Plan C

Willst Du die Götter zum Lachen bringen, dann erzähl ihnen von Deinen Plänen.

Dieses schöne russische Sprichwort war selten wahrer als beim Langfahrtsegeln in Covid-19 Zeiten. Als wir im Februar in Cordova ankamen, wollten wir den Frühling in Alaska verbringen, im Sommer nach Kanada und im Herbst in Seattle oder San Franzisko ankommen, um von dort zurück nach Deutschland zu fliegen. Die geschlossene Seegrenze nach Kanada und die Virus-Hotspots an der US-Westküste haben dies unmöglich gemacht.

Die Alternative? Die US-Behörden raten dazu, das Boot hier in Alaska zu lassen und heimzufliegen. Unser Zuhause ist aber die Muktuk, würden wir sie hier in Alaska zurücklassen, könnten wir aus Deutschland erst einmal nicht wieder zurück, denn europäische Touristen dürfen nicht in die USA einreisen. Außerdem ist die Segelsaison nur kurz – vor Mai kämen wir hier nicht wieder weg. Und wenn wir den Schimmel und das von Feuchtigkeit aufgequollene Holz im Boot ansehen, möchten wir Muktuk auch nicht noch einem Winter in Alaska aussetzen.

Plan B also. Der ist, von Alaska nach Hawaii zu segeln, dort ca. zwei Monate zuzubringen und Ende November weiter nach Japan zu fahren. So ist das Hurrikan-Risiko im Ostpazifik begrenzt und die Taifun-Saison im Westpazifik vorbei. Die Heimreise nach Deutschland müssen wir dann dieses Jahr streichen. Einziger Haken: Obwohl wir vier Wochen in internationalen Gewässern unterwegs sind, gilt das nicht als Aus- und Wiedereinreise. Wir bleiben sozusagen in den USA, weil die sogenannte „meaningful departure“, also die ernstgemeinte Ausreise fehlt, und die brauchen wir nach maximal sechs Monaten Aufenthalt. Kanada erlaubt aber den Transit durch ihre Gewässer, und dabei dürfen wir auch notwendige Stopps einlegen, etwa um nachts zu ankern oder um zu tanken. Ein solcher Tankstopp mit Quittung soll uns also als Nachweis dienen, dass wir zwischendurch in Kanada waren. Wir bekommen das Signal, dass die Behörden in Hawaii das wohl anerkennen würden.

Das war der Stand, als wir vor zehn Tagen per Telefon schlechte Nachrichten erhielten: wegen eines Krankheitsfalls in der Familie müssen wir nach Deutschland zurück, Covid-Ansteckungsrisiko hin oder her. Also planen wir kurzfristig nochmal alles um, besorgen nach vier Wochen Wildnis in Ketchikan Proviant und Ersatzteile und segeln morgen von Alaska direkt nach Mexiko, wo wir hoffentlich in gut zwei Wochen ankommen, Muktuk in Ensenada in den Hafen stellen und den nächsten Flieger nach Deutschland nehmen. Dort liegt das Boot sicher und trocken, und zumindest Stand heute ist die Wiedereinreise von Europa aus noch erlaubt. Wir werden sehen… man weiß ja, wie das mit den Plänen so ist.

Auspuff al pomodoro

Aus gegebenem Anlass heute mal wieder ein technischer Beitrag. Wie auf den meisten Schiffen üblich hat auch Muktuk einen sogenannten „nassen Auspuff“, d.h. Seewasser aus dem Kühlkreislauf wird mit den Auspuffgasen vermischt, kühlt diese stark herab (von 500 Grad auf handwarm) und das Gemisch aus Kühlwasser und Abgasen wird dann über dicke Schläuche und Plastikrohre zum Auspuff geleitet.

Das Ganze funktioniert so lange prima, solange Seewasser angesaugt wird. Verstopft die Ansaugöffnung, wird normalerweise die Seewassermenge weniger, der Motor wird nicht mehr ausreichend gekühlt und es gibt einen akustischen Alarm. Auch eine sehr geringe Menge Seewasser kühlt den Auspuff immer noch herab, so dass man meisten rechtzeitig reagieren kann, wenn der Alarm losgeht.

So war das jedenfalls die letzten sieben Jahre. Hier in Südostalaska passierte uns aber zum ersten Mal eine komplette Verstopfung des Seewasser-Einlasses, so dass schon bevor der Motor heiß wurde und der Kühlwasser-Alarm anschlug, der Auspuff nicht mehr gekühlt wurde. Und das nicht nur einmal, sondern im Abstand weniger Tage gleich zweimal hintereinander, wahrscheinlich wegen der ungeheuren Mengen an Kelp, die hier im Wasser herumschwimmen.

Beim ersten Mal schmolz ein gewinkeltes Plastikrohr durch, das zwei Abschnitte Auspuffschlauch miteinander verbindet. Symptom: schwarzer Qualm aus dem Motorraum, Kühlwasser ergießt sich in die Bilge. Kein Vergnügen. Aber auch kein großes Problem: wir haben offenen Seeraum, können uns treiben lassen, während wir den verstopften Seewasser-Einlass freimachen, das Plastikrohr ausbauen und mit einem Stück Ersatz-Abgasschlauch überbrücken. Weiter geht’s.

Das zweite Mal war etwas problematischer. Diesmal fiel dem heißen Auspuffgas der Wassersammler zum Opfer, ein kompliziertes Plastikteil, das die Aufgabe hat, nach dem Abstellen des Motors das restliche Wasser im Auspuffsystem aufzufangen, damit es nicht in den Motor zurückläuft. Und diesen Wassersammler hat es böse erwischt: ein Anschluss-Stutzen durchgeschmort mit einem großen Loch, der andere zusammengeschmolzen, im Korpus zwei weitere Löcher… das sieht nicht reparabel aus. Ein Ersatzteil haben wir nicht. Und natürlich sind wir zwar in Landnähe, aber fast zweihundert Seemeilen von der nächsten Ortschaft entfernt, in einer großen, im Wesentlichen unbewohnten Bucht.
Glück im Unglück: einen Bewohner gibt es doch. Alan, der sich am Platz einer aufgelassenen Konservenfabrik ein Haus gebaut hat, hatte uns schon am Tag zuvor angefunkt und zu sich eingeladen. Als unser Auspuff den Geist aufgibt, sind wir nicht weit von seinem Haus entfernt. Er sieht uns Fahrt verlieren und anhalten, bietet über Funk seine Hilfe an. Er schleppt uns gekonnt mit seinem stark motorisierten Fischerboot an seinen Anlegesteg. Jetzt haben wir erst einmal Muße, unser Problem anzugehen.

Und besser noch: wir dürfen nach Herzenslust auf seinem Gelände Ersatzteile suchen, mit denen wir ein provisorisches Auspuffsystem zusammenbasteln können. Beladen mit Plastikrohren, Regenrinnen, Plastikmatten und Kunststoffkleber kehren wir an Bord zurück, aber die richtigen Durchmesser für unsere Auspuffschläuche finden wir auch bei ihm nicht. Egal: wir arbeiten mit dem Material, was wir haben. Als am Ende noch ein Verbindungsstück zwischen zwei Schlauchenden benötigt wird, fällt mein Blick auf die leere Tomatendose von der Lasagne des Vortags – schnell noch den Boden abgeschnitten, der Durchmesser sieht gut aus!

Ich kann berichten, dass die Tomatendose das einzig dichte Stück am ganzen System war. Aus den Regenrinnen-Teilen tropfte es fürchterlich (eigentlich logisch!), aber der meiste Qualm zog durch den Auspuff ab. So konnten wir also wieder weiterfahren, allerdings muss die Bilgenpumpe oft laufen, um das heraustropfende Kühlwasser nach außen zu befördern. Wenn wir gut lüften, ist die Abgasbelastung im Schiffsinneren auszuhalten. Notfalls kommen wir damit in den nächsten Ort, wo wir ein Ersatzteil bestellen können.

Im Übrigen war das Treffen mit Alan ausgesprochen nett. Wir durften über Nacht an seinem Steg bleiben, aßen mit ihm zu Abend und hatten lange, spannende Gespräche.

Drei Tage später gelang es mir, den geschmolzenen Wassersammler doch noch zu reparieren: ich sägte das beim ersten Mal geschmolzene Winkelstück auseinander, um zwei neue Stutzen zu gewinnen, sägte die kaputten Stutzen am Wassersammler ab und verschweißte die Teile mit dem Lötkolben in mühsamer und stundenlanger Kleinarbeit. Auch die zwei Löcher im Korpus konnte ich mit Altplastik zuschweißen. Ein Überzug aus Epoxy-Kleber dichtet die restlichen kleinen Löcher ab.

Ich konnte das Provisorium aus Regenrinnen und Tomatendosen also wieder ausbauen und durch einen geflickten Wassersammler ersetzen – wir humpeln wieder auf höherem Niveau! Das Ganze ist halbwegs dicht, die Bilgenpumpe hat wieder frei bekommen. Bis zum nächsten Ort sollte es halten.

Aber auf jeden Fall hat Birgit recht: man sollte immer genug Dosentomaten dabei haben.

Mirror Harbor

Als wir die Bilder sahen, konnte uns nichts mehr halten. Über ein Jahr schon ist es her, dass wir in Japan zum letzten Mal in einem Onsen waren, diesen wunderbaren heißen Bädern.

Südostalaska hat eine ganze Reihe heißer Quellen, an einigen Orten wurden drumherum Holzhütten errichtet, wo man – mitten in der Natur – das heiße, leicht schwefelige Wasser genießen kann. Für uns, deren einzige Dusche an Bord im Cockpit ist, wo es beizeiten in Alaska ganz schön ungemütlich ist, ein ganz besonderer Luxus.

Vom Ankerplatz, wegen seines spiegelglatten Wassers „Mirror Harbor“ genannt, fährt man ein paar Minuten mit dem Dinghy zum Beginn des Bohlenweges, der nach knapp zwei Kilometern das Badehaus erreicht. Der Weg ist übersät mit frischer Losung von Bären, wir sind mit Bärenspray, Gewehr und Trillerpfeifen unterwegs und bekommen zum Glück keinen der in dieser Jahreszeit noch hungrigen Bären zu Gesicht.

Das Badehaus liegt direkt am Strand. Wenn man die großen Schiebetüren öffnet, hat man freien Blick auf die „Bertha Bay“, einen steinübersäten Küstenabschnitt, in den die Dünung des Nordpazifiks ungehindert hineinläuft. Dazu das typische Südostalaska-Wetter: niedrig hängende Wolken, Regen… Wildnis pur. Und mitten darin diese Oase der Wärme und Sauberkeit. Herrlich!

Der Haken an der Sache: die Einfahrt in den Mirror Harbor ist verzwickt, eng und voller Unterwasserhindernisse. Die Seekarte hilft überhaupt nicht weiter, die zeigt einfach nur Steine. Wir haben eine Skizze und eine Beschreibung, entlang derer wir uns in Schleichfahrt hineintasten, aber trotzdem knallen wir an der Schlüsselstelle mit dem Kiel an einen Felsen. Drei Anläufe brauchen wir, bis wir endlich den richtigen Winkel für die Einfahrt heraus haben – unsere Muktuk ist einfach zu groß für diesen Hafen.

Wie kommen wir da nur wieder raus? Nach einer – sagen wir mal: schlafarmen Nacht steht mein Plan fest. Ich gehe erst einmal in den Wald und fälle sechs kleine Tannen. Nicht dass mich Weihnachtsgefühle übermannen würden – nein, ich brauche einfach ein paar möglichst gerade Stecken, und die Tannen (nach Entfernen der Äste) sind das einzig gerade, was hier zu finden ist. Sechs schwere Felsbrocken sind schnell eingesammelt, eine Leine verbindet jeweils den Stein mit dem unteren Ende des Steckens. Die Länge der Leine ist so berechnet, dass bei Hochwasser der Stock senkrecht im Wasser schwimmt, aber noch so weit möglich mit der Spitze herausschaut.

Bei Niedrigwasser mache ich mich mit dem Beiboot auf den Weg und sehe mir die Unterwasserfelsen an. Ich platziere die Markierungen und schaue sechs Stunden später bei Hochwasser, ob alles gut zu erkennen ist. Ich lerne schnell: der Job des Tonnenlegers ist nicht ganz einfach. Dicke Kelp-Bündel verfangen sich in den Leinen, so dass die Stöcke nicht aufschwimmen können. Treibholz in Gestalt ganzer Baumstämme treibt im Tidenstrom durch die Engstelle und nimmt eine meiner Markierungen mit. Manche Stöcke haben nicht genug Auftrieb und brauchen zusätzliche Hilfe durch einen Schwimmkörper. Aber am nächsten Tag ist alles soweit repariert und neu platziert, und die Ausfahrt gelingt ohne Schrammen. Es hilft eben einfach, wenn man weiß wo die Felsen sind.

Der nächste Eisberg

Kaum sind zwei Tage vergangen, machen wir uns auf den Weg zum nächsten pelagischen Gletscher im Prince William Sound. Diesmal ist es der Maeres Gletscher im Unakwik Fjord. Weil sich der weitaus langsamer bewegt als der Columbia Gletscher, fallen von ihm viel weniger Eisbrocken ins Wasser. Wir haben also die Hoffnung, dieses Mal bis zur Gletscherfront vordringen zu können.

Die Topographie des Gletscherbetts macht es außerordentlich spannend: von der ehemaligen Endmoräne aus (wieder mit nur einer kleinen ausreichend tiefen Lücke zum Hineinschlüpfen) geht es erst einmal acht Meilen nach Norden, wo der Fjord einen Knick nach Osten macht. Man sieht also nichts vom Gletscher, bis man kurz davor die Ecke rundet. Und dann ist er plötzlich da, in voller Pracht und Breite.

Eine riesige, blauweiße, ca. 100 Meter hohe und dreiviertel Meile breite Gletscherfront erhebt sich vor uns. Wir tasten uns vorsichtig an die Abbruchkante heran, wobei das tiefe Grollen des Gletschers und das Krachen beim Abbruch kleinerer Brocken uns den nötigen Respekt einflößt, nicht zu dicht hinzufahren. Während Eisbrocken die Anfahrt zum Gletscher diesmal kaum behindert haben, liegt direkt davor eine dichte Schicht Eisbruch, die aber überwiegend aus kleinen Stückchen besteht und uns nicht daran hindert, mit Schleichfahrt hindurchzufahren. Noch dichter am Gletscher liegen Robben mit Jungtieren auf den Eisschollen. Wir versuchen uns vorsichtig anzunähern, um ein paar Fotos zu schießen, ohne die Tiere allzu sehr zu stören. Das stellt sich allerdings als gar nicht so einfach heraus, denn in Gletschernähe fällt ein kräftiger eiskalter Wind herab, der das Boot schiebt.

Eine weitere äußerst erfreuliche Eigenschaft dieses Gletscherbetts müssen wir auch noch lobend erwähnen. Es ist anscheinend ein hervorragendes Habitat für Garnelen. Ich habe schon in Cordova einen Krabbenkorb gebastelt und seitdem immer mal wieder auf rund 100 Meter heruntergelassen und einen Tag später wieder heraufgeholt. Meist leer oder voller Kleintiere, die den Köder aufgefressen haben. Einmal zwei kleine Garnelen, einmal vier große (immerhin). Aber im Unakwik Fjord hat der Fang dann doch einmal für ein großes Abendessen gereicht. Köstlich!

Eisberg voraus

Keine Sorge, wir machen nicht auf Titanic, wir sind nur zum Columbia Gletscher gefahren. Das heißt: ganz haben wir es nicht geschafft, denn das Eis wurde – je näher wir der Abbruchkante kamen – immer dichter, so dass wir am Ende nur noch im Schritttempo vorankamen. Dazu kommt eine weitere navigatorischer Herausforderung: Das Gletscherbett ist größtenteils rund 300 Meter tief, aber die ehemalige Endmoräne des Gletschers, die gut zehn Meilen vor der Gletscherkante liegt, ist überwiegend nur einige Meter unter Wasser. Da die Eisbrocken meist tiefer ins Wasser ragen, bleiben sie dort hängen und versperren die Durchfahrt. Es gibt aber eine Lücke in der Endmoräne, die ca. 20 Meter Wassertiefe bietet. Bei Ebbe drückt es die Eisbrocken aus dieser Lücke heraus, so dass auch diese Einfahrt verstopft ist. Nur während das Wasser steigt, also in Richtung Gletscher fließt, wird die Einfahrt vom Eis freigespült. Man muss es also während dieser Zeit rein, bis zum Gletscher hin und wieder heraus schaffen.

Um unseren frisch gestrichenen Lack zu schonen und weil es eben einfach zu lange gedauert hätte, mussten wir also irgendwann umkehren. Macht aber nichts, denn wir haben viele wunderschöne Eisberge gesehen und ein gutes Gefühl für die Navigation im Eis bekommen. Die meisten Eisbrocken, allesamt Abbruchstücke der bis zum Wasser reichenden Gletscherkante, sind relativ klein (maximal ein paar Meter groß), aber einige sind doch erheblich größer als unser Boot. Und eine solche Vielfalt: rein weiße oder tiefblaue, die Oberfläche sieht mal wie Schnee aus (wenn sie von der Sonnenwärme schon etwas angetaut sind), mal ganz glasig klar (wenn sie sich vor kurzem gedreht haben, so dass die ehemalige Unterwasserseite nach oben zeigt). Manche tragen noch Felsbrocken mit sich herum. Manche dienen Vögeln als Sitzplatz. Wir können uns nicht sattsehen.

Da wir mit unseren Freunden Catherine und Bruno von der französischen Jacht „Nosy Bé“ unterwegs sind, können wir schöne Fotos voneinander machen. Weil das Wetter so gut ist und wir kaum Wind haben, machen wir unsere Boote aneinander fest, treiben gemeinsam im Eis und veranstalten ein gemütliches Picknick am Vordeck. Allerdings driften wir doch noch mit ca. einem Knoten Fahrt durch die Eisfläche, so dass wir immer mal wieder ein paar Eisbrocken vertreiben müssen, die sich zwischen die beiden Rümpfe schieben und dort feststecken wollen.

Wir haben für diesen Ausflug optimale Bedingungen – gute Sicht, kaum Wind, keine See. Dennoch erfordert die Navigation im Eis Konzentration beim Rudergehen, denn viel Zickzack ist nötig, um den größeren Brocken auszuweichen, und auch die Geschwindigkeit muss immer wieder der Eisdichte angepasst werden. Unser Respekt vor der Durchquerung der Nordwestpassage, wo so etwas über Wochen hinweg nötig ist, ist jedenfalls noch einmal ein gutes Stück gewachsen.

Makeup in Valdez

Es war dringend mal wieder nötig. Eigentlich hätten wir schon letztes Jahr auf die Werft müssen, aber in Japan wollten wir die Zeit nicht opfern, und in Alaska war auch keine Gelegenheit. Nach dem Frost in Cordova war dann aber definitiv und im Wortsinne der Lack ab. Von Valdez erhielten wir die Zusage, nach mindestens zwei Wochen Quarantäne in den Ankerbuchten dort für die Arbeiten willkommen zu sein. Als wir dann schließlich ankamen, hat sich dafür aber sowieso keiner mehr interessiert, denn die Reisebeschränkungen innerhalb Alaskas wurden mittlerweile vom Gouverneur aufgehoben.

So kamen wir also problemlos aus dem Wasser, mussten allerdings unser Vorstag demontieren, weil der Travellift etwas zu klein war und uns sonst nicht weit genug anheben konnte. Wir hatten den Werfttermin mit Blick auf die Wettervorhersage gewählt, denn bei Regen kann man ja nicht streichen. Wir hatten dann aber wirklich Glück mit dem Wetter, denn es blieb tatsächlich sieben Tage am Stück schön, so dass wir jeden Tag von früh bis spät arbeiten konnten. Unser Programm war auch ganz schön umfangreich:

An Deck musste der Rest der alten Farbe soweit wie möglich entfernt werden, dafür konnten wir einen starken, benzinbetriebenen Hochdruckreiniger verwenden, den wir zwei Tage lang im Dauereinsatz hatten, bis der Motor den Geist aufgab. Dann alles anschleifen, eine Lage Epoxy als Tiecoat streichen, darauf zwei Lagen weißen Deckslack.

Das Unterwasserschiff wollte ebenfalls gereinigt sein, ein paar Roststellen behandelt, zwei Lagen Antifouling gestrichen… puhh, was muss dieses Schiff auch immer so groß sein!

Am Rumpf zwei Lagen neue rote Farbe, nebenbei noch die Wellendichtung ausgewechselt, der Propeller geputzt und poliert, das volle Programm eben.

Jetzt strahlt Muktuk wieder wie für eine Zahnpastawerbung. Wir haben uns entschieden, auf die grauen Flächen an Deck zu verzichten und alles einheitlich weiß zu streichen, sind aber noch nicht ganz glücklich damit. Zum einen ist die große weiße Fläche optisch etwas eintönig, zum anderen sieht man natürlich jetzt jeden Schmutzfleck umso deutlicher. Vielleicht ist hier also das letzte Farbwort noch nicht gesprochen. Aber zumindest kann sich Muktuk wieder sehen lassen, und mit dem frisch gestrichenen Unterwasserschiff ist sie auch fast einen Knoten schneller unterwegs.

Nach genau einer Woche auf dem Trockenen kamen wir zurück ins Wasser, nach genau einer Woche fing es an zu regnen. Punktlandung. Das Arbeitsprogramm ist erledigt. Wir auch, und jetzt gönnen wir uns ein paar ruhige Tage in den Ankerbuchten.

Winter

Eine Überraschung war es ja eigentlich nicht. Aber es ist wirklich ganz schön kalt in Alaska. Vor allem im Winter. Und wenn man die Schnapsidee hat, diesen ausgerechnet auf einem Segelboot zu verbringen. Eine Schneeschaufel haben wir uns schon zugelegt, denn die Marina räumt nur den Hauptsteg. Den Zugang zur Muktuk müssen wir uns selbst freischaufeln – wenn die Luke vom Niedergang nicht über Nacht zugefroren ist und wir überhaupt hinauskommen.

Unser Holzofen heizt die Messe und Achterkabine problemlos auf durchschnittlich 25 Grad auf. Aber wie das mit dem Durchschnitt so ist: unter der Decke sind es gut 30 Grad, am Fußboden eher 15. Auch der kleine Ventilator hilft nicht wirklich. Jetzt haben wir den Boden mit ein paar Pappkartons und einem Stück Teppich isoliert, das macht es ein wenig gemütlicher. Mit unserem Holzvorrat (immerhin hatten wir das ganze Cockpit voll) werden wir aber nicht weit kommen. Wir verfeuern zur Zeit einen großen Eimer voll jeden Tag, mit diesem Verbrauch werden wir Ende März neues Holz brauchen.

Insofern sind wir ganz froh, dass die neue Diesel-Warmluftheizung jetzt eingebaut ist und funktioniert – so haben wir eine Alternative und können Holz sparen. Mit beiden Heizsystemen könne wir aber nur den hinteren Teil des Schiffes heizen. Die vordere Hälfte, also Mittelkabine, Lotsenkoje, Werkstatt und Toilette sind kalt. Was von der Temperatur her kein großes Problem wäre, aber die warme und feuchte Luft von hinten findet ihren Weg nach vorne und kondensiert dort an Wänden, Decken, Luken und in den Schapps. Und wir reden hier nicht von einem leichten Feuchtigkeitsfilm, sondern von tropfnassem Holz, rinnendem Wasser und Pfützen.

Der Muktuk wird also einiges abverlangt vom Winter. Uns geht es aber ausgezeichnet, wir genießen die Gesellschaft unserer Segelfreunde (fünf Segelboote überwintern hier), arbeiten unsere Reparaturliste ab, nehmen am kulturellen Leben des Ortes teil und hatten als besonderen Leckerbissen schon drei wunderschöne Skitage: bei gutem Wetter öffnet ab 13h Amerikas älteste Liftanlage, ein Ein-Personen-Sessellift mit schönen und abwechslungsreichen Abfahrtsmöglichkeiten, ein paar präparierten Pisten und jeder Menge Tiefschnee. Und grandioser Aussicht!

Brennholz

Unsere Hauptheizung an Bord ist ein kleiner gusseiserner Ofen für Holz. Eingeweiht haben wir ihn schon in Steward Island auf der anderen Seite der Welt, und immer mal wieder hat er unsere Muktuk schön behaglich gemacht, wenn es draußen ungemütlich wurde, aber in Alaska wird er sich zum ersten Mal richtig beweisen müssen.

Wenn wir im Februar an Bord zurückkehren, liegen noch drei Monate mit regelmäßigen Minustemperaturen vor uns. Holz muss ja eine Weile lagern und trocknen, bevor es richtig brennt. Die empfohlenen drei Jahre Lagerzeit schaffen wir zwar nicht, aber ein paar Monate helfen auch schon. So haben wir in den letzten Wochen in Alaska rund einen Ster Holz gesägt, gespalten und gestapelt, um zumindest für den Anfang gerüstet zu sein. Der Stauraum an Bord ist ja beschränkt: jetzt ist unser Cockpit zum Holzlager umfunktioniert, und unter Deck lagern auch noch ein paar Eimer voll.

Wie lange diese Holzmenge reichen wird, wissen wir noch nicht. Wir werden unseren Ofen sicherlich mit weiteren Maßnahmen unterstützen müssen: Zusätzliche Plastikscheiben vor alle Luken haben wir schon angebracht, so dass sie nun zweilagig verglast sind. Den Boden – zumindest in der Messe – werden wir noch mit Styropor, Schaumstoff und/oder Teppich belegen, um keine kalten Füße zu bekommen. Ein Gebläse wird den Austausch zwischen der warmen Luft unter der Kabinendecke und dem kalten Bodenbereich fördern. Und schließlich werden wir unsere defekte Webasto Diesel-Warmluftheizung ersetzen, um auf die Schnelle Wärme zu haben, bis der Holzofen in Gang kommt.

Wie sich das ganze Konzept bewähren wird, werden wir sehen. Aber wir sind ja nicht auf See, wo wir alles mit Bordmitteln lösen müssen – in Cordova gibt es zusätzliches Material und Ausrüstung zu kaufen. Und ein paar weitere Bäume stehen notfalls auch noch herum.

Bären satt

Wie schon erwähnt, versuchen wir normalerweise den Bären aus dem Weg zu gehen. Selbst auf einem harmlosen Ausflug zum Blaubeersammeln sehen wir aus wie Bruce Willis. Nein, nicht im Unterhemd, aber bis an die Zähne bewaffnet: Im Gürtel auf einer Seite das Bärenspray, auf der anderen Seite eine 120 dB Drucklufthupe, griffbereit eine Seenotsignalfackel, die praktischerweise auch gegen Wölfe helfen soll. Hier in Geographic Harbor ist aber alles ganz anders. Hierher kommt man extra, um die Braunbären zu sehen, und zwar möglichst von nahem.

Dabei sind wir nicht alleine. Anders als in den anderen Buchten, liegen gleich drei weitere Schiffe vor Anker und haben Schaulustige mit Landungsbooten an die Flussmündung gebracht. Ein Wasserflugzeug bring dreimal am Tag weitere Kleingruppen. Am ersten Tag lassen wir uns auf der großen vorgelagerten Sandbank trockenfallen und beobachten die Bären von Bord aus. Wenn wir zusehen, wie dicht die Bären um die Besucher am Fluss herumlaufen, wird uns ganz anders. Zu unserer Muktuk kommt allerdings kein Bär gelaufen, was auch ganz gut ist, denn wir erfahren später, dass Bären gerne mal an Schlauchbooten knabbern, irgendwas im PVC zieht sie wohl an, und wir hatten unser Dinghy hinterhergezogen und mit trockenfallen lassen. Aus dem Cockpit heraus sehen wir zwei Jungbären beim Balgen zu, bis das Auftauchen eines großen Alpha-Männchens sie in die Flucht schlägt.

Nachdem der erste Tag komplett verregnet war, beschließen wir, am nächsten Tag bei strahlendem Sonnenschein noch einmal hinzufahren. Diesmal bietet uns eines der Ausflugsboote an, uns zusammen mit ihrer Gruppe an Land zu fahren, wenn wir uns nicht trockenfallen lassen, sondern außerhalb ankern. So stört die Muktuk auch nicht auf den Fotos, die ja schließlich Bären in der Wildnis zeigen sollen.
Gerne nehmen wir das Angebot an und hocken mit rund zehn weiteren Personen unter sachkundiger Anleitung an der Flussmündung. Alle außer uns sitzen auf vom Veranstalter zur Verfügung gestellten blauen Eimern. Die Logik dabei: hockend erscheinen wir kleiner, so fühlen sich die Bären nicht bedroht und kommen näher. Und wenn sie zu nahe kommen, kann die Gruppe geschlossen aufstehen, damit größer wirken und die Bären zurückscheuchen.

Hier in Geographic Harbor sind die Bären die Nähe der Touristen gewöhnt. Sie sind weniger scheu als woanders, und auch nicht aggressiv. Lachs gibt es im Überfluss, also haben die Bären keinen Hunger. Gut für uns. Und so sehen wir in der Tat Bären aus großer Nähe, bis auf 50 Meter kommen sie an uns heran, fischen im Fluss nach Lachsen und verspeisen sie vor unseren Augen, als hätten sie dieses klassische Fotomotiv extra geprobt. Wir sind begeistert.

Tierwelt


Ich hoffe mein letzter Blogeintrag hat nicht den Eindruck erweckt, wir seien an Alaskas Tierwelt hauptsächlich kulinarisch interessiert. Einige würden gar nicht in unsere Kochtöpfe hineinpassen, z.B. wären wir mit einem Buckelwal komplett überfordert. Der kann also zu Dutzenden unbesorgt um unsere Muktuk herum schwimmen, erst durch seinen Blas auf sich aufmerksam machen, dann seinen Rücken und schließlich beim Abtauchen, wenn man Glück hat – seine Fluke zeigen.

Bei einer anderen Tierart haben umgekehrt eher wir die Sorge, auf ihrem Speiseplan zu landen: die Braunbären. Der Kodiak-Bär, eng verwandt mit dem Grizzly und nach dem Eisbären der zweitgrößte Bär überhaupt, ist hier weit verbreitet. Wenn man an Land geht, sieht man fast überall Anzeichen dieser Tiere. Fußspuren in Sand oder Schlamm, ausgetretene Pfade im Gebüsch, abgefressene Beerensträucher, halbe zerrissene Lachse, Kothaufen.

Die Bären selbst haben wir auch schon ein paar Mal gesehen. Zuerst weit weg in einer Lagune vom Dinghy aus, und dann mehrfach von einem wunderschönen Ankerplatz aus, wo wir einem recht jungen Bären auf seinem abendlichen Spaziergang an Strand und Bach zusehen konnten. Er versuchte auch, Lachse zu fangen, stellte sich aber nicht so geschickt an und hatte keinen Erfolg. Na ja, er ist ja noch jung und wird das schon noch lernen. Wir sind fasziniert von der Bewegung der Bären: sie sind zwar tapsig, aber auf majestätische Weise.

Bei Landgängen im Bärengebiet beachten wir die empfohlenen Vorsichtsmaßnahmen. Wir sind mit einem Bärenspray ausgerüstet, ein Gewehr haben wir (noch) nicht. Die Bären sind normalerweise nicht aggressiv (Mütter mit Jungen ausgenommen) und derzeit dank der reichlich vorhandenen Lachse auch nicht hungrig. Sie gehen den Menschen also eher aus dem Weg, man muss nur darauf achten, sie nicht zu überraschen. Statt ständig laut zu reden oder zu singen, haben wir unseren Bluetooth Lautsprecher und Musik vom Handy dabei. Schon seltsam, beim Spazierengehen lautstark Bruce Springsteen, Anna Netrebko oder Christina Aguilera zu hören, aber wenn’s die Bären vertreibt…

Dann wäre noch der Weißkopfseeadler (bald eagle) zu erwähnen. Er ist hier allerdings in solchen Massen vertreten und oft auch ziemlich zerzaust, so dass er oft nicht ganz so majestätisch wirkt wie auf dem Wappen der Vereinigten Staaten.

Dafür sieht der Papageientaucher immer perfekt frisiert aus. Er hat zwar etwas Mühe beim Abheben und ist ein wenig kamerascheu, aber wir freuen uns immer, wenn wir einen dieser bunten Gesellen sehen.

Auf einigen Inseln gibt es Wildpopulationen von Pferden und Rindern, Überreste einer versuchten Bewirtschaftung, die sich dann doch als unrentabel erwies. Und gegen aufgebrachte Bullen, die uns als Eindringling auf ihrem Grundstück betrachten, hilft auch kein Bärenspray – da ist Abstand halten angesagt.

Meist ist es aber ganz friedlich. Robben stecken ihre Köpfe aus dem Wasser, um uns beim Fischen zuzusehen. Abends läuft ein Füchslein am Strand herum. Am frühen Morgen steht ein Reh am Hang. Wir sind in Alaska, wo man das Gefühl hat, dass der Mensch nur zu Gast ist.