Zahnersatz

Weil wir auf der Überfahrt nach Japan praktisch durchgehend schönen Wind hatten, segelten wir mit der Windsteueranlage. Das war auch gut so, denn unser Autopilot hat zuletzt endgültig seinen Geist aufgegeben. Eine eigentlich sehr pfiffige Konstruktion überträgt die Drehung des Motors über vier Kunststoffzahnräder auf das Ritzel. Dieses Getriebe hat schon auf der Fahrt nach Guam fürchterlich geknirscht, denn die Zähnchen aus Plastik sind mit der Zeit abgeschliffen und drehen durch. Ich hatte bereits vor ein paar Jahren ein Ersatzgetriebe verbaut und versuchte noch aus acht kaputten Zahnrädern die vier besten einzubauen, aber das hat auch nicht mehr lange gehalten. Als also am Ende unserer Überfahrt der Wind einschlief und wir die Windsteuerung nicht mehr fahren konnten, musste einer von uns immer im Cockpit sitzen und entweder von Hand steuern oder zumindest dem Autopiloten beim Steuern helfen.

Jetzt haben wir aus Großbritannien ein sündhaft teures Ersatzgetriebe bestellt. Für die vier kleinen Plastikzahnrädchen waren umgerechnet 136 Euro fällig, das sind 34 Euro pro Zahnrad oder 1,30 Euro pro Zahn. Na ja, immer noch billiger als Zahnersatz sonst, und nun schnurrt unser Autopilot wieder.

Unser Respekt vor der früheren Seglergeneration, die ohne Autopilot oder Windsteuerung die Welt umsegelten, ist jedenfalls noch einmal ein Stück gewachsen.

Geld

In der Reihe „was alles anders ist in Japan“ geht es heute ums Geld. Das braucht man nämlich zum Einkaufen, und zwar in Form von Bargeld. Kreditkarten werden üblicherweise weder in Supermärkten oder anderen Geschäften noch in Restaurants akzeptiert. Selbst unsere Liegegebühr in der Marina müssen wir in bar bezahlen. Geldautomaten gibt es zwar viele, aber kaum einer akzeptiert nicht-japanische Kreditkarten. Wenn man aber einen passenden Automaten findet, kann man viel Geld auf einmal abheben.

Mit Bargeld zu bezahlen ist aber – typisch japanisch – eine hochautomatisierte Angelegenheit. Als ich am ersten Tag im Supermarkt dem freundlichen Herrn an der Kasse einen Geldschein entgegenreiche, schaut der etwas verlegen und hält mir auf Japanisch einen längeren Vortrag, bis ich es endlich kapiere: an der anderen Seite der Kasse ist der Automat zum Bezahlen. Dort gibt man Geldscheine und/oder Münzen hinein und bekommt automatisch das Wechselgeld wieder ausgespuckt.

Wenn man einmal sein Wechselgeld von einem Menschen erhält, wird es auf typisch japanische Weise präsentiert: mit beiden Händen, einer Verbeugung und vielfacher Dankesbezeugung: „Arigato gozaimashita“.

An jeder Straßenecke und in den kleinsten Dörfchen gibt es Verkaufsautomaten für Essen und Trinken. Im Nudelrestaurant steht am Eingangsbereich ein großer Automat, dort drückt man die Tasten mit den gewünschten Gerichten, wirft das Geld ein und erhält aus dem Automaten kleine Zettelchen, die man an der Theke zur Küche abgibt. Das Essen wird dann aber, wenn es fertig ist, ganz normal von Hand an den Tisch gebracht.

Im Bus zieht man beim Einsteigen ein Ticket mit einer Nummer darauf, die den Tarifbereich der Haltestelle angibt. Auf einem Monitor kann man verfolgen, wie der Fahrpreis zu dieser Tarifnummer während der Fahrt immer höher wird, je weiter man fährt. Beim Aussteigen wirft man das Ticket und den am Ende erreichten Fahrpreis in einen Automaten.

Man kann eben auch aus dem Bezahlen mit Bargeld eine Kunst machen.

Im Land der Geschmäcker

Eine der Überraschungen Japans ist die unglaubliche geschmackliche Vielfalt und Intensität der hiesigen Lebensmittel und Gerichte. Wir haben in Fußreichweite der Marina einen großen Supermarkt und einen Lebensmittelmarkt, und wir können uns gar nicht sattkaufen. Das fängt bei den einfachsten Gemüsesorten an: seit Jahren hatten wir keine so intensiv schmeckenden Tomaten mehr, selbst im Supermarkt gibt es sechs Sorten herrlicher Pilze, die Süßkartoffeln sind aromatisch wie selten, Sprossen gibt es in allen Varianten. Dann die Besonderheiten: Okinawas Tofu ist selbst für japanische Verhältnisse etwas Besonderes, man kauft ihn am besten vormittags, wenn er von der Herstellung noch warm ist, er schmeckt herrlich nussig, und er dient uns zusammen mit den unglaublichen Tomaten als Mozzarella-Ersatz beim Frühstück.

Dann gibt es die exotischeren, aber noch erkennbaren Zutaten: Hunderte (!) von Würzpasten und -saucen, mehrere Regalmeter verschiedener Miso-Sorten, etliche Arten von Grünalgen, eingelegtes Gemüse, getrocknete oder fermentierte Fischchen und Krabben, Snacks für Unerschrockene mit Fleisch- und Fischgeschmack, etc. etc.

Und natürlich führen die Geschäfte Hunderte von Lebensmitteln, die wir weder kennen noch erkennen. Ohne Bild und ohne ein englisches Wort auf der Verpackung gibt lediglich die Umgebung im Regal Aufschluss darüber, ob es süß oder salzig, Nachspeise oder Nudelsauce oder überhaupt etwas zu essen sein könnte. Wir haben als Spielregel eingeführt, dass jeder von uns beiden bei jedem Einkauf (also täglich) je eine Sache in den Einkaufskorb legt, die wir nicht kennen. Sehr spannend, wenn man an Bord probiert, was man da gekauft hat…

Und auch das Essengehen ist kulinarisch reizvoll. Okinawa ist bekannt für seine Nudelsuppen mit Schwein in einer sehr intensiven Brühe. Überhaupt ist Schweinefleisch eine Spezialität der Insel, man sagt in Okinawa essen sie alles vom Schwein außer seinem Grunzen. Wir lassen uns inspirieren, lernen mit den hiesigen Zutaten zu kochen und freuen uns schon darauf, dass jede Region Japans auf ihre eigenen kulinarischen Spezialitäten stolz ist.

Nachtrag: Die Überfahrt

Vor der Ankunft in Japan stand allerdings noch eine Überfahrt von knapp 1300 Seemeilen an. Die Langfrist-Wetterprognose in Guam hatte schon sehr früh ein starkes Tropentief vorhergesagt. Acht Tage bevor es Guam erreichen sollte, segelten wir los, denn wir wollten genügend Abstand von diesem System halten. Wir waren darum auch sehr froh, dass wir die ersten Tage hervorragenden Wind hatten und Etmale von über 140 sm zurücklegen konnten. Das Tief wurde dann erst zum tropischen Sturm und dann zum Taifun hochgestuft, bekam einen Namen (Wutip) und erreichte zwei Tage später Kategorie 4 mit 250 km/h Windgeschwindigkeit. Wir waren ihm aber gut 800 sm voraus und haben weder vom Wind noch vom Seegang etwas mitbekommen.

In dieser Region des Pazifiks gibt es kaum Funkstationen des Winlink Netzwerks, und Wladiwostok konnten wir erst drei Tage vor Okinawa empfangen, so dass wir auf der Überfahrt keine Wetterberichte erhielten. Wir haben deswegen immer wieder Frachtschiffe in unserer Nähe auf UKW angerufen und um Wetterinformationen gebeten, insbesondere natürlich um die Position und vorhergesagte Zugrichtung des Taifuns.

Einmal sahen wir ein großes tonnenförmiges Gebilde im Wasser schwimmen. Der Wind stand günstig, so dass wir ohne Probleme hinfahren und erkennen konnten, dass es sich um einen riesigen Styropor-Fender handelte, den wohl ein Fischboot verloren hatte. Weil wir nicht wollten, dass sich ein guter Kubikmeter Styropor in den Ozean verkrümelt, fischten wir das Ding heraus und nahmen es an Deck. Später schneiden wir uns zwei große Scheiben als Hilfsfender für die Muktuk ab und entsorgen den Rest an Land.

Die Überfahrt führte von 13° nach 26° Nord, daher nahm unterwegs die Wasser- und Lufttemperatur kontinuierlich ab, so dass unsere tägliche Kübeldusche auf dem Fischbrett am Ende schon einen leichten brrrr-Faktor bekam. Insgesamt waren wir aber sehr froh, der drückenden Tropenhitze entkommen zu sein und nachts wieder eine Decke zum Schlafen zu brauchen. In den letzten Tagen waren dann sogar wieder Socken angesagt, die wir seit unserer Ankunft in Papua Neuguinea kurz vor Weihnachten nicht mehr ausgestaut hatten.

Konnichi wa

Schon in meiner Jugend übte Japan eine ungeheure Faszination aus. Alles war spannend: die Teezeremonie, die Architektur, die Keramik, die Gärten, Zen und natürlich das Go-Spiel. Japan zu besuchen stand damals natürlich außer Frage, das war viel zu teuer. Und als Erwachsener hat sich eine Reise nach Japan irgendwie nie ergeben. Aber als klar war, dass uns die Segelreise durch den Pazifik führen wird, stand von vornherein fest: nach Japan müssen wir auf jeden Fall. Auch wenn die klimatische Zeitplanung nicht einfach ist, auch wenn es keine taifun-freien Monate gibt, auch wenn die Segelbedingungen nicht ganz einfach sind – Japan auf eigenem Kiel anlaufen zu können ist eine einmalige Gelegenheit, die wir auf keinen Fall verstreichen lassen wollen.

Und da sind wir nun. Noch nicht auf japanischem Festland, denn da ist es noch winterlich kalt, sondern auf Okinawa, einer der südlich vorgelagerten Inseln, wo wir frühsommerliche Temperaturen genießen und uns jeden Tag darüber freuen, wirklich in Japan zu sein. Und es ist tatsächlich alles aufregend, fremd, überraschend hier. Was wir alles erleben, darüber werden wir in den nächsten Beiträgen ausführlich berichten.

In der Waschmaschine nach Guam

Die Überfahrt beginnt mit ganz vernünftigem Wind, dann aber müssen wir zwei Tage lang motoren, bis wir schließlich den Passat erwischen. Und was für ein Passat! Fünf Tage lang weht es nicht unter 6-7 Bft, bei jeder Regenwolke jagen Böen von 8 Bft über uns hinweg. Wir können keine vernünftigen Segel setzen, denn in den Böen sind Fock und zweifach gerefftes Groß mehr als genug, aber zwischen den Wolken machen wir damit zu wenig Fahrt. Wir haben noch auf keiner Überfahrt so häufig den Schoner gesetzt und geborgen, so oft die Fock gegen die Genua ausgetauscht und wieder zurück. Hier ein paar Impressionen von unserem Tanz über die Wellen:

Bei zweieinhalb bis drei Meter Welle ist es auch unter Deck nicht gerade gemütlich. Wir kommen uns vor wie in einer Waschmaschine, werden hin und her geworfen, kommen nicht zur Ruhe. Urlaubssegeln sieht anders aus, da müssen wir noch einmal in den Reiseprospekt schauen. Als Guam nach zehn Tagen in Sicht kommt, sind wir jedenfalls beide froh, anzukommen. Weil das Tageslicht schon schwindet, gehen wir über Nacht in einer kleinen Bucht vor Anker, bis wir am nächsten Morgen in den Haupthafen hineinfahren, zwischen Korallenblöcken den Anker werfen und die Beamten von Zoll und Einwanderungsbehörde am Yachtclub treffen, um einzuklarieren.

Der Ausblick von unserem Ankerplatz ist recht dramatisch, denn unseren Nachbarn hat es beim letzten Taifun aufs Riff geschoben, dort liegt er jetzt jämmerlich auf der Seite mit einem Loch im Rumpf. Da schauen wir doch sicherheitshalber dreimal nach, ob unser Anker hält!

Neben Proviantieren und kleineren Reparaturen steht noch eine Großaktion an. Während der windigen Tage unserer Überfahrt ist unser Bug oft ins Wasser eingetaucht. Durch die undichte Luke im Ankerkasten und durch das Loch, durch das die Ankerkette läuft, kam viel Wasser ins Vorschiff. Ich habe zwar unterwegs immer wieder den Ankerkasten ausgepumpt, aber doch zu wenig. Die Bilgen im Vorschiff sind voll mit Wasser, und so heißt es mal wieder: alles ausstauen, putzen, mit Süßwasser spülen, Bilgen trockenlegen, ebenfalls mit Süßwasser reinigen, alles wieder einstauen. Arbeitsprogramm für einen ganzen Tag. Aber wer will schon nach Guam kommen, um Urlaub zu machen.


Wieder online

Nach gut vier Wochen Zwangspause geht es jetzt weiter mit unserem Reisebericht.

Anfang Januar erhielten wir von unserem Webhoster webgo eine lapidare E-Mail:

… wir bedauern sehr Ihnen leider mitteilen zu müssen, dass es seit letzter Nacht zu Problemen in der Erreichbarkeit Ihrer Seite gekommen ist.
Inzwischen konnten wir die Ursache analysieren und mussten leider feststellen, dass es beim vorliegenden Fall bedauerlicherweise zu einem menschlichen Fehler gekommen ist.
Das führte leider dazu das Ihre Daten verloren gegangen sind…

Es gab tatsächlich kein Backup unseres Blogs mehr. Die Texte liegen in einer Datenbank, die wir mittlerweile herunterladen konnten, aber die Bilder waren erst einmal weg und mussten in mühevoller Kleinarbeit auf unseren diversen Festplatten wieder herausgesucht, fürs Internet bearbeitet und den Beiträgen zugeordnet werden. Das haben wir mittlerweile hinbekommen, so dass nun auch die alten Beiträge wieder funktionieren sollten. Vielleicht sind ein paar Bilder jetzt andere geworden, aber das meiste sollte stimmen.

Das Ganze haben wir wieder auf den Server hochgeladen und können nun mit unserem Blog fortfahren.

Auf ein Neues

Inzwischen ist das Jahr 2019 angebrochen, und wir wollen Euch einen kurzen Rückblick auf unsere Erlebnisse seit unserer Rückreise zur Muktuk geben.

Es fing damit an, dass sie uns fast nicht zum Boot gelassen haben. In Singapur, wo wir auf einen Flieger der nationalen Fluglinie Air Niugini umsteigen sollten, fragten sie uns nach unserem Rückflugticket. Unsere Beteuerung, dies sei unser Rückflug, fruchteten wenig: nein, wenn wir mit der von uns geplanten Art des Visums einreisen wollten, benötigen wir ein Rückflugticket, d.h. eines, das uns außer Landes bringt. Dass die Behörden in Papua Neuguinea selbst das anders sehen, interessierte die Leute von der Fluggesellschaft nicht die Bohne. Stundenlange, nervenaufreibende Verhandlungen, alles nutzte nichts. Zu guter Letzt kauften wir irgendein Ticket, das uns aus Papua Neuguinea herausbrachte, das billigste ging nach Cairns in Australien, der Termin war uns ja egal. Netterweise bietet Air Niugini in seinem online Verkauf die Option, das Ticket erst 24 Stunden nach Kauf zu bezahlen. Das haben wir natürlich genutzt, aber diesen Passus nicht mit ausgedruckt, als wir unsere Bordkarten nach Port Moresby dann endlich (in letzter Minute) erhalten haben. Insofern hat der ganze Quatsch uns dann doch nur Nerven, aber kein Geld gekostet. Die Welt ist eben nicht für Probleme der Segler eingerichtet.

In Port Moresby kamen wir dann gegen fünf Uhr morgens an, gönnten uns im Yachtclub erst einmal ein Frühstück und versuchten uns an die aufkommende Hitze zu gewöhnen, immerhin rund 40 Grad mehr als bei unserer Abreise aus München. Unsere Reparaturen gingen hervorragend voran, das Geschenk, das ich mir zu Weihnachten gewünscht hatte, war pünktlich fertig: das neue Vorstag war fertig montiert und wir waren wieder segelfertig. Am ersten Weihnachtsfeiertag hatte Brian uns noch zum „Christmas Lunch“ ins noble Crown Plaza Hotel eingeladen, wo wir nicht nur fürstlich gespeist haben, sondern auch – als Gäste von Brian – noch dem Premierminister die Hand schütteln durften.

Und dann ging es – über drei Monate nachdem wir in den Hafen eingelaufen sind – endlich wieder in die freie See hinaus. Wenig Wind, viele Motorstunden, und nun haben wir Sylvester in einer gut geschützten Ankerbucht auf Normanby Island verbracht. Wir liegen vor einer kleinen Siedlung, und schon bei unserer Ankunft wurden wir von zig Auslegerkanus umringt, die alle die „dim dims“ – so heißen Weiße hier – mit ihrem komischen Gefährt anschauen wollten. Schließlich kommen hier pro Jahr nur ein oder zwei Yachten her, da hat man schon Neuigkeitswert. Seitdem haben wir jeden Tag immer wieder Besuch von Männern, Frauen, Kindern, die irgendetwas zum tauschen bringen. Bananen grün und gelb, Kokosnüsse, Limetten, Papayas, Tomaten, Bohnen, Ananas, Guaven, Orangen, Passionsfrüchte – unsere Messe quillt über vor lauter Obst. Was die Leute hier im Tausch gerne hätten? Reis, Angelhaken, Angelleine, T-Shirts für die Kinder, Hefte und Stifte. Birgit kommt mit dem Kuchen backen gar nicht mehr hinterher, denn mit einem Stückchen Bananenkuchen können wir die Tauschwilligen vertrösten, die als fünftes Boot mit einer Staude Bananen ankommen und denen wir beim besten Willen nichts mehr abnehmen können. Und außerdem verbrauchen wir damit wenigstens ein paar Bananen. Was wir dutzendweise hätten mitbringen können, sind Lesebrillen. Haben wir leider nicht, und so hat der methodistische Missionar Birgits Ersatzbrille bekommen, und viele andere gingen leer aus. Nur so als Idee, wenn ihr mal in die Gegend kommt.

Nach und nach lernen wir die Familien- und Klanstrukturen kennen, treffen die Oberhäupter der Familien, des Dorfes und der Bucht. Francesco, der Chef „unserer“ Siedlung, lädt uns zur hiesigen Sylvesterparty ein. Wir bringen kaltes Bier, frisch gebackenes Brot und Kuchen mit, die Familien steuern Yams, Reis und ein frisch geschlachtetes Schwein bei, und fertig ist unser opulentes Sylvestermahl. Hinter der Handvoll einfacher Bambushütten wirft Francesco am Abend den Generator an, so haben wir Licht und laute Musik aus großen Lautsprecher. Kurz vor Mitternacht wird es dann ganz lustig, denn von irgendwoher kommt eine professionelle Band-Ausstattung zum Vorschein: E-Gitarren, Bass, ein Keyboard, ein Mixer, noch mehr Lautsprecher, Mikrophone… Und dann geht es los mit zeitgenössischer Musik aus Papua Neuguinea. Sehr laut, nicht sehr abwechslungsreich, aber mit großer Hingabe, guter Laune und bis zum Sonnenaufgang wird ein Lied nach dem anderen dargeboten. Land der Gegensätze…

Als spezielle Sylvesterüberraschung hatte am Abend des 31. unsere Bordtoilette die Arbeit eingestellt, so dass wir – natürlich bei 35 Grad und 100% Luftfeuchtigkeit – das ganze Ding zerlegen durften und bis zu den Ellenbogen in der Brühe standen. Die Arbeiten gingen auch am Neujahrstag weiter, aber jetzt funktioniert alles wieder und auch die Bilgen sind ausgespült und wieder sauber. Und immerhin konnten wir nach getaner Kanalarbeit ins Wasser springen, um selbst wieder sauber zu werden. Aber die sprichwörtliche Weisheit, dass man alles, was man am Neujahrstag anfängt, das ganze Jahr hindurch tun wird, möge sich in diesem Fall bitte bitte nicht bewahrheiten.

Wir warten derzeit auf ein gutes Wetterfenster zum weitersegeln. An der Südküste des Festlands zieht ein großes Tiefdruckgebiet durch, das auch hier oben wetterwirksam ist, sobald der Starkwind und die Wellen vorbei sind, wollen wir weiter Richtung New Ireland und Kavieng. Sporadisch haben wir hier Internet und können Wetter bekommen. Ob das Internet gerade geht oder nicht, hängt hier aber nicht wie auf dem Marquesas vom Regen ab, sondern ob der Generator für den Handymast noch genug Diesel hat. Andererseits: wenn es gerade aus Eimern schüttet, will auch keiner hoch und Diesel nachfüllen. Und ohne Diesel kein Internet, so einfach ist das.

Humpeln nach Nordwest

Angesagt sind 3-4 Windstärken, doch der Passat weht selten unter 6, oft mit 7 Bft. Das Übliche. Die Richtung ist gut (raumschots, d.h. der Wind kommt von schräg hinten), die Welle nicht unbedingt angenehm, aber erträglich. 1300 Seemeilen liegen vor uns bis Papua Neuguinea, wir rechnen mit zwei Wochen. Unser Plan ist, die Inselwelt der Louisiaden für einige Zeit zu erkunden, bevor wir Port Moresby, Hauptstadt, sicherer Liegeplatz und Endstation dieses Reiseabschnitts anlaufen.

Aber wie das mit den Plänen so ist. Nach etwa einer Woche auf See, mitten drin also, knallt es zweimal kurz hintereinander und das Boot steht. Natürlich nachts. Natürlich während Birgits Wache. Ich werde mit den Worten geweckt: „Andreas, die Genua liegt im Wasser“. Es gibt angenehmere Arten, die Wache anzutreten.

Im Licht der Decksbeleuchtung und Stirnlampen stellt sich heraus, dass das Vorstag gebrochen ist. Das ist ein 13mm dicker Stahldraht, der vom vorderen Masttopp zum Bug verläuft. Zum einen ist daran die Genua, das größere unserer beiden Vorsegel, befestigt, zum anderen werden damit die Masten nach vorne abgespannt. Der zweite Knall war das Genuafall, das in Folge ebenfalls gerissen ist, und damit fielen Vorstag und Segel gemeinsam ins Wasser.

Das Vorstag ist aber nicht nur ein Drahtseil, sondern umgeben vom Profilstag, einem Alurohr, das zur Rollreffanlage gehört. Um dieses wird die Genua gewickelt, wenn man das Segel einrollt. Gebogen werden gehört nicht zu den Stärken dieses Rohrs. Unten war das ganze noch befestigt, oben im Mast nicht mehr, so dass vorne noch etwa 20 qm Segel flatterten, dann das Profilstag gebrochen war, und sich ab dort das Segel Richtung Wasser neigte. Und es wehten ja auch noch knapp 6 Windstärken.

Etwa eine Stunde brauchten wir, um das Segel aus dem gebrochenen Abschnitt herauszuziehen, damit den Druck aus dem Segel zu nehmen, den Riesenlappen aus dem Wasser zu fischen und provisorisch an der Reling festzubinden. Das Ganze im Dunkeln, angeleint im Lifebelt und bei gut zwei Meter Welle. Genug Programm für diese Nacht.

Bestandsaufnahme des Schadens am nächsten Morgen: der Bruch erfolgte am Übergang vom Stahldraht zu dem aufgepressten Terminal im Masttopp. Wahrscheinliche Ursache Materialermüdung, und innerhalb der Presshülse auch durch regelmäßige Inspektion nicht zu erkennen. Um das Segel richtig bergen zu können, müssen wir die Rollreffanlage und das Vorstag am Bug demontieren, nochmal ein ordentliches Arbeitsprogramm von zwei Stunden, denn die Befestigung ist so stark verbogen, dass wir Teile mit der Flex durchschneiden müssen.

Bestandsaufnahme unserer Situation: Wenn man schon einen Teil des Riggs verlieren will, ist das Vorstag gar keine so schlechte Wahl. Zum einen gibt es noch das kleinere Vorstag für die Fock, das ebenfalls die Masten nach vorne stützt. Zum anderen haben wir noch das Spi-Fall, das zwar nur Tauwerk und kein Draht ist, aber auch vom Masttopp nach vorne läuft. Außerdem wirken beim normalen Segeln die meisten Kräfte auf die Masten zur Seite und nach vorne ein, nur selten nach achtern. Wenn wir also vorsichtig sind, wenig Segel setzen und auf den Fischerman verzichten, sollten die Masten wohl stehen bleiben. Und dank des kräftigen Windes kommen wir auch mit der verbliebenen Fock ganz gut voran. Nur den Abstecher zu den Louisiaden geben wir auf und setzen direkt Kurs nach Port Moresby ab, um mehr Zeit für die Reparaturen zu haben.

Die stellen sich auch nicht gerade einfach dar. Der einzige Mechaniker vor Ort zuckt die Achseln und meint, das Material könne man in Papua Neuguinea nicht bekommen. Ein Schiffsausrüster in der Marina meint nur, wir sollten alles demontieren, nach Australien verschiffen, dort reparieren und wieder herschicken lassen. Dass das komplette Vorstag samt Rollreffeinrichtung 16 Meter lang ist und nicht gebogen oder gefaltet werden kann, hat er dabei nicht bedacht. Keiner der beiden hat Lust, auch nur einen Kostenvoranschlag abzugeben.

Da müssen wir also selber ran. Ich recherchiere zwei Wochen lang im Internet über Bezugsquellen, bestelle Teile aus Australien und Großbritannien, wir bringen einige Teile aus Deutschland mit, und wenn wir kurz vor Weihnachten wieder zurückfliegen, steht die Montage auf dem Programm. Am Ende muss ich ca. 30 kg Vorstag und Rollanlage irgendwie in den Mast hochziehen und dort befestigen. Wird bestimmt noch lustig. Aber vielleicht haben wir als Weihnachtsgeschenk dann wieder ein Vorstag samt Genua.

Eine Welt für sich

Die Lebensweise in den abgelegenen Dörfern und abgeschiedenen Inseln Vanuatus kann man sich als Europäer nur schwer vorstellen. Ein wenig hat die Moderne schon Einzug gehalten, auf den Bambushütten findet man manchmal Solarpaneele, die Baströckchen werden nur noch zu besonderen Anlässen angelegt und sind im Alltag normalen T-Shirts gewichen, aber vieles der alten Kultur und Tradition ist noch erhalten geblieben.

Father Levy aus der Lakona Bay hält morgens den Gottesdienst im vollen Ornat des anglikanischen Priesters, später sieht man ihn in Hemd und kurzer Hose, und am Nachmittag bringt er im Baströckchen bekleidet den Jungs des Dorfes Bogenschießen bei. Er sieht das nicht als Widerspruch, ganz im Gegenteil: „Wir stehen hier in Vanuatu auf drei Beinen – der Kirche, der Moderne und dem ‚Kastom‘ (der traditionellen Lebensweise)“. Eine beachtliche Entwicklung, wenn man bedenkt, dass sich noch vor weniger als hundert Jahren die Nachbardörfer und -stämme gegenseitig bekriegt und nicht selten aufgegessen haben.

Stammesangelegenheiten werden auch heute noch im traditionellen Versammlungshaus, dem Nakamal besprochen, zu dem Frauen oft keinen Zutritt haben. Zwei Steinfiguren vor dem Nakamal der Lakona Bay zeigen dies drastisch, denn die Frauenfigur ist tot (erkennbar an der heraushängenden Zunge), erschlagen vom alten Häuptling, weil sie das Nakamal betreten wollte. Im Inneren ist ein Bereich abgegrenzt, der nur vom Chief selbst betreten werden darf. Ein Eckstein im Inneren ist der „Wächter“, er sorgt für die Einhaltung der Regeln, auch wenn der Chief gerade nicht selbst aufpassen kann. Er ist – so sagt man uns – auch dafür zuständig, Hühner oder Schweine zu töten, die sich aus Versehen ins Nakamal hinein verirren. Der alte Chief des Dorfs zeigt uns einen weiteren Stein, sein „Radio“: der ist dafür zuständig, den Chief von besonderen Vorkommnissen im Dorf zu unterrichten, wenn er gerade im Nachbardorf oder auf einer anderen Insel unterwegs ist. Er erzählt uns völlig ernsthaft von Beispielen, bei denen er vom seinem Stein unterrichtet wurde und bei seiner Rückkehr schon Bescheid wusste, dass z.B. sein Neffe beim Tauchen ertrunken war.

Geld spielt eine untergeordnete Rolle im Leben der Dorfbewohner. Essen und Wohnen ist umsonst, das dafür nötige wächst in der Gegend. Für wichtige Ereignisse im Leben (Hochzeit, Erbschaft, neuer Chief etc.) muss man rechtzeitig vorsorgen, denn dazu müssen traditionell Schweine geschlachtet werden, und die muss man Jahre zuvor anfüttern. Während Hühner und im Wald erlegte Wildschweine normales Nahrungsmittel sind, werden die im Dorf gehaltenen Schweine ausschließlich zu zeremoniellen Anlässen geschlachtet.

Geld braucht man hauptsächlich für die Schulbildung der Kinder, verdient wird es durch Verkauf von Kopra, Kakao oder anderer Gartenfrüchte. In den Küstendörfern sind Segelboote mittlerweile regelmäßige Tauschpartner für die Dorfökonomie und gern gesehene Quelle für Kleidung oder Angelzubehör.

Auf Ureparapara, der letzten Insel die wir anlaufen, sind wir schon bei unserer Ankunft von einem Dutzend Kanus umringt. Man zeigt uns den besten Ankerplatz, der Chief stellt sich vor, und am nächsten Tag werden wir mit dem großen Kanu zur Dorfbesichtigung abgeholt. Dass wir eine unserer ausgemusterten großen Bordbatterien als Gastgeschenk mitbringen, sorgt für große Freude.

Ureparapara hat es zur Zeit besonders schwer. Das Versorgungsboot, das normalerweise einmal im Monat kommt, ist seit geraumer Zeit in der Werft zur Reparatur. Wann es das nächste Mal kommt, weiß niemand. Da sind die paar Segler, die sich hierher verirren, natürlich sehr willkommen. Nicht unbedingt für „Luxusgüter“ wie Mehl oder Reis, denn dafür gibt es ja auf der Insel genügend Alternativen. Dringend gebraucht werden dagegen Streichhölzer, Seife und Batterien für die Taschenlampen. Gerne teilen wir unsere Bordbestände und segeln am nächsten Morgen weiter. Weg von Vanuatu, das uns so unerwartet stark ans Herz gewachsen ist.