechten Hand nimmt man mit der Schöpfkelle Wasser und schüttet es über die linke Hand, dann schöpft man mit der linken Hand Wasser und schüttet es über die rechte Hand. Danach muss noch der Mund ausgespült werden und das verbliebene Wasser wird über beide Hände verteilt indem man die Schöpfkelle etwas senkrecht hält. Eigentlich alles ganz einfach.

Danach führt uns Amy durch das Gelände des Tempels, zeigt uns die Statue von Kobo Daishi, dem berühmtesten Mönch und Pilger Japans. Überall, wo er Station gemacht hat, findet man eine Statue von ihm. In einem Gemeinderaum nebenan wird gerade noch traditionelle Musik gespielt, eine Gruppe von Frauen sitzt an elektrisch verstärkten Zithern. Wir bekommen zur Begrüßung einen intensiv schmeckenden Trank serviert, eine Art Milch aus Soja und Reis mit einem Schuss Sake darin.

Eine große Trommel wird auf den Platz vor dem Haupttempel gerollt und der Tanz beginnt. Zwei junge Mädchen, drei Jungen und zwei ältere Damen führen einen Reigen auf mit ganz kompliziert anmutenden Handbewegungen und Schrittfolgen. Der ältere Mann an der Trommel wird von einem weiteren Mann am Mikrofon begleitet, beide singen sie. Der Tanz ist mehrere Jahrhunderte alt und diente dazu, die Seelen der in einem Kampf gestorbenen Samurai zu besänftigen und ins Jenseits zu begleiten. Amy hofft, dass dieser Tanz auch an die nächsten Generationen weiter gegeben wird, dass noch genügend junge Menschen auf der Insel leben, die ihn tanzen werden.

Danach gibt es einen Imbiss im Gemeindehaus, zu dem auch wir als Gäste eingeladen werden, Reisbällchen, Salat und Grüntee. Wir fragen, ob wir zum Dank etwas spenden können. Ja, vielleicht, wir könnten Holzstäbchen kaufen, auf die wir unsere Wünsche drauf schreiben, die werden dann zusammen mit allen anderen ins Feuer geworfen.

Auf dem Platz vor dem kleineren Tempel steht schon ein quadratisch angerichteter Scheiterhaufen bereit. Eine lange Holzkette wird heraus gebracht, sie besteht aus vielen großen dunkelbraunen Holzkugeln mit abgegriffenen Inschriften darauf und sie reicht weit um den Holzhaufen herum. Wir stellen uns alle im Kreis auf und halten die Kette fest. Der Priester beginnt mit einem Gebet und die Kette wird im Kreis bewegt, indem jeder von uns sie weiter reicht. Die Feuermeister, alle ganz in Weiß gekleidet, lassen ihre Stöcke erst vom Priester kurz weihen, dann legen sie Feuer an den Scheiterhaufen. Der beginnt sehr schnell zu brennen und die teilweise noch frischen Kiefernzweige erzeugen einen dichten Rauch, der ziemlich in den Augen brennt. Als der Haufen fast ganz abgebrannt ist, werden noch die Holzstäbchen mit den Wünschen ins Feuer geworfen, auch unsere sind mit dabei! Dann beendet der Priester seinen Gebetsgesang, die Kette steht still und wird vorsichtig wieder eingeholt und zusammen gelegt.

Ein schönes und beeindruckendes Fest und wir sind sehr froh, dass wir daran teilnehmen konnten.
Am nächsten Tag machen wir noch eine Wanderung über die Insel – die Gemeinde hat einen langen und teilweise verzweigten Weg um die Insel herum ausgebaut, mit herrlichen Aussichtspunkten über das satte Grün der Insel und aufs weite Meer hinaus, mit Bänken und Tischen zum Ausruhen. Ab und zu kommt man an heiligen Steinen vorbei, die mit kleinen Buddha Statuen verziert sind. Shintoismus und Buddhismus werden auch hier wie überall in Japan oft nebeneinander praktiziert und viele Menschen fühlen sich beiden Religionen zugehörig.

Wir verbringen mit Amy und Paul zwei spannende und lustige Abende, auf der Muktuk und bei ihnen im Haus, erzählen von unserer bisherigen Erlebnissen und positiven Eindrücken von den Menschen hier und lernen von den beiden noch viel mehr über Japan. Amy gibt uns zum Abschied noch jede Menge Lektüre mit, u.a. ihren Benimm-Führer für Japan. Ein sehr gut und unterhaltsam geschriebenes Buch darüber, was man als Tourist in Japan beachten sollte, um nicht unangenehm aufzufallen. Viele der Regeln werden so auch in Europa und anderswo angewendet und viele andere Angewohnheiten und Bräuche könnte man gut und gerne übernehmen, denn sie gestalten auf sehr angenehme Weise einen höflichen und respektvollen Umgang miteinander.

Wasserspiele

In einem Reisebericht aus Japan darf natürlich ein Artikel über die Leidenschaft der Japaner für Toiletten nicht fehlen. Nach den oft rudimentären Aborten der Tropen kommt uns unsere Bordtoilette auf der Muktuk schon sehr komfortabel vor, immerhin sauber und mit (Salz-) Wasserspülung. Während unserer Deutschlandaufenthalte genießen wir den nochmals größeren Komfort, ohne Ventile auf- und zuzuschrauben, ohne 20 Pumpenschläge, einfach aufs Knöpfchen drücken zu können. Aber im Vergleich zu Japan ist die deutsche Toilettenkultur geradezu mittelalterlich.

Das fängt schon damit an, dass es für die Toilette eigene Pantoffeln gibt, die nur dort getragen werden, denn Toiletten sind potenziell schmutzig und man will das nicht im restlichen Haus verteilen. Während man beim Betreten eines Hauses die Schuhe auszieht und entweder in Socken oder in bereitgestellten Hausschuhen weiterläuft, wechselt man an der Schwelle zur Toilette nochmals das Schuhwerk.
Weiter geht es damit, dass einen nach dem Schließen der Tür die Toilette damit begrüßt, dass der Deckel der Klobrille motorgetrieben nach oben klappt (wohl irgendwie mit einem Kontakt am Türschloss gekoppelt). Setzt man sich auf die natürlich körperwarm beheizte Brille, ertönt das Geräusch eines Wasserfalls oder Bächleins, um eventuell peinliche eigene Geräusche zu übertönen. Die Lautstärke ist natürlich einstellbar. Die edleren Modellen können dazu noch überdeckendes Parfum versprühen.

Nach Verrichtung putzt man sich nicht etwa schnöde mit Papier, sondern benutzt verschiedene ausfahrbare Wasserdüsen zur Reinigung. Die Stärke des Wasserstrahls ist steuerbar, die genaue Zielerfassung regelt man durch die eigene Sitzposition. Am Ende (und wenn man den Knopf zum Ausschalten der Wasserspiele gefunden hat) muss man sich mit dem Papier nur noch abtrocknen. Es sei denn, man bevorzugt den eingebauten Föhn.

A propos Knopf: wo deutsche Toiletten einfachste Ein-Knopf-Bedienung aufweisen (oder zwei, wenn es einen Wassersparmodus gibt), ist die Bedienungstafel einer japanischen Toilette so komplex, dass oft ein Schaltpult an der Wand angebracht ist. Natürlich ausschließlich auf Japanisch. Und wo muss man nochmal draufdrücken, um zu spülen?

Findet man diesen Knopf, klappt dezent vorher der Deckel wieder zu, und nach Abschluss des Spülvorgangs zur Kontrolle wieder auf. Und natürlich ist da noch die Innenbeleuchtung der Schüssel zu erwähnen. Verlässt man den Raum, klappt die Toilette höflich wieder zu und desinfiziert sich für den nächsten Besucher.

Und bitte, bitte: nicht vergessen, die Pantoffeln auszuziehen. Ein schlimmerer Fauxpas wäre kaum möglich.

Raku in Kyoto

Dass wir ausgesprochene Keramik-Fans sind, steht ja schon in einigen anderen Artikeln dieses Blogs. Der Höhepunkt der getöpferten Kunstwerke kommt aber hier.

Der Begriff Raku hat in Japan eine speziellere Bedeutung als in Deutschland. Bei uns steht Raku allgemein für eine Brenntechnik, bei der das Töpfergut nach dem Brand bei niedriger Hitze (rund 1000 Grad) eine Reduktionsphase durchläuft, durch die sich Kohlenstoffeinlagerungen, feine Risse und metallischer Glanz bilden können.

In Japan wurde Raku aber auch als Familienname der berühmtesten Töpfer-Dynastie verliehen. Diese geht zurück auf Sen Rikyu, den Meister der Teezeremonie und den Töpfer Chojiro, die das alles im 16. Jahrhundert erfunden haben. Seither gibt es fünfzehn Generationen der Töpfermeister aus der Raku Familie. Der derzeit amtierende heißt Raku Kichizaemon XV, wurde 1949 geboren und löste 1981 seinen Vorgänger in der Dynastie ab. In jeder neuen Generation ist dabei beides gefragt: sowohl die Tradition fortzusetzen, als auch sie zu brechen und weiterzuentwickeln.

Die Produktionen dieser Raku Meister sind überwiegend Teeschalen, die im Rahmen der Teezeremonie Verwendung finden. Und was für welche! Wir hatten in Kyoto sowohl Gelegenheit, Werke aller fünfzehn Generationen im Raku-Museum zu sehen, als auch eine Ausstellung im nahegelegenen Segawa Art Museum, die ausschließlich Raku Kichizaemon XV gewidmet war.

Ein wenig zum Hintergrund: Bei der Teezeremonie dreht sich alles um wa (Harmonie), alle Details ordnen sich dem unter: vom Garten über die Architektur der Teehütte, den reduzierten Schmuck in der tokonoma mit ihrer Bild- oder Schriftrolle und ihrer zur Jahreszeit passenden Pflanze bis hin zur Auswahl des Teekessels und eben der Teeschale. Das kennzeichnende Element der Ästhetik ist dabei wabi-sabi. Sabi bedeutet soviel wie „gereift durch den Gebrauch“ und wird beispielsweise durch Patina erreicht, durch leichte Rostspuren am Teekessel, der seit Generationen im Einsatz ist oder eben durch die Raku-typischen Risse in der Keramik. Wabi ist das Ideal des Unvollkommenen, der Schlichtheit, das Gegenteil der Perfektion. Und typisch japanisch ist es, diese Schlichtheit und Unvollkommenheit zur höchsten Perfektion zu treiben – und damit sind wir wieder bei Raku.

Raku Teeschalen werden in einem mehrtägigen Prozess von Hand geformt, sind nie ganz rund, haben bewusst sichtbare Spuren des Bearbeitungsprozesses oder Abdrücke der Zange, mit der sie noch rotglühend dem Töpferofen entnommen wurden. Jede Schale ist natürlich ein Unikat, hat einen Namen, oft gibt es dazu ein Gedicht aus dem Man’yoshu, der ältesten Gedichtsammlung Japans. Und sie sind einfach unglaublich schön, egal ob es sich um alte Klassiker oder moderne Interpretationen dieses Stils handelt.

In beiden Museen war es eigentlich verboten zu fotografieren. Weil aber einige der ausgestellten Schalen in keinem Katalog zu sehen sind, haben wir doch heimlich ein paar Bilder gemacht:

Kyoto

18.-21. April 2019

Mit leichtem Handgepäck machen wir uns am frühen Morgen auf den Weg. Der Bus fährt über die vielen Brücken bis nach Fukuyama und dort steigen wir in den Shinkansen, den für seine Überpünktlichkeit bekannten Hochgeschwindigkeitszug, der uns innerhalb von eineinhalb Stunden nach Kyoto bringt. Eine angenehme Ruhe herrscht in den Waggons, Handys müssen auf stumm geschaltet werden und wer unbedingt telefonieren will, muss auf die Plattform zwischen den Waggons ausweichen. Der Schaffner verneigt sich, wenn er den Wagen betritt und bevor er zum nächsten weiter geht, dreht er sich noch einmal um und verbeugt sich abermals.

Der Bahnhof von Kyoto ist ein architektonisches Kunstwerk und alle Touristen, die das erste Mal hier ankommen, fahren die Rolltreppen hoch zur 5. Plattform, um Fotos zu machen.

Nach dem wir unsere Zimmer im Hotel bezogen haben, gehen wir erst einmal zur Einwanderungsbehörde, um unser Visum zu verlängern. Eine halbe Stunde später und 4.000 Yen pro Person leichter, erhalten wir den Stempel im Pass, der uns erlaubt, weitere drei Monate in Japan zu bleiben. Nun haben wir noch den ganzen Nachmittag Zeit, herum zu laufen und einen ersten Eindruck von der Stadt zu bekommen.

Kyoto gefällt uns auf Anhieb – diese Mischung aus mondäner Großstadt mit breiten Straßen und Shoppingzentren, großen Parks und Tempelanlagen und kleinen verwinkelten Gassen mit alten Holzhäusern ist etwas ganz Besonderes. In diesen historischen, größtenteils schön renovierten Häusern sind inzwischen viele Gästehäuser untergebracht: hochpreisige Ryokans, in denen man ganz traditionell wohnen kann und vom Personal rund um die Uhr umsorgt wird.


Einer der vielen Tempel im Nordosten der Stadt


Ein Tempel mitten in der Stadt

Unser (ganz normales) Hotel liegt gleich neben dem kaiserlichen Park, Kyoto war nämlich bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts über viele Jahrhunderte hinweg Sitz des japanischen Kaisers. Von hier aus können wir fast alle Sehenswürdigkeiten zu Fuß erreichen.


Die letzten Kirschblüten im Park, eine späte Sorte mit vielen Blütenblättern


In der U-Bahn stellt man sich auch in der Reihe auf

Die ersten beiden Tage verbringen wir abwechselnd in Kunsthandwerk-Museen bzw. laufen durch Einkaufsstraßen mit Läden voller Kunsthandwerk oder zwängen uns mit Hunderten anderer Touristen durch eine Straße voller Lebensmittelläden, neben der der Viktualienmarkt in München bescheiden aussieht.


Alles mit Grüntee


Der berühmteste Messerladen der Stadt


Überall französische Bäckereien mit Baguette, Croissant und Eclair!

Unterwegs entdecken wir häufig Interessantes, wie z.B. einen kleinen Handwerksbetrieb, der Soja-Sauce herstellt, wo wir in die großen Fässer reinschauen dürfen und von den ganz unterschiedlichen Saucen probieren.

Oder eine Ausstellung mit Kalligraphie, wo die jeweiligen Schöpfer der Rollen auch für die Gestaltung der Blumenvasen zuständig sind. Am Eingang liegt ein Besucherbuch aus, in das man sich eintragen kann, mit einem Pinsel seinen Namen zeichnen. Das versuchen wir auch!

Zurzeit findet gerade ein Fotografie-Festival statt, Kyotografie genannt: über die Stadt verteilt sind überall unterschiedliche Fotoausstellungen zu sehen. Von bekannten Namen wie Paolo Pellegrini von Magnum, der mit einer Fotoserie über die Antarktis vertreten ist, bis zu aufstrebenden jüngeren Fotokünstlern wie Weronika Gesicka aus Polen und japanischen Fotografen mit sozialkritischen Themen ist das Spektrum breit gestreut.

Im Raku-Museum sehen wir u.a. eine Sonderausstellung mit Keramik, die den Berg Fuji als Motto oder Motiv hat, Schönes bis Skurriles.

Eine richtig tolle Überraschung ist das Shibori Textilmuseum: Shibori ist eine ganz besondere Technik zur Bearbeitung von Seidenstoffen, bevor daraus die berühmten Kimonos genäht werden. Erst wird der Stoff mit vielen feinen Punkten bedruckt, dann wird der Stoff um den Punkt herum mehrmals ganz eng und fest mit einem Faden umgebunden, eine mühselige monatelange Kleinarbeit, für die man Jahre der Übung braucht, um die Perfektion zu erreichen, die einen Meister bzw. eine Meisterin ausmacht. Danach wird der Seidenstoff gefärbt und anschließend werden die Noppen wieder aufgetrennt. Dort, wo der Faden ganz dicht gewickelt war, ist der Stoff weiß geblieben, es ist das typische gepunktete Muster entstanden. Und solange die Stoffbahnen nicht gewaschen und gebügelt werden, behalten sie auch die unebene Struktur der Noppen. Zwar wurde auch eine Maschine entwickelt, die beim Knüpfen hilft und den Prozess etwas beschleunigt, aber da erscheint das Muster nicht ganz so fein. Ein Kimono aus diesem Stoff war und ist ein wertvolles Kunstwerk für sich und wird über Jahrzehnte sorgsam gepflegt. In der Kimono- und Geisha-Stadt Kyoto waren diese Stoffe früher sehr begehrt, heute aber gibt es nur noch etwa 40 Menschen, die das Handwerk beherrschen.

Abends sind wir so voller Eindrücke und so müde vom Herumlaufen, dass wir nach dem Abendessen nur noch die Beine hoch legen wollen. Erst am dritten Tag schaffen wir es, in das Vergnügungsviertel von Kyoto, wo sich eine Bar an die andere reiht. Wir haben bald genug von dem Trubel und gehen noch durch ein paar einsamere Straßen eines Wohnviertels, mit gedämpftem Licht herrscht hier eine ganz eigene Atmosphäre.


Um Missverständnisse von vornherein zu vermeiden. In diesem Restaurant gibt man mindestens 24,00 EUR aus

Am letzten Tag wollen wir früh raus zum großen monatlich stattfindenden Flohmarkt in einer Tempelanlage. Das Areal ist riesig und die Reihen schier unübersichtlich. Alte und neue Keramik, Holz- und Lackarbeiten, Stoffe und Kimonos, Haushaltswaren und Gemüse, alles kann man hier finden. Und an den Essenständen ist schon am frühen Morgen Hochbetrieb. Dazwischen wird gebetet, Mönche gehen in einer Prozession ein paar Mal durch die Reihen, den Weg wird ihnen von Polizisten frei geräumt.


Hier wird Okonomiyaki gebraten, in der Kyoto-Version: Pfannkuchenteig mit Kohl und Fisch oder Fleisch

Wir haben eine Einkaufsliste geschrieben und finden auch fast alles, was darauf steht: unter anderem einen Teekessel für die Muktuk, Keramik, Fächer und sogar einen Schalenkoffer für den Transport der Keramik nach Deutschland. Den allerdings musste Andreas einem Händler abschwatzen, denn der war eigentlich nicht zum Verkauf sondern zum Transport seiner eigenen Waren gedacht.

Schwer beladen machen wir uns auf den Weg zum Bahnhof und zurück zur Muktuk und überlegen die ganze Zeit, wo wir eigentlich das sperrige Teil auf dem Boot unterbringen können.

Ohmishima

16. – 22. April 2019

Um festzustellen, ob das Schwert echt ist, das Andreas in Nagasaki beim Trödelhändler gekauft hatte, mussten wir unbedingt einen Stopp in Ohmishima einlegen. Denn da befindet sich ein Museum, das eine der umfangreichsten Sammlungen Japans mit Rüstungen und Schwertern der Samurai ausstellt.

Zuerst aber ist das leibliche Wohl dran: der große Onsen der Insel wird von heißen Quellen gespeist und hat eine Vielzahl an heißen Becken mit oder ohne sprudelndem Wasser. In der kleinen Straße unweit des Hafens finden wir noch ein Lokal, das abends auf hat und wo wir ausnahmsweise mal nicht typisch japanisch essen und anschließend probieren wir zwei Häuser weiter die Biere der kleinen örtlichen Brauerei aus. In beiden Lokalen sind wir die einzigen Gäste, abends ist hier nicht mehr viel los.

Dafür tagsüber umso mehr, wie wir feststellen: Ohmishima ist 2006 mit dem Festland und den umliegenden Inseln durch Brücken und einer Schnellstraße verbunden worden, vorher konnte man die Insel nur mit der Fähre erreichen. Eine schöne Fahrradstrecke wurde ausgebaut, die über alle Inseln und Brücken quer über die Seto Inland See führt und sehr beliebt ist bei in- und ausländischen Touristen. Aber auch der Oyamazumi Schrein zieht Busladungen von Besuchern an. Er gilt als Ruhestätte des Gottes Oyamazumi, der als der Beschützer der Berge und des Meeres in Japan gilt, aber auch als ein Kriegsgott verehrt wird. Hier im Hof des Tempels steht ein dicker alter Baum mit einer Kordel umgeben, der rund 2.600 Jahre alt sein soll. Er ist in der Shinto-Religion ein Baum, der nicht nur über andere Bäume wacht, sondern auch Kraft und Glück beschert, wenn man es schafft, mit angehaltenem Atem drei Mal um den Baum herum zu gehen.

Zum Schrein gehört auch das Samurai-Museum und es ist in der Tat beeindruckend: so viele schöne alte Rüstungen aus Leder- und Textilflechtwerk überwiegend 17. Jahrhundert, die ältesten werden um 950 n. Chr. datiert. Dazu Schwerter und Messer in allen Größen und Formen. Leider durften wir nicht fotografieren. Mit Hilfe eines Buches und mit großem Bedauern muss die Angestellte des Museums feststellen, dass das Schwert, das Andreas vorzeigte, leider nur eine gut gemachte Kopie eines Katana aus der Edo-Periode sei.

Nach so viel Kultur und Kunst, denn das Ohmishima Art Museum besuchen wir auch noch, haben wir Hunger. Mittags ist die Auswahl groß. Gleich neben dem Kunstmuseum befindet sich ein Lokal, vor dem viele Leute warten. Wir denken inzwischen wie die Japaner: wo eine Schlange ist, muss es gut sein. Also stellen wir uns an und werden darauf hingewiesen, dass ein Buch am Eingang ausliegt, wo wir uns eintragen können. Sobald ein Tisch frei wird, kommt die resolute Wirtin raus, schaut ins Buch und ruft mit lauter Stimme die nächsten Gäste aus. Als wir dran sind, muss sie sich nicht mit unseren fremd klingenden Namen plagen, sie zeigt einfach nur auf uns, denn wir sind die einzigen Ausländer. Drinnen geht es mit der Zeichensprache weiter, bis die Schale mit viel rohem Fisch auf Reis und die Misosuppe dazu auf dem Tisch stehen.


Bonsai-Gärtnerei. Die Bäumchen werden mit Klammern in Form gebracht

Als wir danach zum Supermarkt bzw. Gemüsemarkt gehen, quer über den Parkplatz, spricht mich ein Mann an, der gerade eine Kiste voller Orangen ins seinen Pickup lädt: die besten Orangen hier in der Gegend, sagt er voller Stolz und holt drei Stück heraus, um sie mir zu schenken! Protest ist zwecklos, und wäre auch unhöflich. Und ich bin wieder mal sprachlos, über diese spontane Großzügigkeit. Von diesen Orangen wollte ich sowieso auch welche kaufen, denn die Sorte ist wirklich besonders, sie hat eine leicht bittere Note in Richtung Grapefruit, wir lieben sie!

Für den Nachmittag haben wir uns nochmal zwei Museen vorgenommen, die ein paar Buchten weiter mitten in die grüne Landschaft gebaut wurden. Eines davon ist das Tokoro Kunstmuseum, in Terrassen an den Hang gebaut. Moderne Kunst ist zu sehen, nicht viel, denn der Platz ist knapp, aber doch ein paar spannende Stücke. Die unterste Ebene ist eine offene Terrasse, mit einem großartigen Blick aufs Meer und die benachbarten Inseln. Ein paar Stühle und ein Kaffeeautomat für die müden Besucher stehen bereit.

Etwa hundert Meter weiter befindet sich ein weiteres Museum, das von Toyo Ito gebaut wurde. Der Stararchitekt hat hier ein kleines aber sehr interessantes Gebäude hingestellt, ein paar Oktaeder über- und ineinander geschachtelt. Darin ist gerade eine Ausstellung zu sehen über Projekte und Initiativen von engagierten jungen Menschen auf Ohmishima, die versuchen, den ursprünglichen typischen Charakter der Insel zu bewahren, der durch die Anbindung an die „Außenwelt“ fast schon verloren gegangen ist.

Nebenan steht noch ein Gebäude von Toyo Ito, es ist so ähnlich gebaut wie sein privates Wohnhaus und sieht von außen eher aus wie ein etwas edleres Gewächshaus. Wir dürfen in Begleitung einer kundigen Museumsführerin hinein – eine Handbibliothek mit Literatur zu Architektur und über Toyo Ito, ein paar Architekturmodelle stehen in den Regalen. Das Schönste ist auch hier der Ausblick aufs Meer.

Am Steg in Ohmishima, Miyaura

Nach einer Nacht vor Anker verlegen wir die Muktuk an den Steg von Miyaura. Fähren legen hier keine mehr an, dafür aber kann man als Segler für maximal eine Woche lang bleiben. Platz ist genug, an jeder Seite könnten mindestens fünf Muktuks liegen. Der Hafenmeister wollte von uns 5 Yen pro Tag, das sind umgerechnet 4 Cent. Dafür gab es sogar ein Quittung mit Stempel! Erst später erfuhren wir von anderen Seglern, dass sich die Liegegebühr nach dem Gewicht des Bootes richtet, also pro Tonne 1 Yen und wir hätten eigentlich 26 Yen pro Tag zahlen müssen, er hatte uns also einfach geschätzt.

So einen guten und sicheren Liegeplatz hatte die Muktuk schon lange nicht mehr. Also beschließen wir spontan, von hier aus unseren Landausflug nach Kyoto zu unternehmen.

Als wir vier Tage später wieder zurück kommen, liegt ein kleines Segelboot mit am langen Pier und wir begrüßen erfreut den Besitzer und laden ihn gleich auf ein Bier zu uns sein, denn bisher haben wir noch kaum Segler getroffen. Es ist Tana-San, ein ehemaliger Brückenbauingenieur im Ruhestand und mit seinen 72 Jahren segelt er immer noch jedes Jahr im Sommer in der Setouchi See. Obwohl wir ihn eingeladen haben, kommt er schwer bepackt mit Bier, Sake und Chips an.

Am nächsten Morgen legen auf der anderen Seite des Piers zwei dunkelgrau gestrichene Motorboote der japanischen Marine an, mit viel Trompetentrara aus dem Lautsprecher und der Mannschaft, die gerade nicht mit den Leinen zu tun hat, steht in Reih und Glied in Uniform zur Parade an Deck.

Als sie zwei Stunden später wieder ablegen, hören wir wieder Trompetenklänge und ich winke dem ersten Schiff zu, die Matrosen an Deck winken alle zurück und als ich mich auf japanische Art mit einer Verbeugung bedanke, klatschen sie auf einmal alle in die Hände. Auch dem zweiten Boot winke ich zu, aber keine Reaktion. Erst als aus dem Lautsprecher ein Offizier einen Befehl durchgibt, lüften alle Matrosen auf einmal ihre Mützen und winken damit. Nochmals ein Befehl und die Mützen sitzen wieder ordentlich auf den Köpfen. Herrlich, ich bin begeistert!

Tana-San hilft uns noch beim Ablegen, vorher aber machen wir noch ein paar Fotos zur Erinnerung.

Setouchi Inland See – Noshima bis Mitarei

13.-18. April 2019

Nun sind wir in der Seto Inland See und bewegen uns hier in Tagesetappen ostwärts von Insel zu Insel. Wind zum Segeln gibt es nur ganz selten, also tuckern wir die meiste Zeit. Nachts hier unterwegs zu sein ist nicht ratsam. Zwar würde man die Lichter der herumfahrenden Boote sehen, nicht aber die vielen Fischerfähnchen und Bojen, die überall überraschend auftauchen. Auch tagsüber muss immer einer von uns an Deck sein und Ausguck gehen, damit wir nicht aus Versehen ein Netz einfangen oder ein treibendes Fischerboot rammen.

Die erste Insel, die wir ansteuern, ist Noshima. Wir tuckern in den kleinen Hafen rein und finden einen Schwimmsteg, an dem wir anlegen können. Ein Mann werkelt an seinem Motorboot, eine Nacht da zu verbringen, sei wohl ok. Es ist noch früher Nachmittag und auf Mapsme sehen wir, dass es einen Wanderweg zum Leuchtturm gibt, den wir von See aus bewundert hatten. Wir gehen durch den kleinen Ort, am Tempel vorbei und den Berg hoch. Ein Bambuswald mit vielen dicken Stämmen verbreitet eine etwas düstere Atmosphäre, denn die Blätter lassen kaum Licht durch, obwohl sie so fein und zart sind.

Der Ort ist so ruhig, er wirkt fast wie ausgestorben. Hier, wie überall auf den Inseln und im ländlichen Raum Japans, ist das Problem der Überalterung der Gesellschaft schon bemerkbar. Verschärft wird die Situation dadurch, dass die jungen Leute in die Großstädte ziehen, und immer mehr Häuser leer stehen. Die Elternhäuser werden nicht so schnell aufgegeben, viele sind noch gut gepflegt, mindestens einmal pro Jahr kommt jemand zurück und schaut nach, ob alles in Ordnung ist. Aber man sieht auch schon etliche verfallene Häuser von Pflanzen überwuchert. Da, wo noch Leute wohnen, sind die Gärten voller Gemüse, Zwiebeln, Kohl, Salat, Spinat, Tomaten und Bäume mit Orangen bzw. Kumquats.

Noshima hat einen sehr schönen Strand, wo wir einen besonders malerischen goldenen Sonnenuntergang sehen können. Auf dem Weg dorthin kommen wir noch an einem kleinen Friedhof vorbei, wo viele frische Blumen in den Vasen stecken und an der Statue eine lachenden Göttin, die einen Fisch unter dem Arm hält. Sie soll den Fischern viel Glück bringen!

Das Wetter ist überwiegend schön, die Temperaturen steigen langsam. Zwischendurch gibt es auch mal einen ungemütlichen Regentag, da passt es gut, wenn wir gerade vor einem Hotel mit einem großen Onsen liegen, um uns aufzuwärmen, wie zum Beispiel auf der Insel, Yashiro.

Umso mehr wirkt die Sonne am nächsten Tag und wir genießen den Ausblick auf die vielen großen und kleinen Inseln, an denen wir vorbei tuckern.

Auch Kurahashi ist eine ruhige verschlafene Insel mit einem großen Tempel und Schrein, allerdings wird hier am Ufer fleißig gearbeitet, drei Leute sind damit beschäftigt, Wellenbrecher zu gießen.

Am nächsten Tag tuckern wir zur Insel Mitarei, deren Ortsmitte ein Kleinod ist, denn fast alle Häuser sind noch im alten Stil erhalten. Die Stadt war eines der Handelszentren der Inlandsee, strategisch günstig gelegen mit einem geschützten Hafen. Ein Geisha-Haus befand sich hier und starke Shoguns wechselten sich beim Regieren ab.

Die Restaurants und Cafés haben noch alle geschlossen, Mitarei liegt im Dornröschenschlaf, aber bald beginnt die Urlaubssaison und da ist bestimmt viel mehr los. In diesem Ort finden wir so viele schöne Fotomotive, hier ein Auswahl davon.

Ube und seine Hormone

Kurz nach der aufregenden Passage durch die Kanmon Strait suchen wir uns einen Hafen an der Nordküste aus. Ube heißt der Ort, das Hafenbecken ist groß und laut Seekarte tief genug, wir fahren am Nachmittag bei fallender Tide hinein. Bald sehen wir eine Pier, die mit schwarz-gelben Streifen markiert ist. Man hatte uns gesagt, so seien die öffentlich verfügbaren Liegeplätze markiert, also legen wir dort an. Wir benötigen allerdings etwas Hilfe, denn die Kaimauer ist gut zwei Meter über Deck und es gibt keine Leiter. Zwei Männer helfen uns, die Leinen anzunehmen, wir machen fest und ich klettere an Land. Mit Gesten und ein paar Brocken Englisch gibt uns einer der Männer zu verstehen, dass dies hier der Liegeplatz der Schlepper sei und wir nicht über Nach bleiben können. Ich zeige fragend mit der Hand im ganzen Hafen herum: „gibt es einen anderen Liegeplatz?“. Gibt es nicht, aber er zeigt mir auf der Handy-Landkarte einen Hafen weiter östlich. Da könnten wir hin. Er telefoniert kurz und bestätigt dann, dass wir dort eine Nacht bleiben könnten.

Diesen Hafen hatte ich auch schon auf der Seekarte angeschaut und als ungeeignet verworfen. Ein enges, langgestrecktes Hafenbecken mit geringen Tiefen, und laut Satellitenkarte liegen dort nur Jollen und kleine Kabinenkreuzer, maximal 4-5 Meter lang. Ein so großes Boot wie unsere Muktuk soll da reinpassen? Mit großen Zweifeln fahren wir die knapp vier Seemeilen und schauen uns den Hafen an. Den Kiel hoch, so dass wir nur noch 2,5 m Tiefgang haben, tasten wir uns in langsamer Fahrt in das Becken hinein. Wir werden schon erwartet, ein kleines Segelboot kommt uns entgegen, das hat nämlich seinen Liegeplatz für uns geräumt. Leute an Land signalisieren uns ganz zum Ende des Hafenbeckens, dort sollen wir an einem alten Kahn festmachen, der als Schwimmsteg dient und von dem eine klapprige Leiter die Pier hinauf führt. Viele Helfer vom hiesigen Segelclub nehmen unsere Leinen an, reichen uns eine Mooring, legen Extra-Leinen vom Schwimmsteg an Land zur Verstärkung, denn Muktuk ist fast doppelt so lang und wahrscheinlich zwanzigmal so schwer wie unser Steg-Kahn. Der Mann vom ersten Hafen ist auch wieder da, er ist mit dem Auto herübergefahren um sicherzugehen, dass wir gut unterkommen. Gastfreundschaft auf japanische Art!

Nachdem Muktuk sicher versorgt ist, machen wir uns auf, Ube zu erkunden. Einen Supermarkt gibt es direkt gegenüber, einen Onsen eine halbe Stunde entfernt. Auf dem Weg dorthin kommen wir an einem Restaurant vorbei, das ganz interessant aussieht. Dort steht auf jedem Tisch ein Grill, wir klopfen an und fragen, ob wir in etwa einer Stunde zum essen kommen können. „Können Sie Hormone essen?“ fragt uns die Wirtin mit Hilfe unseres Google Übersetzers. Birgit und ich schauen uns an. Hmmm… können wir schon, aber wollen wir? „Das sind die inneren Organe der Kuh“ stellt die Wirtin bzw. Google klar. OK, das ist einfacher. Leber mögen wir sowieso, Kutteln kennen wir ja aus der Toskana – wir sagen zu.

Eine Stunde später, frisch gebadet, ist das Restaurant rappelvoll. Gut, dass wir reserviert haben. Die Wirtin fragt, was wir haben wollen. Das Bier zu bestellen ist einfach, aber fürs Essen gibt es keine Speisekarte, die wir verstehen würden, wir machen per Zeichen klar, das wir einen gemischten Teller mit „Hormonen“ wollen. Der kommt dann auch, aber außer einem Stückchen Leber, einem Stückchen Fleisch und einem Stückchen Zunge erkennen wir keines dieser „inneren Organe“. Es sieht eigentlich auch nicht nach wirklichen Organen aus, eher eine Mischung aus Fett und Bindegewebe, mit eigenartigem Geschmack. Später werden wir diese Sachen auch im Supermarkt finden, aber auch da scheitert unser Taschen-Übersetzer, wir wissen bis heute nicht, was wir da gegessen haben. Wie heißt es so schön: interessanter Geschmack. Aber die Zunge war außerordentlich gut, die bestellen wir noch einmal nach und lernen, dass sie nicht wie alles andere in Sojasauce getunkt wird, sondern in Zitronensaft und mit frischem Pfeffer bestreut. Ziemlich gut.

Als wir am nächsten Morgen ablegen, drückt uns der hilfreiche Herr vom Vortag noch eine Tüte in die Hand, gefüllt mit Lebensmitteln. Man lässt in Japan seine Gäste eben nicht hungern. Und nachdem er erst einmal unsere Leine angenommen hat, waren wir wohl seine Gäste. Er springt in ein kleines Segelboot und fährt uns ein paar Minuten hinterher, um uns noch einmal zuzuwinken, dann dreht er ab und fährt wieder in den Hafen zurück.

Seto Inlandsee

Die drei Hauptinseln Japans umschließen ein Binnenmeer, in das wir am Freitag, den 12. April hineinfahren. Wir gehen am Tag davor kurz vor der Einfahrt vor Anker, um morgens pünktlich die Passage der engen Kanmon Strait beginnen zu können. Diese Passage ist nämlich nicht ohne, was im Wesentlichen zwei Gründe hat.

Zum einen ist die Seto Inlandsee eines der am dichtesten befahrenen Seegebiete der Welt, und die Kanmon Strait eine der dichtest befahrenen Seeschiffahrtsstraßen, d.h. dort gibt es einen Tanker nach dem anderen, fast wie vor dem Panamakanal. Vor der Einfahrt kommen vier Hauptschiffahrtslinien zusammen, und da müssen wir irgendwo durch, ohne die Großschiffahrt zu behindern. Auf dem AIS kann man die Verkehrsdichte gut erkennen. Jedes der grünen oder gelben Dreiecke ist ein Schiff.

Zum anderen schwappt die Tide aus dem Pazifik durch alle Öffnungen der Inlandsee hinein und heraus, und zwar umso stärker, je enger die Öffnung. Und die Kanmon Strait ist ziemlich eng, so dass zu Springzeiten bis zu neun Knoten Gezeitenstrom zu erwarten sind. Große Anzeigen an beiden Enden der Passagen zeigen die aktuelle Strömung und die Veränderung an. Diese Strömungen bremsen und beschleunigen nicht nur die Durchfahrt, sondern bilden auch quersetzende Stromwirbel, die selbst die Großschiffahrt je nach Richtung mal auf die Gegenfahrbahn, mal auf die Felsen am Ufer drücken.

An der kritischen Stelle sollte man als untermotorisiertes Segelboot also ziemlich genau bei Stillwasser (also beim Wechsel von Ebbe zu Flut oder umgekehrt) ankommen. Das ist aber gar nicht so leicht zu planen, denn die Geschwindigkeit bis dahin ändert sich wegen des Stroms ständig. Zudem müssen wir Zeit einplanen, um die Schiffahrtslinien vor dem Eingang zu kreuzen, und wer weiß wie lange wir warten müssen, bis sich eine Lücke im Verkehrt auftut.

Kurz und gut: wir müssen sehr genau planen (auf der Seekarte markiere ich für jede halbe Stunde den geplanten Zielort), Reserve einrechnen und ständig die Geschwindigkeit anpassen, um im Plan zu bleiben.

Es geht aber schließlich alles gut, die Passage erwischen wir minutengenau und haben daher auch keinen allzu großen Stress mit der Strömung. Außer dass in der Mitte der kritischsten Stelle ein paar todesmutige Fischer auf ihren Booten angeln, denn die Stromwirbel ziehen anscheinend die Fische an. Wenn die großen Pötte kommen, machen die Fischer Platz, aber so eine kleine Muktuk muss sehen wo sie bleibt und im Zickzack Ausweichmanöver fahren.

In der Seto Inlandsee werden wir nun sechs Wochen bleiben, uns die vielen kleinen Inseln ansehen, ein großes Kunst-Festival besuchen, das nur alle drei Jahre stattfindet und an einer internationalen Segel-Rally teilnehmen. Uns erwartet sehr wenig Wind (also viel Motorfahrt), viel Schiffsverkehr (also ständiges Ausguckgehen), praktisch kein Seegang (also keine Seekrankheit), kurze Tagesetappen und jede Nacht ein Hafen oder Ankerplatz. Wir haben also erst einmal sechs Wochen Urlaub.