Oaxaca – Paris – Sonthofen

Auf dem Weg ins Stadtzentrum von Oaxaca sehen wir durch eine große Glasfront in eine Druckerei. Auffällig steht dort eine Druckerpresse – jede Menge Walzen, Zahnräder, Kurbeln und Stellschrauben. Das Ganze ein Getüm aus Gusseisen, massiv und antik aussehend. Ein an der Maschine Arbeitender winkt uns herein, als er sieht, wie wir unsere neugierigen Nasen an die Scheibe pressen. Im Nebenraum, der als Galerie der Druckerzeugnisse dient, steht eine zweite Presse, kleiner aber noch älter, mit viel Holz und einer großen Handkurbel.

Auf Spanisch erklärt uns der Mitarbeiter, was es mit der Maschine auf sich hat. Von den 30 Prozent, die wir verstehen, sind wir bereits sehr beeindruckt. Nach einer Weile werden wir aber an Mariana weitergereicht, eine junge Frau, die für Vertrieb und die Galerie zuständig ist, und die spricht hervorragendes Englisch, so dass wir nun mehr Details erfahren können.


Beide Maschinen sind aus Paris, auf der älteren Sternradpresse aus dem 19ten Jahrhundert haben noch berühmte französische Impressionisten ihre Druckwerke produziert. Die größere ist neueren Datums (also aus dem 20. Jahrhundert), aber erst vor zwei Jahren nach Mexiko verschifft worden. Um sie in die Druckerei zu bekommen, musste eigens der Eingang erweitert werden, sonst hätte das tonnenschwere Monstrum nicht hineingefunden.


Spannend wird es, als Mariana uns von der Drucktechnik erzählt – hier werden im Wesentlichen Lithografien hergestellt. Diese Methode hat 1797 der aus Franken stammende Alois Senefelder erfunden, zunächst um damit Musiknoten zu vervielfältigen. Dabei wird auf Kalksteinplatten mit fetthaltiger Tusche oder Kreide die Vorlage seitenverkehrt gezeichnet, dann die Steinplatte befeuchtet. Der Stein saugt das Wasser auf, außer an den zuvor bezeichneten Stellen. Beim nachfolgenden Druckvorgang bleibt die ebenfalls lipophile Druckfarbe nur auf den bezeichneten Stellen haften, nicht aber auf dem nassen Untergrund und wird dann unter hohem Druck auf das Papier übertragen. Gut wird das Ergebnis aber nur mit gutem Papier, das deshalb extra aus Frankreich eingeführt wird.

Marianas Augen leuchten, als sie uns ihre Sammlung von Lithografiesteinen zeigt. Die kommen nämlich aus der weltweit besten Herkunftsstätte: wieder aus Deutschland, nämlich aus Solnhofen im Altmühltal. Solnhofener Plattenkalk entstand im Jura als Sediment von Lagunen (also als das Altmühltal noch am Meer lag) und wurde schon im 2. Jahrhundert von den Römern als Bodenfliesen verwendet. Aber nach Senefelders Erfindung wurde der Abbau der Lithografiesteine das Hauptgeschäftsfeld. Mittlerweile sind die Vorkommen der Steinplatten mit Lithografie-Qualität nahezu erschöpft. Die Steine, die die Druckerei in Oaxaca besitzt, sind daher auch ihr ganzer Stolz und werden als die Kostbarkeiten behandelt, die sie sind. Nach jeder Druckserie müssen sie für die Aufnahme eines neuen Motivs abgeschliffen werden und werden so ein paar Zehntelmillimeter dünner. Eine Stärke von mindestens 10-12 cm müssen sie aber behalten, um unter dem hohen Druck der Presse nicht zu zerbrechen.



Wir sind völlig fasziniert von den Erklärungen, und dass wir ausgerechnet im fernen Oaxaca so viel neues über fränkische Erfinder und Steinplatten aus dem Altmühltal lernen. Mariana zeigt uns Druckerzeugnisse der vielen lokalen Künstler, die in ihrer Werkstatt ihre Drucke hergestellt haben. In den nächsten Tagen tauchen wir noch etliche Male in der Druckerei auf. Mal haben wir beim Recherchieren Interessantes über Solnhofen oder die Steine herausgefunden (z.B. das Lithografiesteinarchiv im Münchner Landesamt für Digitalisierung, Breitband und Vermessung oder ein Beitrag aus Bayern 3 über den Solnhofener Plattenkalk), was wir unbedingt Mariana zeigen müssen, denn diese plant eine Reise nach Deutschland. Mal zieht es uns zurück an die Schublade mit den Druckerzeugnissen, aus der wir eine Lithografie eines lokalen Künstlers so liebgewonnen haben, dass wir sie am Ende kaufen.

Oaxaca de Juárez

Von Oaxaca hatten wir schon viel gehört und gelesen: sie sei eine der schönsten Provinzen Mexikos mit dem buntesten Kunsthandwerk und der besten Küche des Landes! Das klang nach einem verlockenden Reiseziel, als wir überlegten, im September die Arbeiten auf der Werft um ein paar Tage zu verschieben. Auf der Werft war es noch viel zu heiß, im Hochland von Oaxaca dagegen war Regenzeit angesagt, mit angenehmen frühsommerlichen Temperaturen.

Die Provinz Oaxaca liegt im Südwesten Mexikos auf der Pazifikseite. Hier lebten Zapoteken, Mixteken und Azteken, die in den Jahrhunderten vor der Kolonialisierung durch die Spanier abwechselnd um die Vorherrschaft in diesem Gebiet kämpften. (Mehr über die Geschichte Oaxacas könnt ihr hier nachlesen: https://de.wikipedia.org/wiki/Oaxaca_de_Juarez)

Die Altstadt mit ihren Kathedralen, ehemaligen Klöstern und herrschaftlichen Häusern im spanischen Kolonialstil ist sehr gut erhalten. Die Stadt wirkt sehr lebendig, viele junge Menschen sind unterwegs, es gibt unzählige Galerien mit Kunst und Kunsthandwerk, private und staatliche Museen und Kulturzentren, Bibliotheken. Cafés, Restaurants, Märkte und Straßenhändler beleben das Straßenbild. Und doch ist auch hier das Gefälle zwischen den reichen Nachfahren der Spanier und der armen indigene Bevölkerung sehr hoch. Die Menschen, die am Stadtrand und in den Dörfern im Umland leben, gehören zu den ärmsten von ganz Mexiko.

Alebrijes https://de.wikipedia.org/wiki/Alebrije

Gleich am ersten Tag kamen wir an einem von außen unscheinbaren Gebäude vorbei und schauten neugierig in den üppig begrünten Innenhof. Der Portier bat uns freundlich herein, selbstverständlich könnten wir uns umsehen. Es war ein ehemaliges Convent von Dominikanerinnen, das inzwischen zu einem Luxushotel umgebaut wurde. (Im Laufe der Jahrhunderte diente es allerdings auch als Krankenhaus und Gefängnis). Von den Innenhöfen führten schmale Treppen zu den Zimmern hoch, unter den Arkaden waren die Tische fürs Frühstück gedeckt. Wir liefen alle Innenhöfe ab, bis zum letzten, wo sich der alte überdachte Waschbrunnen befand.

Oaxaca de Juarez hat sich seit Jahrzehnten zu einem der spannendsten Kunst- und Kunsthandwerkszentren Mexikos entwickelt. Hier lebten, lehrten und arbeiteten die bekanntesten Künstler Mexikos, u.a. Rufino Tamayo oder Francisco Toledo. Jeden Tag liefen wir durch die verschiedensten Museen, Galerien und Läden mit Kunsthandwerk und hatten am Ende der sechs Tage doch nicht alle gesehen – dafür aber einige schöne Souvenirs erworben.

Von außen wirken viele Gebäude trotz ihrer bunten Farben abweisend mit verschlossenen hohen Türen, vergitterten Fenstern. Doch wo eine dieser Türen offen stand, schauten wir hinein: die Innenhöfe sind wunderschön gestaltet, z.B. mit kleinen Tischen als Café einer Galerie, mit einem Wasserbecken in der Mitte umrahmt von blühenden Pflanzen im Zentrum für Fotografie, oder gar als luftiger Lesesaal der Kunstbibliothek im Institut der grafischen Künste.

Santo Domingo de Guzman die größte Kathedrale am Platz, beherbergt auch das Museum der Kunst und Kultur Oaxacas, das in dem langgestreckten mehrstöckigen Gebäude des ehemaligen Klosters der Dominikaner eingerichtet wurde.

Hauptattraktion sind die Schätze, die bei Ausgrabungen am Monte Alban, einige Kilometer außerhalb der Stadt, gefunden wurden. Es sind Grabbeigaben, Zeugnisse einer reichen Kultur der Zapoteken: Schmuckstücke aus Gold und Jade, kunstvolle Schnitzereien.

Im rechten Flügel des Erdgeschoss, kann man in den Räume der historischen Bibliothek eine Ausstellung mit traditionellen Gewändern und Stickereien anschauen, im linken Flügel war gerade eine Sonderausstellung über den mexikanischen Hund und seine Darstellung in der Kunst eingerichtet. Da war mir klar, warum draußen vor der Kathedrale eine Gruppe von Hundebesitzern posierte.

Wir buchten eine Führung in englischer Sprache durch den Ethnobotanischen Garten, der auf dem Freigelände des ehemaligen Dominikanerklosters angelegt wurde. Eine Dame aus Kanada, die schon seit vielen Jahren hier lebt, erzählte uns kenntnisreich und humorvoll von den Pflanzen dieses Gartens und verwebte die Botanik mit der Wirtschaftsgeschichte der Provinz. Sie betonte immer wieder, dass Oaxaca über die größte Artenvielfalt des Landes verfügt: die meisten Sorten Mais, Peperoni und Kakteen. Hier wurde auch über einen langen Zeitraum hinweg die Cochinilla-Laus gezüchtet, die auf einer bestimmten Kakteenart lebt und aus der die berühmte und gefragte Purpurfarbe gewonnen wurde. Dieser Blattlaus verdankt Oaxaxa seinen Aufstieg, die Farbe wurde weltweit exportiert und hunderte Webereien arbeiteten vor Ort. Diese Tradition wird auch heute weiter geführt.

Im Textilmuseum ist gerade eine Sonderausstellung mit Ponchos aus Mittelamerika und Südamerika. Wunderschöne Exemplare mit kunstvollen Details.

In diese Woche fallen die Feiertage, an denen mit vielen Festen der Unabhängigkeit Mexikos gedacht wird: die Straßen sind geschmückt und in den Restaurants werden spezielle Menüs mit landestypischen Gerichten angeboten. Es ist auch der Monat, in dem es die „Chile en Nogada“ gibt: mit Hackfleisch gefüllte grüne leicht pikante Paprika garniert mit einer süßen weißen Sauce mit Rosinen und Mandeln. Oaxaca hat drei große überdachte Markthallen, in denen alle kulinarischen Köstlichkeiten der Provinz angeboten werden: der Käse, die berühmte Sauce mit Kakao, Mole genannt, Mezkal, die gerösteten Heuschrecken, viele Sorten von Paprika, Tomaten, Mais, Kakaobohnen und so vieles mehr.

Am vorletzten Tag buchten wir eine Tour: Der Fahrer nahm uns zuerst zu einer Familie mit, die ein paar Kühe außerhalb des Ortes hält und wo wir zusehen konnten, wie der berühmte Käse aus Oaxaca gemacht wird: das Verfahren ist ähnlich wie beim Mozzarella. Hier wird der frische Käse mit heißem Wasser und Salz geknetet und zu langen Strängen geformt, die in kaltem Wasser abkühlen. Danach werden diese Stränge eingerollt und daraus große Käsekugeln geformt. Der Käse hat eine feine angenehme Säure und schmeckt uns fast noch besser als Mozzarella. Vor allem, so wie wir ihn anschließend mit frischen Tortillas und einer hausgemachten scharfen Sauce probieren durften.

Danach fuhren wir weiter zu einer Papiermanufaktur, wo uns eine junge Frau ganz begeistert erklärte, wie sie Papier aus allen möglichen Materialien herstellen, die die Natur der Umgebung hergibt. Hauptabnehmer sind die Hersteller von Mezcal: sie zeigte uns ein Musterbuch mit kunstvoll gestalteten Etiketten, die auf dem handgeschöpften Papier ihres Betriebes gedruckt wurden.

Oaxaca ist eine Provinz der Superlative! Das können wir nach diesen intensiven und von Eindrücken und Erlebnissen übervollen Tagen nur bestätigen.

Hilfsruder Autopsie

Es ist schon viele Monate her. Wir waren dabei, eine Bucht in der Nähe von La Paz zu verlassen, ich legte hart Ruder, um eine enge Linkskurve zu fahren, das Boot kam aber kaum herum. Bis ich das merkte, waren wir schon auf Grund gelaufen, denn so viel Platz war in der Bucht eben nicht. Auslöser des Problems war das Hilfsruder der Windsteueranlage. Muktuk hat ja zwei Ruderblätter, aber nur einen Propeller in der Mitte, hinter dem sich also nicht, wie sonst üblich, ein Ruderblatt befindet. Ohne Ruderblatt, das direkt vom Schraubenwasser angeströmt wird, kann man aber nicht auf engem Raum manövrieren, da bei langsamer Fahrt kaum Ruderwirkung vorhanden ist. Die Lösung auf der Muktuk: das Hilfsruder der Windsteueranlage ist, zumindest wenn wir unter Maschine fahren, über ein Gestänge mit den Hauptruderblättern verbunden, so dass wir nun doch ein – wenn auch kleineres – Ruderblatt haben, das vom Propeller angeströmt wird.

Diese Konstruktion war in der Bucht ausgefallen. Die Ursache war schnell gefunden: der Schaft des Hilfsruders war nicht mehr mit dem Ruderblatt verbunden. Zwar drehte sich über das verbindende Gestänge der Schaft des Hilfsruders, aber eben nicht das Ruderblatt selbst.

In der nächsten Bucht haben wir das Hilfsruder ausgebaut, und den Schaft aus dem Ruderblatt herausgezogen. Er war knapp innerhalb des Ruderblatts gebrochen. Zum Glück war noch ein innerer Stahlkern übrig, der noch fest mit dem Ruderblatt verbunden war. Durch Verschrauben des gebrochenen Edelstahl-Rohrs des äußeren Schaftes mit dem inneren Stahlkern konnten wir das Ganze provisorisch reparieren und wieder einbauen. Aus der nächsten Bucht kamen wir also wieder ohne Grundberührung heraus.

Aber beim nächsten Werftaufenthalt stand eine ordentliche Reparatur des Hilfsruders an. Ich kontaktierte Peter Förthmann, den Hersteller unserer Windsteueranlage, und er gab mir ausführliche Ratschläge und eine detaillierte Anleitung, wie die Reparatur vonstattengehen sollte.

Als erstes befreite ich das Ruderblatt von den über Jahrzehnte aufgebauten Schichten Antifouling. Dann kam der gruselige Schritt, das Ruderblatt rundherum mit der Flex aufzusägen, bis ich die beiden Hälften auseinanderklappen, die Reste des alten PU-Schaums entfernen und den gebrochenen Schaft herausnehmen konnte. Der war nicht nur an einer Stelle gebrochen, sondern hatte auch noch an einer weiteren Stelle bereits Haarrisse. Zudem war er etwas verbogen. Der Schaft ging zum Schweißer, der alles wieder hergerichtet hat.


Für die weiteren Schritte brauchte ich einiges an Material, das alles in Puerto Peñasco nicht zu bekommen war. Erst nach einer eintägigen Einkaufsreise über die US-Grenze nach Phoenix, Arizona, konnte das Projekt fortgesetzt werden. Der Schaft wurde mit Epoxy-Spachtel erst in eine Halbschale des Ruderblatts eingeklebt. Dann wurde die andere Hälfte aufgelegt und ebenfalls mit Epoxy-Spachtel verbunden. Entlang der aufgesägten Trennung wurde das Ruderblatt mit in Epoxidharz getränkten Glasfasermatten verbunden und verstärkt. Nach Ab- und Glattschleifen kamen noch zwei Schichten Gelcoat drauf, um eine glatte Oberfläche und einen zusätzlichen Schutz zu erhalten.



Nun stand die nächste heikle Operation an: der Hohlraum im Inneren musste mit geschlossenporigem PU-Schaum wieder ausgeschäumt werden, damit sich das Ruderblatt im Betrieb nicht mit Wasser füllt. Hierzu habe ich das Ruderblatt senkrecht gestellt, mit etlichen Schraubzwingen und Keilen in Form gehalten, oben ein Loch gebohrt und mit einem Trichter die angerührte PU-Mischung eingefüllt. Das muss sehr schnell gehen, denn 60 Sekunden nach dem Zusammenschütten der beiden Komponenten fängt das Zeug an zu schäumen. Das sind also 15 Sekunden zum Vermischen und 45 Sekunden zum Einfüllen. Und man darf nicht zu viel nehmen, sonst zerbirst das Ruderblatt unter dem Druck des sich aufblähenden Schaums. Ich habe das in drei Etappen gemacht, bis nach der letzten Runde gerade mal ein kleines bisschen Schaum aus der Einfüll-Öffnung herauskam.

Nun musste nur noch das Loch verschlossen, das Schraubenloch von der provisorischen Erstreparatur gefüllt und das Ruderblatt mit drei Lagen Antifouling gestrichen werden – fertig zum Einbau.

Ich war jedenfalls ganz schön froh, als das Ding wieder an einem Stück und an Ort und Stelle war.

 

Puerto Peñasco

Von Puerto Refugio sind es noch rund 100 Seemeilen bis nach Puerto Peñasco. Dort haben wir in der zweiten Junihälfte mit der Werft „Astilleros Cabrales“ einen Termin ausgemacht, um die Muktuk aus dem Wasser zu heben.

Die ersten Stunden fahren wir unter Motor und sammeln ein paar müde Möwen ein, die es sich vorne am Bug gemütlich machen. Wie bei ihnen üblich, geht das nie ohne Geschrei und Gezeter ab, alle wollen die begehrten Plätze in der ersten Reihe haben.

Nach einer Nachtfahrt erreichen wir unser Ziel: draußen vor dem Strand ist es zu schaukelig zum Ankern, also versuchen wir unser Glück im Hafen. Wir drehen vorsichtig eine Runde im engen Hafenbecken und suchen einen Platz, wo wir bis zum nächsten Tag fest machen können. Links liegt die Flotte der Krabbenfischer, rechts sind die touristischen Ausflugsboote, daneben eine kleine Marina und am Kopfende befindet sich der Kanal der Werft.

Dann kommt schon Jean in seinem Dinghi angebraust. Er hat für seine Motoryacht einen festen Platz in der Marina und hat uns gleich gesehen, als wir herein kamen. Wir hatten ihn und seine Freundin vor ein paar Wochen in einer Ankerbucht kennen gelernt, jetzt organisiert er in seiner spontanen hilfsbereiten Art gleich einen Platz für uns. Die Marina besteht nur aus einem Steg und ist voll belegt, aber wir können längsseits bei einem anderen Segelboot festmachen, das auch auf die Werft soll. Perfekt!

Am nächsten Tag soll es bei Hochwasser am frühen Nachmittag soweit sein: Mit Salvador, dem jungen Chef der Werft, ist alles abgesprochen, Leinen und Fender sind schon zurecht gelegt, die Markierungen für die Schlaufen des Lifts geklebt. Doch mittags hören wir einen lauten Knall und wenig später erhalten wir eine Nachricht von Salvador, dass wir uns noch etwas gedulden müssten, ein Reifen am großen Travellift sei geplatzt und müsse erst repariert werden. Zum Glück kam niemand zu Schaden, und glücklicherweise hat der Travellift auf jeder Seite doppelte Reifen, so dass das Boot, das transportiert wurde, heil blieb.

Unser Nachbarboot kann mit dem zweiten, kleineren Travellift der Werft an Land gehoben werden, die Muktuk mit ihren 26 Tonnen muss warten. An diesem Tag klappt es nicht mehr, und auch am nächsten Tag nicht. Die Reifen stammen wohl von Boeing Flugzeugen und werden nicht mehr hergestellt, also muss die Werft improvisieren: sie probieren es mit Flicken und Ausschäumen, was nur kurzfristig hilft. Irgendwann finden sie noch gebrauchte Räder in Phoenix, USA.

Wir haben in den letzten Jahren gelernt, flexibel zu sein. Viele Arbeiten müssen am Schiff erledigt werden, ganz unabhängig davon, ob wir auf der Werft stehen oder nicht: Rost klopfen und das Deck streichen geht auch am Steg.

Die meisten Boote, die den Sommer über während der brüllend heißen Zeit an Land stehen, sind in weiße Plastikfolie eingepackt. Das sieht nicht schlecht aus, aber wir brauchen eher einen Sonnenschutz, unter dem wir auch arbeiten können. Wieder ist es Jean, der seine Hilfe anbietet: er fährt uns mit seinem Auto von Laden zu Laden, bis wir endlich den richtigen Stoff finden. Dann verbringt Andreas ein paar Tage lang mit Zuschneiden, Anpassen und Nähen: viele Meter Material müssen gesäumt, Ösen geschlagen und Bänder angenäht werden. Als alles fertig ist, sind wir dankbar für den Schatten an Deck.

Jeden Abend kurz vor Sonnenuntergang fahren die Partyboote mit viel Getöse und Musik los und jeden Abend um die Zeit suchen sich die Pelikane ein Plätzchen zum Schlafen. Am liebsten sitzen sie in luftiger Höhe, etwa auf den Holzpfählen nebenan oder auf den Booten der Küstenwache und der Krabbenfischer. Nach einigen Tagen allerdings entdecken die Pelikane einen neuen Schlafplatz: die Mastspitzen der Muktuk. Nachdem sich der erste Pelikan nieder gelassen hat, kommen gleich ein paar weitere hinzu und setzen sich sogar aufs Genickstag (das feste Drahtseil, das oben zwischen den beiden Masten gespannt ist). Wir klopfen an den Mast, machen Lärm, schlagen mit den Leinen, es beeindruckt sie überhaupt nicht. Sie schauen nur neugierig nach unten, lüften einen Flügel und machen es sich noch bequemer. Wie so ein Deck am Morgen aussieht, nachdem ein paar Pelikane die ganze Nacht lang Fisch verdaut haben? Beschissen! Dieser Vogeldreck stinkt bestialisch nach fauligem Fisch, trocknet im Nu und wird hart wie Zement. Wir bürsten den Stoff des Schattendachs ab und atmen dabei unfreiwillig das ätzende Guano ein. So geht das nicht weiter! Aber was tun? Andreas steigt am nächsten Tag hoch in den Mast und spannt eine feste Angelleine ein paar Zentimeter über das Genickstag von Mastspitze zu Mastspitze. Das hatte vor einigen Jahren bei den Fregattvögeln gewirkt. Die Pelikane lassen sich davon auch nicht stören, sie drücken mit ihrem Gewicht und den breiten Flossen die Leine einfach runter.

In den Buchten haben wir den Pelikanen so gerne beim Jagen zugeschaut, hunderte Fotos von ihren Sturzflügen gemacht und die eleganten Formationen bewundert, in denen sie hintereinander ganz knapp über der Wasseroberfläche hinweg flogen. Aber ihre Notdurft müssen sie ja nicht gerade über uns verrichten. Nachdem sie sich nun auch tagsüber auf der Muktuk ausruhen wollen, reicht es uns: Andreas fährt mit Jean in die Stadt und findet tatsächlich eine Schleuder (Zwille). Nach einigen Versuchen hat Andreas den richtigen Winkel heraus und schießt mit Kichererbsen auf die Vögel. Endlich wird es den Pelikanen zu ungemütlich und sie fliegen weg. Ihr Nachrichtensystem muss gut funktionieren, zwei Runden Kichererbsen haben ausgereicht, sie kommen nicht wieder!!!

Nach einer guten Woche ist der Travellift wieder mit funktionierenden Reifen bestückt. Die Werftarbeiter schieben Überstunden, um den Bootsstau zu bewältigen. Muktuk ist das letzte Boot, das an diesem Tag aus dem Wasser gehoben wird. Die Nacht über bleiben wir im Lift hängen, am nächsten Morgen werden wir zu unserem Platz weiter hinten rangiert.

Hier bleibt die Muktuk nun ein paar Wochen stehen, bis wir wieder aus Deutschland zurück kommen.

Bahia de los Angeles

Wenige Meilen weiter nördlich, nur einen kurzen Tagestrip von unserer Lieblingsbucht entfernt, befindet sich die einzige Ortschaft weit und breit. Sie heißt genauso wie die Bucht, in der sie liegt: Bahia de los Angeles.

Es ist ein ruhiger Ort, der in der Mittagshitze wie ausgestorben wirkt. Nur ab und zu fährt ein Auto die breite Hauptstraße entlang. Zwei Supermärkte, zwei Hotels, ein Museum, eine Handvoll Restaurants und Imbisse, die Hälfte davon geschlossen. Die meisten Touristen hier sind Camper aus den USA, die mit kleinen Motorbooten auf dem Anhänger hierher kommen und raus aufs Wasser fahren, um zu angeln.

Hier in der Bucht befindet sich die einzige Wasserquelle im Umkreis von mehreren hundert Kilometern, mit ein Grund, weshalb sich die Cochimi, die Ureinwohner, hier niederließen. Archäologen fanden außerdem Zeugnisse einer Nomadenkultur, die über 6.000 Jahre alt sein soll. Bis 19. Jahrhundert wurde immer mal wieder mühsam etwas Bergbau betrieben. Aber anders als im südlicher gelegenen Santa Rosalia, reichte die Infrastruktur nicht aus, um das Silber und andere Metalle in größerem Stil zu verarbeiten bzw. per Schiff wegzubringen.
Auch heute ist Bahia des los Angeles immer noch nicht ganz erschlossen, oder angeschlossen: es gibt zwar eine kleine Landebahn für Privatflugzeuge, aber keine Busverbindung. Und es gibt immer noch keine Mobilfunkmasten, nur in den beiden Hotels und bei „Guillermo’s“, dem Restaurant am Strand, kann man ins Internet. An manchen Tagen fällt der Strom aus, dann gibt es auch kein Internet und alle müssen warten, bis der Techniker angereist kommt. Und nur einmal pro Woche, jeden Freitag, kommt ein LKW, der die beiden Supermärkte mit frischem Obst und Gemüse beliefert. Alle Segler, die in dieser Gegend unterwegs sind, so wie wir auch, kommen in regelmäßigen Abständen hier vorbei wegen Internet, frischem Trinkwasser und Proviant.
Am meisten beeindruckt hat uns das örtliche Museum: eine Mischung aus Heimatmuseum und Naturkundemuseum: eine Fülle an Ausstellungsobjekten zur Ortsgeschichte und eine beeindruckende Sammlung an Muscheln, Schnecken, Seesternen, Seeigeln und anderen Meeresbewohnern sind hier zu bestaunen.

Gleich um die Ecke befindet sich ein sogenanntes „hurrican hole“, die rundum geschützte Ankerbucht Don Juan. Vor allem bei starken Nordwinden bietet sie perfekten Schutz. In der südlichen Ecke der Bucht ist ein großer ebener Sandstrand, wo wir die Muktuk trocken fallen lassen, um das Unterwasserschiff zu putzen.

Wanderung in der Bucht Don Juan

Weitere fünf Seemeilen in Richtung Nordosten der Bahia de Los Angeles liegen ein paar kleinere Inseln, die zum Biosphärenreservat „San Lorenzo“ gehören.

Vom Strand der Isla Ventana geht ein schmaler Pfad einen Hügel hoch und führt dann über ein Plateau hinweg bis zur anderen Seite der Insel. Auf dem Rückweg nehmen wir einen Umweg und gehen zu einem der Gipfel der Insel hoch. Von hier aus haben wir einen Rundumblick auf die Inselwelt und können den Vulkankegel der Nachbarinsel sehen, der an diesem Spätnachmittag über dem Nebel zu schweben scheint.

In diesen Wochen lernen wir einige sehr nette Segler kennen, mit denen wir abends an Deck zusammen sitzen, uns zu einem Lagerfeuer am Strand verabreden oder zu einer Wanderung auf den Vulkankegel.

Unser letzter Stopp in dieser abgelegenen Ecke der Baja California ist die Bucht Puerto Refugio am nördlichen Ende der Isla Angel de la Guardia. Es wird langsam Zeit, die Muktuk in ihr Sommerlager auf die Werft zu bringen.

Bahia de las Animas

Von Anfang Mai bis Mitte Juni sind wir in der nördlichen Hälfte des Golfs von Kalifornien. Unsere absolute Lieblingsecke ist Punta Izlote in der Bahia des las Animas (Bucht der Seelen, hier sollen die Ureinwohner in Höhlen die Toten begraben haben).

Gleich am ersten Tag treffen wir Dean aus den USA, der mit seinen beiden Hunden am Strand unter den Bäumen sein Lager aufgeschlagen hat und hier den Jahresurlaub verbringt. Zu dieser Bucht führt zwar eine sandige Straße, aber es verirren sich ganz selten andere Campingurlauber hierher, es scheint ein absoluter Geheimtipp zu sein.

Dean zeigt uns die Stellen im Schotter vor der Lagune, wo man bei Niedrigwasser nach Venusmuscheln graben kann. Und wenn mit der Flut Wasser durch den Kanal in die Lagune fließt, kann man nach den „blue crabs“, Krebse mit blauweiß gefärbten Scheren, Ausschau halten. Allerdings sollte man besser mit Gummistiefeln im seichten Wasser unterwegs sein, denn mit den Krebsen sind auch kleine Stechrochen unterwegs und die wehren sich auf sehr schmerzhafte Art und Weise, wenn man unbeabsichtigt auf sie drauf tritt.

An der Nordostecke der Bucht befindet sich eine vorgelagerte Felsinsel, auf ihrer Brandungsseite kann Andreas zuverlässig jeden Abend einen grouper (Barsch) fangen. Oft schwimmen Fische ums Boot herum, mal sind es Schwärme kleiner Fischchen, ein anderes Mal springen größere Exemplare herum. Und auch nachts hören wir immer mal wieder ein Plätschern und Hüpfen.

Und dann lernen wir auch Horacio aus Tijuana kennen, der in dieser Bucht Jakobsmuscheln züchtet: er hat Bojen ausgelegt, an denen die Körbe mit Muscheln hängen. Die ausgewachsenen Exemplare bringt er zu einem Gourmet-Restaurant in Ensenada. Horacio kann viel von dieser Gegend und der Unterwasserwelt erzählen. Es ist sehr selten, dass wir jemanden treffen, der so gut Bescheid weiß.

Bei Niedrigwasser fällt die Lagune fast ganz trocken und dann kommen tausende kleiner „fiddler crabs“ (Winkerkrabben) aus ihren Löchern gekrochen. Das Besondere an dieser Art ist die asymetrische große Schere. Die Krabben hier sind winzig klein, es gibt sie aber auch in anderen Farben und Größen in anderen Teilen der Welt.

Nachts hören wir die Kojoten jaulen und miteinander kämpfen. Manchmal sehen wir sie auch tagsüber am Strand entlang laufen. Wie sie in dieser Wüste überleben ist uns ein Rätsel. In manchen Nächten gibt es Tau, das ist die einzige Feuchtigkeit, mit der die Pflanzen und Tiere auskommen müssen.

Fast täglich drehen einheimische Fischerboote ihre Runden in den Buchten, schauen konzentriert ins Wasser, ob Fischschwärme unterwegs sind. An einer geschützten Stelle der Landspitze befindet sich ein aufgelassenes Fischercamp, zusammengefallene Häuser, alte Boote und auf einer kleinen Anhöhe weithin sichtbar eine kleine Kapelle, gebaut überwiegend aus dem, was die Umgebung hergab.

Alle Fische – Groß und klein

Hier in der nördlichen Hälfte des Golfs von Kalifornien versammeln sich im Frühling riesige Schwärme von Sardellen. Manchmal sind sie noch so klein, dass sie fast nur aus Augen bestehen, Kaulquappen ähnlich, ein anderes Mal schon fast fingergroß. Sie bilden ein wichtiges Glied in der komplizierten Nahrungskette des Meeres. Treffen nun größere Raubfische, Delfine und diese Fischschwärme aufeinander, ergibt das ein großartiges Spektakel.

Schon aus der Ferne sieht man alle möglichen Vögel in einer ungewöhnlichen Anzahl und Dichte: Pelikane, Möwen, Seeschwalben, Tölpel, Sturmvögel, alle stürzen sich mehr oder weniger todesmutig ins Wasser, um Fische zu kriegen. Sie alle profitieren davon, dass die Delfine die Sardellen einkreisen und zusammentreiben, um dann konzertiert und konzentriert zu jagen. Und das nicht als kleiner Schwarm. Hunderte von Delfinen schwimmen auf einer riesigen Fläche kreuz und quer, hüpfen aus dem Wasser und fallen mit einem großen Platsch wieder rein, manchmal weniger elegant als sonst, meinen wir. Vielleicht, weil sie damit die kleinen Fische weiter zusammentreiben können.

Als wir das erste Mal aus der Ferne diesen Aufruhr im Wasser entdeckten, fuhren wir näher heran, um dieses Gewusel besser beobachten zu können. Normalerweise freuen sich die Delfine, wenn die Muktuk ihren Weg kreuzt, sie lieben es, vorne am Bug mit uns bei mit 4-5 Knoten Geschwindigkeit mitsurfen können. Dieses Mal aber ging die Jagd vor, kein einziger Delfin interessierte sich fürs Surfen. Wir hielten unsere Fotoapparate bereit und versuchten, so viel und so gut wie möglich, dieses faszinierende Schauspiel festzuhalten.

Ein paar Tage später bei der Isla Carmen war die ganze Bucht gepackt voll mit Schwärmen von Sardellen. Um die Muktuk herum, soweit wir sehen konnten. Als wir beim Mittagessen saßen, hörten wir ein ungewohntes Geräusch, ein Blubbern und Klicken und Platschen. Wir hoben die Bodenbretter im Cockpit auf und entdeckten, dass sich im Kielkasten viele Fischchen „verkrochen“ hatten, in der Hoffnung, den Räubern für eine Weile zu entkommen. Auch am Heck bei den Ruderblättern versammelten sich Sardellen, ebenfalls Schutz suchend im Schatten des Bootes, so viele, dass das Wasser fast schwarz davon war. Andreas holte den Kescher, tauchte ihn versuchsweise ins Wasser und hatte sofort das Netz voller Sardinen. Ein zweites Mal im wahrsten Sinne „aus dem Vollen schöpfen“ und dann musste er schon wieder aufhören, denn er hatte bereits einen Plastikeimer voll! Gut, dass in der Bucht noch fünf weitere Boote vor Anker lagen und wir unsere Beute mit ihnen teilen konnten.

Für uns blieben trotzdem noch reichlich Sardellen übrig – so fangfrisch hatten wir sie noch nie gegessen!

Sally Lightfoot

Many people have spoken at length of the Sally Lightfoots. In fact, everyone who has seen them has been delighted with them. The very name they are called by reflects the delight of the name. These little crabs, with brilliant cloisonné carapaces, walk on their tiptoes. They have remarkable eyes and an extremely fast reaction time. In spite of the fact that they swarm on the rocks at the Cape, and to a less degree inside the Gulf, they are exceedingly hard to catch. They seem to be able to run in any one of four directions; but more than this, perhaps because of their rapid reaction time, they appear to read the mind of their hunter. They escape the long-handled net, anticipating from what direction it is coming. If you walk slowly, they move slowly ahead of you in droves. If you hurry, they hurry. When you plunge at them, they seem to disappear in little puffs of blue smoke—at any rate, they disappear. It is impossible to creep up on them. They are very beautiful, with clear brilliant colors, reds and blues and warm browns. We tried for a long time to catch them. Finally, seeing fifty or sixty in a big canyon of rock, we thought to outwit them. Surely we were more intelligent, if slower, than they. Accordingly, we pitted our obviously superior intelligence against the equally obvious physical superiority of Sally Lightfoot. Near the top of the crevice a boulder protruded. One of our party, taking a secret and circuitous route, hid himself behind this boulder, net in hand. He was completely concealed even from the stalk eyes of the crabs. Certainly they had not seen him go there. The herd of Sallys drowsed on the rocks in the lower end of the crevice. Two more of us strolled in from the seaward side, nonchalance in our postures and ingenuousness on our faces. One might have thought that we merely strolled along in a contemplation which severely excluded Sally Lightfoots. In time the herd moved ahead of us, matching our nonchalance. We did not hurry, they did not hurry. When they passed the boulder, helpless and unsuspecting, a large net was to fall over them and imprison them. But they did not know that. They moved along until they were four feet from the boulder, and then as one crab they turned to the right, climbed up over the edge of the crevice and down to the sea again.

Man reacts peculiarly but consistently in his relationship with Sally Lightfoot. His tendency eventually is to scream curses, to hurl himself at them, and to come up foaming with rage and bruised all over his chest. Thus, Tiny, leaping forward, slipped and fell and hurt his arm. He never forgot nor forgave his enemy. From then on he attacked Lightfoots by every foul means he could contrive (and a training in Monterey street fighting had equipped him well for this kind of battle). He hurled rocks at them; he smashed at them with boards; and he even considered poisoning them. Eventually we did catch a few Sallys, but we think they were the halt and the blind, the simpletons of their species. With reasonably well-balanced and non-neurotic Lightfoots we stood no chance.

(John Steinbeck: The Log from the Sea of Cortez. Penguin Books, 1986. Seite 72-73)

Viele haben ausführlich über Sally Lightfoots berichtet. Jeder, der sie kennt, ist entzückt von ihnen. Dieses Entzücken spiegelt sich schon in ihrem Namen wider. Diese kleinen Krebse mit ihrem prächtigen Cloisonné-Panzer laufen auf Zehenspitzen. Sie haben bemerkenswert gute Augen und eine extrem schnelle Reaktionen. Obwohl die Felsen am Kap und in etwas geringerem Ausmaß auch im Golf geradezu von ihnen wimmeln, sind sie äußerst schwer zu fangen. Sie scheinen in alle vier Richtungen laufen zu können; aber schlimmer noch: wohl wegen ihrer blitzartigen Reaktion können sie anscheinend die Gedanken ihres Jägers lesen. Sie entkommen dem langstieligen Netz, denn sie sehen die Richtung vorher, aus der es kommt. Geht man langsam, läuft die Schar langsam vor einem her. Läuft man schnell, werden sie ebenfalls schneller. Stürzt man sich auf sie, scheinen sie in einer kleinen blauen Staubwolke zu verschwinden – jedenfalls sind sie dann weg. Es ist unmöglich, sich an sie anzuschleichen. Sie sind wunderschön, mit klaren, brillanten Farben aus Rot-, Blau- und warmen Brauntönen. Wir versuchten lange, sie zu fangen. Als wir schließlich fünfzig, sechzig von ihnen in einer großen Felsspalte sahen, planten wir, sie zu überlisten. Immerhin sind wir doch intelligenter als sie, wenn auch langsamer. Demzufolge setzten wir unsere offensichtlich überlegene Intelligenz gegen die ebenso offensichtliche physische Überlegenheit der Sally Lightfoots ein. Am oberen Ende der Spalte ragte in der Nähe ein Felsbrocken empor. Einer aus unserer Gruppe nahm heimlich einen Umweg und versteckte sich mit dem Netz in der Hand hinter dem Felsen. Er war komplett vor den Stielaugen der Krebse verborgen, und mit Sicherheit hatten sie ihn nicht in Stellung gehen sehen. Die Schar von Sallys döste auf den Felsen am unteren Ende der Felsspalte. Wir beiden anderen schlenderten von der Seeseite aus heran, in lässiger Körperhaltung und mit unschuldiger Mine. Man hätte denken können, dass wir nur so dahin spazierten, versunken in Gedanken, die mit Sally Lightfoots nicht das Geringste zu tun hatten. Nach einer Weile bewegte sich der Schwarm ebenso lässig vor uns her. Wir ließen uns Zeit, sie ließen sich Zeit. Sobald sie – hilflos und nichts Böses ahnend – den Felsbrocken passierten, würde sich ein großes Netz auf sie stürzen und sie gefangen nehmen. Aber davon wussten sie nichts. Sie liefen weiter, bis sie einen guten Meter vor dem Felsen waren, um dann – wie auf Kommando – alle gemeinsam rechts abzubiegen und über die Klippe der Spalte hinweg in Richtung See zu verschwinden.

In seiner Beziehung zu Sally Lightfoot verhält sich der Mensch auf eigentümliche, aber gleichbleibende Weise. Letztendlich neigt er dazu, Flüche herauszuschreien, sich auf sie zu stürzen, um am Ende vor Wut schäumend und mit blauen Flecken am Oberkörper dazustehen. Auch [unser Kamerad] Tiny sprang nach vorne, rutschte aus, fiel, und verletzte sich am Arm. Nie hat er seither seine Feinde vergessen oder ihnen vergeben. Seit damals attackierte er Sally Lightfoots auf jede erdenkliche und hinterhältige Weise (sein Training in den Straßenkämpfen Montereys kam ihm für diese Art von Kampf sehr zugute). Er bewarf sie mit Steinen, schlug mit Brettern nach ihnen, und überlegte sogar, sie zu vergiften. Zu guter Letzt fingen wir doch noch ein paar Sallys, aber wir glauben, dies waren die Lahmen und Blinden ihrer Art. Gegen halbwegs ausgeglichene und nicht-neurotische Lightfoots hatten wir keine Chance. (Übersetzt von Andreas)

Deutsche Segelschiffe in Santa Rosalia

Wir haben in Santa Rosalia einen kleinen, verschlafenen Hafen vorgefunden, in dem so wenig los war, dass wir sogar mitten im Hafenbecken ankern konnten. Doch das war Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts völlig anders.

Zur Verhüttung des Kupfererzes wurden große Mengen an Koks benötigt, außerdem Kohle für die Dampfmaschinen und die Eisenbahn. Beides war in Mexiko Mangelware und wurde aus Europa herangeschafft. Jahr für Jahr machten sich zwanzig bis dreißig Großsegler, teils unter deutscher, teils unter britischer Flagge, auf große Fahrt ins ferne Mexiko. Der Panama-Kanal war noch nicht fertiggestellt, und so dauerte die Reise rund Kap Horn mindestens vier, häufig auch fünf oder sechs Monate.

[Das Vollschiff FLOTIBEK war schon 1895 in Santa Rosalia und machte 1903 eine Reise von Hamburg nach Santa Rosalia in llB Tagen. (Foto: National Maritime Museum, Greenwich)]

[Ausreise der Viermastbark SCHÜRBEK 7913 nach Santa Rosalia und Portland/Or.]

Koks und Kohle stammten überwiegend aus dem Königreich Sachsen, wurden per Binnenschiff nach Hamburg transportiert und dort in die großen Segelschiffe, meist Viermastbarken von 2.000 bis 3.000 Bruttoregistertonnen, verladen. Diese Großsegler waren die letzte Generation ihrer Art, denn die Dampfschifffahrt machte den Seglern bereits viele Marktanteile streitig. Auf der Strecke nach Mexiko und zur amerikanischen Westküste war das Dampfschiff allerdings noch unrentabel. Grund waren die hohen Treibstoffkosten: Bunkerkohle, die in Südamerika einfach zu teuer war.

[Die britische Viermastbark ANDORINHA lädt im Juli 1906 Preßkohle und Koks aus Waggons und einem Elbkahn (Foto: Slg. F. W. Arnemann)]

So kam den deutschen Reedern die Koksfahrt nach Santa Rosalia wirtschaftlich sehr gelegen. Auf der Rückreise hatten sie die Auswahl zwischen Getreide und Holz von der nordamerikanischen Westküste, Salpeter aus Chile (Rohstoff für Dünger und Schießpulver), oder eben auch Kupfer aus Santa Rosalia.

Die Kupferbarren waren allerdings so schwer, dass die Segler ein ganz ungewohntes Problem bekamen. Normalerweise möchte man ja für die Stabilität des Schiffes viel Ballast möglichst tief im Rumpf. Mit einer Ladung Kupfer lag der Schwerpunkt aber so tief, dass das Schiff zu steif wurde und dem Winddruck nicht mehr ausreichend ausweichen konnte – in den Böen brach die Takelage. Um das Problem zu lösen, wurde der Laderaum durch Holzgerüste künstlich angehoben und das Kupfer etwas höher gestaut.

Aber es gab auch andere Gefahren. So ruhig der Golf von Kalifornien auch im Normalfall sein mag, bei den Sommerstürmen konnte der Anker slippen und das Schiff wurde auf die Felsen gesetzt. Oder der Kapitän geriet bei auflandigem Wind auf Legerwall und konnte sich nicht freisegeln. Und saß so ein Großsegler erst einmal auf Grund, war das Schiff meist verloren, denn in Mexiko gab es keine Schlepper, die stark genug waren, um es wieder freischleppen zu können. Doch der Profit dieser Reisen muss wohl hoch genug gewesen sein, um die Risiken aufzuwiegen.

Die Besatzungen der Kokssegler teilten den Enthusiasmus ihrer Reeder allerdings eher nicht. Die lange Reise über 15.000 sm, die eintönige Verpflegung für vier bis sechs Monate, ungemütliche und gefährliche Reiseabschnitte in Nordsee, Ärmelkanal und rund Kap Horn, die nicht selten für Verletzungen und Todesfälle sorgten. Und war man erst einmal im Golf von Kalifornien, das Ziel nur noch 350 sm entfernt, kämpften sie oft wochenlang bei Windstille oder leichtem Gegenwind für eine Strecke, die bei günstigem Wind zwei Tage gedauert hätte. Und das bei tropischer Hitze, knappen Wasservorräten und häufigen Fieberkrankheiten. Kein Wunder, dass so mancher Seemann am Ziel desertierte, obwohl die Wüstengegend auch nicht gerade einladend war.

Der Ausbruch des ersten Weltkriegs beendete die deutsche Schifffahrt nach Übersee und damit auch die deutsche Koksschifffahrt von Hamburg nach Santa Rosalia. Zwölf deutsche Segelschiffe befanden sich zu diesem Zeitpunkt in Santa Rosalia oder auf dem Weg dorthin. Manche trafen mit völlig ahnungslosen Besatzungen ein und erfuhren von den Franzosen, dass ihre Länder sich im Krieg befinden. Mexiko war nicht am Krieg beteiligt, und so konnte sich die Besatzung frei an Land bewegen, aber die Schiffe konnten die neutralen Gewässer des Golfs von Kalifornien nicht verlassen. Kurz vor Kriegsende befahl die deutsche Regierung den Kapitänen die Zerstörung der Schiffe, der Befehl traf aber wohl nicht vor der Kapitulation ein und wurde daher nicht ausgeführt. Im Versailler Vertrag fielen die Schiffe als Reparationsleistung an Frankreich, Italien und Großbritannien. In diesen Ländern war aber kein Reeder bereit, die über fünf Jahre nicht instandgesetzten Schiffe zu übernehmen, so dass die meisten an eine amerikanische Reederei verkauft und bald abgetakelt wurden.

Nach dem ersten Weltkrieg war die Zeit der Großsegler endgültig vorbei. Der Panamakanal war 1914 eröffnet worden, die Dampfschifffahrt hatte auch auf der Koksroute nach Mexiko gewonnen. Schade eigentlich – wir hätten gerne unseren Liegeplatz im Hafen von Santa Rosalia mit ein paar deutschen Viermastbarken geteilt und Seemannsgarn ausgetauscht.

Wer mehr über diese spannende Zeit erfahren will – die meisten Informationen stammen aus dieser Quelle: Burmester, H. (1987). Segelschiffsreisen nach Santa Rosalia. Deutsches Schiffahrtsarchiv, 10, 37-76. https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0168-ssoar-55876-6

Kupfer in Santa Rosalia

Im Jahre 1868 entdeckte José Rosas Villavicencio, ein mexikanischer Viehzüchter, in der Nähe des heutigen Städtchens Santa Rosalia ein paar merkwürdig aussehende Gesteinsbrocken. Er zeigte sie dem Kapitän eines in Guaymas vor Anker liegenden Schiffes, der zwei Deutsche dazu holte, um die Steine zu begutachten. Diese boten dem Bauern Geld, damit er ihnen die Fundstätte dieser Steine zeigte. Es handelte sich nämlich um Erz mit einem recht ansehnlichen Kupfergehalt von 20 bis 25%. In den folgenden Jahren wurde das Kupfererz zunächst durch ein mexikanisch-deutsches Unternehmen in geringem Umfang und nur im Tagebau gefördert, anscheinend aber mangelte es dieser Firma an fast allem: Kapital, Ausrüstung und Fachkenntnis. Ohne Hüttenwerk war es auch unrentabel, das Erz zu verschiffen, und als dann noch der fallende Kupferpreis dazukam, ging das Unternehmen 1879 pleite.


Das inzwischen nach Europa (hauptsächlich Schweden und England) exportierte Kupfererz weckte aber das Interesse der Rothschild-Familie. Zu dieser Zeit war der Weltmarkt für Kupfer von einem einzigen Hersteller bzw. einer einzigen Mine dominiert: Rio Tinto in Spanien. Rothschild beauftragte zwei französische Ingenieure damit, die Erzvorkommen in der Baja California zu untersuchen, und ausgestattet mit einem Startkapital von 12 Millionen Franc wurde die „Compania del Boleo“ als Aktiengesellschaft gegründet, die 1885 die Konzession zum Kupferabbau erhielt.

Die mexikanische Regierung versprach sich davon die Erschließung dieses bisher unbesiedelten Landstrichs und gewährte der neuen Firma Steuerfreiheit für 70 Jahre. Neben der Infrastruktur für den Erzabbau und die Kupferhütte errichtete „El Boleo“ auch Unterkünfte für die Arbeiter und französischen Ingenieure – der Ort Santa Rosalia entstand, und eine Landungsbrücke für Schiffe wurde erbaut, die Keimzelle des heutigen Hafens. 1892 hatte Santa Rosalia bereits 600 Einwohner, zwanzig Jahre später schon über 6000. Selbst eine Kirche wurde herangeschafft, aus Einzelteilen zusammengesetzt und von niemand geringerem als Gustave Eiffel entworfen. Eben genau das Richtige für französische Ingenieure!

Ende des 19. Jahrhunderts produzierte Santa Rosalia bereits 11.000 Tonnen Kupfer pro Jahr, die Hälfte der mexikanischen Produktion. Die Abbaubedingungen waren dennoch primitiv. Maschinen oder Sprengstoff kamen nicht zum Einsatz, stattdessen Handbohrer und Spitzhacke. Nur die einheimischen Yaquis aus Sonora waren der Hitze gewachsen und wurden – nur mit Lendenschurz bekleidet – unter Tage geschickt, viele erkrankten und starben aufgrund der extremen Arbeitsbedingungen.


Das Hüttenwerk war dagegen seit seiner Erbauung stets „state of the art“. Anfangs wurde das Erz nur zerkleinert und in Hochöfen verhüttet, bald kamen aber auch Konverter dazu, bei denen in das noch flüssige Rohkupfer Luft eingeblasen und die Unreinheiten damit verbrannt wurden. Am Ende blieb 98% reines Kupfer übrig, das in Barren gegossen wurde. Der als „Abfallprodukt“ entstehende Hochdruck-Dampf trieb Maschinen sowie Generatoren zur Stromerzeugung an. Die im Hochofen anfallende Schlacke wurde über Förderbänder zu einem Verladeturm am Hafen transportiert, auf Schiffe verladen und ins Meer geschüttet. Noch heute ist das Hafenbecken durch Wellenbrecher aus Schlacke geschützt.

Als nach siebzig Jahren die Steuerfreiheit von El Boleo auslief, machte die Firma 1954 dicht, die Minen wurden in Folge von mexikanischen, kanadischen und zuletzt koreanischen Betreibern weiter genutzt. Auch die Kupferhütte blieb noch bis in die 1970er Jahre in Betrieb. Das Gebäude ist mittlerweile recht verfallen, und in Deutschland wäre es aus Sicherheitsgründen sicher gesperrt und mit allerlei Zäunen umgeben. Hier in Mexiko sieht man das nicht so eng. Wir können auf dem ungesicherten Gelände herumgehen und die riesigen Anlagen und Maschinen bestaunen. Man muss eben selber zusehen, dass man nirgends einbricht und dass einem nichts auf den Kopf fällt.


Peppino, ein mittlerweile 85-jähriger ehemaliger Angestellter von El Boleo, führt uns in der Maschinenhalle herum, erklärt uns den Verhüttungsprozess und beantwortet geduldig unsere Fragen. Am Ende der Führung steigt er wieder in sein Taxi – denn aktuell verdient er mit Taxifahren sein Geld. Wir laufen noch lange in der Ruine der Anlage herum, schießen unzählige Fotos und bewundern die massiven, verrosteten Maschinenteile. Das Hüttenwerk flößt uns noch immer Respekt ein, Respekt vor der Ingenieursleistung, aber auch vor ihrer schieren Dimension. Ein befreundeter Segler, der mit uns zusammen die Anlage besichtigt, findet die passende Beschreibung: wie ein großes, mächtiges totes Tier.