Shimokamagari

16. – 20. März 2024

Von Kami-Kamagari fahren wir nur ein kurzes Stück zur Nachbarinsel Shimokamagari, die mit dem Festland durch eine Brücke verbunden ist.

In der Edo-Zeit (1603-1868) war Shimokamagari eine wichtige Station für Reisende in der Seto Inlandsee. Wegen der starken Gezeitenströme mussten die Schiffe Pausen einlegen, gegen den Strom zu segeln ist mühsam und teils nicht möglich.

Für diese meist adeligen Reisenden und ihr Gefolge standen herrschaftliche Unterkünfte bereit. Einige von ihnen sind erhalten geblieben und zu Museen umgestaltet worden. Insgesamt fünf Museen befinden sich auf der Insel! Japanische Geschichte, Kunst und Kultur können hier auf engstem Raum besichtigt werden.

Das Shotoen Museum liegt direkt am Ufer der Meerenge zwischen den beiden Inseln, umgeben von einem japanischen Zen-Garten mit Steinskulpturen.

Das Museum besteht aus mehreren historischen Gebäuden, in denen unterschiedliche Sammlungen aufbewahrt und gezeigt werden, unter anderem ein Keramikmuseum mit wertvollen alten Keramiken aus ganz Japan sowie einem Lampenmuseum, das von antiken Terracotta-Leuchten bis zu japanischen Papierlaternen seltene Fundstücke aus mehreren Jahrhunderten ausstellt.

Am spannendsten für mich ist die ehemalige Banketthalle, in der Exponate über die Geschichte der Koreanischen Gesandten gezeigt werden. Diese Gesandten reisten während der Edo-Zeit in diplomatischen Missionen mehrmals nach Japan und wurden auf ihrer Zwischenstation in Shimokamagari mit großen Ehren empfangen. Die koreanische Delegation bestand meist aus 1.000 Menschen, die sich auf 6 Schiffe verteilten. Es heißt, dass viele Helfer, aber auch Schaulustige auf die Insel kamen, um die koreanischen Gästen zu empfangen – so viele, dass die Insel zu sinken drohe.

Die koreanischen Schiffe wurden von hier aus mit japanischen Ruderbooten weiter durch die Seto Inlandsee befördert. Diese lange Schriftrolle ist ein ganz besonderes Zeugnis aus jener Zeit: hier hat ein unbekannter Zeichner alle Schiffe und Boote festgehalten, die im Jahr 1748 mit der 10. Diplomatischen Mission aus Korea unterwegs waren. Diese Rolle und eine weitere, die die Gespräche der Gesandten mit ihren japanischen Gastgebern protokolliert, sind inzwischen zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt worden.

Im ehemaligen Banketthaus sind die Empfangszeremonien und Umzüge in Miniatur-Szenen nachgestellt, an den Wänden hängen Zeichnungen von Mitwirkenden, sogar die Speisen, die für die Gäste aufgetragen wurden, sind täuschend echt in Plastik nachgebildet.

Das Rantokako Kunstmuseum und das Sannose Museum für Kunst und Kultur zeigen Malerei und Kunsthandwerk japanischer Künstler des 19. und 20. Jahrhunderts.

Diese große Treppe vor dem Eingang des Sannose Museums stammt noch aus der Edo-Zeit. Die Schiffe konnten an die Treppe heran fahren und die Passagiere meist trockenen Fußes an Land gelangen.

Ein kleiner Fußweg führt am Kunstmuseum den Berg hoch, wo sich ein historisches Teehaus aus dem 18. Jahrhundert befindet. Früher stand es in Kyoto und wurde erst in den 1990er Jahren dort abgebaut, hierher transportiert und neu aufgestellt. Dieses Teehaus weist eine Besonderheit auf: es besitzt ein weiteres Stockwerk als Aufbau, in dem im 19. Jahrhundert chinesische Schriftrollen studiert wurden. Die Deckenbalken sind über und über mit Schriftzeichen bedeckt.

Als letztes besuchen wir das Insekten-Museum. In Schaukästen werden hier Schmetterlinge, Motten, Käfer und Libellen der Provinz Hiroshima gezeigt, aber auch ein paar seltene Schmetterlinge aus Südamerika. Dazu gibt es Ausstellungstücke aus dem Bereich der Kunst und des Kunsthandwerkes, auf denen Insekten dargestellt sind. Die Sammlung ist in einem schön renovierten japanischen Haus im Sukiya-Stil untergebracht. Wir sind immer wieder beeindruckt von der Harmonie und den kunstvollen Details dieser Art von traditionellen Häusern.

Für den Sonntag ist ein kleines Fest geplant zur offiziellen Einweihung eines Graffiti, das auf eine hohe Mauer am Ufer gemalt wurde. „Here it is“ steht drauf.

Es ist kühl und der Nieselregen hüllt alles in ein trübes Grau, trotzdem sind viele Leute gekommen – von Familien mit kleinen Kindern bis zu fröhlichen alten Damen sind alle Generationen vertreten. Es gibt Essenstände, frisches Obst und auf der improvisierten Bühne treten im Halbstundentakt Musikgruppen auf.

Am spannendsten für die Kinder ist eine Aufführung mit dem japanischen Holzspielzeug namens Kendama, für das man viel Übung und Geschick braucht. Zwei Männer zeigen, wie sie flink die Kugel hin und her balancieren und hüpfen lassen und laden auch Kinder aus dem Publikum auf die Bühne ein, die stolz vorführen, welche Kunststücke sie drauf haben.

Dann holen die beiden Männer ihre erweiterten Kendamas hervor, mit fünf und mehr Kugeln, die alle gleichzeitig mit einem Hops auf die Schalen befördert werden sollen. Nach einigen missglückten Anläufen, die die Spannung deutlich erhöhen, gelingt dem jungen Mann das finale Kunststück.

Der Frühling setzt sich langsam durch! Auf einem Spaziergang über die Insel entdecken wir viele blühende Mimosenbäume.

Kami-Kamagari – Orangen und eine Schutzgöttin

12. – 16. März 2024

Nach ein paar kurzen Wochen in Deutschland, während Muktuk in Hiroshima in einem sicheren Hafen geparkt war, nachdem wir ein paar Reparaturen am Boot erledigt und unsere Bekannten in Etajima noch einmal besucht haben, ziehen wir weiter ostwärts in der Seto Inlandsee.

Nächster Halt für die Muktuk ist der Schwimmsteg auf der Insel Kami-Kamagari.

Auf der anderen Seite der schmalen Landzunge befindet sich eine Art Ferienanlage mit einem Park, einem großen Hotel nebst Sportplatz und einer Reihe einfacher Ferienhäuser mit Meeresblick. Jetzt in der Nebensaison ist kaum was los, wir haben den Strand komplett für uns alleine.

Nur der Onsen und das Café oben am Berg sind einigermaßen gut besucht. Und so sieht ein typisches Mittagsmenü in dem Café aus:

Wir haben wieder Glück mit dem Wetter und nutzen die sonnigen Tage für ausgedehnte Spaziergänge. Von hier oben sieht man, wie die Strömungen der Inlandsee das Wasser durcheinander wirbeln.

Hinter dem Strand mit den Ferienanlagen erheben sich steile Hänge, auf denen Obstgärten mit Zitrusfrüchten angelegt sind, dazwischen die Wirtschaftswege, die wir für unsere Wanderungen nutzen. An den steilen, der Sonne zugewandten Hängen gedeihen die Mandarinen, Orangen und Zitronen im milden Klima der Seto Inlandsee besonders gut.

Gerade hängen die Bäume voller Orangen. Diese Sorte wird in Japan Hasaku genannt. Sie sind größer als die handelsüblichen Orangen, haben eine etwas abgeflachte Form und ein ganz besonderes Aroma mit einer leicht bitteren Note in Richtung Grapefruit.

Auch hier zeigt sich deutlich der Rückgang der Bevölkerung, Arbeitskräfte fehlen, um alle Gärten in Stand zu halten. Wir laufen an vielen aufgelassenen Obstgärten vorbei, in denen das Gras zwischen den Bäumen hoch steht und sich Schlingpflanzen um die Baumstämme und Äste ranken. In manchen Gärten ist die Verwilderung bereits so weit fortgeschritten, dass die Bäume von den Schlingpflanzen komplett überwuchert sind und keine Früchte mehr tragen können.

Die Bäume an diesen steilen Hängen zu pflegen, stellen wir uns sehr mühselig vor. Auch die Ernte ist nicht so einfach. Überall sehen wir eine Art Lastenzüge, auf denen die Obstkisten transportiert werden. Viele sind längst nicht mehr in Betrieb und haben Rost angesetzt, wie auch dieses Auto, das sehr kreativ am Straßenrand parkt.

Die Mandarinen-Saison ist eigentlich schon vorbei. Doch an diesem Baum hängen sie noch dicht an dicht, es ist offensichtlich, dass sich niemand um diesen Garten kümmert. Also trauen wir uns, ein paar Früchte mitzunehmen, sie sind köstlich!

Am nächsten Tag nehmen wir uns einen anderen Höhenweg vor, der uns bis zu einer Andachtsstätte führt.

Hier steht die Statue einer buddhistische Gottheit, die über Fischer und Seefahrer wacht. Die Legende besagt, dass sie früher leuchtete, um sie vor Gefahren in den strömungsreichen Gewässern zu warnen.

Neben der Statue führt ein steiler Weg den Berg hoch. Ich bin nicht mehr so schwindelfrei wie früher und muss meinen ganzen Mut zusammen nehmen, um die Treppen zu bewältigen, den Blick immer fest auf die Stufen gerichtet.

Nach ein paar Windungen und spektakulären Ausblicken erreichen wir ein kleines Plateau, wo eine weitere Andachtsstätte errichtet wurde: ein kleiner Schrein schmiegt sich an den Felsen, davor hängt eine Glocke, die man zum Gebet schlagen kann.

Unten am Parkplatz haben zwei ältere Herren ihre Campingstühle aufgestellt und eine Drohne ausgepackt. Mit ihr verfolgen sie unseren Weg und als wir wieder unten ankommen, fragen sie uns, ob wir einverstanden sind, dass sie die Aufnahmen auf ihrem Kanal auf Youtube einstellen und wir darauf zu sehen sind. Hier ist das Video, das sie von dem Berg gedreht haben.

Birgit und die 500 japanischen Gartenzwerge

09. – 11. Januar 2024

Miyajima hat neben dem roten Torii und dem Itsukushima Schrein aber noch ein anderes Juwel zu bieten, zu dem uns Keisuke hinführte. Die buddhistische Daisho-In Tempelanlage liegt etwa eine Viertelstunde außerhalb der Ortschaft und besteht aus etlichen beeindruckenden Gebäuden, Parks und Statuen. Kobo Daishi, der Gründer dieses Zweigs des Buddhismus, begann hier auf Miyajima seine Karriere.

Auf dem Weg zum Tempel fallen zunächst die süßen kleinen Jizo Statuen auf, die Schutzgottheiten für Kinder darstellen.


Das absolute Highlight des Daisho-In (jedenfalls für uns) sind aber die 500 Rakan-Statuen, die am zum Tempel hinaufführenden Hang aufgestellt sind. Jede Figur stellt einen der Schüler Buddhas dar.

Der Clou: Obwohl alle Figuren aus demselben Material bestehen, alle dieselbe Größe haben (etwa 70-80 cm), und fast alle das gleiche rote Strickmützchen tragen, ist jede absolut einzigartig. Jede der Statuen hat ihre besondere Körperhaltung, ihren besonderen Gesichtsausdruck. Mal streng, mal fröhlich, bedenklich, träumerisch, sinnierend… keine gleicht der anderen. Bei manchen ändert sich der Gesichtsausdruck sogar, wenn man sie aus einer anderen Perspektive betrachtet. Wir kommen aus dem Staunen, Anschauen und Fotografieren gar nicht hinaus.

Beispiele gefällig? Bitteschön:

Miyajima

09. – 11. Januar 2024

Eigentlich wollten wir gar nicht hin. Die Insel vor Hiroshima mit dem roten, ins Wasser gebauten Torii ist eines der ikonischen Wahrzeichen Japans. Über vier Millionen Besucher überfluten pro Jahr die ausgedehnte Tempelanlage der kleinen Insel, die meisten nehmen die Fähre von Hiroshima, bleiben ein paar Stunden auf der Insel und fahren am Abend zurück. Tagsüber und vor allem zu den Hauptreisezeiten ist die Insel so voll, dass man sich nur mühsam durch die Menschenmassen schieben kann und für die besten Fotomotive lange anstehen muss. Das wollten wir uns ersparen, schließlich hat Japan so viele andere, weniger bekannte Schönheiten zu bieten.

Aber wie so oft kam es dann doch anders. Wir wollten mit Keisuke, unserem japanischen Freund, den wir auf Etajima kennengelernt hatten, ein paar Tage segeln gehen, und er wolle Miyajima gerne besuchen, denn der Ituskushima-Schrein ist in der Shinto-Religion eine besonders wichtige heilige Stätte. Früher durfte man als einfacher Bürger den auf Stelzen ins Wasser gebauten Schrein gar nicht betreten. Einzig per Boot durch den Torii war der Zugang möglich. Aber nicht nur der Schrein, die ganze Insel gilt als heilig. Das ist auch der Grund, warum der Schrein ins Meer vor der Insel gebaut wurde, um die heilige Insel unberührt zu lassen. Das Schlachten von Tieren sowie Geburten und Beerdigungen sind noch heute auf der ganzen Insel streng tabu.

Dank Keisukes Japanisch-Kenntnissen konnten wir für Muktuk einen Liegeplatz in der Nähe des Schreins reservieren. Im Winter war der Besucherstrom ohnehin etwas ausgedünnt, und als gegen 17 Uhr die letzte Fähre abgelegt hatte, waren wir mit den ca. 2000 ständigen Bewohnern der Insel, ein wenigen Dutzend Übernachtungsgästen und ein paar hundert freilaufenden Sika-Hirschen allein.

Ganz magisch wurde es dann, als wir uns nachts bei Niedrigwasser noch einmal zum Torii aufmachten. Außer uns war kein Mensch unterwegs, wir konnten auf der Sandbank fast bis zum Torii hinlaufen und das eindrucksvoll beleuchtete Bauwerk samt Spiegelung im Wasser bewundern.

Wir sind sehr froh und dankbar, dass unser Plan, Miyajima auf unserer Reise auszulassen, fehlgeschlagen ist.

Neujahr in Etajima

29. Dezember 2023 – 09. Januar 2024

Für die letzten Tage des alten Jahres finden wir einen Ankerplatz in einer geschützten Bucht der Insel Etajima, zwischen dem Fähranleger und einer kleinen Felsinsel mit einem roten Schrein ist gerade genug Platz für uns. Ein paar Schritte weiter an Land befindet sich ein schöner Onsen mit Sauna und Außenbecken.

Im Onsen trifft Andreas auf Keisuke und Yasu, beide Ende Zwanzig, mit denen wir uns später im Foyer noch etwas unterhalten. Wir laden die beiden ein, uns am nächsten Tag auf der Muktuk zu besuchen und verbringen mit ihnen einen fröhlichen Nachmittag. Keisuke hat ein Jahr lang in Australien und ein weiteres Jahr in Kanada gearbeitet. Und auch Yasu spricht Englisch, so dass die Kommunikation wunderbar klappt.
Keisuke reist zurzeit mit dem Auto durch Japan, er kann online arbeiten und ist ortsunabhängig. Auf Etajima ist er schon seit einer ganzen Weile, hat Freunde gefunden und hilft einem von ihnen bei der Renovierung eines Hauses. Im Lauf der nächsten Tage macht er uns mit vielen seiner Freunde hier auf der Insel bekannt.

Um Neujahr herum gibt es in Japan etliche Feiertage, viele Firmen machen in dieser Zeit Betriebsurlaub und so nehmen sich viele Menschen eine ganze Woche frei, um zu ihren Familien zu fahren. Silvester ist ein stilles Fest in Japan, Feuerwerk und Böller gibt es keine. Das öffentliche Leben kommt fast gänzlich zum Stillstand – etwa vergleichbar mit Heilig Abend und den Weihnachtsfeiertagen in Deutschland.

Am letzten Abend im Jahr wird eine Suppe mit langen Soba-Nudeln gekocht. Die Nudeln stehen stellvertretend für ein langes Leben und ein gutes neues Jahr. In den buddhistischen Tempeln gibt es verschiedenen Zeremonien, so werden um Mitternacht 108 Glockenschläge geschlagen: 107 im alten Jahr und einer im neuen Jahr. Am Neujahrstag wiederum sind die Shinto-Schreine voll mit Besucherinnen und Besuchern, die für Glück und Segen im neuen Jahr beten.

Da am Silvesterabend alle Restaurants geschlossen sind, bereiten wir die traditionelle Suppe mit den Soba-Nudeln bei uns an Bord zu. Wir schlürfen gewissenhaft und wünschen uns dabei schon mal Gesundheit fürs neue Jahr.

Gegen 23 Uhr machen wir uns auf den Weg zu einem buddhistischen Tempel, den Keisuke uns empfohlen hat. Dort angekommen, werden wir von einem älteren Paar, offensichtlich im Kuratorium des Tempels tätig, freudig erstaunt begrüßt. Sie geben uns zwei schön bedruckte Zettel mit einer Nummer drauf, die wir unbedingt beachten sollten.

Sie zeigen uns, welche Verrichtungen wichtig sind: so spenden wir einige 100-Yen-Münzen, dürfen Räucherkerzen anzünden und uns zu einem kurzen Gebet vor dem Altar verneigen. Danach bitten sie uns, ein Foto mit dem Priester des Tempels machen zu dürfen.

Etwa 20 Minuten vor Mitternacht ist der Andachtsraum des Tempels fast zur Hälfte gefüllt, wir sitzen alle auf niedrigen Stühlen vor dem breiten Altarraum. Der Priester beginnt mit einem kurzen Gottesdienst. Er betet, singt mit der Gemeinde zwei Lieder und hält eine kurze Predigt. Wir verstehen leider gar nichts davon, aber seiner Miene nach zu urteilen und den Reaktionen der anderen Zuhörer, war es eine Ansprache voller Zuversicht und Freude. Danach gehen wir alle raus in den großen Hof des Tempels.


Gesangbuch

In einer Ecke des Hofes befindet sich in einem stabilen Holzgerüst eine riesige Glocke. Der Priester klettert hoch zur Glocke, während sich die Gemeinde in einer ordentlichen Reihe vor dem Podest aufstellt, gemäß den Nummern auf den anfangs erhaltenen Zetteln. Alles ist wohl organisiert.
In diesem Tempel gibt es eine andere Tradition als die, von der wir im Internet gelesen haben. Der Priester schaut gebannt auf sein Mobiltelefon und Punkt Mitternacht schlägt er als erster die Glocke. Dafür schwingt er ein starkes rundes Holzstück, das an einer Kette befestigt ist, mit viel Schwung auf die Glocke zu. Danach verbeugt er sich kurz zu einem Gebet.

Nach ihm ist die Gemeinde dran. Jeder und jede darf zur Glocke hoch steigen und einen Ton schlagen, kurz innehalten und sich verneigen, so auch wir. Ein erhebender Moment für uns, Teil dieser Zeremonie sein zu dürfen.

Es herrscht eine fröhlich-feierliche Stimmung im Hof. Die Leute fotografieren sich gegenseitig, auch die Kinder dürfen die Glocke schlagen, die ganz Kleinen werden in die Luft gehoben, um den Klöppel zu erreichen.

Im Hof ist ein Stand aufgebaut, wo alle einen Becher mit heißer süßer Amazake bekommen, einem auf Basis von Reis fermentierten alkoholfreien Getränk. Etwas weiter weg brennt in einer großen Blechtrommel ein Holzfeuer, an dem man sich anschließend wärmen kann.

Wir freuen uns, wie selbstverständlich wir in die Zeremonie mit einbezogen werden und wie freundlich uns die Leute alle anschauen. Manche fragen ganz neugierig, woher wir kommen und wollen gerne wissen, was uns bewogen hat, um Mitternacht in den Tempel zu kommen. Wir versuchen, so gut es geht, mit unserem bisschen Japanisch diese Fragen zu beantworten.

Am Neujahrstag holt uns Keisuke gegen Mittag mit seinem Auto ab und wir fahren zusammen zu einem Shinto-Schrein. Erst müssen wir – wie bei fast allen großen Schreinen – eine steile Treppe hoch steigen.

Im Vorraum des Schreines stellen wir uns in die Warteschlange, während Keisuke erklärt, was wir zu tun haben: verbeugen, beten, zwei Mal in die Hände klatschen, noch einmal verbeugen, während die beiden Priester ihre Gebetsfahnen über uns schwenken. Danach bekommen wir aus einem flachen Schälchen einen Schluck Sake, den zwei junge Frauen den Besuchern anbieten.

Auf der linken Seite des Raumes sind Tische aufgebaut, da kann man Glücksbringer kaufen und aus einem Automaten Zettel mit Prophezeiungen für das neue Jahr ziehen. Wir gehen zurück in den Hof, wo Keisuke unsere Zettel anschaut und sie für uns übersetzt. Wir haben Glück, es sind lauter gute Dinge, die uns für das neue Jahr vorhergesagt werden.

Wenn man einen Zettel bekommen hat, der nicht so gut klingt, kann man ihn an einem der Blumengestecke anbinden und für bessere Vorhersagen beten. Während der Gebete sind alle sehr gefasst und feierlich, davor und danach herrscht eine zwanglos geschäftige Stimmung. Die Familien fotografieren sich gegenseitig vor dem Eingang des Tempels oder mit den Blumen im Hintergrund und auch wir machen viele Fotos.

Danach nimmt Keisuke uns zu seinen Freunden mit. Eine größere Gruppe hat sich bei Haru und Yasu in ihrem „Wearhouse“ eingefunden, eine Art Café, Second-Hand-Laden und Veranstaltungsort in einem. Wir werden herzlich begrüßt und finden uns nach einer ersten Vorstellungsrunde mit einem Glas Wein in der Hand in ernsthafte Gespräche verwickelt. Wie wir nach und nach feststellen, haben die meisten von ihnen beschlossen, sich nicht oder nicht mehr dem Erfolgsdruck und den oft unmenschlichen Bedingungen eines Angestelltenlebens (company slave) in der Großstadt auszusetzen. Sie versuchen, eine bessere Balance zwischen Arbeiten und Leben zu finden. Es ist eine Gruppe mit durchweg interessanten Menschen, die alle eine spannende Geschichte zu erzählen haben.

Was für ein Glück, Oshogatsu (Neujahrsfest mit Familie und Freunden) in diesem Kreis feiern zu dürfen.

Der Nachmittag ist viel zu schnell vorbei, darum verabreden wir uns für die nächsten Tage, an denen sie alle noch frei haben.

Zuerst kommen Haru, Yosuke, Asuka und Keisuke zu uns an Bord und wir sitzen in kleiner Runde bis spät nachts zusammen, essen und erzählen.

Zwei Tage später finden sich noch mehr junge Menschen ein, Freunde von Freunden, die alle Zeit haben und unbedingt einmal so ein Segelboot auf Langfahrt anschauen wollen. Da wir vor Anker liegen, klingelt ständig ein Mobiltelefon und Andreas macht sich auf den Weg zum Steg, um mit dem Dinghi die nächsten Besucher abzuholen. So sitzen wir schließlich zu elft in der Messe, am Tisch und auf der Treppe, darunter ein kleiner Junge von gerade mal 18 Monaten. Alle haben Unmengen an leckerem Essen mitgebracht und Kartons voller Getränke, auf dem großen Tisch ist kaum noch Platz für Teller. Wir steuern eine Lasagne bei und staunen, wie kunstvoll sie mit Stäbchen verzehrt werden kann.

Alle reden durcheinander, erzählen, machen Witze, lachen. Später spielt der Vater des kleinen Jungen auf der mitgebrachten Handpan, Andreas holt unsere Gitarre und zwei weitere Besucher spielen darauf ein paar Stücke. Wir sind begeistert und glücklich, so viele neue Menschen auf einmal kennen zu lernen.

Und wir hoffen, dass wir sie vielleicht auch später noch ab und zu treffen werden. Denn sie haben uns einen Floh ins Ohr gesetzt: in den ländlicheren Gegenden von Japan stehen viele Häuser leer und sind für sehr wenig Geld zu haben. Der Bürgermeister von Etajima sei sehr offen für alle, die sich hier niederlassen möchten, er unterstützt die neu Zugezogenen so gut es geht. Und warum wir nicht auch hierher ziehen wollten, meinen sie. Nun haben wir für das neue Jahr viel zum Nachdenken auf den Weg bekommen.

Diese Tage auf Etajima sind wirklich etwas ganz Besonderes!

Austern in Hiroshima Bay

Seit wir im Gebiet der Inseln um Hiroshima unterwegs sind, gehören die ausgedehnten Flöße der Austernfarmen zum alltäglichen Anblick. Es ist oft gar nicht so einfach, zwischen ihnen den Weg in Häfen und Buchten zu finden. Zum Glück haben wir mittlerweile Seekarten, in denen die maximalen Ausmaße der Austernflöße eingezeichnet sind.

Aus der Gegend um Hiroshima kommen über 60% aller in Japan produzierten Austern, fast 30.000 Tonnen jedes Jahr. In einem kleinen Museum für Lokalgeschichte in Hiroshima erfahren wir, warum. Das beginnt mit dem Ota-Fluss, dessen eingeschwemmte Sedimente großflächige Wattgebiete hervorbringen, was die Austern im Larvenstadium benötigen. Außerdem trägt der Fluss Süßwasser und Stickstoff aus der Landwirtschaft ein, was das Plankton wachsen lässt. Von Plankton ernähren sich die Austern, und weil die Bucht vor Hiroshima ein recht geschütztes Gewässer ist, wird das Plankton auch nicht so schnell weggeschwemmt, so dass die Austern wachsen und schön fett werden können.

Aber es gibt weitere Standortvorteile: die wechselnde Wassertemperatur ist genau, was die Austern mögen: über 20°C im Sommer (gut für die Eiablage), unter 20°C im Winter (gut fürs Wachstum). Und nach dem Laichen sinkt durch die ausgeprägte Regenzeit die Salinität des Wassers, was vor allem den Larven gut gefällt.

Kein Wunder also, dass hier schon seit 1673 Austern gezüchtet und bis nach Osaka verkauft wurden. Anfangs hat man es sich noch recht einfach gemacht. Man stellte Bambusgestelle ins Watt, und automatisch setzten sich darauf Austernlarven fest, die nach ein paar Jahren zu ansehnlichen leckeren Tieren heranwuchsen.

Seit dem zweiten Weltkrieg hat sich aber ein komplizierteres Verfahren durchgesetzt, was zu deutlich besseren Erträgen führt und nun überall eingesetzt wird. Dabei durchlaufen die Austern fünf Phasen:

  1. Einnisten: nach der Eiablage im Sommer schwimmen die Larven frei im Meer herum, bis sie sich irgendwo festsetzen. Im Wasser aufgehängte (leere) Schalen von Jakobsmuscheln werden von den Larven gerne als Heimat gewählt, etwa drei Wochen nach der Eiablage haben sich die meisten von ihnen einen Standort auf einer Muschelschale ausgesucht.
  2. Abhärten: Die besiedelten Schalen werden dicht übereinander gepackt ins Watt verbracht. In den Gestellen dort werden sie abwechselnd überspült und fallen trocken. Dadurch werden die Austern robuster und unempfindlicher gegen wechselnde Umwelteinflüsse.
  3. Aufhängen: wie Setzlinge werden die kleinen Austern nun samt ihren Jakobsmuschelschalen vereinzelt und an etwa neun Meter langen Schnüren unter Bambusflößen ins tiefe Wasser gehängt.
  4. Wachstum: unter den Bambusflößen bleiben die Austern nun für 2-3 Jahre, bis sie zu ausreichender Größe herangewachsen sind.
  5. Ernte: mit zehn Meter hohen Kränen werden die schweren Austernschnüre schließlich aus dem Wasser geholt. Die beste Erntezeit ist von November bis April.

Und so ist es auch kein Wunder, dass im Winter hier fast jedes Restaurant frische Austern auf der Speisekarte hat. Wer auf glibberige, glitschige Nahrung steht, kann hier natürlich auch rohe Austern essen. Das ist in Japan aber eher ungewöhnlich. Wie immer sind die Japaner hier kulinarisch ganz vorne: Zwar wird der Fisch am liebsten roh gegessen, Austern aber genießt man eher gekocht, gebacken oder frittiert. Und so zubereitet schmecken Austern wirklich ganz herrlich. Frisch vom Floß!

Weihnachten in Kurahashi

19. – 25. Dezember 2023

Für die letzte Woche vor Weihnachten haben wir uns die Insel Kurahashi ausgesucht, eine der vielen schönen Inseln in der großen Bucht von Hiroshima.

Ganz im Süden der Insel liegen wir am Schwimmsteg eines kleinen Fischereihafens, der extra für Segelboote reserviert ist. An den anderen Stegen liegen Fischerboote, auf denen kleine Kräne montiert sind. Sie fahren täglich raus und holen frische Austern von den Zuchtfarmen und bringen sie zur Fabrik im Hafen, wo sie weiter verarbeitet werden.

Am ersten Tag ist der Himmel bedeckt und es nieselt. Dadurch wirkt das Dorf stiller und düster. Die Wände der Holzhäuser sind dunkelbraun bis schwarz, überall verwaiste Firmenschilder. Ein Laden allerdings ist hell erleuchtet, vor den großen Fensterscheiben stehen Kisten vollgepackt mit Mandarinen. An der Fensterscheibe ist ein Bild befestigt, das für Frieden in der Ukraine wirbt.

Der Besitzer des Ladens kommt heraus und begrüßt uns ganz herzlich: ein Boot aus Deutschland auf dieser Insel, das gab es bisher wohl noch nicht. Wir laden ihn auf die Muktuk ein, sobald er Zeit hat.

Am nächsten Nachmittag kommt er zusammen mit seiner Schwester, die gerade aus Hiroshima zu Besuch ist, und bringt uns japanische Kekse sowie Stäbchen und einen schönen Löffel aus Zedernholz mit. Er erzählt uns, dass er von hier stammt, den Laden sei 20 Jahren führt und immer noch sehr gerne auf dieser Insel lebt. Aber auch hier merke man, dass die Bevölkerung Japans schrumpft und gleichzeitig immer mehr Menschen in die großen Städte ziehen. In den letzten 20 Jahren sei die Einwohnerzahl der Insel um die Hälfte gesunken.

Hiromizu Sakamoto und Ruriko Oshita auf der Muktuk

Noch gibt es eine Allgemeinschule auf der Insel, für weiterführende Schulen müssen die Kinder aber aufs Festland pendeln.

Schulbus

Ein paar Tage später klopft Herr Sakamoto bei uns an und fragt, ob wir schon einmal einen Familienaltar gesehen haben. Wenn nicht, möchte er uns gerne den Altar seiner Familie zeigen. Sehr gerne nehmen wir diese besondere Einladung an.

Die Wohnräume befinden sich neben bzw. über dem Laden von Herrn Sakamoto. Vom Wohnzimmer im 1. Stock hat man einen weiten Blick über den Hafen auf die Bucht. Der Schrein steht in der hinteren Ecke des Zimmers, davor ein niedriger Tisch mit Sitzkissen auf den Tatami-Matten. Über der Schiebetür hängen die Fotos der Eltern und Großeltern.

Herr Sakamoto erklärt uns, dass er mindestens einmal pro Tag betet, dabei zündet er ein Räucherstäbchen an und schlägt einmal die Klangschale an. Seine Familie gehört einer der vielen Strömungen bzw. Schulen des Buddhismus in Japan an. Seine Schwester Ruriko bringt Matcha in großen Teeschalen, dazu gibt es kleine Kekse in Form von Blättern des Bergahorns, eine Spezialität aus der Gegend um Hiroshima. Nach dieser kleinen Teezeremonie verabschieden wir uns von den beiden. Sie haben sich viele Gedanken darüber gemacht, was sie uns von ihrer Kultur zeigen könnten, worüber wir uns sehr gefreut haben und wofür wir ihnen sehr dankbar sind!

Die sonnigen Tage nutzen wir aus, um die Gegend zu erkunden. Zuerst wandern wir die Küste entlang zu den anderen Dörfern, wo wir kaum jemanden sehen, dafür viele verlassene Häuser.

Kurahashi hat bei aller Beschaulichkeit doch ein paar Touristenattraktionen zu bieten, Wanderwege, Campingplätze, ein Museum, und unweit des Hafens befindet sich ein großer Onsen mit Außenbecken und Sauna. Einmal pro Stunde fährt ein Linienbus vor, der Badegäste aus Kure, der nächstgroßen Stadt auf dem Festland, hierher bringt.

Am nächsten Tag nehmen wir uns den Berg Hiyama vor. Um den Berg herum und bis zum Gipfel sind einige Wanderwege angelegt und genau 88 kleine buddhistische Statuen entlang der Wege aufgestellt worden. So kann man den großen Pilgerweg von Shikoku hier in Miniaturform erwandern.

Die Statuen sind an besonders schönen Stellen aufgestellt und schon von Weitem durch ihre roten Mützchen oder Lätzchen erkennbar.

Bereits auf halber Höhe können wir weit über die anderen Inseln der Seto Inlandsee blicken, ihre Umrisse zeichnen sich dunkel gegen das in der Wintersonne glitzernde Wasser ab. Im Gegenlicht erscheinen sie fast schon schwarz.

Eine gute Stunde brauchen wir bis hoch zum Gipfel, wo der Wind ganz ordentlich pfeift. Andreas klettert noch die letzten Meter auf den dicken Sandsteinfelsen.

Muktuk im Hafen von Kurahashi vom Gipfel aus herangezoomt

Wieder unten angekommen, gehen wir noch ins Museum, das sich mit der Geschichte der Bootsbauer von Kurahashi beschäftigt und eine beeindruckende Sammlung an Schiffsmodellen zeigt.


Gullydeckel mit dem Wahrzeichen der Insel: ein historisches Holzschiff

Wir gehen am Stand zurück zum Hafen. Der Kiefernwald und der Strand werden auch im Winter schön gepflegt. Der schattige Wald bietet einen guten Wind- und Sonnenschutz für die Zelte, die in der warmen Jahreszeit hier aufgestellt werden können.

Im Café am Hafen bestellen wir ein leckeres Mittagsmenü und wärmen uns wieder auf.

Weihnachten in Japan

Schon Anfang Dezember werden überall in den Geschäften und Restaurants Weihnachtsbäume aus Plastik aufgestellt, sogar in den Foyers von Behörden stehen sie herum, schön geschmückt mit bunten Kugeln und Girlanden.

Weihnachten in Japan hat eher einen folkloristischen Charakter, weniger als 2 % der Bevölkerung sind Christen. Das „Fest der Liebe“ wird romantisch interpretiert und hat inzwischen eine ähnliche Bedeutung wie der Valentinstag erlangt. Wer es ernst meint mit seiner Liebsten, lädt sie am 24. Dezember zu einem romantischen Abendessen ein und anschließend ins Hotel – diese sind an Heilig Abend in Japan angeblich alle ausgebucht.

Die Fastfood-Kette KFC (Kentucky Fried Chicken) startete Mitte der 1970er Jahre eine Werbeaktion zu Weihnachten mit Sonderangeboten. Diese Aktion war so erfolgreich, dass sie wiederholt wurde und sich gebratenes Hühnchen als klassisches Essen für Heilig Abend durchgesetzt hat. Inzwischen bieten alle Läden dieses Fertigessen an, in allen Varianten und mit vielen Beilagen. Und dazu als Nachtisch eine dieser Sahne- oder Schokotorten.

Japans Supermärkte sind eigentlich immer laut. Ständig läuft Musik, die von Werbung und Durchsagen in fröhlich aufmunterndem Ton unterbrochen wird. In den letzten Tagen vor Weihnachten wird das ganze Repertoire der Weihnachtslieder aufgeboten, die man aus amerikanischen und britischen Filmen kennt: von „White Christmas“ über „Let it snow“ bis zu „Jingle Bells“ ist alles dabei. Sogar „Stille Nacht, heilige Nacht“ erklingt ab und zu auf Englisch.

Am 25. Dezember ist dann alles vorbei, der Schmuck abgebaut, die Musik abgestellt. Nun beginnen die aufwendigen Vorbereitungen für den Jahreswechsel, eine stille aber umso ernsthaftere Zeit in Japan.

Weihnachten auf der Muktuk richtet sich meistens an dem Land aus, wo wir gerade unterwegs sind. Der Fisch kommt mal selbst gefangen aus dem Meer (wie in der Baja California) oder frisch aus dem Supermarkt (wie in Japan). Und auch unser Weihnachtsbäumchen basteln wir jedes Mal aufs Neue. In diesem Jahr haben wir vom Salzwasser ausgebleichte Hölzer am Strand gefunden, aus denen Andreas ein Gerüst gebastelt hat, das ich anschließend mit ein paar Pinienzweigen, Zapfen, sowie Strohsternen und frisch gebackenen Honigkeksen verzieren konnte.

In der Bucht von Murozumi

12. – 18. Dezember 2023

Die Bucht von Murozumi gefällt uns sehr, sie ist durch eine lange schmale Landspitze gut geschützt und bietet viel Platz zum Ankern. In den nächsten Tagen soll es regnen und stürmen, hier können wir beruhigt liegen bleiben.

Am ersten Tag drehen wir eine Runde durch den Ort. In der Hauptstraße befinden sich ein paar kleine Läden, zwei Restaurants, ein Café und die Post. Im Haus einer ehemaligen Sake Brauerei ist das Ortsmuseum eingerichtet worden.

Murozumi profitierte davon, lange Zeit eine Art Handelsknotenpunkt zu sein. In der geschützten Bucht konnten Handelsschiffe ankern, ihre Waren hier ausladen, die dann auf dem Landweg nach Hiroshima transportiert wurden. Von dem alten Glanz und Wohlstand ist im Stadtbild noch ein bisschen was erhalten geblieben.

Mit dieser Mühle werden die grünen Teeblätter zu Matcha-Pulver zerrieben.

Als Touristenattraktion gilt die großzügige Tempelanlage gleich in der Nähe des Hafens. Durch dieses Tor kommt man auf das Gelände, auf dem sich ein Hauptgebäude und viele kleine Nebengebäude befinden und ein Wassergraben, mit Schildkröten, die sich in der Wintersonne aufwärmen.

Am dritten Tag unseres Aufenthaltes kommen zwei Männer in einem Motorboot vom Angeln zurück, halten bei unserem Boot an und fragen, woher wir kommen, wie lange wir bleiben und wohin es weiter geht. Einer von ihnen zeigt auf ein großes Haus am Ufer. Er würde uns gerne zu sich einladen und fragt, ob wir eine warme Dusche bräuchten. Wir nehmen die Einladung sehr gerne an und verabreden uns für den späten Nachmittag. Das große Haus ist eine Art Pension, die er gemeinsam mit seiner Frau betreibt. Er zeigt uns das Kapitänszimmer, wo er ein altes Steuerrad aus Holz am Fenster eingebaut hat. Dort steht auch ein Teleskop, mit dem er alle Schiffsbewegungen in der Bucht beobachten kann.

Im Speisesaal stehen bereits Platten mit Essen auf dem Tisch, paniertes Hühnchen, gedünstetes Gemüse, frischer Fisch als Sashimi und kleine Törtchen von der örtlichen Konditorei. Von allem ist so viel da, es könnten locker zehn Leute verköstigt werden. Wir sitzen zu fünft am Tisch, eine junge Frau ist noch dabei, die als Krankenschwester in der benachbarten Grundschule arbeitet und in der Pension wohnt. Wir sprechen immer noch kein Japanisch und unsere Gastgeber kaum Englisch, aber mit der Übersetzungs-App auf dem Handy klappt es schon einigermaßen. Sogar Witze und lustige Geschichten lassen sich mit Gesten und ein paar Brocken Japanisch und Englisch erzählen. Inzwischen können wir das recht gut. Reich beschenkt und mit den Resten des Abendessens versorgt, verabschieden wir uns von ihnen.

Oben auf dem Berg gibt es ein Hotel mit einem Onsen, den auch Gäste von außerhalb nutzen können. An diesem Vormittag unter der Woche ist nicht viel los, ich bin alleine in der Frauen-Abteilung des Onsens und nutze die Gelegenheit, ein paar Fotos zu machen. Aus dem 5. Stock hat man eine schöne Aussicht auf die ganze Bucht!

Auf dem Rückweg vom Onsen spricht uns ein älterer Herr an und fragt, woher wir kommen. Als er Deutschland hört, leuchten seine Augen: Er habe vor 50 Jahren Deutsch gelernt, sagt er. Angestrengt runzelt er die Stirn und sucht nach den Anfangszeilen eines Gedichtes. Nach kurzem Nachdenken beginnt er zu rezitieren: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut…“ und kann das komplette Gedicht von Goethe auswendig aufsagen! Wir sind beeindruckt!

Dann erzählt er, dass er ein paar Mal in Deutschland war. Im Auftrag einer japanischen Firma habe er in deren Niederlassungen in München und Düsseldorf die Bücher geprüft. Und dann möchte er uns noch ein Lied vorsingen und stimmt „Am Brunnen vor dem Tore“ an. Wir singen mit und sind erneut hin und weg, dass er alle drei Strophen kennt – wir können gerade mal den Text der ersten Strophe. Wir gehen ein Stück des Weges zusammen, während er uns erzählt, dass er gerade das Grab seines besten Freundes besucht habe, der auf den Tag genau vor 9 Monaten gestorben sei und den er schmerzlich vermisse. Er hat ihm auf dem Friedhof auf der Mundharmonika ein paar Lieder vorgespielt. Was für eine unerwartete und wunderbare Begegnung!

Direkt am Ufer stehen große Fässer, in denen jeweils eine Sauna eingebaut ist, darin Platz für vier Personen und einen kleinen Ofen. Neben jeder Sauna steht ein großer Bottich, in den kaltes Meerwasser fließt. Ein großes Holzdeck mit Liegen und Sesseln lädt zum Ausruhen ein, alles mit Blick auf die Bucht und unsere Muktuk.

Der Besitzer der Anlage spricht uns an, als wir vorbei gehen und lädt uns auf einen Kaffee ein. Er erzählt, dass er eine eigene Kaffeeplantage in Laos hat, den Kaffee nach Japan importiert und hier mit Meersalz aus der Inlandsee röstet. Der Espresso ist gut und stark, wir sitzen mit ihm zusammen und er erzählt weiter, dass er mit seiner Tochter vor einigen Jahren in Deutschland und Italien unterwegs war und zwar auf einer Motorradtour. Eine Weile hat er wohl auch Motorräder aus Europa nach Japan importiert. Zum Abschied bekommen wir eine Packung Kaffee und Meersalz von der Seto Inlandsee geschenkt!

Auf dem Stadtplan sehen wir, dass es im Ort einen Fischladen gibt. Wir kaufen eine fangfrische Scholle und geräucherten Fisch. Der Inhaber fragt uns, ob wir die Deutschen von dem Boot wären, das in der Bucht ankert. Fremde, Ausländer, sind hier im Winter außerhalb der Saison und etwas abseits der Touristenzentren kaum anzutreffen, also sind wir leicht auszumachen. Nachdem wir bezahlt haben, packt uns seine Frau noch ein Päckchen mit fertigem Sushi mit in die Tüte, einfach so!

Die Menschen, denen wir hier begegnen, sind wieder so unglaublich herzlich und großzügig! Wir fühlen uns durch ihre freundliche Aufmerksamkeit und ihre Gaben reich beschenkt und auf die schönste Weise willkommen!

Am letzten Tag machen wir einen ausgedehnten Spaziergang um die Landzunge, die im Volksmund „Elefantenrüssel“ genannt wird. Hier der Blick raus auf die Inlandsee, wo es morgen weiter geht!

Kreuzweg zur Suppe

Tokuyama 08. – 10. Dezember 2023

Weiter auf dem Weg nach Osten in die Inlandsee machen wir für zwei Nächte Halt in Tokuyama.

Nachdem wir uns in einem öffentlichen Bad schön aufgewärmt haben, suchen wir ein Lokal, wo wir zu Abend essen können. Es ist Winter und in vielen Izakayas köchelt in einem großen Topf an der Theke Oden, die allseits beliebte Wintersuppe. So auch in diesem Lokal. Wir dürfen an der Theke sitzen, wo wir dem Wirt zusehen können, wie er allerlei Teller mit leckeren Sachen vorbereitet, kleine Fleischspieße brät und Bier zapft, alles mit einer jahrelang antrainierten Ruhe und Gelassenheit.

Wir bekommen die Speisekarte: alles ist auf Japanisch, es sind einfach kopierte Blätter ohne Bilder drauf. Mit der Übersetzungs-App ist es kein Problem, ich finde das Blatt für den Oden und kreuze einige der Zutaten auf der Liste an, die ich in der Suppe haben möchte, z.B. gebackenen Tofu, Spinat, eine Tomate, ein hart gekochtes Ei, Fischklößchen.

Wenig später bringt die Bedienung eine große Schale mit der Suppe, in der Pilze, Rettich und Nudeln schwimmen. Nach und nach werden mir weitere Zutaten in kleinen Schälchen gereicht. Aber es sind ganz andere und nicht die, die ich angekreuzt habe. Ich bekomme gegrillten Tofu, zweierlei Pilze, gekochtes Fleisch, Maisbällchen, und bin  zunehmend verwirrt. Irgendwann meint Andreas: „Kann es sein, dass du all das bekommst, was du NICHT angekreuzt hast?“ Ja, so sieht es aus!

Wir fangen beide an zu lachen… und beschließen sofort, dem netten Wirt, der an der Theke herum wirbelt und jedes Mal fragt, ob es uns schmeckt, nichts zu sagen. Erstens weil es viel zu kompliziert wäre, mein Missgeschick zu erklären. Zweitens, weil wir befürchten, dass er darauf bestehen würde, mir die angekreuzten Zutaten doch noch zu bringen. Ich schaffe es kaum, all das aufzuessen, was vor mir auf dem Tisch steht. Und drittens und letztens: auch diese Zutaten haben alle gut geschmeckt! Ich konnte also jedes Mal seinen fragenden Blick beantworten mit „hai, oishii desu!“

Wieder eine Lektion gelernt: ich hätte ein Häkchen setzen sollen, gleichbedeutend mit „Ja“. Ein Kreuz dagegen heißt in Japan ganz eindeutig „Nein“, möchte ich nicht.

Sento in Tokuyama

Dieses öffentliche Stadtteilbad, Sento genannt, weil hier das Wasser nicht aus einer natürlichen heißen Quelle kommt, ist noch im alten Stil gehalten, ganz ohne Duschköpfe, die normalerweise an der Wand angebracht sind. Bevor man in das einladende Becken mit heißem Wasser steigt, muss man sich gründlich waschen. Dazu holt man sich aus der Ecke (nicht auf dem Foto) einen Hocker und eine Schüssel. So wie früher füllt man die Schüssel immer wieder mit Wasser aus den beiden Wasserhähnen (heiß und kalt) und schüttet sich das Wasser über den Kopf und Körper. In allen Bädern gibt es diese Schüsseln, auch wenn Duschen vorhanden sind. Ich habe viele ältere Damen beobachtet, wie sie sich mit Genuss einen Schwall Wasser aus der Schüssel über den Kopf schütten. Auch werden die Waschlappen ausgiebig darin gewaschen und gespült.

Verständlich, dass man in den japanischen Bädern nicht fotografieren soll, selbst wenn man von dem heißen Wasserbecken aus den schönsten Ausblick hat. Denn in den nach Geschlechtern getrennten Bereichen läuft man gänzlich unbekleidet herum. Ab und zu aber bin ich ganz alleine im Bad, so dass ich dann doch das Handy nehme und schnell ein Foto mache.

Kitakyushu und die Kanmon Strait

04. – 06. Dezember 2023

Kitakyushu

Wir sind unterwegs zur Nordspitze von Kyushu, das Landschaftsbild ändert sich zunehmend. Die Dichte an Industrieanlangen, Werften und Containerhäfen nimmt deutlich zu. In Kitakyushu schließlich reiht sich in den zu Kanälen ausgebauten Buchten eine Anlage an die andere, nur unterbrochen von hoch aufgeschütteten Kohlebergen, Futter für die Hochöfen. Hier ist es nicht zu übersehen, dass Japan ein hochindustrialisiertes Land ist.

Der Kanal, in den wir hinein fahren ist sehr lang, wir brauchen über eine Stunde, bis wir unseren Ankerplatz erreichen. Zwar gibt es in Kitakyushu auch einen Yachthafen, der ist aber zu klein und zu eng für die Muktuk. Daher beschließen wir, dieses Mal wild zu ankern und suchen uns eine Stelle in der hintersten Ecke des Kanals, wo wir keinem Frachter im Weg liegen dürften. Das Beste an diesem Ankerplatz: gleich gegenüber befindet sich ein Onsen.

Ziemlich skeptisch blicke ich auf die hohen Kaimauern, die auf die Höhe von Containerschiffen angepasst sind, mit dem Dinghi an Land zu kommen, ist es eine echte Herausforderung. Irgendwie schaffen wir es doch und können uns im Onsen entspannen.

Am nächsten Tag fahren wir mit der S-Bahn ins historische Zentrum von Kitakyushu, nach Mojiko. Nach der Öffnung des Landes im 19. Jahrhundert schickte Japan viele junge Männer zum Studium nach Europa und in die Vereinigten Staaten. Sie kamen als ausgebildete Ärzte, Ingenieure und Architekten zurück und brachten viele neue Ideen zur Modernisierung des Landes mit. In Mojiko sind noch einige schön renovierte Gebäude im historisierenden Baustil  aus dieser Zeit erhalten geblieben.

Nicht nur Tokio hat diese diagonalen Zebrastreifen.

In einer altmodischen Einkaufsgasse sind nur noch eine Handvoll Geschäfte geöffnet. Alle anderen haben die Rollläden herunter gelassen.

Im Idemitsu Kunstmuseum ist eine Ausstellung mit schönen alten Graphiken auf Rollbildern und traditionellen Stellwänden aus Papier zu sehen. Hier leider nur ein Foto des Ausstellungsplakates, Fotografieren in der Ausstellung ist verboten.

Nach dem Mittagessen fahren wir mit dem Aufzug in den 31. Stock zur Aussichtsplattform dieses Hochhauses. Von hier aus haben wir einen tollen Rundumblick auf die Stadt, vor allem aber auf die große Brücke, die über die Kanmon-Strait gebaut wurde.

Da wollen wir am nächsten Tag durchfahren!

Eine historische Karte der Meerenge

Am Nachmittag besuchen wir noch die alte Schlossanlage von Kitakyushu, die von einem Wassergraben umgeben ist. Über eine Art Zugbrücke gelangen wir auf das Gelände, das viel größer ist, als es von außen den Anschein hat. Neben dem Schloss gibt es hier noch einen altehrwürdigen Tempel und einen schönen japanischen Garten mit Teehaus. Alles ist komplett von Hochhäusern umbaut. Alt und Neu wie selbstverständlich nebeneinander.

Später lesen wir, dass im August 1945 die zweite Atombombe auf Kitakyushu mit seinen Industrieanlangen abgeworfen werden sollte. Da aber eine der Anlagen in Brand geraten war und an jenem Tag Rauchwolken über der Stadt hingen, flog der Pilot weiter nach Nagasaki, wo er freie Sicht auf sein Ziel hatte. Auch heute noch ist es eine bedrückende Vorstellung, von welchen Zufällen es abhängt, wo Bomben abgeworfen werden und dabei so viele Zivilisten getötet werden.

Kanmon Strait

Am nächsten Tag ist es soweit, wir wollen in die Seto Inlandsee fahren und dort die nächsten Monate in den eher ruhigen Fahrwassern verbringen. Die drei Hauptinseln Japans, Kyushu, Honshu und Shikoku, liegen so eng beieinander, dass sie in ihrer Mitte eine Art Binnenmeer bilden. Ein bisschen kann man diese Region mit dem Mittelmeer vergleichen. Sie ist bei Weitem nicht so groß, hat aber ein ähnlich angenehm mildes Klima. Vor viereinhalb Jahren waren wir bereits in der Seto Inlandsee und freuen uns, dass wir dieses Mal viel mehr Zeit für die schönen Buchten und Inseln haben.

Auch das zweite Mal ist es aufregend, durch die Kanmon Strait, die Meerenge zwischen Kyushu und Honshu, zu fahren und auch dieses Mal müssen wir unseren Weg genau berechnen, um möglichst bei Stillwasser durch die engste Passage zu fahren. Nachdem wir vom Kanal auf den Schifffahrtsweg eingebogen sind, heißt es gut aufpassen, um den großen Containerschiffen nicht im Weg zu sein, die uns eines nach dem anderen sehr schnell überholen.

Es ist ein sonniger Tag mit guter Sicht und zwischendurch habe ich auch Zeit, das Ufer nach einem bestimmten Gebäude abzusuchen: der getreuen Nachbildung des Markusplatzes von Venedig. Hier kann man Räumlichkeiten mieten für Feste aller Art, vor allem für Hochzeiten.

Endlich kommt die Brücke in Sicht:

Geschafft, wir sind in der Seto Inlandsee, es ist alles gut gegangen.

Erleichtert tuckern wir zu unserm Ankerplatz ein paar Meilen weiter, wo wir über Nacht bleiben werden.