Mirror Harbor

Als wir die Bilder sahen, konnte uns nichts mehr halten. Über ein Jahr schon ist es her, dass wir in Japan zum letzten Mal in einem Onsen waren, diesen wunderbaren heißen Bädern.

Südostalaska hat eine ganze Reihe heißer Quellen, an einigen Orten wurden drumherum Holzhütten errichtet, wo man – mitten in der Natur – das heiße, leicht schwefelige Wasser genießen kann. Für uns, deren einzige Dusche an Bord im Cockpit ist, wo es beizeiten in Alaska ganz schön ungemütlich ist, ein ganz besonderer Luxus.

Vom Ankerplatz, wegen seines spiegelglatten Wassers „Mirror Harbor“ genannt, fährt man ein paar Minuten mit dem Dinghy zum Beginn des Bohlenweges, der nach knapp zwei Kilometern das Badehaus erreicht. Der Weg ist übersät mit frischer Losung von Bären, wir sind mit Bärenspray, Gewehr und Trillerpfeifen unterwegs und bekommen zum Glück keinen der in dieser Jahreszeit noch hungrigen Bären zu Gesicht.

Das Badehaus liegt direkt am Strand. Wenn man die großen Schiebetüren öffnet, hat man freien Blick auf die „Bertha Bay“, einen steinübersäten Küstenabschnitt, in den die Dünung des Nordpazifiks ungehindert hineinläuft. Dazu das typische Südostalaska-Wetter: niedrig hängende Wolken, Regen… Wildnis pur. Und mitten darin diese Oase der Wärme und Sauberkeit. Herrlich!

Der Haken an der Sache: die Einfahrt in den Mirror Harbor ist verzwickt, eng und voller Unterwasserhindernisse. Die Seekarte hilft überhaupt nicht weiter, die zeigt einfach nur Steine. Wir haben eine Skizze und eine Beschreibung, entlang derer wir uns in Schleichfahrt hineintasten, aber trotzdem knallen wir an der Schlüsselstelle mit dem Kiel an einen Felsen. Drei Anläufe brauchen wir, bis wir endlich den richtigen Winkel für die Einfahrt heraus haben – unsere Muktuk ist einfach zu groß für diesen Hafen.

Wie kommen wir da nur wieder raus? Nach einer – sagen wir mal: schlafarmen Nacht steht mein Plan fest. Ich gehe erst einmal in den Wald und fälle sechs kleine Tannen. Nicht dass mich Weihnachtsgefühle übermannen würden – nein, ich brauche einfach ein paar möglichst gerade Stecken, und die Tannen (nach Entfernen der Äste) sind das einzig gerade, was hier zu finden ist. Sechs schwere Felsbrocken sind schnell eingesammelt, eine Leine verbindet jeweils den Stein mit dem unteren Ende des Steckens. Die Länge der Leine ist so berechnet, dass bei Hochwasser der Stock senkrecht im Wasser schwimmt, aber noch so weit möglich mit der Spitze herausschaut.

Bei Niedrigwasser mache ich mich mit dem Beiboot auf den Weg und sehe mir die Unterwasserfelsen an. Ich platziere die Markierungen und schaue sechs Stunden später bei Hochwasser, ob alles gut zu erkennen ist. Ich lerne schnell: der Job des Tonnenlegers ist nicht ganz einfach. Dicke Kelp-Bündel verfangen sich in den Leinen, so dass die Stöcke nicht aufschwimmen können. Treibholz in Gestalt ganzer Baumstämme treibt im Tidenstrom durch die Engstelle und nimmt eine meiner Markierungen mit. Manche Stöcke haben nicht genug Auftrieb und brauchen zusätzliche Hilfe durch einen Schwimmkörper. Aber am nächsten Tag ist alles soweit repariert und neu platziert, und die Ausfahrt gelingt ohne Schrammen. Es hilft eben einfach, wenn man weiß wo die Felsen sind.

Abschied vom Prince William Sound

Anfang – Mitte Juni

Nellies Rest: Diese Bucht kennen wir, hier waren wir schon einmal: acht Jahre und einen Monat ist es her, als wir bei unseren Freunden auf der anderen Muktuk zu Besuch waren und zwei Wochen lang mit ihnen im Prince William Sound von Bucht zu Bucht gefahren sind. Damals, Ende April lag der Schnee immer noch 3-4 m hoch, auch heute noch erinnern sich die Einwohner von Alaska an den Winter von 2012, in dem es so unglaublich viel geschneit hatte. Jetzt, im Jahre 2020 ist alles schon saftig grün und die ersten Blumen blühen. Der Sommer ist kurz aber wegen der langen hellen Tage – Mitte Juni ist es um Mitternacht immer noch hell – wächst alles in einem atemberaubenden Tempo. Eine Beschleunigung, die wir so gar nicht kennen.

Um die Ecke von Nellies Rest befindet der Nelly Juan Gletscher, der sich schon sehr weit  zurück gezogen hat. Nur die glatt geschliffenen Felsen zeugen davon, dass hier mal vor langer Zeit Eis- und Geröllmassen entlang gerutscht sind. Mit der Muktuk können wir da nicht rein fahren und mit dem Dinghi scheint es uns viel zu weit. Im ruhigen Wasser vor dem Gletscher legen wir den Krabbenkorb auf etwa 80m Tiefe aus und als wir ihn am nächsten Morgen rausholen ist er voll: 100 Garnelen zählen wir, die Kleinen, die wir wieder zurück ins Wasser werfen nicht mit eingerechnet. Wir legen den Korb eine weitere Nacht aus und wahrscheinlich hätten wir noch einmal so viele Tierchen drin gehabt, wenn sich nicht ein sehr großer Oktopus um den Korb gekümmert hätte. Als wir den Korb hoch holten, hielt er ihn fest umschlungen und ließ erst in letzter Sekunde los, um wieder in der Tiefe zu verschwinden. In seinem gefräßigen Eifer hatte er zwei Löcher ins Netz gerissen, durch das etliche Garnelen entwischen konnten. Wir sind trotzdem begeistert über weitere 50 frische Krabben, die – geschält und mit Knoblauch und etwas Chilli in Olivenöl angebraten – einen ganz feinen süßen Geschmack entwickelten und sich auch für Sushi hervorragend verwenden lassen. Es ist ein Festschmaus, sich an Garnelen einmal so richtig satt essen zu können.

So langsam wollen wir uns nun nach Süden zum Ausgang des Prince William Sound bewegen. Als wir in die Knight Passage einbiegen, liegen da auf einmal zehn, zwanzig und mehr Fischerboote auf Lachsfang, die gesamte Fischereiflotte von Cordova scheint sich hier versammelt zu haben, alles „gill-netter“: sie legen ein Netz aus, das ähnlich wie ein Vorhang im Wasser hängt, oben durch viele kleine Schwimmkörper hoch gehalten wird und dessen Ende mit einer großen roten Boje oder Fender markiert ist. So lassen sich die Boote mit ihren Netzen treiben und hoffen, dass die Lachse sich darin verfangen. Wir mussten höllisch aufpassen, wie wir da im Zickzack durch und vorbei fahren können, ohne in eines der Netze zu geraten. Einer von uns muss immer mit dem Fernglas nach den roten Bojen schauen, die das Ende des Netzes markierten und gleichzeitig raten, zu welchem Boot denn das Netz hinführt, der andere muss am Steuer stehen. Die roten Bojen kann man zwar aus der Ferne ganz gut erkennen, die kleinen weißen Schwimmkörper aber oft erst in letzter Minute sehen und dann müssen wir unter Umständen schnell den Kurs ändern.

Auch am nächsten Tag tuckern wir langsam und vorsichtig um die Fischerboote herum, als eines  mit hoher Geschwindigkeit auf uns zu gefahren kommt. Einer der beiden jungen Männer im Boot fragt uns, ob wir denn einen Lachs kaufen wollten. Und so bekommen wir unseren ersten frischen Lachs, in diesem Jahr, einen „red salmon“ ein schönes großes Exemplar.

Ein paar Meilen weiter sollte es laut Revierführer in einer Bucht einen Wasserschlauch geben. Wir ankern dort und sehen hier zwei Netze im Wasser schwimmen, die an einem Ende am Ufer festgemacht sind. Geschützt unter den Bäumen steht eine kleine Hütte, daneben ein Schuppen. Ein Mann und ein kleiner Junge machen sich gerade fertig, um in ihr Boot zu steigen. Sie fahren ihre Netze ab und holen ein paar Lachse heraus, der kleine Junge hilft tatkräftig mit. Dann kommen sie zu uns gefahren, um sich ein bisschen mit uns zu unterhalten. Die Hütte und das Gelände gehört der Familie des Mannes. Sie wohnen in Cordova, sind aber mit den Kindern den ganzen Sommer lang hier draußen wegen der Lachse. Drei Monate dauern die Sommerferien für die Kinder, von Mitte Mai bis Mitte August – und die verbringen sie überwiegend hier draußen, wie so viele andere Kinder auch.  Zum Schluss holt der Fischer einen Lachs für uns aus seiner Kühlkiste und will gar nichts dafür haben! Gut, dass ich gerade einen frischen Sandkuchen gebacken hatte: Andreas‘ Lieblingskuchen. Aber er hat nichts dagegen, dass dieser über die Reling wandert im Tausch gegen einen köstlichen Lachs. Diesen Lachs können wir nämlich nicht selbst fangen, denn er geht nicht an die Angel und so freuen wir uns umso mehr darüber. Zwei große Lachse innerhalb weniger Stunden, so viel können wir beide unmöglich aufessen, also wandert ein Teil davon in Gläser und wird eingekocht.

Gibt es einen schöneren Abschied vom Prince William Sound? Ein sonniger Tag, freundliche Menschen, eine fischreiche See!

Am nächsten Tag tut sich ein günstiges Wetterfenster auf – mit moderaten Winden und nicht viel Seegang und so tuckern wir das letzte Stück raus und setzen die Segel, um den Golf von Alaska zu überqueren mit Ziel Südost-Alaska. Die Seebeine sind uns in den letzten Monaten an Land und in den ruhigen Gewässern des Prince William Sound abhanden gekommen und schon die eineinhalb Meter hohe Welle macht mir mächtig zu schaffen, erst am dritten Tag ist es mit der Seekrankheit vorbei. Die Wettervorhersage hält ihre Zusage für guten Wind und sogar während der angesagten Flaute zwischendurch ist immer noch so viel Wind da, dass wir mit 2.5-3 Knoten schaukelnd vorankommen und den Motor nicht anwerfen müssen. Unterwegs sehen wir auf der ganzen Überfahrt vielleicht drei Fischerboote. Und kein einziges Kreuzfahrtschiff – diese bringen normalerweise im Sommer tausende von Touristen nach Alaska zu den schönen Gletschern, nicht aber in diesem Jahr, wegen Corona ist alles anders.

Nach fünf Tagen und vier Nächten auf See halten wir auf einen geschützten Ankerplatz südlich der Icy Strait zu. Südost-Alaska empfängt uns mit einer Gruppe von Orcas, die ganz nahe an uns vorbei ziehen und tief hängenden Wolken mit viel Regen – das typische Wetter hier, das den Regenwald umso üppiger wachsen lässt. Mit dem beruhigenden Rauschen des Wasserfalls nebenan lässt es sich wunderbar einschlafen und wir freuen uns, endlich wieder die Nacht durchschlafen zu können!

Der nächste Eisberg

Kaum sind zwei Tage vergangen, machen wir uns auf den Weg zum nächsten pelagischen Gletscher im Prince William Sound. Diesmal ist es der Maeres Gletscher im Unakwik Fjord. Weil sich der weitaus langsamer bewegt als der Columbia Gletscher, fallen von ihm viel weniger Eisbrocken ins Wasser. Wir haben also die Hoffnung, dieses Mal bis zur Gletscherfront vordringen zu können.

Die Topographie des Gletscherbetts macht es außerordentlich spannend: von der ehemaligen Endmoräne aus (wieder mit nur einer kleinen ausreichend tiefen Lücke zum Hineinschlüpfen) geht es erst einmal acht Meilen nach Norden, wo der Fjord einen Knick nach Osten macht. Man sieht also nichts vom Gletscher, bis man kurz davor die Ecke rundet. Und dann ist er plötzlich da, in voller Pracht und Breite.

Eine riesige, blauweiße, ca. 100 Meter hohe und dreiviertel Meile breite Gletscherfront erhebt sich vor uns. Wir tasten uns vorsichtig an die Abbruchkante heran, wobei das tiefe Grollen des Gletschers und das Krachen beim Abbruch kleinerer Brocken uns den nötigen Respekt einflößt, nicht zu dicht hinzufahren. Während Eisbrocken die Anfahrt zum Gletscher diesmal kaum behindert haben, liegt direkt davor eine dichte Schicht Eisbruch, die aber überwiegend aus kleinen Stückchen besteht und uns nicht daran hindert, mit Schleichfahrt hindurchzufahren. Noch dichter am Gletscher liegen Robben mit Jungtieren auf den Eisschollen. Wir versuchen uns vorsichtig anzunähern, um ein paar Fotos zu schießen, ohne die Tiere allzu sehr zu stören. Das stellt sich allerdings als gar nicht so einfach heraus, denn in Gletschernähe fällt ein kräftiger eiskalter Wind herab, der das Boot schiebt.

Eine weitere äußerst erfreuliche Eigenschaft dieses Gletscherbetts müssen wir auch noch lobend erwähnen. Es ist anscheinend ein hervorragendes Habitat für Garnelen. Ich habe schon in Cordova einen Krabbenkorb gebastelt und seitdem immer mal wieder auf rund 100 Meter heruntergelassen und einen Tag später wieder heraufgeholt. Meist leer oder voller Kleintiere, die den Köder aufgefressen haben. Einmal zwei kleine Garnelen, einmal vier große (immerhin). Aber im Unakwik Fjord hat der Fang dann doch einmal für ein großes Abendessen gereicht. Köstlich!

Eisberg voraus

Keine Sorge, wir machen nicht auf Titanic, wir sind nur zum Columbia Gletscher gefahren. Das heißt: ganz haben wir es nicht geschafft, denn das Eis wurde – je näher wir der Abbruchkante kamen – immer dichter, so dass wir am Ende nur noch im Schritttempo vorankamen. Dazu kommt eine weitere navigatorischer Herausforderung: Das Gletscherbett ist größtenteils rund 300 Meter tief, aber die ehemalige Endmoräne des Gletschers, die gut zehn Meilen vor der Gletscherkante liegt, ist überwiegend nur einige Meter unter Wasser. Da die Eisbrocken meist tiefer ins Wasser ragen, bleiben sie dort hängen und versperren die Durchfahrt. Es gibt aber eine Lücke in der Endmoräne, die ca. 20 Meter Wassertiefe bietet. Bei Ebbe drückt es die Eisbrocken aus dieser Lücke heraus, so dass auch diese Einfahrt verstopft ist. Nur während das Wasser steigt, also in Richtung Gletscher fließt, wird die Einfahrt vom Eis freigespült. Man muss es also während dieser Zeit rein, bis zum Gletscher hin und wieder heraus schaffen.

Um unseren frisch gestrichenen Lack zu schonen und weil es eben einfach zu lange gedauert hätte, mussten wir also irgendwann umkehren. Macht aber nichts, denn wir haben viele wunderschöne Eisberge gesehen und ein gutes Gefühl für die Navigation im Eis bekommen. Die meisten Eisbrocken, allesamt Abbruchstücke der bis zum Wasser reichenden Gletscherkante, sind relativ klein (maximal ein paar Meter groß), aber einige sind doch erheblich größer als unser Boot. Und eine solche Vielfalt: rein weiße oder tiefblaue, die Oberfläche sieht mal wie Schnee aus (wenn sie von der Sonnenwärme schon etwas angetaut sind), mal ganz glasig klar (wenn sie sich vor kurzem gedreht haben, so dass die ehemalige Unterwasserseite nach oben zeigt). Manche tragen noch Felsbrocken mit sich herum. Manche dienen Vögeln als Sitzplatz. Wir können uns nicht sattsehen.

Da wir mit unseren Freunden Catherine und Bruno von der französischen Jacht „Nosy Bé“ unterwegs sind, können wir schöne Fotos voneinander machen. Weil das Wetter so gut ist und wir kaum Wind haben, machen wir unsere Boote aneinander fest, treiben gemeinsam im Eis und veranstalten ein gemütliches Picknick am Vordeck. Allerdings driften wir doch noch mit ca. einem Knoten Fahrt durch die Eisfläche, so dass wir immer mal wieder ein paar Eisbrocken vertreiben müssen, die sich zwischen die beiden Rümpfe schieben und dort feststecken wollen.

Wir haben für diesen Ausflug optimale Bedingungen – gute Sicht, kaum Wind, keine See. Dennoch erfordert die Navigation im Eis Konzentration beim Rudergehen, denn viel Zickzack ist nötig, um den größeren Brocken auszuweichen, und auch die Geschwindigkeit muss immer wieder der Eisdichte angepasst werden. Unser Respekt vor der Durchquerung der Nordwestpassage, wo so etwas über Wochen hinweg nötig ist, ist jedenfalls noch einmal ein gutes Stück gewachsen.

Makeup in Valdez

Es war dringend mal wieder nötig. Eigentlich hätten wir schon letztes Jahr auf die Werft müssen, aber in Japan wollten wir die Zeit nicht opfern, und in Alaska war auch keine Gelegenheit. Nach dem Frost in Cordova war dann aber definitiv und im Wortsinne der Lack ab. Von Valdez erhielten wir die Zusage, nach mindestens zwei Wochen Quarantäne in den Ankerbuchten dort für die Arbeiten willkommen zu sein. Als wir dann schließlich ankamen, hat sich dafür aber sowieso keiner mehr interessiert, denn die Reisebeschränkungen innerhalb Alaskas wurden mittlerweile vom Gouverneur aufgehoben.

So kamen wir also problemlos aus dem Wasser, mussten allerdings unser Vorstag demontieren, weil der Travellift etwas zu klein war und uns sonst nicht weit genug anheben konnte. Wir hatten den Werfttermin mit Blick auf die Wettervorhersage gewählt, denn bei Regen kann man ja nicht streichen. Wir hatten dann aber wirklich Glück mit dem Wetter, denn es blieb tatsächlich sieben Tage am Stück schön, so dass wir jeden Tag von früh bis spät arbeiten konnten. Unser Programm war auch ganz schön umfangreich:

An Deck musste der Rest der alten Farbe soweit wie möglich entfernt werden, dafür konnten wir einen starken, benzinbetriebenen Hochdruckreiniger verwenden, den wir zwei Tage lang im Dauereinsatz hatten, bis der Motor den Geist aufgab. Dann alles anschleifen, eine Lage Epoxy als Tiecoat streichen, darauf zwei Lagen weißen Deckslack.

Das Unterwasserschiff wollte ebenfalls gereinigt sein, ein paar Roststellen behandelt, zwei Lagen Antifouling gestrichen… puhh, was muss dieses Schiff auch immer so groß sein!

Am Rumpf zwei Lagen neue rote Farbe, nebenbei noch die Wellendichtung ausgewechselt, der Propeller geputzt und poliert, das volle Programm eben.

Jetzt strahlt Muktuk wieder wie für eine Zahnpastawerbung. Wir haben uns entschieden, auf die grauen Flächen an Deck zu verzichten und alles einheitlich weiß zu streichen, sind aber noch nicht ganz glücklich damit. Zum einen ist die große weiße Fläche optisch etwas eintönig, zum anderen sieht man natürlich jetzt jeden Schmutzfleck umso deutlicher. Vielleicht ist hier also das letzte Farbwort noch nicht gesprochen. Aber zumindest kann sich Muktuk wieder sehen lassen, und mit dem frisch gestrichenen Unterwasserschiff ist sie auch fast einen Knoten schneller unterwegs.

Nach genau einer Woche auf dem Trockenen kamen wir zurück ins Wasser, nach genau einer Woche fing es an zu regnen. Punktlandung. Das Arbeitsprogramm ist erledigt. Wir auch, und jetzt gönnen wir uns ein paar ruhige Tage in den Ankerbuchten.

Quarantäne im Prince William Sound

Seit mehr als zwei Wochen sind wir nun schon draußen im Prince William Sound. Es war eine lange Zeit im Hafen: seit Mitte September für die Muktuk und seit Mitte Februar für uns. Vor allem ich hatte mich so sehr an Cordova gewöhnt, die Freunde im Hafen, die tägliche Routine trotz der vielen Einschränkungen, so dass ich mir gar nicht mehr so recht vorstellen konnte weg zu fahren. Und schon gar nicht an einem Regentag.

Aber schon nach den ersten hundert Metern, als die Masten und Antennen der Boote im Hafen und die Häuser von Cordova hinter uns langsam im Nieselregen verschwammen und sich vor uns das Wasser weitete, in der Ferne sich die schneebedeckten Berge mit den schwarzen Wäldern auftürmten, da kam gleichzeitig mit der Erinnerung an die Buchtentage des vergangenen Jahres eine unerwartete Euphorie auf. Ich hatte tatsächlich vergessen, wie schön es draußen sein kann!

Vier Stunden später hatten wir unsere erste Bucht, die Sheep Bay, erreicht. Unzählige Otter ließen sich mit der Strömung treiben, hoben neugierig den Kopf, sobald sie unseren Motor hörten, schwammen ein Stück näher, um dann mit einer schnellen Drehung unter Wasser zu verschwinden, bevor ich sie fotografieren konnte. Zwei Weißkopfadler flogen von Tannenspitze zu Tannenspitze und der große Wasserfall in der Bucht rauschte so laut, dass er das Motorengeräusch übertönte und überall an den Steilhängen stürzten, gespeist vom Schmelzwasser, größere und kleinere Bäche herunter.

Die ersten Tage verbrachten wir im Wesentlichen damit, zu lesen, zu kochen, den Regen und die Landschaft zu betrachten – das Aufregendste war eine donnernde Schneelawine hoch oben am Berg, die Steine und Strauchwerk mit sich riss. Internet gab es keines (zu hohe Berge ringsherum). Die Ruhe und Einsamkeit der Bucht tat uns gut.

Nach ein paar Tagen kam die Sonne heraus, ich hatte keine Ausrede mehr, nicht an Land zu gehen. Mit Bärenspray, Tröte und Gewehr stiefelten wir los und anfangs war mir schon noch ein bisschen mulmig zu Mute – auch noch, als wir den Berg hoch gingen auf der Suche nach dem Wanderweg zum See. Der Weg war nicht ausgezeichnet, also bewegten wir uns auf den Wildpfaden durch den Wald – Pfade, die die Rehe und Bären im Laufe der Zeit ausgetreten hatten. Doch von Bären waren noch keine Spuren zu sehen, nur die Losungen der Rehe und die Abdrucke ihrer Hufe in den verbliebenen Schneefeldern. Die ersten Blaubeersträucher blühen schon an besonders geschützten Stellen mit rosa oder weißen Blütenkelchen, und leuchtend kräftige hellgelbe, fast schon neonfarbene, Pflanzen wachsen aus dem Moos oder dem Schnee hervor, von Weitem sehen sie aus wie Pilze und sind wohl eine Delikatesse für die Rehe.

Auf Montague Island fanden wir einen Strand, wo wir an einem Abend grillten, anderntags lange Spaziergänge unternahmen und wo Andreas noch mal gutes Feuerholz sägte. In der Lagune konnten wir die ersten Zugvögel beobachten, sie waren nicht zu überhören: die Gänse zogen paarweise laut rufend übers Wasser.

Unterwegs von einer Bucht zur anderen hielten wir immer mal wieder an, um an einem Unterseehügel zu angeln – der erste Rockfisch der Saison ging gleich am ersten Tag an den Haken zusammen mit einem kleinen vorwitzigen Fischchen und eine Woche später biss sogar ein schöner mittelgroßer Heilbutt an! Jedes Mal ein Fest für die Bordküche!

Am Tag vor der Abfahrt aus Cordova hatten wir von der Werft im Nachbarort Valdez die schriftliche Zusage bekommen, dass wir die Muktuk dort aus dem Wasser heben können. Die Zusage war allerdings mit der Auflage verbunden, vorher mindestens zwei Wochen lang in Quarantäne vor Anker zu liegen. Außerdem sollten wir möglichst gut mit Vorräten ausgestattet sein, denn es sei nicht klar, wie frei wir uns in Valdez außerhalb der Werft bewegen dürften.

Der „travel ban“, das Verbot von Ort zu Ort zu reisen, wird also sehr pragmatisch ausgelegt. Ähnlich wie sich auch der wirtschaftliche Druck auf viele Entscheidungen ausgewirkt hat: die Fischerboote dürfen fischen, die Fischfabriken können den Fisch annehmen. Vorausgesetzt wird, dass jeder Betrieb ein Quarantäne- und Sicherheitskonzept vorlegt, das im Einzelnen von den Behörden genehmigt werden muss. Im Falle der Fischerboote heißt das, jedes einzelne braucht ein eigenes Konzept, da die Fischer als Selbständige mit Crew arbeiten.

Mitte Mai wird die Lachssaison eröffnet, die ersten Lachse, die zum Copper River Delta zurück schwimmen, gelten als ausgesprochene Delikatesse. Die Fischerboote richten momentan ihre Boote und Netze dafür her, viele von ihnen kommen für die Saison aus dem Süden und müssen zwei Wochen Quarantäne einhalten, wie auch die eingeflogenen Arbeiter, wobei ihnen die Zeit unterwegs wohl auch schon angerechnet wird. Cordova hat den Hafen inzwischen zur „hot zone“, also zu einem Brennpunkt erklärt, wo höhere Sicherheitsmaßnahmen als im Dorf selbst gelten.

Ein paar Sendemasten sind im Prince William Sound aufgestellt, so dass wir unterwegs und auch in einigen Buchten Internet haben. So können wir die Nachrichten einigermaßen verfolgen und uns über die neuesten Entwicklungen in der Pandemie informieren. Alaska hat bisher 378 getestete Fälle an Erkrankungen, davon 10 Tote, und in Anchorage werden ab Montag die Ausgangsbeschränkungen gelockert, Kinos, Restaurants, Fitnessstudios und mehr dürfen wieder öffnen. Aber nun ist auch in Cordova der erste Fall einer Covid-19 Ansteckung bekannt geworden.

Wir sind froh, dass wir momentan draußen in der Wildnis sein können. In Quarantäne oder im „lock down“, also wochenlang zu zweit alleine auf dem Boot zu leben, das kennen wir und es funktioniert sehr gut. Wir hatten ja auch ein paar Jahre Zeit, es zu üben. Wir müssen aber auch nicht gleichzeitig einen Vollzeitjob in Heimarbeit stemmen und nebenher die Schulaufgaben der Kinder beaufsichtigen. Ulrich Tukur, Schauspieler, Musiker und Schriftsteller schrieb kürzlich:

„Meine Gedanken sind oft bei denen, die mit dem Rücken an der Wand stehen und für die diese Zeit kein absurdes Theater ist, sondern existenziell bedrohliche Wirklichkeit. Ich hoffe inständig, dass sich der Vorhang bald über dieses seltsame Stück senkt und wir danach alle etwas bescheidener nach Hause gehen und darüber nachdenken, was da eigentlich gespielt wurde. Vielleicht fühlen wir dann endlich, wie zerbrechlich diese Welt ist und wie schützenswert. Wissen tun wir es längst.“ (Aus: DIE ZEIT Nr. 19, 29.04.2020)

Wursten und Räuchern

Fragt man deutsche Segler, was sie unterwegs vermissen, dann ist die Antwort ziemlich eindeutig: Brot, Schinken und Wurst.

Brot backen kann man recht schnell lernen, aber das mit den Würsten und dem Schinken ist nicht so einfach. Bislang haben wir uns immer einen Vorrat an Geräuchertem aus Deutschland mitgebracht, aber in die Vereinigten Staaten darf man dergleichen nicht einführen.

Also packte Andreas irgendwann den Räucheraufsatz für unseren Holzofen aus, legte Fleischstücke in Salzlake ein und probierte, Schinken zu räuchern. Das klappte schon mal sehr gut!

Und dann machten wir eine unerwartete Entdeckung beim Fleisch-Kühlregal im Supermarkt in Cordova: eingesalzene Därme, vakuumverpackt! Einen Fleischwolf haben wir an Bord, es fehlt aber der Aufsatz für den Wurstdarm. Andreas suchte nach allerlei Plastikteilen, aus denen er die Tülle bauen konnte, recherchierte im Internet nach Wurstrezepten und legte los. Zuerst gab es Bratwürste mit Majoran und Piment nach fränkischer Art gewürzt. Eine schweißtreibende Arbeit, das Brät durch den Fleischwolf zu drehen und gar nicht so einfach, gleichmäßige Würste herzustellen. Aber sie schmeckten hervorragend! Beim zweiten Mal wünschte ich mir siebenbürgische Bratwürste mit viel Knoblauch. Und auch die schmeckten fein, fast genauso wie vom Metzger Moser in Nürnberg. Eine Hälfte davon waren mit Pökelsalz statt einfachem Kochsalz vermischt und fürs Räuchern bestimmt. Zwei Tage lang mussten sie erst einmal in der Küche hängen, um zu Reifen. Leider können wir mit unserem Ofen nur warm räuchern, und es wurde den Würsten schon fast zu heiß. Da müssen wir noch ein bisschen üben.

Neue Normalität

Als wir von Deutschland weg flogen, wurden in den Nachrichten von den ersten Fällen mit Corona-Virus in einer Firma im Süden Münchens berichtet. Seither verfolgen wir die Entwicklung, lesen täglich lange im Internet, telefonieren mit Familie und Freunden in Deutschland. Sogar die Tagesschau sehen wir uns nun an. Erst schien alles weit weg, aber es war bald klar, dass auch die USA nicht von dem Virus verschont bleiben würde und auch Alaska nicht, so abseits im hohen Norden.

Cordova hat das erste Mal den Winter über für sieben Monate lang keine Fährverbindung mehr, Waren werden mit privaten Fähren oder einem Frachter von Seattle hierher gebracht. Oder aber mit dem Flugzeug. Und mit diesem reisen auch viele Bewohner hin und her, nach Anchorage für Besorgungen, oder in den Urlaub nach Florida. Vor gut drei Wochen wurde dann der erste Kranke in Anchorage gemeldet, es war der Pilot einer Frachtmaschine, und damit kamen so langsam auch in Alaska die Vorbereitungen in Gang, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen.

Die Kinder hatten gerade alle eine Woche Frühlingsferien, diese wurden erst einmal bis Ende März verlängert (inzwischen sollen sie bis Ende April daheim bleiben). Das Wetter war prächtig, der Schilift im Ort lief noch und alle waren guter Dinge. Ein paar Tage später verfügte der Gouverneur von Alaska die Schließung aller öffentlichen Einrichtungen, also wurde auch das Kulturzentrum bis auf Weiteres zu gemacht, aber auch das städtische Schwimmbad (wo ich mit meiner Dauerkarte morgens gerne zum Schwimmen ging) und auch das Bidarki-Sportzentrum (mit der Sauna, wo Andreas die Dauerkarte hat) sind nun geschlossen. Damit fällt auch unsere Duschmöglichkeit weg. Die Marina besitzt zwar auch Duschen, aber da kosten 3 Minuten heißes Wasser 6,00 USD!

Restaurants und Bars mussten nun auch zumachen und auch einige Geschäfte haben freiwillig geschlossen, so z.B. für Schiffszubehör, Handys, der wunderbare große Handarbeitsladen. Sie machen nur auf Anruf auf, wenn man etwas dringend benötigt.

„Social distancing“ ist die Devise, man solle mindestens 2 Meter Abstand voneinander halten.

In den Supermärkten laufen die Angestellten mit Handschuhen und Desinfektionsmittel herum und an der Kasse steht man sowieso meistens alleine, auch mit Hamsterkäufen halten sich die Menschen hier im Wesentlichen zurück. Einer der drei Supermärkte bittet um Verständnis, dass man pro Familie und Einkauf nur eine begrenzte Menge an Reis, Toilettenpapier und Desinfektionsmittel abgeben könne.

Da in Anchorage die Regale der Supermärkte leer gekauft wurden, schrieb der Kolumnist der wöchentlich erscheinenden Zeitung „The Cordova Times“ dazu: „We all need huge rolls of respect, caring, sacrifice, hope, patience … and humor. “ (Wir brauchen alle große Rollen an Respekt, Zuwendung, Verzicht, Hoffnung, Geduld … und Humor).

Auch die sieben Kirchen des Ortes (Anglikanisch, Katholisch, Orthodox, zweierlei Baptisten…) werden nun an den Sonntagen vorerst keine Gottesdienste abhalten, alle gehen online.

Große Sorgen bereitet den Menschen hier an den Küsten Alaskas, wie es in dieser Saison mit dem Fischfang sein wird, unglaublich viele Arbeitsplätze und Einkommen hängen davon ab. Allein in Dutch Harbor, landeten 2018 rund 346.000 Tonnen Fisch im Wert von 182 Millionen USD. Damit steht dieser Hafen auf Platz 1 innerhalb der USA und das schon seit 22 Jahren. Alaska liefert 58% des gesamten Fangs der USA an Fisch und Meerestieren und 97% des gesamten Lachses.

Sehr viele Fischerboote würden sich normalerweise in diesen Wochen fertig zum Auslaufen machen. Bald wäre der berühmte Königslachs aus dem Copper River Delta dran, der in großen Mengen direkt frisch an die Restaurants in den USA verschickt wird. Da diese aber alle geschlossen sind, fallen sie als Kunden weg. Anfang Mai sollten dann schon viele Gast- bzw. Saisonarbeiter hier sein, um in den „Canneries“, den Konservenfabriken, zu arbeiten. Sie würden aber zusätzliche Ansteckungen mitbringen, denn selbst wenn sie erst einmal für zwei Wochen in Quarantäne gingen, so würden sie wahrscheinlich, wie sonst auch, zu viert in den kleinen Unterkünften wohnen, wo sich das Virus weiter ausbreiten könnte. Aber ohne diese Arbeitskräfte kann der angelieferte Fisch nicht verarbeitet werden. Noch ist nicht klar, wie es weiter gehen wird, ob es sich für die Boote überhaupt lohnt, in dieser Saison raus zu fahren.

Das soziale Leben verlangsamt sich zusehends, auch zum geliebten und beliebten Potluck treffen wir uns nicht mehr. Und auch hier im Hafen überlegen wir täglich, wie oft wir noch zusammen sitzen sollen, auch wenn wir wenige bis gar keine Kontakte zu anderen Leuten im Dorf haben.

Wir wollen in den nächsten Wochen, sobald wir mit allen Reparaturen und Wartungen auf der Arbeitsliste fertig sind und das Wetter besser wird, in den Prince William Sound raus fahren, um der ersten Welle der Infektion zu entgehen und auch um im Zweifelsfall nicht selbst den Virus zu verbreiten.

Für uns ausländische Segler im Hafen stellt sich aber nun zusätzlich ein ganz neues ungewohntes Problem. Wir beide hier auf der Muktuk haben bei der Rückreise aus Deutschland bzw. der Einreise am Flughafen ein Visum für sechs Monate bekommen. Das geht noch bis Mitte August. Bis dahin wollten wir so langsam in Richtung Kanada segeln, um dann im Herbst in Seattle zu sein. Nun aber haben Kanada und die USA ihre Grenzen dicht gemacht, die Häfen für Kreuzfahrtschiffe und eben auch für Segler sind in Kanada geschlossen. Das bedeutet für uns, dass wir momentan nicht nach Kanada segeln können, aber auch wenn wir ausreisen, nicht wieder in die USA einreisen können, weiter südlich die Westküste runter. Hawaii ist auch dicht, ebenso wie die Marschall-Inseln. Kurz gesagt: wir müssten raus, könnten aber nirgendwo wieder rein – auch wenn wir länger als zwei Wochen auf See wären und somit die nötige Quarantäne hinter uns gebracht hätten.

Die Behörden haben auf telefonische Nachfrage auch noch keine Lösung für unser Problem, sie sind von den Ereignissen genau so überrascht worden, wie wir auch und halten sich vorläufig strikt an die Vorgaben, niemanden rein zu lassen. Wir hoffen nun alle, dass es bald Ausnahmegenehmigungen gibt, so dass wir unsere Visa verlängern können. Wir könnten in unser Heimatland zurück, noch. Aber unser Schiff ist momentan unser Zuhause und das wollen und können wir nicht auf eine so lange unbestimmte Zeit alleine lassen.

Wie schnell sich alles um uns herum innerhalb kürzester Zeit verändert hat und wie normal uns inzwischen alle Vorsichtsmaßnahmen erscheinen. An Tagen wie diesen wünschen wir allen vor allem eines: Gesundheit!

Cordova – Alltag im Hafen

So einen schönen Winter hatten wir schon lange nicht mehr! So viele sonnige Tage hintereinander und wenn der Himmel dazwischen mal grau wurde, dann nur, um noch mehr Schnee zu bringen!

Die Sonne steht zwar noch nicht sehr steil am Himmel, aber wir haben nun deutlich längere Tage. Anfang März wurde dann noch die Sommerzeit („daylight saving time“) eingeführt, nun haben wir vom Aufwachen bis gegen acht Uhr am Abend Tageslicht. Die Sonne mag es an manchen Abenden besonders spektakulär und färbt die umliegenden schneebedeckten Berge in unterschiedliche gelb-orange-rosa Töne. Und da die Dämmerung hier oben so viel länger andauert, kann man dann den Bergen zusehen, wie sie in dem diffusen Licht nach Sonnenuntergang in einem kalten Weiß-Blau scheinen.

Und nicht nur die Schifahrer hatten was von dem vielen Schnee. Ein langer schöner Wanderweg führt vom Dorfrand den Berg hoch bis zur Skipiste mit wunderbaren Aussichten auf die umliegenden Bergketten und das Delta des Copper Rivers. Ich bin den Weg ein paar Mal hoch gegangen und jedes Mal war es, als ob ich durch einen Märchenwald ginge, still und verzaubert.

Frost und Schnee zusammen konnten aber auch über Nacht für Überraschungen sorgen, etwa wenn morgens die Luke zum Niedergang nicht mehr auf ging. Wie gut, dass wir unsere Stegnachbarn anrufen konnten und Jan es mit Hilfe der Schneeschaufel und heißem Wasser schaffte, uns zu befreien.

Cordova hat vor ein paar Jahren ein Kulturzentrum gebaut mit Museum, öffentlicher Bibliothek, Räumen für Tagungen und einem großen Saal, der für Konzerte, Theater und Kino gleichermaßen geeignet ist. Der örtliche Kulturverein „Cordova Arts and Pageants“ von viel ehrenamtlicher Arbeit getragen, kümmert sich um das Programm: Künstler auf Alaska-Tournee, die auch nach Cordova eingeladen werden und hier ein enthusiastisches Publikum vorfinden. Zwei bis drei Spielfilme oder Dokumentarfilme werden pro Monat von dem Freundesverein der Bibliothek ausgesucht und gezeigt. Ganz anders als in München, wo einen das kulturelle Angebot schnell erschlagen kann, freut man sich hier auf jede Aufführung und geht dann auch hin.

Außerdem wurden wir von unseren Freunden hier im Hafen zu ihren Freunden im Ort mitgenommen, wo jeden Montagabend ein „Potluck“ stattfindet. Alle sind herzlich willkommen, jeder bringt etwas zum Essen mit und schnell entfalten sich spannende Gespräche. So sehen wir nicht nur fast alle unsere Stegnachbarn wieder sondern lernen auch viele neue Leute aus dem Dorf kennen. Eine sehr schöne Sache und ein großes Dankeschön an das junge Paar, das sein gemütliches großes Wohnzimmer dafür zur Verfügung stellt.

Weil unser kleiner Ofen ein großer Holzfresser ist, mussten wir dann doch noch einmal in den Wald. Zwar hätten wir uns für den großen Holzschlagplatz des staatlichen Forstamtes beim Flughafen anmelden können, da liegen riesige Holzstämme unter dem Schnee. Aber die sind viel zu dick für unsere kleine Kettensäge. Also fragten wir beim Forstamt nach, ob wir uns aus dem Wald einen kleineren Baum aussuchen dürften. Ja, das wäre möglich, solange es sich um Totholz handelt. Vorsichtshalber fragten wir auch noch bei der Stadt nach und bei den Anwohnern des Waldes, um nicht in privatem Besitz zu wildern. Und so stiefelten wir dann an einem sonnigen Tag los, mit Kettensäge, Axt und Eimern den Berg hoch – Andreas sägte und zusammen schleppten wir die Stücke aus dem Wald raus an den Straßenrand.

Als wir fertig waren – und auch so richtig „fertig“ von der ungewohnten Arbeit – und uns noch überlegten, wie wir diese Menge Holz am besten mit einem Schlitten oder unserem Wägelchen in wie vielen Fuhren runter zum Hafen bringen könnten, kam der Nachbar vorbei und bot uns an, das Holz auf seinen Pickup zu laden. Großartig! Ein paar Stunden später trafen wir uns und er brachte Verstärkung mit: seine kleine Tochter, noch keine fünf Jahre alt, bestand darauf, mit zu helfen. Tauschte ihre Ballerina gegen Gummistiefel ein und schleppte fröhlich singend ein Stück nach dem anderen zum Auto. Als sie nach einem größeren Stück griff und ich meinte, „Vorsicht, das ist doch viel zu schwer für dich“, sagte ihr Vater nur: Ach, wir würden uns wundern, was sie für ihr Alter schon alles schleppen könne. Starke Frauen in Alaska!

Von der spontanen und unkomplizierten Hilfsbereitschaft und dem Zusammenhalt der Menschen hier sind wir jedes Mal überwältigt.

Überhaupt mussten wir uns in den ersten Tage an ein anderes Tempo und einen anderen Ton gewöhnen: dass aus den vorbeifahrenden Autos jeder und jede mit Handzeichen grüßt, dass so ziemlich jedes Auto anhält, wenn man die Straße überqueren will, dass die Autos die großen Pfützen umfahren, wenn ein Fußgänger am Straßenrand entlang geht, dass man überall freundlich angesprochen wird und gefragt wird, wie es einem geht und was es doch für ein schöner Tag heute sei und wie schnell man ins Gespräch kommt mit den Menschen hier. Keine Hektik, nirgends!

Das Problem mit der Tropfsteinhöhle, sprich: dem nassen Mittelschiff, wo das Kondenswasser von den Wänden floss, ging vom täglichen Abwischen und Abwarten leider nicht weg. Den Heizlüfter täglich anzufeuern, das hätte unsere Stromrechnung in die Höhe getrieben. Also kam der Zufall uns zu Hilfe, denn in einem Baucontainer unweit des Hafens fand Andreas ein paar Sperrholzplatten, betätigte sich für ein paar Stunden lang als Schreiner und baute eine Türe. Die ist nun eine ungleich bessere Barriere als der Vorhang. Nun entweicht keine warme Luft mehr und es bleibt auch um einiges wärmer da, wo wir heizen und uns überwiegend aufhalten, in der Messe und in der Küche!

In dem Baucontainer lag noch viel mehr Holz, trocken und hervorragend als Brennholz geeignet. Nun musste Andreas erneut am Steg Sägen und Holz hacken. Aber jetzt sollten wir wirklich genug haben.

Cordova ist ein hervorragender Platz, um den Winter zu verbringen!

Winter

Eine Überraschung war es ja eigentlich nicht. Aber es ist wirklich ganz schön kalt in Alaska. Vor allem im Winter. Und wenn man die Schnapsidee hat, diesen ausgerechnet auf einem Segelboot zu verbringen. Eine Schneeschaufel haben wir uns schon zugelegt, denn die Marina räumt nur den Hauptsteg. Den Zugang zur Muktuk müssen wir uns selbst freischaufeln – wenn die Luke vom Niedergang nicht über Nacht zugefroren ist und wir überhaupt hinauskommen.

Unser Holzofen heizt die Messe und Achterkabine problemlos auf durchschnittlich 25 Grad auf. Aber wie das mit dem Durchschnitt so ist: unter der Decke sind es gut 30 Grad, am Fußboden eher 15. Auch der kleine Ventilator hilft nicht wirklich. Jetzt haben wir den Boden mit ein paar Pappkartons und einem Stück Teppich isoliert, das macht es ein wenig gemütlicher. Mit unserem Holzvorrat (immerhin hatten wir das ganze Cockpit voll) werden wir aber nicht weit kommen. Wir verfeuern zur Zeit einen großen Eimer voll jeden Tag, mit diesem Verbrauch werden wir Ende März neues Holz brauchen.

Insofern sind wir ganz froh, dass die neue Diesel-Warmluftheizung jetzt eingebaut ist und funktioniert – so haben wir eine Alternative und können Holz sparen. Mit beiden Heizsystemen könne wir aber nur den hinteren Teil des Schiffes heizen. Die vordere Hälfte, also Mittelkabine, Lotsenkoje, Werkstatt und Toilette sind kalt. Was von der Temperatur her kein großes Problem wäre, aber die warme und feuchte Luft von hinten findet ihren Weg nach vorne und kondensiert dort an Wänden, Decken, Luken und in den Schapps. Und wir reden hier nicht von einem leichten Feuchtigkeitsfilm, sondern von tropfnassem Holz, rinnendem Wasser und Pfützen.

Der Muktuk wird also einiges abverlangt vom Winter. Uns geht es aber ausgezeichnet, wir genießen die Gesellschaft unserer Segelfreunde (fünf Segelboote überwintern hier), arbeiten unsere Reparaturliste ab, nehmen am kulturellen Leben des Ortes teil und hatten als besonderen Leckerbissen schon drei wunderschöne Skitage: bei gutem Wetter öffnet ab 13h Amerikas älteste Liftanlage, ein Ein-Personen-Sessellift mit schönen und abwechslungsreichen Abfahrtsmöglichkeiten, ein paar präparierten Pisten und jeder Menge Tiefschnee. Und grandioser Aussicht!