Birgit und die 500 japanischen Gartenzwerge

09. – 11. Januar 2024

Miyajima hat neben dem roten Torii und dem Itsukushima Schrein aber noch ein anderes Juwel zu bieten, zu dem uns Keisuke hinführte. Die buddhistische Daisho-In Tempelanlage liegt etwa eine Viertelstunde außerhalb der Ortschaft und besteht aus etlichen beeindruckenden Gebäuden, Parks und Statuen. Kobo Daishi, der Gründer dieses Zweigs des Buddhismus, begann hier auf Miyajima seine Karriere.

Auf dem Weg zum Tempel fallen zunächst die süßen kleinen Jizo Statuen auf, die Schutzgottheiten für Kinder darstellen.


Das absolute Highlight des Daisho-In (jedenfalls für uns) sind aber die 500 Rakan-Statuen, die am zum Tempel hinaufführenden Hang aufgestellt sind. Jede Figur stellt einen der Schüler Buddhas dar.

Der Clou: Obwohl alle Figuren aus demselben Material bestehen, alle dieselbe Größe haben (etwa 70-80 cm), und fast alle das gleiche rote Strickmützchen tragen, ist jede absolut einzigartig. Jede der Statuen hat ihre besondere Körperhaltung, ihren besonderen Gesichtsausdruck. Mal streng, mal fröhlich, bedenklich, träumerisch, sinnierend… keine gleicht der anderen. Bei manchen ändert sich der Gesichtsausdruck sogar, wenn man sie aus einer anderen Perspektive betrachtet. Wir kommen aus dem Staunen, Anschauen und Fotografieren gar nicht hinaus.

Beispiele gefällig? Bitteschön:

Miyajima

09. – 11. Januar 2024

Eigentlich wollten wir gar nicht hin. Die Insel vor Hiroshima mit dem roten, ins Wasser gebauten Torii ist eines der ikonischen Wahrzeichen Japans. Über vier Millionen Besucher überfluten pro Jahr die ausgedehnte Tempelanlage der kleinen Insel, die meisten nehmen die Fähre von Hiroshima, bleiben ein paar Stunden auf der Insel und fahren am Abend zurück. Tagsüber und vor allem zu den Hauptreisezeiten ist die Insel so voll, dass man sich nur mühsam durch die Menschenmassen schieben kann und für die besten Fotomotive lange anstehen muss. Das wollten wir uns ersparen, schließlich hat Japan so viele andere, weniger bekannte Schönheiten zu bieten.

Aber wie so oft kam es dann doch anders. Wir wollten mit Keisuke, unserem japanischen Freund, den wir auf Etajima kennengelernt hatten, ein paar Tage segeln gehen, und er wolle Miyajima gerne besuchen, denn der Ituskushima-Schrein ist in der Shinto-Religion eine besonders wichtige heilige Stätte. Früher durfte man als einfacher Bürger den auf Stelzen ins Wasser gebauten Schrein gar nicht betreten. Einzig per Boot durch den Torii war der Zugang möglich. Aber nicht nur der Schrein, die ganze Insel gilt als heilig. Das ist auch der Grund, warum der Schrein ins Meer vor der Insel gebaut wurde, um die heilige Insel unberührt zu lassen. Das Schlachten von Tieren sowie Geburten und Beerdigungen sind noch heute auf der ganzen Insel streng tabu.

Dank Keisukes Japanisch-Kenntnissen konnten wir für Muktuk einen Liegeplatz in der Nähe des Schreins reservieren. Im Winter war der Besucherstrom ohnehin etwas ausgedünnt, und als gegen 17 Uhr die letzte Fähre abgelegt hatte, waren wir mit den ca. 2000 ständigen Bewohnern der Insel, ein wenigen Dutzend Übernachtungsgästen und ein paar hundert freilaufenden Sika-Hirschen allein.

Ganz magisch wurde es dann, als wir uns nachts bei Niedrigwasser noch einmal zum Torii aufmachten. Außer uns war kein Mensch unterwegs, wir konnten auf der Sandbank fast bis zum Torii hinlaufen und das eindrucksvoll beleuchtete Bauwerk samt Spiegelung im Wasser bewundern.

Wir sind sehr froh und dankbar, dass unser Plan, Miyajima auf unserer Reise auszulassen, fehlgeschlagen ist.

Austern in Hiroshima Bay

Seit wir im Gebiet der Inseln um Hiroshima unterwegs sind, gehören die ausgedehnten Flöße der Austernfarmen zum alltäglichen Anblick. Es ist oft gar nicht so einfach, zwischen ihnen den Weg in Häfen und Buchten zu finden. Zum Glück haben wir mittlerweile Seekarten, in denen die maximalen Ausmaße der Austernflöße eingezeichnet sind.

Aus der Gegend um Hiroshima kommen über 60% aller in Japan produzierten Austern, fast 30.000 Tonnen jedes Jahr. In einem kleinen Museum für Lokalgeschichte in Hiroshima erfahren wir, warum. Das beginnt mit dem Ota-Fluss, dessen eingeschwemmte Sedimente großflächige Wattgebiete hervorbringen, was die Austern im Larvenstadium benötigen. Außerdem trägt der Fluss Süßwasser und Stickstoff aus der Landwirtschaft ein, was das Plankton wachsen lässt. Von Plankton ernähren sich die Austern, und weil die Bucht vor Hiroshima ein recht geschütztes Gewässer ist, wird das Plankton auch nicht so schnell weggeschwemmt, so dass die Austern wachsen und schön fett werden können.

Aber es gibt weitere Standortvorteile: die wechselnde Wassertemperatur ist genau, was die Austern mögen: über 20°C im Sommer (gut für die Eiablage), unter 20°C im Winter (gut fürs Wachstum). Und nach dem Laichen sinkt durch die ausgeprägte Regenzeit die Salinität des Wassers, was vor allem den Larven gut gefällt.

Kein Wunder also, dass hier schon seit 1673 Austern gezüchtet und bis nach Osaka verkauft wurden. Anfangs hat man es sich noch recht einfach gemacht. Man stellte Bambusgestelle ins Watt, und automatisch setzten sich darauf Austernlarven fest, die nach ein paar Jahren zu ansehnlichen leckeren Tieren heranwuchsen.

Seit dem zweiten Weltkrieg hat sich aber ein komplizierteres Verfahren durchgesetzt, was zu deutlich besseren Erträgen führt und nun überall eingesetzt wird. Dabei durchlaufen die Austern fünf Phasen:

  1. Einnisten: nach der Eiablage im Sommer schwimmen die Larven frei im Meer herum, bis sie sich irgendwo festsetzen. Im Wasser aufgehängte (leere) Schalen von Jakobsmuscheln werden von den Larven gerne als Heimat gewählt, etwa drei Wochen nach der Eiablage haben sich die meisten von ihnen einen Standort auf einer Muschelschale ausgesucht.
  2. Abhärten: Die besiedelten Schalen werden dicht übereinander gepackt ins Watt verbracht. In den Gestellen dort werden sie abwechselnd überspült und fallen trocken. Dadurch werden die Austern robuster und unempfindlicher gegen wechselnde Umwelteinflüsse.
  3. Aufhängen: wie Setzlinge werden die kleinen Austern nun samt ihren Jakobsmuschelschalen vereinzelt und an etwa neun Meter langen Schnüren unter Bambusflößen ins tiefe Wasser gehängt.
  4. Wachstum: unter den Bambusflößen bleiben die Austern nun für 2-3 Jahre, bis sie zu ausreichender Größe herangewachsen sind.
  5. Ernte: mit zehn Meter hohen Kränen werden die schweren Austernschnüre schließlich aus dem Wasser geholt. Die beste Erntezeit ist von November bis April.

Und so ist es auch kein Wunder, dass im Winter hier fast jedes Restaurant frische Austern auf der Speisekarte hat. Wer auf glibberige, glitschige Nahrung steht, kann hier natürlich auch rohe Austern essen. Das ist in Japan aber eher ungewöhnlich. Wie immer sind die Japaner hier kulinarisch ganz vorne: Zwar wird der Fisch am liebsten roh gegessen, Austern aber genießt man eher gekocht, gebacken oder frittiert. Und so zubereitet schmecken Austern wirklich ganz herrlich. Frisch vom Floß!

Angeln mit Haken

Kaum ein Nahrungsmittel ist so sehr mit der japanischen Kultur verbunden wie der Fisch. Im Durchschnitt isst jeder Japaner rund 70 kg Fisch pro Jahr (der weltweite Durchschnitt liegt bei 16 kg). Doch die Liebe zum Fisch hat ihre Schattenseiten, denn viele der hier beliebten Sorten (z.B. der Blauflossen-Thunfisch) sind bereits seit Jahren gefährdet.

Während im Nordwest-Pazifik insgesamt noch große Mengen an Fisch gefangen werden können, sind die japanischen Küstengewässer bereits stark überfischt. Wir an Bord der Muktuk haben es mittlerweile aufgegeben, in Japan selbst zu angeln. Weder an der Schleppleine, noch vor Anker oder vom Beiboot aus hatten wir Erfolg. Nun bin ich bestimmt kein besonders professioneller Angler, aber in anderen Seegebieten wie Neuseeland, Alaska oder Mexiko konnten wir immer relativ mühelos unser Abendessen fangen. Aber hier in Japan: Fehlanzeige!

Der Fisch jedenfalls, den es in großer Auswahl und relativ günstig in den Supermärkten zu kaufen gibt, ist in den meisten Fällen importiert. Lachs aus Chile, Garnelen aus Ecuador, Gelbflossen-Thunfisch aus Argentinien oder China. Seit wir beim Einkauf genauer hinschauen und nur Fisch aus hiesigen Fanggebieten (oder aus lokaler Fischzucht) kaufen, ist unsere Sortenvielfalt deutlich geringer geworden.

Auch die Fangflotte Japans ist in den letzten Jahrzehnten geschrumpft, aber umfasst immer noch über 120.000 Boote, die meisten davon kleine, mit ein bis zwei Mann besetzte Küstenfischer. Wenn wir unterwegs sind, muss immer einer von uns sorgfältig Ausguck gehen, um nicht nur den Booten, sondern auch den gesetzten Reusen und Netzen auszuweichen.

Was uns aber am meisten erstaunt, ist die Leidenschaft der Japaner fürs Freizeit-Angeln. Keine Hafenmauer ist unbesetzt, auch nicht bei Sturm oder Regen. Kein Felsen im Wasser ist zu klein, als dass nicht ein paar Angler darauf säßen. Sie werden morgens mit kleinen Booten hingebracht und am Abend – mit oder ohne Fang – wieder abgeholt.

Wir sehen ständig Angler. Was wir selten sehen, sind Fische, die an den Angeln hängen. Ab und an mal eine Sardine, aber größere Fänge sind sehr selten. Das tut freilich der Leidenschaft fürs Angeln keinen Abbruch.

Wie bei allen Freizeitaktivitäten sind Japaner auch beim Angeln absolut professionell ausgerüstet: ein halbes Dutzend Angelruten, einige davon vier bis fünf Meter lang. Kescher und Netze, um die Sardine auch sicher zu bergen. Falt-Hocker und Falt-Tischchen. Eine kleine Kühltruhe zur Aufbewahrung (der Fische oder Getränke?). Eine große Schale mit Köder-Paste, die in regelmäßigen Abständen mit einer speziellen Wurfschaufel portionsweise ins Wasser geworfen wird. Und natürlich eine große Auswahl an Haken, Ködern und Schwimmern. Von unserer Beobachtung ausgehend wird es kaum ein Angler schaffen, im Laufe seines Lebens so viel Fisch zu fangen, dass der Gegenwert der Ausrüstung wieder hereinkommt. Aber darum geht es ja wohl auch nicht.

Der Fangerfolg scheint jedenfalls weniger von der Ausrüstung und Anstrengung des Anglers abzuhängen als man denkt. Als wir die drei Wochen coronabedingt am Schwimmsteg von Takakushi lagen, hörten wir eines Abends ein typisches Klappern an Deck. Ich ging hoch und brachte einen Hering mit herein, der – wohl auf der Flucht vor Raubfischen – aus dem Wasser gesprungen und dummerweise auf der Muktuk gelandet war. Zwei Tage später kamen auf dieselbe Weise noch einmal fünf weitere dazu, die ich vom Deck und vom Steg aufsammeln und zu Rollmops verarbeiten konnte. War das nun „selbstgefangen“? Aus der Sicht der Fische vielleicht.

Zwangspause

29. Oktober – 10. November

Weil unser Unterwasserschiff so stark bewachsen ist, dass wir uns nur mit Mühe fortbewegen können, wird es höchste Zeit, Muktuk aus dem Wasser zu nehmen, zu putzen und zu streichen. Wir haben mit der Werft den 1. November als Termin vereinbart und machen uns zwei Tage vorher auf den Weg, um gemütlich in die Gegend der Werft zu tuckern. Doch so gut unsere Pläne auch sein mögen, Corona macht uns wortwörtlich einen Strich durch die Rechnung.

Bereits am Vorabend der Abfahrt aus Karatsu fühlt sich Birgit angeschlagen, ihr Hals kratzt, sie hat Glieder- und Kopfschmerzen. Noch wissen wir aber nicht, was es ist. Während der Fahrt verschlechtert sich ihr Zustand, sie bleibt die meiste Zeit in der Koje und bekommt Fieber und Schüttelfrost. Wir erreichen ein kleines Fischerdorf mit einem großen Hafen und machen am Schwimmsteg fest. Wir haben Corona-Schnelltests an Bord, Birgit testet sich und ist positiv.

Wir geben in der Werft Bescheid, dass sich unser Termin wohl etwas verschieben wird. Mir geht es am nächsten Morgen noch immer gut, ich habe keine Symptome und gehe am Vormittag (natürlich mit Maske) bei schönstem Wetter durch den Ort spazieren. Es gibt hier sogar einen Onsen, aber natürlich können wir den jetzt nicht besuchen. Während ich fort bin, kommen Zollmitarbeiter an unseren Liegeplatz. Birgit erklärt ihnen die Situation und wir dürfen vorerst hier liegenbleiben.

Am Abend geht es dann auch bei mir los, ich habe die gleichen Symptome wie Birgit, nur jeweils zwei Tage zeitversetzt. Weil wir für die Werft zuvor groß eingekauft haben, haben wir für mindestens eine Woche Proviant und können uns an Bord isolieren.

Es ist eine lausige Krankheit! Obwohl wir beide je viermal geimpft sind, erwischt es uns ordentlich. Zwar gilt es natürlich immer noch als „leichter Verlauf“, schließlich müssen wir weder beatmet noch hospitalisiert werden, aber Fieber, Glieder- und Hautschmerzen, Halsweh (bei Birgit), Übelkeit und Durchfall (bei mir), beide husten um die Wette – wir sind völlig kaputt.

Die erste Woche haben wir wunderbares sonniges und warmes Herbstwetter, das wir allerdings nur durch die Fenster bewundern können. Dann schlägt das Wetter um, es stürmt und schüttet zwei Tage lang. Zum Glück liegen wir gut und sicher, und bisher hat noch keiner versucht, uns von hier zu verscheuchen. Doch trotz des relativ geschützten Liegeplatzes brechen in einer Nacht gleich drei Festmacherleinen, so sehr wirft es das Boot umeinander.

Der Wind lässt schneller nach als unsere Symptome, es geht nur in ganz keinen Schritten voran. Bei mir bleibt ein hartnäckiger Husten und nahezu völliger Verlust von Geruchs- und Geschmackssinn. An Werftarbeit ist auch nach über einer Woche nicht zu denken. Es dauert volle 14 Tage, bis der Test nicht mehr positiv anschlägt.

Holperiger Start

23. Oktober 2023

Am Montagmorgen geht es endlich los. Die Sonne scheint auf das spiegelglatte Hafenbecken, es ist windstill. Da Muktuks Bug zu Land hin zeigt, will ich mit dem Bugstrahlruder das Boot um knapp 180° drehen, um aus dem Becken heraus und zum Tanksteg fahren zu können. Sie beginnt sich auch brav zu drehen, aber als ich die Maschine einkupple, um Vorwärtsfahrt zu machen, passiert nichts. Mehr Gas – immer noch nichts! Was ist denn jetzt los?

Wir driften zurück an den Steg und machen erst einmal wieder fest. Getriebeschaden? Gebrochener Schaltzug? Es scheint aber alles in Ordnung zu sein: wenn ich einkupple, dreht sich die Welle, bei mehr Gas sehen wir Schraubenwasser am Heck – alles wie es sein soll. Hmm…

Zweiter Versuch. Unter Maschine bewegt sich Muktuk doch, allerdings nur ganz gemächlich. Auf dem Weg zum Tanksteg gebe ich Vollgas, dennoch erreichen wir mit Müh und Not eine Geschwindigkeit von einem Knoten. So wird das nichts mit der kurzen Strecke von 20 sm, die wir für heute vorhaben.

Die Erklärung: nachdem Muktuk fast vier Monate lang bewegungslos in warmem Wasser lag, haben sich so viele Muscheln am Propeller festgesetzt, dass wir damit zwar das Wasser hinterm Boot durchquirlen, aber praktisch keinen Vortrieb erzeugen. Es bleibt mir also nichts anderes übrig, als mit Kratzwerkzeug bewaffnet im Hafenbecken tauchen zu gehen, um den Propeller wenigstens grob vom Bewuchs zu befreien. Die Biester sind verdammt hart, und ich brauche etwa eine Stunde, bis die Propellerblätter auf ihrer Vorder- und Rückseite freiliegen. Danach bin ich sehr froh über die heiße Dusche in der Marina, um sowohl den Hafendreck als auch das Zittern loszuwerden.

(Kleiner Vorgriff: ein paar Wochen später machen wir auf der Werft dieses Bild, als die Muktuk aus dem Wasser gehoben wird. Kein Wunder also!)

Das Tauchen und Kratzen hat sich jedenfalls gelohnt. Zwar sind wir immer noch langsam, aber knapp vier Knoten schaffen wir jetzt unter Maschine, und damit können wir unseren Ankerplatz erreichen, wo wir uns ein paar Tage lang von der Hektik der Großstadt erholen wollen.

Laternenfest in Fukuoka

21. Oktober 2023

Nach dreineinhalb Monaten Deutschland sind wir zurück an Bord. Die Segel sind angeschlagen, Proviant ist eingekauft, die letzten Segnungen der Großstadt Fukuoka mit Museums- und Konzertbesuchen genossen. Bald geht es wieder auf See. Aber heute Abend müssen wir noch einmal in die Stadt zum jährlichen Laternenfest…








Yobuko

24. Juni 2023

Yobuko, gerade mal ein paar Seemeilen von Karatsu entfernt, ist für seinen „morning market“ berühmt. Angeblich Japans drittgrößter Markt dieser Art, hat er jeden Tag außer am 1. Januar immer von 7:30 bis gegen Mittag geöffnet.

Das Spektakel ist auf eine ca. 200 Meter lange Einkaufsstraße begrenzt, an der sich ein Stand mit Leckereien an den anderen reiht. Überall gibt es Getier aus dem Meer, frisch von der Fischereiflotte angeliefert und in verschiedenen Stadien der Zubereitung: von roh über getrocknet, mariniert bis zu essfertig gegrillt, gebraten oder frittiert.

Aber auch abgesehen vom morning market ist Yobuko für seinen Tintenfisch von besonderer Frische und Geschmack bekannt. Die wohl berühmteste Zubereitung ist „ikizukuri“, eine Art Sashimi, bei der der noch lebende Tintenfisch so schnell ausgenommen und aufgeschnitten wird, dass er noch lebend serviert werden kann. Ganz so weit ging unsere Liebe zur japanischen Küche dann aber doch nicht, das haben wir nicht ausprobiert.

Den Trocknungsprozess des „normalen“ Tintenfischs kann man im ganzen Ort bewundern. Überall flattern die hellweißen Tintenfische an der frischen Luft. Oft mit Wedeln bewacht, um die Fliegen abzuwehren, oft auch in Karussells im Kreis geschleudert, denn auch dann haben die Fliegen keine Chance. Größere Raubtiere können sich dennoch mal ein Stückchen Tentakel ergattern.

Doch in Yobuko wurden nicht immer nur kleine Fische gefangen. Einige Gebäude sind aus der Zeit erhalten geblieben, als Yobuko ein prosperierender Walfang-Ort war. Das lokale Walfang-Museum zeigt Gerätschaften und Bilder aus dieser Zeit.

Institute of Ocean Energy

16. Juni 2023

Immer wenn wir von unserem Liegeplatz nach Imari hineinfahren, fährt unser Zug an einem großen Gebäude mit der Aufschrift „IOES – Institute of Ocean Energy, Saga University“ vorbei. Neugierig geworden, recherchiere ich im Internet, was es damit auf sich hat und gehe eines Tages dort vorbei und frage, ob man das Institut besichtigen kann. Ja, kann man – ich vereinbare einen Termin für den übernächsten Tag, an dem wir zu dritt (Anne, die Tochter einer Freundin, ist für eine Woche zu Besuch bei uns) durchs Institut geführt werden und alles anschauen dürfen. Der Forscher, der uns das Institut zeigt, spricht hervorragendes Englisch und beantwortet geduldig unsere vielen Fragen.

Unter anderem dürfen wir besichtigen:

Ocean Thermal Energy Conversion (OTEC): hier wird die Temperaturdifferenz zwischen dem kalten Tiefenwasser (3-5°C in 1000 Meter Tiefe) und dem warmen Oberflächenwasser zur Stromerzeugung nach dem Prinzip eines umgekehrten Kühlschranks ausgenutzt: man nimmt eine Flüssigkeit wie z.B. Ammoniak, deren Siedepunkt zwischen den beiden Wassertemperaturen liegt. Wird diese Flüssigkeit nun in einem Wärmetauscher durch das warme Oberflächenwasser erwärmt, verdampft sie, ihr Dampfdruck treibt eine Turbine zur Stromerzeugung an. Hinter der Turbine wird in einem weiteren Wärmetauscher das kalte Tiefenwasser verwendet, um das gasförmige Ammoniak wieder herabzukühlen und zu verflüssigen, womit sich der Kreislauf schließt. Vom erzeugten Strom werden die Pumpen betrieben, der Überschuss ist die gewonnene Energie.

Wir können zunächst eine Demonstrations-Anlage betrachten, in der alle Bauteile aus durchsichtigem Kunststoff bestehen, danach werden wir in die Halle mit der 30 kW Anlage geführt, in der das Prinzip im größeren Maßstab umgesetzt wird.

Wave Energy Conversion: Nutzung der Meereswellen zur Energieerzeugung. Die Herausforderung hier liegt vor allem darin, dass solche Anlagen aus den moderaten Wellenhöhen Energie gewinnen müssen, die überwiegend vorherrschen. Sie müssen aber derart stabil gebaut sein, dass sie den extremen Seegang (zehn Meter oder mehr) überstehen, der zwar selten, aber dennoch vorkommen kann. Hierfür werden verschiedene Schwimmkörper vertestet, in denen die Auf- und Abbewegung des Wassers oder die Kippbewegungen des Schwimmkörpers eine Luftsäule verdichtet, die dann eine Turbine antreibt. Durch eine spezielle Geometrie der Turbinenblätter rotiert die Turbine immer in derselben Richtung, auch wenn die Luft abwechselnd ein- und ausströmt.



Tidal Current Power Generation: Gezeitenkraftwerke zur Stromgewinnung sind ein weiteres Forschungsfeld des Instituts. Hier werden spezielle Turbinen mit gegenläufigen Rotoren entwickelt, die lediglich mit einem Kabel am Meeresgrund verankert werden müssen und deren Wirkungsgrad zusätzlich durch eine Art Doppeltrichter verbessert wird, der die Anströmgeschwindigkeit der Turbine erhöht.

Offshore Wind Energy: hier werden verbesserte Windkraftwerke entwickelt, Schwerpunkte liegen auf Verankerungstechnik bzw. schwimmenden Windrädern, optimierten Flügelprofilen und Muli-Rotor-Geometrien. Als Windkraftwerke der nächsten Generation werden Flugdrachen erprobt, die nicht nur den stärkeren Wind in großer Höhe nutzen, sondern auch durch dynamische Flugbahnsteuerung die Gesamteffizienz erhöhen.

Lithium Recovery: Für die Batterietechnik werden große Mengen an Lithium benötigt, per Bergbau ist es jedoch begrenzt verfügbar (und zu großen Teilen von China kontrolliert). Lithium ist aber auch – wenn auch in der extrem geringen Konzentration von 0,1 – 0,2 ppm – in Seewasser enthalten. Im Institut wird ein vielversprechendes neues Verfahren entwickelt, Lithium-Ionen dennoch effizient aus dem Seewasser herauszufiltern und von den anderen Ionen zu trennen.

Ich hoffe, das war jetzt nicht zu viel der Technik. Wir waren jedenfalls sehr begeistert, was alles in diesem unscheinbaren Gebäude entwickelt und erforscht wird. Und dankbar, dass uns alles gezeigt und erklärt wurde. Wer mehr wissen will, wird auf der Internetseite des Instituts fündig: https://www.ioes.saga-u.ac.jp/en/

Küstenwache und Zoll in Imari

9. Juni 2023

Die Stadt Imari liegt am Ende einer tief eingeschnittenen Bucht. Die ganze Gegend ist stark industriell geprägt: Werften, Raffinerien, überall qualmt es aus den Schornsteinen – landschaftliche Schönheit können wir hier nicht erwarten. Die nächstgelegene „offizielle“ Marina liegt sehr weit außerhalb, und weil wir ja die Stadt und die Keramikörtchen im Hinterland erkunden wollen, suchen wir uns per Seekarte und google Maps ein Hafenbecken in Stadtnähe aus, das nahe an einem Bahnhof liegt, so dass wir vom Liegeplatz schnell und günstig in den Ort kommen können.

Wir entdecken am Ende des Hafenbeckens einen Schwimmsteg, eine Seite ist frei und wir machen dort fest. Aber – oops – auf der anderen Seite liegt ein Boot der Küstenwache! Bevor unsere Leinen noch richtig fest sind, bekommen wir auch schon Besuch. Ob wir hier bleiben können? Japaner sind ja so höflich, dass sie sehr ungern nein sagen. Wenn sie es aber doch müssen, kündigt ihr leicht schmerzverzerrter Gesichtsausdruck schon im Vorfeld an, dass dieses Mal die Antwort wohl negativ ausfallen wird: zwar ist nur eine Seite von der Küstenwache belegt, aber die andere Seite muss für Notfälle freigehalten werden. Außerdem ist der Zugang zum Steg abgesperrt, wir kämen hier also gar nicht von Bord. Wo wir denn dann hinkönnten? Die Beamten kontaktieren den Hafenkapitän per Telefon und bitten uns abzuwarten.

Nach etlichen Verhandlungen, einigen Formularen, ausführlicher Bordbesichtigung und knapp zwei Stunden ist alles geregelt: wir dürfen an der anderen Seite des Hafenbeckens längsseits festmachen. Zwar kein Schwimmsteg, aber der Tidenhub ist zur Zeit nicht so groß, dass dies ein Problem wäre. Ich frage noch kurz den Navigator des Küstenwacht-Bootes nach der Wassertiefe an der für uns vorgesehenen Stelle, weil ich denke, er hat vielleicht genaueres Kartenmaterial. Statt in die Karte zu sehen, schickt er aber zwei seiner Beamten mit dem Auto los, die nicht nur mit dem Lot die Wassertiefe messen, sondern gleich noch ein paar Mooringleinen aus dem Weg räumen, die uns behindern könnten. Per Telefon kommt dann die Information: vier Meter tief, alles perfekt!

Während wir die paar hundert Meter rübertuckern, springt auch der Rest der Mannschaft ins Auto und hilft uns, an unserem neuen Liegeplatz die Leinen anzunehmen.

Ein paar Tage später bekommen wir Besuch von zwei Zollbeamten, die das Boot besichtigen wollen und auch ein paar Formulare zum Ausfüllen dabeihaben. Sie kommen allerdings gerade, als wir mit Handtüchern und Wechselwäsche ausgerüstet zum Zug laufen wollen, um in Imari ins öffentliche Bad zu gehen. Als wir ihnen erklären, dass wir an Bord keine Duschgelegenheit haben und sowieso große Fans der japanischen Onsen sind, freuen sie sich nicht nur über unsere Wertschätzung dieses Teils ihrer Kultur, sondern haben es auch mit der Dienstpflicht nicht mehr so eilig. Sie können auch später wiederkommen. Als der jüngere Kollege dennoch ein Formular zückt, weist ihn der ältere Kollege zurecht: lass mal, die müssen doch zum Zug, um baden zu gehen.

Ist es nicht ein wunderbares Land?