Ziegen gibts überall…

Caleta San Juanico 14. – 17. Januar 2022

Knapp 20 Seemeilen nördlich von Loreto befindet sich eine große Bucht namens San Juanico, die nicht nur bei den Seglern sehr beliebt ist. Wohnmobile und Zelte stehen in den Dünen der nördlichen Ecke der Bucht. Am Sandstrand spielen Kinder im seichten Wasser, Erwachsene umrunden mit dem Schlauchboot oder dem Paddelbord den dicken malerischen Felsen, der in der Mitte der Bucht aus dem Wasser ragt.

Auch wir wollen wir uns ein bisschen bewegen und fahren zum südlichen Strandabschnitt, der durch einige Felsen vom Campingplatz abgetrennt ist. Dahinter entdecken wir eine schmale Lagune, die sich offensichtlich weit ins Landesinnere hinein zieht. Ein kleiner von Pferdehufen ausgetretener Pfad führt am Rand der Lagune entlang. Wieder bestaunen wir Felsen mit bizarren Formen und Kakteen in unterschiedlichsten Größen und Farben. Schließlich sehen wir in der Ferne auch die Pferde, die auf den kleinen grünen Flecken stehen und grasen.

Wir gehen weiter, lassen uns von den Pferdespuren und dem ausgetrockneten Flussbett leiten, bis wir auf einmal Stimmen hören, Türen schlagen zu und ein Auto fährt weg. Ein paar Meter noch schlagen wir uns durch ein Dickicht aus Sträuchern und Kakteen bis wir auf eine staubige Schotterstraße stoßen. Auf der gegenüberliegenden Seite der Straße befindet sich eine kleine Ranch: eine Oase mitten im Nirgendwo. Neugierig gehen wir zur Umzäunung, wo uns ein Mann mittleren Alters freundlich begrüßt. Sicher, sehr gerne dürfen wir uns umsehen und bittet uns auf den Hof.

Er führt uns zu einer schattigen Terrasse mit Tischen und Stühlen, am Geländer sind viele schön gearbeitete Sattel und anderes Reitzubehör aufgehängt. Hier kann man Touren mit den Pferden buchen, die wir in der Lagune gesehen haben. Und dann zeigt er uns das halboffene Gewächshaus! Mitten in der Wüste gedeihen hier grüne Zwiebeln, Salate, rote Beete, Rucola, Radieschen, Peperoni und Tomaten. Das Wasser für die Ranch muss er allerdings mit dem Auto in Tanks hierher transportieren lassen, erklärt uns der Mann. Und eigentlich kann er nur in den vergleichsweise kühleren Wintermonaten das Gemüse ziehen, im Sommer sei es dafür viel zu heiß. Wir würden so gerne etwas davon mitnehmen, haben aber leider kein Geld eingesteckt. Macht nichts, winkt er ab, wir können auch später zahlen. So gehen wir mit ihm durchs Gewächshaus und er zupft immer mal wieder was für uns aus der Erde. Am Ende ist die Tüte mit voll mit frischen grünen und roten Sachen!

In einem Gehege nebenan laufen ein paar Zicklein hin und her und nicht weit davon, unter einem Baum im Schatten steht ein jüngerer Mann, neben ihm hängen geschlachtete und fertig ausgenommene Tiere. Wir fragen nach, ja, es sind junge Ziegen und zum Verkauf gedacht. Wir müssen nicht lange überredet werden, eine ganze mitzunehmen, denn so groß sind sie ja doch nicht. Ich erzähle dem Mann, dass wir früher in Siebenbürgen viele Jahre lang 2-3 Ziegen hatten. Daraufhin möchte er wissen, wie denn das Wetter in Europa sei und was die Ziegen dort fressen würden. Er schaut mich ganz ungläubig an, als ich von saftigen grünen Wiesen und Sträuchern im Sommer erzähle und von kalten Wintern, in denen man die Tiere mit Heu füttern musste.

Wir bitten die beiden Männer um etwas Geduld, wir müssten erst zum Boot zurück. Nein, nein, versichern sie uns, es sei nicht nötig, den ganzen Weg noch einmal hin und her zu laufen. Am Strand beim Campingplatz stünde ein gelbschwarzes Wohnmobil, darin wohne ein Mann namens Gregorio (George). Wir könnten ihm das Geld geben, er würde sowieso jeden zweiten Tag zur Ranch fahren. Und wenn wir George und den anderen Campern und Seglern doch Bescheid geben könnten, dass sie frisch geschlachtete Zicklein hätten. Wir bedanken uns überschwänglich für ihr Vertrauen und hoffen, dass wir im April wieder vorbei kommen können!

Bald auch Pinguine?

Was ist denn da schiefgelaufen? Hier sollten doch selbst im Januar mindestens 20°C herrschen und nicht Temperaturen unter Null!

Aber die Bilder sprechen für sich. Die vom Reif überzogene Vegetation. Die dünne Schneeschicht über den Steinen am Ufer. Die schneeverwehten Pfähle. Die Eisdecke auf dem Wasser in Ufernähe. Und die weiter draußen treibenden Eisbrocken.



Müssen wir bald nach Eisbären Ausschau halten? Oder kommen bald die Pinguine?


Ganz ehrlich – wir haben nicht etwa unsere Fotos aus Alaska hier eingeschmuggelt. Diese Bilder sind wirklich im Januar im Golf von Kalifornien entstanden. Doch die im Sonnenlicht funkelnden Kristalle auf den Bildern bestehen nicht aus Eis, sondern aus Salz.

Auf der Isla Carmen gegenüber von Loreto gibt es eine aufgelassene Saline. Die Salzgewinnung hat sich irgendwann in den 1980ern nicht mehr rentiert, die Siedlung ist verlassen und der ganze Maschinenpark rostet vor sich hin. Aber die Salzseen sind geblieben, und das langsam verdunstende Seewasser hat diese wunderschönen schneeweißen Kristalle gebildet.

Ein paar faustgroße Brocken nehmen wir als Andenken mit. Die einzelnen würfelförmigen Salzkristalle sind bis zu 2 cm groß, mit spiegelglatten Flächen und in genau festgelegten Winkeln zueinander versetzt. Edelsteine, die salzig schmecken.

Ach ja – ein paar Raumschiffe haben wir hier auch gesehen…

Isla Coronados

Wieder einmal müssen wir Schutz vor dem Nordwind suchen und ankern vor der Isla Coronados  noch in Sichtweite der Stadt Loreto. Es bläst ganz ordentlich, und obwohl wir durch die Insel vor uns geschützt sind, baut sich eine kleine steile See auf. Am nächsten Tag lässt der Wind nach und der Berg ruft!

Am Strand auf der Südseite der Insel, entdecken wir einen Weg, der mit Steinen und ausgebleichten Korallen gesäumt ist und sich durch die strauchige Landschaft schlängelt.

Wir folgen diesem hübschen Pfad und sind neugierig, wohin er uns führt. An einer Weggabelung gehen wir nach links. Auf einem Bohlenweg erreichen wir einen lauschigen kleinen Strand auf der Westseite der Insel. Ein idyllisches Plätzchen für Tagestouristen.

Wir gehen zurück zur Abzweigung und nehmen den Weg, der zum Berg führt. Eine Weile noch, solange der sandige Boden es zulässt, ist der Weg weiter mit Steinen gesäumt.

Vor manchen Sträuchern ist ein von der Sonne verwitterte Schild in den Sand gesteckt mit dem spanischen und lateinischen Namen der Pflanze darauf. So lerne ich endlich, wie ein Jojoba-Strauch aussieht!


Jojoba

Kurz darauf erreichen wir den steinigen Teil der Insel. Der Weg ist streckenweise kaum noch zu erkennen, die Markierungen bestehen nun aus sporadisch aufgebauten Steinhaufen. Bewundernswert, wie sich die Sträucher und Kakteen zwischen den Felsbrocken festhalten!

Als wir einen der Sträucher streifen, steigt ein ganz besonderer würziger Geruch in unsere Nase: eine Mischung aus Wachholder, Zitrone und Clementine. Wenn man an den kleinen Knospen des Strauches reibt, verstärkt sich der feine Duft. Leider haben wir nicht herausfinden können, wie dieser Strauch heißt.

Unter unseren Schritten klirrt an manchen Stellen das vulkanische Gestein, als ob wir auf Glasscherben gehen würden.

Diese Heuschrecke genießt die Wärme und lässt sich nicht vom Lärm unserer Schritte verscheuchen.

Das letzte Stück zum Gipfel hoch ist nicht lang, aber steiler, als es hier auf dem Foto aussieht. Feines Geröll erschwert ein bisschen den Aufstieg in der Mittagshitze.

Oben weht aber ein kühlender Wind und wir haben einen herrlichen Blick nach allen Seiten aufs Wasser und die umliegenden Inseln.

Geflügel

Während die Tiere an Land wegen der Trockenheit ums Überleben kämpfen, scheinen die Seevögel hier üppig mit allem Nötigen ausgestattet zu sein. Jedenfalls sind Artenvielfalt und die Anzahl der Tiere enorm.




Am auffallendsten sind die Pelikane. Was der Nordseeküste ihre Möwen, sind hierzulande die Pelikane – allgegenwärtig und schön anzusehen. Außer man hat den Fotoapparat gezückt, dann kommen natürlich stundenlang keine. Im Gegensatz zu Möwen sind sie überdies leise und nicht ständig am Schimpfen und Zetern.

Sie haben zwei typische Formen der Fortbewegung. Im Streckenflug bilden sie oft Formationen von bis zu einem Dutzend Vögeln, die so dicht über die Wasseroberfläche gleiten, dass ihr Bauchfell bestimmt kitzeln muss (Bauchfell? Na ja, die Federn unten eben). Schön, das machen Sturmvögel auch, und sogar bei mehr Wind und Welle, aber wenn diese großen, doch eher klobigen Pelikane so präzise manövrieren, sieht das schon haarsträubend aus. Etwa so, als hätte James Bond bei der Verfolgungsjagd durch die verwinkelte Altstadt von Nizza seinen Aston Martin gegen einem Linienbus der Stadtwerke Fulda eingetauscht.


Das andere Flugverhalten der Pelikane ist der Sturzflug, wenn sie bei der Jagd auf Sardinen oder andere kleine Fische scharenweise senkrecht ins Wasser schießen und erst im letzten Augenblick ihre Flügel anlegen. Da ihre Beute sich meist in recht flachem Wasser aufhält, wundern wir uns, ob die Pelikane immer die Wassertiefe richtig einschätzen. Ein Fehler, und der Vogel würde mit dem Schnabel im Sand steckenbleiben. Aber sie scheinen doch eine Menge Übung zu haben, in der Literatur findet man wenig über Pelikanriffe.



Möwen gibt es natürlich auch (von ähnlich zänkischem Charakter wie ihre Artgenossen an der Nordsee), dazu Kormorane, Reiher und Blaufußtölpel. Am Ufer spazieren Strandläufer und Austernfischer, hoch am Himmel ziehen die Fregattvögel ihre Kreise. Weil sie selber nicht vom Wasser starten können, jagen sie anderen Vögeln ihre Beute ab – immer ein spannendes Spektakel.

Unsere Lieblinge sind allerdings recht kleine, schwarz-weiß gefärbte Vögelchen, deren Namen wir leider (noch) nicht kennen. Vom Aussehen und Verhalten ähneln sie den Tauchsturmvögeln oder Krabbentauchern, die aber hier nicht vorkommen (die einen gibt’s nur auf der Südhalbkugel, die anderen nur im Atlantik). Jedenfalls sitzen die kleinen Kerlchen zu mehreren Dutzenden eng zusammen wie ein Teppich auf der Wasseroberfläche. Wenn man eine Weile hinschaut, macht es schwupp! Und der erste ist weg. Und gleich schwupp! der zweite. Schwupp! schwupp! schwupp! und ehe man sich’s versieht, ist der ganze Teppich komplett verschwunden. Die Wasseroberfläche ist leer! Erst trauen wir unseren Augen nicht – war es eine Sinnestäuschung? Da waren doch gerade noch massenweise Vögel? Eine halbe Minute passiert erst einmal nichts. Oder eine ganze. Da taucht plötzlich, an einer ganz anderen Stelle auf dem Wasser, vielleicht hundert Meter weiter, schwupp! ein Vögelchen auf. Schwupp! ein zweites, und schwupp! schwupp! schwupp! ist der ganze Teppich wieder da, als wäre nichts geschehen.

Von fliegenden Teppichen hört man ja öfter. Aber tauchende Teppiche sind doch etwas ganz Besonderes.

Loreto

„From the sea the town was buried in a grove of palms and greenery. We dropped anchor and searched the shore with our glasses. A line of canoes lay on the beach and a group of men sat on the sand by the canoes and watched us; comfortable, lazy-looking men in white clothes. When our anchor dropped they got up and made for the town. Of course, they had to find their uniforms, and since Loreto was not very often visited and since the Governor had not recently been there, this may not have been so easy. There may have been some scurrying of errand-bound children from house to house, looking for tunics or belts or borrowing clean shirts. Señor the official had to shave and scent himself and dress. It all takes time, and the boat in the harbor will wait. It didn’t look like much of a boat anyway, but at least it was a boat.
One fine thing about Mexican officials is that they greet a fishing boat with the same serious ceremony they would afford the Queen Mary, and the Queen Mary would have to wait just as long. This made us feel very good and not rebellious about the port fees – absent in this case! We came to them and they made us feel, not like stodgy people in a purse-seiner but like ambassadors from Ultra-Marina bringing letters of greeting out of the distances.”
(John Steinbeck: The Log from the Sea of Cortez. Penguin books, 1986. Seite 204f)

„Von See aus gesehen lag die Stadt inmitten eines Palmenhains im Grün verborgen. Wir gingen vor Anker und suchten das Ufer mit dem Fernglas ab. Eine Reihe Kanus lag am Strand, neben ihnen saß eine Gruppe von Männern im Sand und sah uns zu, gemütliche, träge aussehende, weiß gekleidete Männer. Als unser Anker fiel, erhoben sie sich und machten sich auf den Weg in die Stadt. Sie mussten natürlich ihre Uniformen finden, und weil Loreto nicht oft besucht wurde, und auch der Gouverneur nicht erst kürzlich hier war, war das vielleicht keine ganz einfache Sache. Vielleicht mussten Kinder von Haus zu Haus auf der Suche nach Rock und Gürtel losgeschickt werden, oder ausschwärmen, um saubere Hemden auszuborgen. Der Señor vom Amt musste sich rasieren, parfümieren und einkleiden. Das alles braucht seine Zeit, und das Boot im Hafen wird warten. Das Boot sah zwar ohnehin nach nichts Besonderem aus, aber immerhin war es ein Boot.
Hierin sind mexikanischer Amtspersonen mustergültig: sie begrüßen ein Fischerboot mit der gleichen ernsthaften Förmlichkeit, die sie auch der Queen Mary angedeihen lassen würden, und die Queen Mary würde ebenso lange warten müssen. Das gab uns ein gutes Gefühl, und so regten wir uns auch nicht über die Hafengebühren auf – die es in diesem Fall nicht gab! Wir kamen zu ihnen, und fühlten uns nicht wie langweilige Seeleute auf einem Fischerboot behandelt, sondern wie Botschafter aus Ultra-Marina, die Grußbotschaften aus der Ferne brachten.“ (Übersetzt ins Deutsche von Andreas)

Gut 80 Jahre später: die Palmen sind immer noch da, der Sandstrand ebenfalls. Wahrscheinlich neu ist ein kleiner durch einen Wellenbrecher geschützter Hafen für Ausflugs- und Fischerboote. Wir passen da nicht rein und ankern bei sehr ruhiger See direkt davor. Offiziell anmelden muss man sich heutzutage auch nicht mehr, dachten wir. Aber nachdem wir unser Dinghi an einem schmalen Steg im Hafen angebunden haben, bedeutet uns der Wachmann am Tor, wir müssten erst zum Hafenbüro gehen. Dort erklärt uns ein Angestellter, dass wir eine Gebühr zu entrichten hätten und zwar 1. für das Beiboot, 2. für uns beide und 3. für die beiden Müllbeutel, die wir in die große Tonne am Steg gestopft haben: alles zusammen gerechnet bezahlen wir umgerechnet 20 EUR. Die Gebühr für den Stadtbesuch und das Bewachen des Beibootes sei jeden Tag aufs Neue zu entrichten, merkt der Hafenmeister fast schon entschuldigend an, allerdings habe er uns für den heutigen Tag die Gebühr nur für eine Person berechnet.
Wir schütteln etwas verwundert den Kopf über diese neuen Regelungen und die flexible Umsetzung und machen uns auf den Weg. Auch dieses Mal verbinden wir das Pflichtprogramm (Wäscherei und Supermärkte) mit dem Vergnügen, eine neue Stadt zu erkunden.

An dieser Stelle ein kleiner historischer Exkurs: Loreto ist die älteste sogenannte „Mission“ auf der mexikanischen Halbinsel Baja California. Von hier aus begannen die Jesuiten im Jahr 1697  die einheimische Bevölkerung zum Christentum zu bekehren, in dem sie weitere Missionen auf der Baja California gründeten. Bereits 1535, also mehr als 150 Jahre früher, hatte Hernán Cortéz (Wikipedia), vergeblich versucht, hier einen Stützpunkt zu bauen. Wer mehr über die Geschichte der Missionen lesen möchte: Spanische Missionen in Kalifornien (Wikipedia)

Das heutige Loreto mit seinen rund 20.000 Einwohnern setzt auf Individualtourismus ohne Hotelburgen und Kreuzfahrtschiffe. Touren zu den prähistorischen Höhlenmalereien (mit Jagdszenen) in den Bergen werden ebenso angeboten wie Kajak-Touren oder Tagesausflüge in umgebauten Fischerbooten zu einsamen Stränden an der Küste oder bei den angrenzenden Inseln.


Ein altes Hotel mit einem Innenhof im Kolonialstil


Pension mit Garten

Der zentrale Platz von Loreto ist sehr gemütlich und einladend gestaltet mit Bänken, einem Pavillon und Schatten spendenden Palmen, so freundlich und offen wie sich auch die ganze Stadt präsentiert.

Während wir durch die Straßen laufen, können wir immer mal wieder einen Blick in liebevoll gepflegte grüne Vorgärten werfen. Manche Häuser haben als Aufbau ein freistehendes mit Palmwedeln bedecktes Dach. In den Sommermonaten kann es hier sehr heiß werden und da ist eine kühlende Brise abends auf dem Dach sicher willkommen.

In der Fußgängerzone, die von der Uferpromenade abgeht, verdichtet sich die Anzahl der Restaurants und Cafés. Dazwischen gibt es Andenkenläden, die neben viel unnützem Kram doch auch schönes Kunsthandwerk aus vielen Teilen Mexikos anbieten. Ein Laden hat es mir ganz besonders angetan, dort verbringe ich einen halben Nachmittag damit, mir die Webarbeiten (Tischläufer, Tücher und Teppiche) anzusehen, alle aus der Provinz Oaxaca, die für ihre farbenfrohen Arbeiten bekannt ist.


In der Fußgängerzone wird groß und deutlich auf die Maskenpflicht hingewiesen


Ein Impfangebot für Kinder unter 8 Jahren, am schwarzen Brett eines Supermarktes gesehen

Nach zwei Tagen Flaute frischt der Wind auf, der Ankerplatz vor der Stadt wird zu schaukelig. In der Früh fahren wir mit dem Dinghi noch schnell zum Arroyo, dem trockenen Flussbett, am südlichen Rand der Stadt. Hier wird jeden Sonntagvormittag auf einem Platz oberhalb des Arroyo ein kleiner Markt aufgebaut. Wir füllen unsere Rucksäcke noch einmal mit viel frischem Obst und Gemüse und kaufen von diesem liebevoll dekorierten Stand noch Ziegenkäse und Fleisch. Jetzt sind wir wieder für eine Weile autark und können in Ruhe die Inseln des Nationalparks um Loreto herum erkunden.

Höhlenmalereien

Im Revierführer wird erwähnt, dass man hier von der Bucht Agua Verde eine Wanderung zu Höhlenmalereien unternehmen könnte. Vom kleinen Sandstrand unserer Nordbucht führt ein schmaler Trampelpfad einen Berg hoch und ins angrenzende Tal wieder runter. In der Senke angekommen, sehen wir links einen kleinen aufgelassenen Friedhof, die schweren Grabsteine sind verfallen und liegen schief in der Erde, die meisten Gräber sind aus den 1950er und 1960er Jahren.

Der Weg geht weiter zu einer Lagune, ein kleiner Vogel mit einer lustigen Sturmfrisur zwitschert fröhlich in der Vormittagswärme.

Diese Lagune ist nicht besonders groß, hat aber einen beeindruckenden Palmenwald. Manche dieser Stämme ringeln sich wie riesige schuppige Schlangen auf dem Boden zusammen, so etwas haben wir noch nie gesehen!

Wir erreichen die Stelle, an der das Meereswasser durch einen schmalen Kanal in die Lagune strömt. Ein beherzter Sprung mit dem Risiko im Wasser zu landen, oder Schuhe aus und durch waten…

Vor uns liegt nun der lange Nordstrand, an dem sich die großen Wellen brechen. Schon wieder eine ganz andere, neue Topographie. In der Brandungszone ist der Boden voller Steine und Geröll, weiter oben gibt es körnigen Sand, der ganz leicht mit schwarzem Staub bepudert ist.

Ein kleiner Krebs hat sich perfekt an diese Farben und Strukturen angepasst, fast hätte ich ihn übersehen, wäre er nicht hektisch geworden und ein Stück weit über den Sand gesaust.

Bizarre Figuren, Fabelwesen erheben sich aus dem Sand, mehr oder weniger von Menschenhand zusammen gestellt und drapiert.

Kurz bevor der Strand endet, führt zwischen den Sträuchern ein Weg ins Landesinnere. Wir folgen den Reifenspuren im Sand bis wir auf der rechten Seite eine kleine Steinpyramide sehen. Hier beginnt ein steiler Pfad, auf dem man zwischen den stacheligen Sträuchern und Kakteen den Berg hoch zur Höhle gelangt, wo sich die Wandmalereien befinden: ein paar Handabrücke auf einem kalkweißen Felsen als Zeugnis urzeitlicher Besiedlung.


Blick von der Höhle über den Strand

Auf dem Rückweg ist das Wasser schon soweit gefallen, dass wir es wagen können, direkt am felsigen Abschnitt des Nordufers entlang zu gehen. Austernfischer holen sich Kleingetier aus dem Wasser, sie haben eine reiche Auswahl: unter jedem Stein, den wir umdrehen, leben Würmer, Schnecken, Seesterne und Seeigel.

Die Felsen sind von Wind und Wasser angeknabbert, wir staunen jedes Mal über die vielen verschiedenen Formen, Farben und auch über die Zusammensetzung des Gesteins. Eine einsame Palme hat sich hier angesiedelt und hält tapfer die Stellung gegen Wind und Wellen.

Am späten Nachmittag gehen wir noch mal an diesen Strand, suchen ein paar Muscheln und versuchen, das goldene Licht der Abendsonne auf Fotos einzufangen.

Bahia Agua Verde

30. Dezember 2021 – 07. Januar 2022


Auf dem Weg zur Bahia Agua Verde

Bevor der Nordwind wieder ordentlich zu blasen anfängt und es draußen auf dem freien Wasser des Golfes ungemütlich wird, verziehen wir uns rechtzeitig in die Bahia Agua Verde.
Es ist eine große Bucht mit zwei Ankerplätzen, einen im Süden und einen im Norden. Dazwischen liegt das gleichnamige Dorf in einem von hohen Bergen umgebenen Tal. Wir steuern den nördlichen Ankerplatz an und suchen uns hier ein Plätzchen für die nächsten Tage. An der Stirnseite der Bucht befindet sich ein schmaler Sandstrand mit einem kleinen Campingplatz, der von einem alten Mann mit Hund behütet und gepflegt wird. Als wir ankommen stehen da ein paar der typisch kastenförmigen Wohnmobile aus den USA oder Kanada, die aussehen, als ob ein Pickup oder ein LKW zu einem fahrenden Heim umgebaut wurde. So verwunschen und zauberhaft diese Ecke der Bucht auch ist, bei Nordwind wird es ungemütlich und die Camper ziehen weiter.

„That night we rigged a lamp over the side, shaded it with a paper cone, and hung it down to the water so that the light was reflected downward. Pelagic isopods and mysids immediately swarmed to the illuminated circle until the water seemed to heave and whirl with them. The small fish came to this horde of food, and on the outer edges of the light ring large fishes flashed in and out after the small fishes. Occasionally we interrupted this mad dance with dip-nets, dropping the catch into porcelain pans for closer study, and out of the nets came animals small or transparent that we had not noticed in the sea at all.” (John Steinbeck: The Log from the Sea of Cortez. Penguin books, 1986. Seite 180f)
„In der Nacht brachten wir an der Bordwand eine Lampe aus, schatteten sie mit einem Kegel aus Papier ab und hängten sie so über die Wasseroberfläche, dass ihr Lichtschein nach unten fiel. Meerasseln und Schwebegarnelen schwärmten sofort zum Lichtkegel hin, bis das Wasser von ihnen zu wogen und zu brodeln schien. Die kleinen Fische kamen zu dieser Masse an Nahrung, und am Rande des Lichtkreises schnellten große Fische den kleinen Fischen nach. Gelegentlich unterbrachen wir diesen irren Tanz mit Keschern, gossen den Fang in Porzellanschalen zur genaueren Untersuchung, und aus den Netzen kamen so kleine oder durchsichtige Tiere, dass wir sie im Wasser überhaupt nicht gesehen hatten.“ (Übersetzung ins Deutsche von Andreas)

Schon am ersten Abend in der Bucht hören wir das Platschen der Fische, die teilweise aus dem Wasser hüpfen, im Inneren des Bootes klingt es, als ob manche von ihnen dabei an die Bordwand stoßen würden. Andreas kramt unseren starken Handscheinwerfer heraus und leuchtet damit ins Wasser. Und es passiert genau das, was wir später bei Steinbeck nachlesen. Zuerst versammeln sich viele kleine undefinierbare Pünktchen im Lichtkegel bis auch kleine Dornhechte vom Licht angelockt werden. Sobald wir das Licht etwas schwenken, sehen wir, wie einige größere Fische vor dem Licht fliehen. Wir wollen wissen, was es mit den winzigen kleinen schwebenden Teilchen auf sich hat und holen mit der Pütz ein paar Liter Wasser hoch, gießen es durch ein Küchentuch und versuchen erst mit der Lupe dann mit dem Mikroskop zu erkennen, was da alles im Wasser geschwommen ist. Es wimmelt und wuselt nur so von kleinen Krebsen, Krabben und Fischlarven.
Am nächsten Morgen ist der Himmel bedeckt. Auf einmal beginnt es zu regnen und will gar nicht mehr aufhören. So einen Wolkenbruch haben wir hier in Mexiko bisher noch nicht erlebt! Wenn überhaupt, dann gab der Himmel ein paar Tropfen ab oder ließ einen feinen Sprühregen für gerade mal 10 Minuten los. Wir hätten richtig viel Regenwasser sammeln können, so wie wir das in Neuseeland und Alaska regelmäßig taten, aber da wir hier mit einem so heftigen und ausgiebigen Regenguss nicht gerechnet haben, glauben wir, dass es jeden Moment aufhören könnte und schauen nur staunend zu. Irgendwann ist es dann doch vorbei mit der nassen Herrlichkeit und wir können unseren geplanten Ausflug ins Dorf machen. Vom kleinen Sandstrand aus kann man nur bei Niedrigwasser direkt am Ufer entlang laufen, ansonsten muss man auf der Schotterstraße den Berg hoch, runter ins Tal und um einen weiteren Berg herum wandern. Von oben sieht das Dörfchen eigentlich ganz grün aus. Die Häuser verteilen sich im Tal zwischen erstaunlich vielem Grün. Auch ein grüner Gürtel aus dichtem Strauchwerk schützt das Dorf vor der Brandung des langen Sandstrandes. Auf einem handgemalten Schild werden die Sehenswürdigkeiten aufgezählt: 2 Kirchen, 4 Schulen, 2 Restaurants, 3 Läden, Wifi. Und, was nicht auf dem Schild steht, uns aber ein Junge stolz berichtet: für die 300 Einwohner des Dorfes gibt es eine Tortilleria, das mexikanische Pendant zur Bäckerei.

„Was für ein Regen!“, alle mit denen wir an diesem Tag sprechen, erwähnen den Regen. Die ausgedörrte Erde konnte so viel Wasser gar nicht aufnehmen, die staubigen Wege im Dorf haben sich in rutschigen Schlamm verwandelt und wir versuchen, die großen Pfützen vorsichtig zu umgehen.
Heute hat nur einer der drei Läden geöffnet, ein kleines Regal mit Obst und Gemüse, zwei Gänge mit haltbaren Gütern in Säcken und Konserven und großen Kühltruhen fürs Fleisch. Von dem frischen Ziegenkäse, der hier im Dorf hergestellt wird, nehmen wir ein großes Stück mit.
Auf dem Rückweg treffen wir oben am Berg einen Mann, der gerade von einem gemauerten Gebäude oberhalb der Straße herunter kommt. Wir sprechen ihn an und er erzählt uns, dass es sich um die Wassertanks des Dorfes handelt, die er betreut. Er wollte mal nachsehen, ob nach dem Regen alles in Ordnung sei. Zu diesem Wassertanks laufen Leitungen aus schwarzem Kunststoff in verschiedene Richtungen. Das Wasser kommt aus einem 9 Kilometer weit entfernten Teich oben im Gebirge und wird dann wiederum durch Leitungen hinunter ins Dorf geführt. Wir erzählen ihm von der Entsalzungsanlange in San Evaristo, und fragen ihn, ob das nicht auch eine Alternative für dieses um so viel größere Dorf sei? Vor allem, wenn es immer weniger regnet? Ja, über eine solche Anlage habe man vor einem Jahr auch hier diskutiert, sich aber dagegen entschieden. Ob es daran scheiterte, dass das Wahlversprechen der Lokalpolitiker, eine solche Anlage finanziell zu fördern, nicht eingehalten wurden? So genau haben wir das nicht verstanden, es fehlt uns dafür leider der nötige Wortschatz. Wie so oft überschätzt auch dieser nette Wasserwart unsere Sprachkenntnisse. Viele unserer Gesprächspartner glauben, dass wir sehr gut Spanisch sprechen würden, nur weil wir ein paar wenige und viel geübte Gesprächsthemen über Herkunft, Reisen, Fragen nach ihren Familien und ihrem Leben relativ flüssig beherrschen. So entgehen uns leider immer wieder Feinheiten bei komplexeren Themen. Der Wasserwart will seinerseits auch viel über Deutschland wissen, ob es wirklich so grün sei und so viel regnen würde, und erkundigt sich nach unterirdisch fahrenden Zügen, die würde er gerne einmal sehen, er sei so fasziniert von Tunnels. Wir hoffen, unsere Antworten waren für ihn einigermaßen verständlich und verabschieden uns nach einer Weile ganz herzlich von ihm.

Warum aber nun heißt diese Bucht „Agua Verde“, grünes Wasser? An manchen Stellen schimmert das Wasser in der Sonne türkis und grün, wie in so manchen anderen Buchten auch. Ist es vielleicht grüner als anderswo? An Sylvester finden wir eine mögliche Erklärung. Es ist eine buchstäblich sternenklare Nacht, kein Mond, der die Finsternis durchbricht, auch kein Streulicht vom Land her. Wir lassen nur noch das Rotlicht im Boot an und gewöhnen unsere Augen an die Dunkelheit. Im Wasser dagegen blitzt und blinkt und sprüht es grüne neonfarbene Funken! Der Golf von Kalifornien (Sea of Cortez) ist bekannt für seine Biolumineszenz, dafür, dass es an vielen Stellen fluoreszierende Algen und Tierchen im Wasser gibt. Hier in unserer Bucht sind sie in dieser Nacht in einer besonders hohen Konzentration vorhanden, was bedeutet, dass die kleinen Tierchen, aber auch die vielen Fische, die nachts an die Oberfläche kommen, durch ihre Bewegung die Algen zum Leuchten bringen. So sehen wir kurze oder lange grün leuchtende Streifen wie ein Feuerwerk durchs Wasser ziehen. Und dann erscheint auf einmal eine kompakte hellgrün schimmernde Wolke im Wasser, die sich zu einer Kugel formt, wieder verformt und schließlich einen großen Ring bildet. Der Ring öffnet sich, wird zu einer Schlange, dann wieder eine diffuse Wolke, um anschließend erneut einen Ring im Wasser zu zeichnen. Es ist „spooky“, wir erinnern uns an das Umschlagbild von Frank Schätzings Roman „Der Schwarm“. Und nein, es lag nicht daran, dass wir schon leicht angeheitert mit Sekt auf das Neue Jahr angestoßen hatten. Um dieser geisterhaften Erscheinung auf den Grund zu gehen, leuchten wir versuchsweise mit der Taschenlampe auf den Ring: da tanzt gerade ein ganzer Schwarm Sardinen durchs Wasser! Schade, dass wir keine Fotos davon machen konnten, so müssen wir unsere geneigten Leserinnen und Leser bitten, sich dieses Schauspiel mit viel Fantasie anhand unserer Beschreibung vorzustellen.


Pelikane im südlichen Ankerplatz


Blick von oben auf den südlichen Ankerplatz

Karg

So richtig vorstellen konnten wir uns das nicht, als wir von Deutschland kommend mit dem Flieger den Golf von Kalifornien auf dem Anflug auf Tijuana überflogen und hinabsahen. Also damals, vor über fünf Monaten, als Alpha noch die „britische Variante“ und Delta der neueste Schrei war.

Jedenfalls schauten wir aus dem Flugzeugfenster und sahen neben dem blauen Meer nur braune und graue Farbtöne, nichts Grünes. Schrecklich eintönig sah das aus, schroffe Gebirge ohne Bewuchs im Wechsel mit ebenen sandigen Flächen, die eher staubig als einladend aussahen. Welch ein Unterschied zu den Wäldern Nordamerikas, der üppigen tropischen Vegetation der Südsee, den Bergwiesen Südtirols. Und da wollen wir die nächsten Monate, vielleicht sogar das nächste Jahr verbringen? Da gibt es doch außer See, Sand und Steinen nichts.


Ganz falsch gedacht. Zugegeben, die Landschaft ist karg. Und hat doch so viel zu bieten. Das fängt mit dem Gestein an den Küsten an, das sich teils vielfarbig geschichtet, in aufgebrochenen Sedimenten zu steilen Abbruchkanten aufschiebt. An manchen Orten sind unzählige versteinerte Muscheln in die Sedimente eingearbeitet, an anderen Stellen ragen schroffe Felsen aus vulkanischem Material empor. An einem Ort finden wir sogar meterbreite Adern aus Obsidian im Felsen eingebettet. Aus weicherem Gestein hat die See Höhlen ausgewaschen oder skurril geschwungene Skulpturen übriggelassen. Am Strand entdeckt man Achate unter den Kieseln, wenn man genau hinschaut.






Die Gebirgszüge der Sierra de la Giganta bieten uns fast täglich eine imposante Kulisse. Je nach Wetterlage entweder als gestochen scharfe Silhouette gegen den stahlblauen Himmel oder in abgestuft im Dunst verschwindenden mehrlagigen Zügen. Im Licht der niedrigstehenden Sonne bei ihrem Auf- oder Untergang erstrahlen die näher liegenden Hänge in leuchtendem Dunkelrot, an dem wir uns nicht sattsehen können. Die Fotos geben dieses Farbenspiel leider nur unvollkommen wieder.






Aber es gibt nicht nur Stein und Staub. So wenig Wasser auch zur Verfügung steht, etliche Pflanzen ringen der Natur doch genügend Feuchtigkeit zum Überleben ab. Unzählige Kakteenarten, aber auch andere Sukkulenten und Blattpflanzen trotzen der Trockenheit. Auf fast jedem Landspaziergang entdecken wir Pflanzen, die wir zuvor noch nicht gesehen hatten. Und wenn wir hin und wieder etwas frisches Grün oder eine kleine bunte Blüte inmitten der grauen Stachelwüste finden, kommen sie uns gerade durch den Kontrast besonders kostbar vor.

Mangroven und Kakteen

26. – 30. Dezember 2021

Isla San José, Lagune mit Mangroven

Endlich lässt der Nordwind nach, eine eher windstille Phase ist vorhergesagt und die brauchen wir, um in mehreren Tagesetappen weiter nach Norden zu ziehen. Zuerst tuckern wir mit der Muktuk zur Isla San José. Hier ist es ganz ruhig, das Wasser spiegelglatt und der Ankerplatz bietet eine ungewohnt weite und offene Sicht nach allen Seiten: Vor uns die Lagune, der grüne Gürtel der Mangrovenwälder der Isla San José.  Westlich von uns weit in der Ferne die Küstenlinie der Halbinsel Baja California mit dem hoch aufsteigenden Gebirge der Sierra de la Gigante, in der entgegengesetzten Richtung verliert sich der Horizont in einem unendlichen Blau.

Am nächsten Morgen fahren wir mit dem Beiboot zur Lagune. Wir unterhalten uns mit zwei Fischern, die gerade eben dort angekommen sind. Sie haben bereits ihre Neoprenanzüge angezogen und wollen Oktopusse jagen. Noch am späten Nachmittag sehen wir sie den äußeren langen Küstenabschnitt langsam abschwimmen, wir sind beeindruckt von ihrer Ausdauer.

Die Lagune wird teilweise durch einen schmalen langen Streifen Land vom Meer abgetrennt. Das Geröll auf diesem Streifen sieht fast so aus wie von Menschen aufgeschüttete Wellenbrecher. An einer Stelle ist diese Mauer aus Steinen unterbrochen, hier befindet sich der südliche Zugang zur Lagune. Die Wassertiefe beträgt hier gerade mal 20 cm, also steigen wir aus dem Dinghi aus und ziehen es hinter uns her, bis wir wieder in tieferes Wasser gelangen. Zwei Pelikane beobachten uns aus sicherer Entfernung.

Drinnen in der Lagune ist es gespenstisch still. Kein Windhauch, klares Wasser, aber kein Fisch zu sehen, ein paar Reiher sitzen in den dichten Mangrovensträuchern und ruhen sich aus. Wir tuckern langsam den großen Kanal entlang. An manchen Stellen öffnen sich kleinere Seitenkanäle. In einen davon fahren wir hinein und versuchen, uns alle Windungen zu merken, um uns nicht zu verirren. Aber unsere Sorge ist unbegründet, der Kanal ist eine Sackgasse und wir finden wieder zurück zum Hauptweg.

Laut Revierführer sollten hier viele Seeschildkröten und Fische zu sehen sein, aber außer den Unterwasserpflanzen ist keine Bewegung im Wasser. Endlich entdecken wir einen langen dünnen Hornhecht, der ganz ruhig im Wasser schwimmt und sich von uns überhaupt nicht stören lässt. Später, am Strand, finden wir ein Skelett, mit dem langgezogenen dünnen Kopf sieht es so aus, als ob es von einem Fisch der gleichen Art stammen könnte.

Das Fischerdorf San Evaristo

Die nächsten Tage geht es im Zickzack zwischen der Insel San José und dem Festland hin und her, es sind jeweils nur kurze Strecken. Gegenüber der Insel San José, am Festland der Baja California, befindet sich in der Bucht San Evaristo ein kleines Fischerdorf. Gemächlich tuckern wir hinüber und verbringen die Nacht in der nördlichen Ecke der Bucht, weitab vom Dorf.

„Nights at anchor in the Gulf are quiet and strange. The water is smooth, almost solid, and the dew is so heavy that the decks are soaked. The little waves rasp on the shell beaches with a hissing sound, and all about in the darkness the fishes jump and splash. Sometimes a great ray leaps clear and falls back on the water with a sharp report. And again, a school of tiny fishes whisper along the surface, each one, as it breaks clear, making the tiniest whisking sound. And there is no feeling, no smell, no vibration of people in the Gulf. Whatever it is that makes one aware that men are about is not there. Thus, in spite of the noises of waves and fishes, one has a feeling of deadness and of quietness.” (John Steinbeck: The Log from the Sea of Cortez. Penguin books, 1986. Seite 140)

„Die Nächte vor Anker sind still und seltsam im Golf. Das Wasser ist spiegelglatt, fast wie ein Festkörper, und der schwere Tau tränkt das Deck. Die kleinen Wellen reiben sich zischend an den Muscheln des Strandes, und überall in der Dunkelheit springen und plätschern die Fische. Manchmal schnellt ein großer Mantarochen in die Luft und fällt mit scharfem Klatschen ins Wasser zurück. Dann wieder flüstert ein Schwarm winziger Fische an der Oberfläche entlang, jeder einzelne mit einem kaum hörbaren wischenden Geräusch beim Durchbrechen des Wasserspiegels. Keine Empfindung, kein Duft, kein Beben deutet auf menschliche Existenz im Golf hin. Was es auch sein mag, das einen die Anwesenheit von Personen spüren lässt – es fehlt hier. Und so herrscht, trotz aller Geräusche von Wellen und Fischen, ein Gefühl der Leblosigkeit und Stille. (Übersetzung ins Deutsche von Andreas)

Auch morgens, während die Sonne langsam aufgeht und die Felsen orange färbt, hüpfen die Fische im Wasser um uns herum, während ich mit meiner ersten Tasse Tee an Deck sitze und jeden einzelnen Augenblick dieser zauberhaften Stunde genieße.

Das Fischerdorf hat sich eine schöne neue Entsalzungsanlage gegönnt. Der Betreuer der Anlage erklärt uns, dass die alte Anlage bereits in die Jahre gekommen war und der Diesel, mit dem sie lief, immer teurer wurde. Die neue Anlage dagegen wird mit 34 großen Solar-Paneelen betrieben und kann bis zu 2.000 Liter Trinkwasser pro Stunde produzieren. Aber sie werde nie so hochtourig gefahren, so halte sie länger, meint er. 1.000 Liter pro Stunde sind ja auch beeindruckend viel! Uns scheint es eine auf lange Sicht sehr kluge Investition zu sein, denn in dieser Gegend regnet es kaum und in den letzten Jahren immer weniger, die ersten Anzeichen des Klimawandels machen sich wohl schon bemerkbar. Wir füllen unsere Kanister mit Trinkwasser, und erhalten es zu einem ungemein günstigen Preis von einem mexikanischen Peso pro Liter. (Der Umrechnungskurs ist momentan 25 Pesos für einen Euro).

Das Dorf besteht im Wesentlichen aus einer losen Reihe von Häusern und Hütten am Ufer. Wir laufen am Strand entlang, als gerade zwei Fischer mit ihrem Boot anlanden. Da wir in den letzten Tagen unterwegs leider nichts gefangen haben, kaufen wir von ihnen einen „Mexikanischen Sierra“. Nun, mit einer Plastiktüte in der Hand, die nach frischem Fisch riecht, wird einer der herum streunenden Hunde auf uns aufmerksam und will sich unbedingt mit uns anfreunden. Er folgt uns bis zum Leuchtturm an der südlichen Seite der Bucht und zum Café, wo wir für eine kleine Gebühr einen Internetzugang für unsere Mobiltelefone erhalten und Wetter und die neuesten Nachrichten herunter laden. Unser neuer Freund will uns gar nicht gehen lassen, er begleitet uns auf dem Rückweg bis zum Dinghi und schwimmt noch ein ganzes Stück ausdauernd im Meer hinter uns her.

Kaktuswald auf der Isla San José

Wir gehen Anker auf und tuckern mit der Muktuk zurück zur Isla San José. Über Nacht ankern wir vor dem dichten Kaktuswald, der direkt hinter der Lagune beginnt und fast die ganze Westseite der Insel einnimmt. Dieser Wald sieht schon vom Boot aus beeindruckend aus. Am nächsten Tag wollen wir ihn uns näher anschauen. Direkt am Strand stehen ein paar niedrig gewachsene Sträucher und dahinter bauen sich die riesigen Kakteen auf. Zwischen den Kakteen wächst noch mehr Gestrüpp und es ist bald kein Durchkommen mehr möglich. Hier und da sehen wir einen schmalen Pfad und eine Lücke im Gebüsch, offensichtlich von den Ziegen ausgetretene Wege, aber so klein und gelenkig wie sie sind wir nicht. Ich habe mir nicht vorstellen können, wie riesig diese Kaktusbäume werden können und wie unterschiedlich, jedes Exemplar mit einer ganz eigenen Art der Verzweigung.

Nachdem wir gefühlt jeden Baum und jeden Strauch am Rande des Kaktuswaldes bewundert und fotografiert haben, spazieren wir noch eine Weile am Strand entlang bis zu den improvisierten Hütten, die von Fischern für die eine oder andere Übernachtung genutzt werden. Auch an diesem Strand finden wir wieder eine Menge Muscheln und Steine und viele verschiedene Knochen.


Kopf eines Pelikans?


Brustknochen eines Pelikans?


Knochen vom Panzer einer Schildkröte, Unterseite


Knochen vom Panzer einer Schildkröte, Oberseite

Weihnachten mit Sandstrand und Saline

22. – 26. Dezember 2021

Für Weihnachten hatten wir uns eine hübsche kleine Ankerbucht namens El Cardoncito bei der Insel Espiritu Santo ausgesucht. Die ist so klein, dass außer uns und vielleicht einem gelegentlich vorbeikommenden Ausflugsboot kein weiteres Segelboot darin Platz gehabt hätte. Hohe Felsen säumen die Bucht, mit vielen Höhlen, von Wind und Wasser ausgewaschen, in der Abendsonne leuchteten sie golden und rot. Ganz im Inneren befindet sich ein winzig kleiner Sandstrand, dahinter ein Tal voller grüner Sträucher und Kakteen. Nach zweit Tagen aber blies der Wind auf einmal ganz anders und wir kamen den malerischen Felsenwänden viel zu nahe. Auf dem Weg von La Paz hierher hatten wir festgestellt, dass sich das Ruderblatt der Windsteuerung gegen den Schaft verdreht hatte, wir also auf engem Raum nur noch eingeschränkt manövrieren konnten.

Daher beschlossen wir am Morgen des 24. Dezember die Inseln des Heiligen Geistes (Espiritu Santo) zu verlassen und zur Insel des Heiligen Franziskus (San Francisco) in eine weitläufigere Bucht zu fahren. Unterwegs platzte dann auch noch der Wasserschlauch unter der Spüle, der für die Zufuhr von Heißwasser vom Boiler zuständig war. Überschwemmung in der Küche, ein halber Wassertank, gut 50 Liter frisch vom Motor erhitztes Wasser, ergoss sich über Teller und Pfannen in die Schränke und die darunter liegenden Bilgen. Und das am Vormittag des 24. Dezember! Boot aufräumen und für den Heilig Abend ein bisschen dekorieren hatte ich mir eigentlich anders vorgestellt!

Statt Kekse, Strohsterne und Elche kunstvoll aufzuhängen, musste ich erst Schränke ausräumen, Teller und Hölzer trocken wischen. Und die Bilgen, wohin das Wasser geflossen war (immerhin nur Süßwasser, kein Salzwasser), waren nun ausgerechnet jene, wo wir mit dem Staubsauger ganz schwer ran kommen, weil da eben Wassertanks drin stecken. Nach der ersten Aufregung war dann doch alles halb so schlimm und schneller trocken gelegt, als gedacht.

Die Südseite der Isla San Francisco ist ein beliebter Ankerplatz, den wir uns mit rund zehn anderen Booten teilen. Ein langer Sandstrand säumt die Bucht, dahinter gibt es ein paar Berge, auf die man hoch wandern kann. Es ist ein beliebtes Ausflugsziel, auch von La Paz aus noch schnell zu erreichen, so dass an manchen Tagen am Strand Zelte und Sonnenschirme aufgebaut werden und kleine Gruppen von Touristen einen perfekten Urlaubstag genießen können.

Auch uns gefällt es hier, die Weihnachtsfeiertage über bleiben wir an diesem Ankerplatz. Im Revierführer haben wir gelesen, dass am Strand an der Nordseite der Insel Achate zu finden sind. Da die Insel in der Mitte ganz schmal und flach ist, ist es ein kurzer und einfacher Spaziergang auf die andere Seite. Mitten drin sind ein paar Salinen angelegt, wir füllen uns in eine Tüte etwas von diesem feinen Meeressalz ab. Der Nordstrand ist voller Geröll und dicker rund geschliffener Steine mit lustigen Muscheln drauf.

Ein paar Krebse sitzen in der Brandungszone auf den Steinen und scheinen alles andere als erfreut zu sein, dass wir sie beim Sonnenbaden stören. Sie vor die Kamera zu kriegen, ist nicht einfach, sobald wir uns nähern, verschwinden sie rasend schnell in sichere Höhlen.