In der Waschmaschine nach Guam

Die Überfahrt beginnt mit ganz vernünftigem Wind, dann aber müssen wir zwei Tage lang motoren, bis wir schließlich den Passat erwischen. Und was für ein Passat! Fünf Tage lang weht es nicht unter 6-7 Bft, bei jeder Regenwolke jagen Böen von 8 Bft über uns hinweg. Wir können keine vernünftigen Segel setzen, denn in den Böen sind Fock und zweifach gerefftes Groß mehr als genug, aber zwischen den Wolken machen wir damit zu wenig Fahrt. Wir haben noch auf keiner Überfahrt so häufig den Schoner gesetzt und geborgen, so oft die Fock gegen die Genua ausgetauscht und wieder zurück. Hier ein paar Impressionen von unserem Tanz über die Wellen:

Bei zweieinhalb bis drei Meter Welle ist es auch unter Deck nicht gerade gemütlich. Wir kommen uns vor wie in einer Waschmaschine, werden hin und her geworfen, kommen nicht zur Ruhe. Urlaubssegeln sieht anders aus, da müssen wir noch einmal in den Reiseprospekt schauen. Als Guam nach zehn Tagen in Sicht kommt, sind wir jedenfalls beide froh, anzukommen. Weil das Tageslicht schon schwindet, gehen wir über Nacht in einer kleinen Bucht vor Anker, bis wir am nächsten Morgen in den Haupthafen hineinfahren, zwischen Korallenblöcken den Anker werfen und die Beamten von Zoll und Einwanderungsbehörde am Yachtclub treffen, um einzuklarieren.

Der Ausblick von unserem Ankerplatz ist recht dramatisch, denn unseren Nachbarn hat es beim letzten Taifun aufs Riff geschoben, dort liegt er jetzt jämmerlich auf der Seite mit einem Loch im Rumpf. Da schauen wir doch sicherheitshalber dreimal nach, ob unser Anker hält!

Neben Proviantieren und kleineren Reparaturen steht noch eine Großaktion an. Während der windigen Tage unserer Überfahrt ist unser Bug oft ins Wasser eingetaucht. Durch die undichte Luke im Ankerkasten und durch das Loch, durch das die Ankerkette läuft, kam viel Wasser ins Vorschiff. Ich habe zwar unterwegs immer wieder den Ankerkasten ausgepumpt, aber doch zu wenig. Die Bilgen im Vorschiff sind voll mit Wasser, und so heißt es mal wieder: alles ausstauen, putzen, mit Süßwasser spülen, Bilgen trockenlegen, ebenfalls mit Süßwasser reinigen, alles wieder einstauen. Arbeitsprogramm für einen ganzen Tag. Aber wer will schon nach Guam kommen, um Urlaub zu machen.


Kavieng, letzte Station in Papua Neuguinea

Drei Tage lang brauchen wir von Nissan Island bis Kavieng. Die letzte Nacht lang ankern wir vor Lihir Island, gehen aber nicht an Land, sondern segeln weiter. Auf Lihir wird Gold abgebaut und dort, wo die Erde aufgewühlt ist, sieht es aus wie eine Wüste, Rauchsäulen steigen vereinzelt auf und neben der großen sandfarbenen Narbe stehen Industrieanlagen.
Der Ort Kavieng auf der großen Insel New Ireland (zeitweilig Neu Mecklenburg) ist unsere letzte Station in Papua Neuguinea, hier werden wir ausklarieren.
Unser Ankerplatz befindet sich etwas weiter weg vom Ort, gut geschützt vor der kleinen vorgelagerten Insel Nusa. Darauf befindet sich das Nusa Island Retreat, eine schöne Anlage mit Bungalows auf Stelzen, einem Restaurant, überwiegend Australier kommen hierher um zu surfen, an den umliegenden Riffen und Stränden bauen sich schöne Wellen auf. Die durchreisenden Segelboote sind hier herzlich willkommen, wir können die Wäsche zum Waschen abgeben, Diesel bunkern, der in 200l Fässern herangefahren und in unseren Tank gepumpt wird. Und das abendliche Buffet ist auch sehr lecker.
Die Besitzer des Resorts haben zur Unterstützung ein junges Paar als Manager eingestellt. Lucy stammt aus Prag und Kurt hat Wurzeln in Deutschland, Australien und Papua Neuguinea. Er heißt nämlich mit Nachnamen Diercke, wie der gleichnamige Schulatlas. Und wirklich, sein Ur-Urgroßvater war eben jener Carl Diercke, der den ersten Schulatlas zusammengestellt und mit dem Westermann Verlag 1878 herausgegeben hat. Carls Sohn führte den Atlas weiter und dessen Sohn wiederum wanderte nach Papua Neuguinea aus, transportierte Güter auf seinem Boot und wurde später Besitzer einer Kokosplantage. Als sein Vater starb, war es offensichtlich nicht möglich, ihn binnen der 7-Jahresfrist zu finden, so dass die Rechte an dem Atlas für ihn verloren gingen. Der junge Kurt Diercke war kürzlich in Deutschland unterwegs, hat die Gedenktafel für seinen Urgroßvater im Ort Kyritz gefunden und auch den Westermann-Verlag besucht, der ihm nun Atlanten für die Schulen in PNG zuschickt. Er gab uns ein Buch mit, das er von Bekannten in Deutschland ausgeliehen hatte, die Erinnerungen von Albert Hahl, Richter und Gouverneur von Neuguinea bis 1914, eine ausgesprochen spannende Lektüre über dieses Zeit.
Wir gönnen uns hier ein paar Tage Ruhe und genießen ein bisschen den Luxus des Resorts, bevor wir uns die nächste lange Seestrecke vornehmen. Einmal noch auf dem großen Stadtmarkt von Kavieng einkaufen, dann geht es weiter!

In Papua Neuguinea trägt „Mann“ Handtasche!

Pinga Police! Oder: Mühsam nährt sich das Ei-Hörnchen

Wir sitzen gemütlich mit der ersten Tasse Tee in der Hand, lesen, werden langsam wach. Ein typischer ruhiger Morgen im Boot, die Hitze des Tages hat sich noch nicht ganz entfaltet. Doch da hören wir schon die ersten Stimmen, Kichern, Ruderblätter plätschern im Wasser, ein Poltern an der Bordwand, und irgendwann ein leises „Hello?“, wenn wir nicht gleich den Kopf rausstecken.
Eigentlich bin ich erst nach der zweiten Tasse Tee ansprechbar, aber hier habe ich einfach keine Wahl. Ich will nicht als unfreundliche Weiße gelten und so gehe ich an Deck und schaue nach, wer da ist. Ein Ausleger-Kanu mit zwei, drei, manchmal sogar fünf Kindern darin, die sofort wieder kichern, sobald ich ihnen auch Hello! und Good Morning! zurufe. Manchmal paddeln sie noch mühsam gegen den Wind an, wenn er mal wieder etwas heftiger weht, oder sie haben es schon geschafft, halten sich an der Bordwand fest und schauen neugierig rein.
Die Kinder hier verhalten sich so ganz anders, als wir es in Deutschland gewohnt sind. Schaut man sie an, oder spricht mit ihnen, fragt nach ihrem Namen, wenden sie sich ganz schnell schüchtern ab, verstecken das Gesicht in den Händen und kichern verlegen oder legen ihren Kopf ins Boot, wie ein Vogel Strauß. Manchmal muss ich meine Fragen wiederholen, bis sich eines von ihnen ein Herz fasst und antwortet. Aber dann fällt die Antwort so leise aus, dass ich wiederum nachfragen muss. Als nächstes gilt es, ihr Anliegen vorzubringen. Wenn sie sich nicht gleich trauen, dann frage ich einfach, was sie mitgebracht haben. Wieder allgemeines Kichern und den Kopf verstecken, sobald eines der Kinder „eggplants“ (Auberginen) ruft, oder Bohnen, Ananas, was auch immer sie in einer Tüte oder einem Körbchen dabei haben.
Nun beginnt der schwierigste Teil der Kommunikation, was kann ich ihnen dafür geben? Reis, Mehl, Stifte, Hefte, Kekse?Ja! Heftiges Nicken. Und bitte ein „Pinga Police“! Erneutes Kichern…
Was ist das? Frage ich ratlos zurück? Was für eine Polizei?
Pinga Police!
Hmm? Was ist das? Könnt ihr das beschreiben?
Endlich zeigt eines der Kinder auf seine lila angemalten Fingernägel und wiederholt noch einmal eindrücklich „Pinga Police!“. Oh, alles klar! Finger polish, Nagellack!
Erleichtertes Kopfnicken auf beiden Seiten der Reling, Nagellack ist es, Nagellack soll es sein! Denn am ersten Tag beim Tauschmarkt, den Chief Patrick organisiert hatte, hatte ich ein Fläschchen lila Nagellack dabei und mitsamt Heften und Stiften einer jungen Frau gegeben. Das hatte sich herum gesprochen und nun war Nagellack der Renner geworden. In den nächsten Tagen wird es dann sehr bunt im Dorf, Erwachsene wie Kinder, Männer und Frauen, Jungs und Mädchen laufen herum mit rot, blau, grün, rosa und lila angemalten Nägeln an Händen wie Füßen.
Manchmal schaffe ich es gerade noch, für unser Müsli die Papaya, Ananas und Bananen zu schnippeln – Früchte haben wir ja inzwischen reichlich! – bevor es wieder „Hello?“ von draußen ertönt. So geht das unter Umständen den ganzen Tag lang, die Treppe rauf und wieder runter, in den Schubladen nach Haargummis, Fischhaken, Wäscheklammern und Stiften kramen, Reis (braun oder weiß?) und Mehl aus den 5 kg Großpackungen abfüllen, Obst und Gemüse an Deck nach Ameisen absuchen, verstauen und vor allem versuchen, den Überblick zu behalten. Jetzt haben wir wirklich genug Süßkartoffeln und Bananen. Bei der sechsten Ananas muss ich leider den Kopf schütteln und auf einen anderen Tag vertrösten. Und Trink-Kokosnüssen haben wir auch erst einmal reichlich, so viele können wir gar nicht trinken, wie sich inzwischen an Deck stapeln.
Aber gerne ein paar Kokosnüsse zum Reiben und Kochen und vielleicht Eier, das wäre fein! Kaum hat sich das herum gesprochen, kommen die nächsten Kinder mit Eiern. Halten eines, zwei, selten auch drei Stück in die Höhe! Die Eier sind klein, eher wie von Zwerghühnern und sicher sehr wertvoll, denn die Hühner laufen alle frei herum, können sogar fliegen und wo sie ihre Eier hin legen, das muss erst noch herausgefunden werden. Auch über Frühlingszwiebeln freue ich mich, und frisch ausgegrabenen Ingwer.
Womit wir zum nächsten schwierigen Punkt kommen: woran bemisst sich der Wert der Tauschsache? Wie erkenne ich, ob ich für zwei Eier genauso viel her geben soll wie für eine Papaya? Was ist der Gegenwert für die Tüte Mischgemüse: zwei Süßkartoffeln, drei grüne lange Bohnen, zwei kleine Auberginen und ein frisch abgebrochener Zweig mit scharfen Chilli-Schoten?
Mir fehlt komplett der Kompass dafür, ich kann nur aufzählen, was ich habe, fragen und raten, in die Gärten schauen, mit den Leuten reden und beobachten, ob die Gesichter zufrieden sind, oder ob sie nach einigem Zögern doch noch etwas drauf haben wollen.
Die Kinder paddeln meistens noch länger ums Boot herum, zeigen sich gegenseitig die Sachen, lutschen die Bonbons oder knabbern schon mal an den Keksen. Sie kichern, lachen und gerne wüsste ich, was sie sich so zurufen.
Nach ein bis zwei Tagen kann ich langsam ihre Gesichter auseinander halten und zu manchen die Namen zuordnen, Samelu, der so fröhlich lacht und vorwitzig ist mit seinen sieben Jahren, Pamela, die inzwischen ihre Schüchternheit abgelegt hat, aber immer noch meistens ganz ernst schaut, dann Anna, Benedicta, Laureen, John, Christopher oder Sammy, der Tänzer und das sind noch nicht alle…
Wenn Erwachsene kommen, haben auch sie oft ein paar Kinder unterschiedlichen Alters dabei, die ganz kleinen können oft gerade mal den Kopf aus dem Kanu stecken und halten sich ordentlich fest, die älteren turnen schon viel mutiger herum. Manche bringen auch was zum Tauschen aus ihren Gärten mit, andere kommen einfach nur zum Plaudern oder fragen nach Medikamenten. Dann unterhalten wir uns über ihre Familien, über den Garten, das Leben auf der Insel, über unsere Reisen, woher wir kommen, wohin wir weiter fahren. Und immer wieder hören wir, „Germans are good people“, Deutsche sind gute Leute.

Nissan Atoll

Von Normanby Island sind wir in einem durch bis zu der äußeren Inselkette im Osten von Papua Neuguinea gesegelt mit Ziel Nissan Atoll oder Nehan Island, wie es in der Sprache der Bewohner heißt.
Es gehört zu der autonomen Region Bougainville, die wiederum wird in diesem Jahr ein selbständiger Staat werden, alles ordentlich unter der Regie der UNO und in Person des früheren irischen Premierministers Bertie Ahern als Vermittler. Früher war das deutsche Kolonie bis 1914, der ganze Nordosten des Festlandes von Papua Neuguinea, die Inseln New Britain und New Ireland (Neu Mecklenburg und Neu Pommern), bis weiter nördlich Palau, die Marshall- und die Marianeninseln (außer Guam) haben sie von den Holländern bzw. Spaniern übernommen. Die Deutschen haben sich hier – anders als in Afrika – gut benommen, hören und lesen wir. Sie hatten eine gut funktionierende Verwaltung aufgebaut, versucht, gemeinsam mit den Missionaren die Stammeskriege zu befrieden und damit den Brauch des Menschenfressens zu unterbinden, haben Schulen und Krankenhäuser gebaut. Sie haben Kokosplantagen angelegt, von denen heute noch viele stehen. Damals konnte man richtig reich werden mit der Produktion von Kopra.
Nur die Grenzziehung hat nicht so recht geklappt. Die Insel Bougainville fühlt sich ethnisch den Salomonen zugehörig und immer als Fremdkörper im Staat Papua Neuguinea. Als dann eine australische Firma Kupfer in den 70er Jahren im großen Stil dort abbaute, und 20% des Staatshaushaltes damit finanziert wurde, aber nichts in Bougainville davon ankam außer den massiven Umweltschäden, gab es Rebellion und zuletzt einen Bürgerkrieg, die Produktion der Kupfermine kam gänzlich zum Stillstand, bis heute.
Als wir in der Früh noch ein paar Meilen vor dem Nissan Atoll liegen und warten, bis wir gutes Licht für die Einfahrt haben, funkt uns ein Boot an, die „Vela“ mit Shirley (USA, Phillipinen) und Franz (Holland) drauf, sie wollten auch da rein. Und es meldet sich auch Andrew, der Australier, der dort mit seiner Familie lebt und inzwischen zwei Segelboote vor Anker hat, mit denen er eine Art Fährdienst zwischen den Inseln betreibt, Leute und Fracht. Andrew gibt uns eine Beschreibung durch, wie und wo wir am besten die enge Passage ins Atoll meistern können.
Wir gehen gleich am Nachmittag noch an Land zum Antrittsbesuch bei Chief Patrick im Dorf gegenüber und lernen auch seine nette Tochter Barbara kennen. Chief Patrick ist eine beeindruckende Person und noch sehr fit noch mit seinen 80 Jahren.


Chief Patrick

Es ist eine Wohltat beim Chief auf dem schönen Platz mit dem Tisch und der Bank zu sitzen, auf einer kleinen Anhöhe am Ufer unter Bäumen, wo ein kühlendes Lüftchen weht, denn im Boot brütet die Hitze bis zu 40 Grad Celsius aus! Die Kinder haben momentan Ferien und gefühlt das ganze Dorf hat sich dort versammelt, um Shirley, Franz und uns zu begrüßen. Der Chief hat ein Gästebuch, in dem sich die Segler eintragen, die da Halt machen. Sechs oder sieben Boote waren im letzten Jahr dort, da ist es ein seltener Zufall, dass gleichzeitig zwei Boote ankommen!


Die Vela mit Besuchern

Am nächsten Morgen pünktlich um 8.00 sind wir wieder am Land zum Tauschmarkt, den Chief Patrick für uns organisiert hat. Es ist eine neue Erfahrung für mich, ein Markt, auf dem die Frauen die Preise der Waren in einer anderen Währung bemessen, in Kaffee, Heften, Reis, Mehl oder Zucker. Wir sind mit einem großen schwarzen Eimer voller Tauschwaren an Land und mit einem vollen Eimer Obst und Gemüse wieder zurück aufs Boot.

Anschließend wollen wir einen Spaziergang zusammen mit Shirley und Franz unternehmen. Wie wir das schon von Vanuatu kennen, gehört es sich nicht, Besucher alleine herumlaufen zu lassen. Als Begleitung werden uns vom Chief zwei Jungs um die 20 bestimmt, aber es kommt noch Sammy mit, ein 15jähriger, der gerne singt und tanzt, Samelu, 7, ein Enkel von Patrick und Keith.


Andreas mit den großen Jungs


Samelu

Keith spricht ein überraschend flüssiges Englisch, er war bis vor kurzem drei Jahre lang mit seinen Eltern in Australien gewesen, ist dort zur Schule gegangen, weil seine Mutter an der Uni „economics“ studiert hat. Sie arbeitet nun in Buka ( der Hauptstadt von Bougainville) im Finanzministerium und Keith verbringt seine Ferien sehr gerne bei seiner Oma auf Nissan. Ich hätte ihn auf 12 geschätzt, aber er wird demnächst erst 10 Jahre alt und ist jetzt schon ein wandelndes Lexikon in Sachen Nissan und seine Legenden und Märchen. Den ganzen Weg zum nächsten Dorf, zur Schule und zurück hat er uns Geschichten erzählt und allerlei über die Insel erklärt. Ein wirklich ganz besonderer Junge, ein genauer Beobachter und wissbegierig, wir haben ihn sehr ins Herz geschlossen.


Keith

Wir kommen an einzelnen Häusern und Gärten vorbei, treffen unterwegs immer wieder Leute, bleiben stehen und unterhalten uns mit ihnen. Gärten werden hier, wie auch auf Normanby Island mitten aus dem Urwald heraus gehauen, eine mühsame Arbeit bei der Familie und Nachbarn mit anpacken müssen. Hier allerdings kann der Garten bis zu drei Jahre lang genutzt werden, bevor der Boden wieder dem Urwald überlassen wird, nicht nur ein Jahr lang, wie in der Milne Bay. Denn der Boden enthält noch viel Phosphat von früheren unbesiedelten Zeiten, die großen Vogelkolonien haben reichlich Guano hinterlassen.


Ein erfrischendes Bad unterwegs

Die Jungs haben uns auf dem Rückweg aus einer der Kokospalmen-Plantagen Trink-Kokosnüsse geholt. Es war eine Schau, wie fix das ging, erst ein Seil aus einer kräftigen Pflanze drehen, das um die Füße gebunden und dann ist einer der beiden Älteren die Palme hoch gekraxelt. Ich war von dem Spaziergang in der Sonne so durstig, ich hätte ein Königreich für eine Kokosnuss gegeben – sie hat so gut wie noch nie geschmeckt. Das weiche Fleisch haben wir heraus gekratzt und gegessen und waren danach satt, wie nach einer richtigen Mahlzeit. Ein Mann, der vorbei kam und sich mit uns unterhielt, sagte, dass es die „German Coconut“, die deutsche Kokosnuss sei, die hier wächst, und die sei viel süßer als die üblichen.

Später erfuhren wir, dass tatsächlich ein Deutscher die Plantagen angelegt hat. Zu der Zeit betrieb Australien noch Sklavenhandel mit den Insulanern, sie wurden regelrecht entführt und verschleppt. Ein verzweifelter Einheimischer schaffte es, sich eine Waffe zu besorgen und konnte fliehen. Zurück auf Nissan und schwer traumatisiert, sieht er den weißen deutschen Siedler und erschießt ihn. Später wurde ihm dann die Waffe von Dorfbewohnern entwendet und er damit erschossen, denn er war tatsächlich eine Gefahr für die Insel geworden. Von Andrew, dem Australier, der eine Frau aus dem Dorf geheiratet hat, sie haben drei hübsche Mädchen, haben wir diese und auch viele andere Geschichten über Nissan und Bougainville gehört. Andrew ist sehr zuversichtlich, dass mit der Unabhängigkeit Bougainvilles alles gut gehen wird, das Referendum sei nur noch eine Formsache, man rechne mit fast 100% Zustimmung. Auch die Zukunft sieht er sehr positiv, es gäbe eine junge gut ausgebildete Generation, die sich in den Dienst des Landes stellen wolle. Auch hier auf Nissan Island gibt es noch eine matrilineare Gesellschaft, allerdings mit Einschränkungen, weil die Deutschen versucht haben, ihre Vorstellungen einzubringen. Was aber geblieben ist, sind die restriktiven Regeln wer wen heiraten darf, um Inzucht zu vermeiden und das ist sehr kompliziert.
Unsere letzte der vier Bord-Batterie geben wir Andrew, er baut im Nu eine Box dafür und bringt sie zur Nachbarinsel, damit die Bewohner dort auch ein Funkradio betreiben und Bescheid geben können, wenn sie Hilfe brauchen.
Nach einer Woche segeln wir weiter nach Kavieng – dieses Mal allerdings ohne eine genaue Wettervorhersage, denn wir haben weder übers Handy noch über Pactor Empfang in dieser abgelegenen Ecke. Hier fehlt es nicht an Diesel für den Generator, hier hat die Firma Digicell den Standort für den Funkmast unglücklich gewählt, es besteht ein Disput darum. Eine der streitenden Parteien hat daher einfach die Solarzellen geklaut und ein paar wichtige Teile zerstört, so dass die ganze Insel mit ihren 7.000 Einwohnern trotz der neuen Technologien ohne Empfang da steht.

Normanby Island – Seva Bay

Auf Normanby Island in der Milne Bay im Osten von Papua Neuguinea haben wir auf der Karte die geschützte Seva Bay entdeckt, wo wir über Sylvester blieben, Andreas hat schon davon geschrieben. Auch der Reiseführer „Lonely Planet“ weiß darüber zu erzählen, dass sich hier ein Gästehaus befände und ein kundiger Führer für Wanderungen namens Fred Francesco.

Das stimmt auch, denn gleich nach dem wir den Anker ins Wasser geworfen hatten, wurden wir von ihm begrüßt. Abends kam er auf ein Bier vorbei und wir konnten uns in aller Ruhe miteinander bekannt machen. Das Gästehaus, eigentlich ein paar Bungalows ganz aus Holz und Palmwedeln, gehören seinem Onkel. Durch die Bäume am Ufer sieht man die Häuser der Großfamilie schimmern, dahinter führt ein schmaler Pfad, gesäumt von schönen Büschen und Blumen zu den Bungalows und gleich dahinter fließt der Fluss, der zum Baden und zum Wäschewaschen sich gut eignet.

Pro Jahr kommen rund 60 Gäste, meist in Gruppen und überwiegend Franzosen und Deutsche. Fred übernimmt dann die Gruppen für Wanderungen in die Berge, zeigt Pflanzen und Tiere und weiß viele Geschichten zu erzählen von heutigen und vor allem von früheren Zeiten, als sich die einzelnen Stämme der Insel bekämpften und der Brauchtum des Menschenfressens noch nicht von den Missionaren unterbunden wurde. Ungetrübt vom Einfluss der christlichen Kirchen und immer noch sehr lebendig ist der Glaube an Magie, an Zauberei auf den Inseln der Milne Bay. So hat z.B. ein besonders eifriger Missionar mal einen Dorfältesten ausgeschimpft, weil er am Sonntag in seinem Garten arbeitete. Dieser war darüber so verärgert, dass er einen Zauber-Fluch in Auftrag gab und bald ging es dem armen Missionar so schlecht, dass er verstarb. Sogar in den überregionalen Tageszeitungen lesen wir auch heute noch die deutliche Ermahnung, dass Zauberei unter Strafe gestellt werde.

Ab und zu kommen auch Biologen vorbei, die nach seltenen endemischen Pflanzen, Fröschen und Schlangen suchen und mit denen Fred dann durch die Gegend läuft. Als dann vor ein paar Jahren in den umliegenden Bergen große Mengen an Nickelvorkommen entdeckt wurden, hatte die ausländische Bergbaufirma, die sich dafür interessierte, wenig Aussicht auf Erfolg bei der Großfamilie, die das Land besitzt. Nicht nur, dass damit der Lebensraum dieser seltenen Pflanzen und Tiere zerstört worden wäre, auch heilige und historischen Stätten hätten ihre Ruhe verloren: u.a. der ehemalige Kampfplatz, wo der Stamm dieses Tales so viele Siege errungen hat oder das Tor, oberhalb des Flusses, durch das die Geister der Verstorbenen gehen müssen. Mit Hilfe einer Anwältin, spezialisiert auf diese Art von Konflikt, konnten sie schließlich die Bestrebungen des Minenkonzerns abschmettern.

Auf den Inseln der Milne Bay sind die Gemeinschaften immer noch matrilinear organisiert, d.h. die Männer heiraten in die Familie der Frauen ein und Grund und Boden bleibt im Besitz der Großfamilie der Frau. Wenn man einen Mann in dieser Ecke fragt, wo er wohnt, oder wo seine Familie ist, bekommt man unter Umständen zwei Richtung gezeigt, einmal, wo er aufgewachsen ist und dann wo er gerade wohnt. Die Großfamilien entscheiden meistens gemeinschaftlich, welches Stück Land für den Garten gerodet wird, dort werden dann die Yamswurzeln angepflanzt, die wichtigste Quelle für Kohlehydrate, dann die verschiedenen Bananensorten, Ananas und sonstiges Gemüse. Selbstversorger sind sie alle hier. Nach einem Jahr wird ein neues Stück Land gerodet, die Erde des aktuellen Gartens muss sich für 7-8 Jahre erholen, bevor sie wieder bepflanzt werden kann.

Auch sonst sorgt man sich gut umeinander, die Schwester von Francescos Frau hat eine 12jährige Tochter und ein 11 Monate altes Baby auf dem Arm. Das Baby ist die Tochter ihres Bruders, seine Frau starb, als die Kleine gerade mal ein halbes Jahr alt war, nun wächst sie bei der Tante auf und wird liebevoll umhegt.

Wir verabredeten eine Wanderung mit Fred den Fluss hoch bis zu einem kleinen Wasserfall mit Schwimmbecken. Mit dem Dinghi fahren wir ein Stück am Ufer entlang und binden es an einem groß angelegten betonierten Anleger fest. Er erscheint etwas überdimensioniert für die Motorboote, die sonst so in der Bucht herum sausen, und tatsächlich wurde er eigens für den Besuch eines hochrangigen Politikers gebaut, der nur ein einziges Mal hierher kam. Hinter dem Anleger aber ist eine große ebene Fläche, die jedes Jahr für das örtliche Goldie-Bird-Festival Ende Oktober genutzt wird, drei Tage lang singen und tanzen hier die Menschen von Normanby Island und den umliegenden Inseln, rund 5.000 Besucher waren beim letzten Fest 2018 dabei, nur Einheimische. Eine großzügig angelegte Arena, daneben eine Besuchertribüne und viele Häuser, in denen die Besucher von Auswärts übernachten und kochen können. Hier befindet sich auch die Grundschule, vor Weihnachten haben die langen Sommerferien begonnen und es ist bis auf ein paar Leute, die die Anlagen in Stand halten, ganz ruhig.

Wenige Meter weiter sehen wir ein riesiges trockenes Bachbett vor uns, voller Geröll und Gestein. Sind da ein paar Steine dabei, die eventuell Nickel enthalten? Andreas und Fred suchen und klopfen, aber ohne Erfolg. Es ist warm und bei der hohen Luftfeuchtigkeit geraten wir sehr schnell ins Schwitzen, aber es tut gut, unterwegs zu sein, sich zu bewegen.

Fred zeigt uns ein paar Pflanzen, die es auch in der Trockenzeit im Flussbett aushalten, die Fleischfressende Pflanze mit ihrem hohen schmalen Trichter und dem Deckel, der zuklappen kann. Früher wurde der Trichter auch schon mal als Trinkbecher verwendet, wenn man einen brauchte auf dem Weg zu den weit entlegeneren Gärten. Endlich hören wir ein Plätschern und endlich kommen ein paar Bäume in Sicht, die uns Schatten spenden. Aus einer bemoosten Wand sprudelt es wie aus dem Wasserhahn, bestes Trinkwasser. Und auf den Steinen daneben hockt eine Tarantel, die wir respektvoll aus der Ferne nur fotografieren.

Der Fluss wird enger, wir müssen ab und zu über Steine springen oder im Wasser waten, um weiter zu kommen. Und oben dann endlich das kühle Wasser im Becken, herrlich! Wir baden, waschen unsere T-Shirts und essen die mitgebrachte Papaya mit Limettensaft drauf geträufelt.


Fred Francesco

Wir sehen allerlei Vögel, hören den singenden Papageien zu, die gerne in den Gärten einfallen und sich vom Obst und Gemüse bedienen und sehen die Bussarde kreisen. Für den berühmtesten Vogel der Insel aber, für Goldie Bird, hätten wir ein paar Stunden früher aufstehen müssen, den kann man wohl nur in den frühen Morgenstunden beobachten.

Abwärts geht es um einiges schneller und das ist auch gut so, denn inzwischen knallt die Mittagssonne gewaltig herunter. Ein schöner Ausflug war das als Ausklang zum alten Jahr 2018!

Wieder online

Nach gut vier Wochen Zwangspause geht es jetzt weiter mit unserem Reisebericht.

Anfang Januar erhielten wir von unserem Webhoster webgo eine lapidare E-Mail:

… wir bedauern sehr Ihnen leider mitteilen zu müssen, dass es seit letzter Nacht zu Problemen in der Erreichbarkeit Ihrer Seite gekommen ist.
Inzwischen konnten wir die Ursache analysieren und mussten leider feststellen, dass es beim vorliegenden Fall bedauerlicherweise zu einem menschlichen Fehler gekommen ist.
Das führte leider dazu das Ihre Daten verloren gegangen sind…

Es gab tatsächlich kein Backup unseres Blogs mehr. Die Texte liegen in einer Datenbank, die wir mittlerweile herunterladen konnten, aber die Bilder waren erst einmal weg und mussten in mühevoller Kleinarbeit auf unseren diversen Festplatten wieder herausgesucht, fürs Internet bearbeitet und den Beiträgen zugeordnet werden. Das haben wir mittlerweile hinbekommen, so dass nun auch die alten Beiträge wieder funktionieren sollten. Vielleicht sind ein paar Bilder jetzt andere geworden, aber das meiste sollte stimmen.

Das Ganze haben wir wieder auf den Server hochgeladen und können nun mit unserem Blog fortfahren.

Auf ein Neues

Inzwischen ist das Jahr 2019 angebrochen, und wir wollen Euch einen kurzen Rückblick auf unsere Erlebnisse seit unserer Rückreise zur Muktuk geben.

Es fing damit an, dass sie uns fast nicht zum Boot gelassen haben. In Singapur, wo wir auf einen Flieger der nationalen Fluglinie Air Niugini umsteigen sollten, fragten sie uns nach unserem Rückflugticket. Unsere Beteuerung, dies sei unser Rückflug, fruchteten wenig: nein, wenn wir mit der von uns geplanten Art des Visums einreisen wollten, benötigen wir ein Rückflugticket, d.h. eines, das uns außer Landes bringt. Dass die Behörden in Papua Neuguinea selbst das anders sehen, interessierte die Leute von der Fluggesellschaft nicht die Bohne. Stundenlange, nervenaufreibende Verhandlungen, alles nutzte nichts. Zu guter Letzt kauften wir irgendein Ticket, das uns aus Papua Neuguinea herausbrachte, das billigste ging nach Cairns in Australien, der Termin war uns ja egal. Netterweise bietet Air Niugini in seinem online Verkauf die Option, das Ticket erst 24 Stunden nach Kauf zu bezahlen. Das haben wir natürlich genutzt, aber diesen Passus nicht mit ausgedruckt, als wir unsere Bordkarten nach Port Moresby dann endlich (in letzter Minute) erhalten haben. Insofern hat der ganze Quatsch uns dann doch nur Nerven, aber kein Geld gekostet. Die Welt ist eben nicht für Probleme der Segler eingerichtet.

In Port Moresby kamen wir dann gegen fünf Uhr morgens an, gönnten uns im Yachtclub erst einmal ein Frühstück und versuchten uns an die aufkommende Hitze zu gewöhnen, immerhin rund 40 Grad mehr als bei unserer Abreise aus München. Unsere Reparaturen gingen hervorragend voran, das Geschenk, das ich mir zu Weihnachten gewünscht hatte, war pünktlich fertig: das neue Vorstag war fertig montiert und wir waren wieder segelfertig. Am ersten Weihnachtsfeiertag hatte Brian uns noch zum „Christmas Lunch“ ins noble Crown Plaza Hotel eingeladen, wo wir nicht nur fürstlich gespeist haben, sondern auch – als Gäste von Brian – noch dem Premierminister die Hand schütteln durften.

Und dann ging es – über drei Monate nachdem wir in den Hafen eingelaufen sind – endlich wieder in die freie See hinaus. Wenig Wind, viele Motorstunden, und nun haben wir Sylvester in einer gut geschützten Ankerbucht auf Normanby Island verbracht. Wir liegen vor einer kleinen Siedlung, und schon bei unserer Ankunft wurden wir von zig Auslegerkanus umringt, die alle die „dim dims“ – so heißen Weiße hier – mit ihrem komischen Gefährt anschauen wollten. Schließlich kommen hier pro Jahr nur ein oder zwei Yachten her, da hat man schon Neuigkeitswert. Seitdem haben wir jeden Tag immer wieder Besuch von Männern, Frauen, Kindern, die irgendetwas zum tauschen bringen. Bananen grün und gelb, Kokosnüsse, Limetten, Papayas, Tomaten, Bohnen, Ananas, Guaven, Orangen, Passionsfrüchte – unsere Messe quillt über vor lauter Obst. Was die Leute hier im Tausch gerne hätten? Reis, Angelhaken, Angelleine, T-Shirts für die Kinder, Hefte und Stifte. Birgit kommt mit dem Kuchen backen gar nicht mehr hinterher, denn mit einem Stückchen Bananenkuchen können wir die Tauschwilligen vertrösten, die als fünftes Boot mit einer Staude Bananen ankommen und denen wir beim besten Willen nichts mehr abnehmen können. Und außerdem verbrauchen wir damit wenigstens ein paar Bananen. Was wir dutzendweise hätten mitbringen können, sind Lesebrillen. Haben wir leider nicht, und so hat der methodistische Missionar Birgits Ersatzbrille bekommen, und viele andere gingen leer aus. Nur so als Idee, wenn ihr mal in die Gegend kommt.

Nach und nach lernen wir die Familien- und Klanstrukturen kennen, treffen die Oberhäupter der Familien, des Dorfes und der Bucht. Francesco, der Chef „unserer“ Siedlung, lädt uns zur hiesigen Sylvesterparty ein. Wir bringen kaltes Bier, frisch gebackenes Brot und Kuchen mit, die Familien steuern Yams, Reis und ein frisch geschlachtetes Schwein bei, und fertig ist unser opulentes Sylvestermahl. Hinter der Handvoll einfacher Bambushütten wirft Francesco am Abend den Generator an, so haben wir Licht und laute Musik aus großen Lautsprecher. Kurz vor Mitternacht wird es dann ganz lustig, denn von irgendwoher kommt eine professionelle Band-Ausstattung zum Vorschein: E-Gitarren, Bass, ein Keyboard, ein Mixer, noch mehr Lautsprecher, Mikrophone… Und dann geht es los mit zeitgenössischer Musik aus Papua Neuguinea. Sehr laut, nicht sehr abwechslungsreich, aber mit großer Hingabe, guter Laune und bis zum Sonnenaufgang wird ein Lied nach dem anderen dargeboten. Land der Gegensätze…

Als spezielle Sylvesterüberraschung hatte am Abend des 31. unsere Bordtoilette die Arbeit eingestellt, so dass wir – natürlich bei 35 Grad und 100% Luftfeuchtigkeit – das ganze Ding zerlegen durften und bis zu den Ellenbogen in der Brühe standen. Die Arbeiten gingen auch am Neujahrstag weiter, aber jetzt funktioniert alles wieder und auch die Bilgen sind ausgespült und wieder sauber. Und immerhin konnten wir nach getaner Kanalarbeit ins Wasser springen, um selbst wieder sauber zu werden. Aber die sprichwörtliche Weisheit, dass man alles, was man am Neujahrstag anfängt, das ganze Jahr hindurch tun wird, möge sich in diesem Fall bitte bitte nicht bewahrheiten.

Wir warten derzeit auf ein gutes Wetterfenster zum weitersegeln. An der Südküste des Festlands zieht ein großes Tiefdruckgebiet durch, das auch hier oben wetterwirksam ist, sobald der Starkwind und die Wellen vorbei sind, wollen wir weiter Richtung New Ireland und Kavieng. Sporadisch haben wir hier Internet und können Wetter bekommen. Ob das Internet gerade geht oder nicht, hängt hier aber nicht wie auf dem Marquesas vom Regen ab, sondern ob der Generator für den Handymast noch genug Diesel hat. Andererseits: wenn es gerade aus Eimern schüttet, will auch keiner hoch und Diesel nachfüllen. Und ohne Diesel kein Internet, so einfach ist das.

Port Moresby, Papua Neuguinea

Seit einer Woche sind wir wieder auf der Muktuk, nachdem wir sie mehr als zwei Monate lang hier in Port Moresby in der Marina zurück gelassen haben. In der Zwischenzeit ist es noch sehr viel heißer geworden, die Temperaturen bewegen sich um die 35 Grad Celsius und die Luftfeuchtigkeit schätzen wir auf nahezu 100%. Und nachts kühlt es nicht wirklich ab. Willkommen zurück in den Tropen!
Arbeiten ist es eine echte Herausforderung: wir werden zu Frühaufstehern, um die wenigen noch einigermaßen erträglichen Morgenstunden auszunutzen. Wir kommen auch gut voran, vor allem klappt es wunderbar mit der Montage des neuen Vorstags. Die sperrigen Ersatzteile sind geliefert worden, andere wiederum hatten wir im Gepäck dabei. Nachmittags, an manchen Tagen bereits mittags, flüchten wir für eine Weile ins Restaurant bzw. die Lobby des Yachtklubs, wo die Klimaanlage uns solange abkühlt, bis wir anfangen zu frieren…

Ein Rückblick auf die ersten Wochen in Port Moresby vom 11. – 29. September

Am Ende pustet Rasmus noch mal ordentlich, als wir uns den Weg durch die beiden Riffe suchen, die der Bucht von Port Moresby vorgelagert sind. Muktuk muss sich mit Böen bis zu 40 Knoten herum schlagen und dabei noch gut Kurs halten. Schon von Weitem sehen wir Hochhäuser mit modernen Glasfassaden und beim Näherkommen zeichnet sich das begrünte Villenviertel auf einem Hügel ab, darunter am Strand ein großes Kongresszentrum! Es ist ein ungewohnter Anblick für uns.

Wir werden die letzten paar hundert Meter von einem Motorboot der Marina geleitet und werfen den Anker im engen Becken, es ist später Nachmittag und wir haben noch die gelbe Quarantäneflagge oben. Außerhalb der Marina wäre mehr Platz, aber da soll es nicht sicher sein, sagen uns die beiden jungen Männer, unsere Lotsen.
Die Marina samt umliegendem Park ist ziemlich gut bewacht, das sehen wir schon am ersten Abend. Polizei und Wachpersonal stehen da und schauen den abendlichen Spaziergängern und Joggern zu, die auf den umzäunten Grünanlagen des Schutzwalls um die Marina die letzten Sonnenstrahlen nutzen.

Die Vertreter der Behörden kommen am nächsten Vormittag an Bord, wir füllen wieder ein paar Formulare aus, beantworten Fragen und unterhalten uns mit freundlichen Beamten, die uns herzlich willkommen heißen in ihrem Land. Die Dame von der Quarantäne und ihr junger Lehrling schauen sich im Schiff um, begutachten die Lebensmittel, die sichtbar ausliegen, nehmen aber dann doch nichts mit. Der Zollbeamte, Ernest, unterhält sich länger mit uns und erzählt uns auf unsere Fragen schon einiges über die Lebensbedingungen in der Hauptstadt, die hohe Arbeitslosigkeit und bevorstehende Ereignisse um das APEC-Treffen. Papua Neuguinea ist in diesem Jahr Gastgeber für das Jahrestreffen der Wirtschaftsvereinigung der Pazifik-Anrainer-Staaten.

Wir hatten uns bereits einige Monate vorher angemeldet beim „Papua Royal Yacht Club“, viel im Internet über das Land gelesen und nun sind wir gespannt, wo wir angekommen sind. Einige langgezogene Stege, fast alle belegt, die Motoryachten überwiegen. Die Clubanlage ist groß, zweistöckig angelegt, mit Büroräumen, einem Café und Fitnessclub im Erdgeschoss und einem großen klimatisierten Restaurant mit Bar im ersten Stock, ein Balkon zieht sich über die gesamte Front entlang, von hier hat man einem schönen Blick auf die Boote und die Bucht, besonders wenn die Sonne untergeht.

Die Warnungen vor der Stadt da „Draußen“ setzen sich fort, alle Angestellten des Yachtclubs sagen uns, wir sollten tagsüber nicht unbegleitet raus gehen und bei Dunkelheit schon gar nicht, sie zeigen uns auf der Karte die Stadtteile in denen wir auch tagsüber auf keinen Fall auf der Straße sein sollten. Am besten sollten wir ein Taxi nehmen, wenn wir irgendwohin fahren wollen, aber auch da nur die hellblauen oder gelben, alle anderen seien nicht vertrauenswürdig. Und schon gar nicht mit den öffentlichen Kleinbussen, den PMVs, fahren. Denn man riskiere, als Weißer überfallen und ausgeraubt zu werden.

Außer vielleicht, der Weg zu dem Supermarkt bzw. zum Einkaufszentrum und den Restaurants bei den Bürogebäuden nach links und zu dem nach rechts jeweils fünf Minuten weit entfernt sei sicher – bei Tageslicht. Abends sitzen wir bei einem ersten Bier in der Bar des Yachtclubs und lernen ein paar Leute kennen, Neuseeländer, Briten, Australier, alle Angestellte ausländischer Firmen, die für ein paar Jahre in Papua Neuguinea leben, und die statt in einer bewachten Wohnanlage in der Stadt lieber auf einem Boot in der Marina leben, und meinen, hier sei es um einiges sicherer, und natürlich günstiger. Sie alle bestätigen im Wesentlichen das, was wir bereits im Internet über Port Moresby gelesen haben: jugendliche Banden ziehen nachts herum, manchmal auch tagsüber, die Arbeitslosigkeit ist extrem hoch, nur 20% der Menschen in der Stadt haben eine Arbeit.
Als ich eine junge Frau vom Marinabüro nach einem Bauernmarkt frage, weil ich Obst und Gemüse nicht ständig aus dem Supermarkt kaufen will, schaut sie besorgt und bietet an, mich in den nächsten Tagen einmal in ihrer Mittagspause zu dem Markt in ihrem Stadtteil zu begleiten.

Der Eindruck, in einer glitzernden Blase zu leben, verfestigt sich immer mehr: der Königliche Yachtclub besitzt über 3.000 Mitglieder, manche ausländische Firmen schenken ihren Mitarbeitern eine Mitgliedskarte als zusätzlichen Bonus. Hier trifft man sich in zwangloser und sicherer aber auch exklusiver Umgebung und es gibt jede Woche irgendein Programm, vom Oktoberfest bis zur Kinderdisko am Wochenende.

Wir fühlen uns innerhalb des Geländes zwar sehr sicher, aber der Eindruck verfestigt sich immer mehr, dass wir hier ganz schön eingesperrt sind.

Gleich am ersten Abend sprach uns freundlich und höflich ein sehr feiner älterer Herr an, ob wir denn die neuen Segler aus Deutschland seien und stellte sich vor als einziger (ehemaliger) Langzeitsegler des Yachtclubs. Brian stammt aus Australien, hat früher lange Zeit für die australische Verwaltung von PNG gearbeitet und ist inzwischen offiziell Staatsbürger dieses Landes. Er kennt diese Ecke seit 60 Jahren und spricht nicht nur das „Tok Pisin“, das Pidgin-Englisch, sondern auch „Motu“, die Sprache der Küstenbewohner. Brian betreut die durchreisenden Segler im Namen des Yachtclubs, und wir nahmen sehr gerne seine Einladung zum Abendessen am übernächsten Tag an.

Und es war Brian, der den Kopf schüttelte über die vielen Ratschläge, die wir in den ersten Tagen hörten. Wir ließen uns gerne von ihm überzeugen, dass wir tagsüber durchaus in der Stadt herum fahren und gehen können. Auf die richtige Körpersprache komme es an, meint er: freundlich und auf keinen Fall aggressiv sollten wir auftreten.
Das probieren wir dann auch gleich aus, denn schon am ersten Wochenende wird drei Tage lang gefeiert und getanzt, auch Papua Neuguinea begeht seinen Unabhängigkeitstag mit Paraden und Festen in allen Stadtteilen. Wir fahren erst mit dem Taxi zum neu angelegten Park mit Uferpromenade „Ela Beach“ neben dem neuen Kongresszentrum, wo unter Tausenden von fröhlichen Menschen vielleicht 20 Ausländer zu sehen sind. Es gibt viele Stände mit Essen und Kunsthandwerk und ein paar Bühnen. Traditionelle Tänze werden auf der einen aufgeführt, auf den anderen moderne Musik und ein lustiges Theaterstück, von dem wir leider nichts verstehen. Dafür sind die Tänze umso interessanter. Neben der Bühne bereiten sich weitere Gruppen vor, schminken sich fertig, üben noch schnell ein paar Schritte.
Die Zuschauer bilden ein buntes Meer in den Farben Schwarz-Rot-Gold, den Nationalfarben dieses noch jungen Staates, denn alle tragen entweder ein T-Shirt mit bunten Motiven oder haben zumindest eine selbst gehäkelt Mütze in diesen Farben auf dem Kopf. Eine junge Frau hat sich sogar ein Kleid in diesen Farben gehäkelt!
Überall lächeln uns die Leute an oder winken uns aus ihren Autos zu, wenn wir fotografieren, und wir freuen uns, dass wir uns raus gewagt haben. Für den Rückweg nehmen wir einen der öffentlichen Busse: 26 Sitze, ein Fahrer und ein Schaffner, der gleichzeitig auch der Ausrufer ist. Es gibt feste Buslinien, aber keinen Fahrplan. Ist auch nicht wirklich nötig, denn sobald ein Bus einigermaßen voll ist, fährt er los. Warten muss man selten länger als 10 Minuten. Das kennen wir schon von Guatemala, dieses System funktioniert wirklich hervorragend.
Neu ist hier für uns, dass wir wirklich die einzigen (weißen) Ausländer sind, die im Bus sitzen und dass wir von den Mitreisenden gefragt werden, wohin wir fahren möchten. Sie wollen sicher gehen, dass wir im richtigen Bus sitzen und an der richtigen Haltestelle aussteigen und auf keinen Fall verloren gehen und es ergibt sich meist ein nettes Gespräch daraus! Wir fühlen uns sofort gut aufgehoben.

Nun fahren wir – tagsüber – nur noch mit dem öffentlichen Bus in der Stadt herum zum
Baumarkt, Fischmarkt, Gemüsemarkt, sogar weiter raus zum Botanischen Garten. Und jedes Mal das gleiche, sobald wir einsteigen, fragt uns sofort jemand, wohin wir wollen, woher wir kommen, ob wir das erste Mal hier sind und wie es uns gefällt. Und wenn wir volle Rucksäcke dabei haben und Taschen, wird ganz selbstverständlich mit angepackt. Bei so viel Freundlichkeit und Fürsorge fällt uns die Antwort nicht schwer: wir sind sehr angetan von den Menschen hier!

Port Moresby ist eine Stadt der Gegensätze, einerseits die modernen Büro-Hochhäuser im Zentrum, dazu die eingezäunten Wohnanlagen mit Stacheldraht und Alarmanlagen für die Ausländer, während hinter dem nächsten Hügel eine Siedlung mit Wellblechhäusern auftaucht, wild durcheinander gewürfelt. Dazwischen ganze Straßenzüge mit Läden aller Art. Überall wird gebaut, Straßen, Häuser, Hafenanlage, die einheimischen Bauarbeiter werden von chinesischen Vorarbeitern in Tarnanzügen überwacht, die Baufirmen scheinen überwiegend aus China zu sein. Das bevorstehende APEC-Treffen im November hat wohl diesen Bauboom mit ausgelöst.

Sehenswürdigkeiten hat die Stadt kaum zu bieten: Das Nationalmuseum der Hauptstadt wird gerade renoviert und zeigt seine Ausstellung erst in einem Monat wieder, aber der Botanische Garten mit kleinem Tierpark wird beworben und ist wirklich sehr schön.
Für Touristen sind geführte Wanderungen im Busch bzw. dem Hochland interessant oder ein Flug zu den abgelegenen Inseln zu den Tauchparadiesen. Port Moresby mit seinem Wildwuchs ist bestimmt nicht repräsentativ für den Rest des Landes. Aber man muss wissen, dass vor gut 80 Jahren etliche Stämme im Landesinneren noch ganz isoliert lebten, das Land hat buchstäblich den Sprung aus der Steinzeit in die Moderne innerhalb weniger Jahrzehnte bewältigen müssen, Missionare und die beiden großen christlichen Religionen haben sicher einiges dazu beigetragen, den Kannibalismus zu beenden, wie viel dabei auch an anderen Traditionen verloren gingen, können und wollen wir nicht beurteilen.

Am zweiten Weihnachtsfeiertag werden wir die Leinen los machen und die Küste in Richtung Osten entlang segeln, erst zu den Inseln der Milne Bay und dann weiter nordöstlich zu dem Teil von Papua Neuguinea, der 30 Jahre lang eine Deutsche Kolonie war, bis 1918. Wir sind schon sehr gespannt darauf!


Royal Papua Yacht Club


Kongresszentrum


Feiern zum Unabhängigkeitstag, Ela Beach

Botanischer Garten

Boroko-Markt

Humpeln nach Nordwest

Angesagt sind 3-4 Windstärken, doch der Passat weht selten unter 6, oft mit 7 Bft. Das Übliche. Die Richtung ist gut (raumschots, d.h. der Wind kommt von schräg hinten), die Welle nicht unbedingt angenehm, aber erträglich. 1300 Seemeilen liegen vor uns bis Papua Neuguinea, wir rechnen mit zwei Wochen. Unser Plan ist, die Inselwelt der Louisiaden für einige Zeit zu erkunden, bevor wir Port Moresby, Hauptstadt, sicherer Liegeplatz und Endstation dieses Reiseabschnitts anlaufen.

Aber wie das mit den Plänen so ist. Nach etwa einer Woche auf See, mitten drin also, knallt es zweimal kurz hintereinander und das Boot steht. Natürlich nachts. Natürlich während Birgits Wache. Ich werde mit den Worten geweckt: „Andreas, die Genua liegt im Wasser“. Es gibt angenehmere Arten, die Wache anzutreten.

Im Licht der Decksbeleuchtung und Stirnlampen stellt sich heraus, dass das Vorstag gebrochen ist. Das ist ein 13mm dicker Stahldraht, der vom vorderen Masttopp zum Bug verläuft. Zum einen ist daran die Genua, das größere unserer beiden Vorsegel, befestigt, zum anderen werden damit die Masten nach vorne abgespannt. Der zweite Knall war das Genuafall, das in Folge ebenfalls gerissen ist, und damit fielen Vorstag und Segel gemeinsam ins Wasser.

Das Vorstag ist aber nicht nur ein Drahtseil, sondern umgeben vom Profilstag, einem Alurohr, das zur Rollreffanlage gehört. Um dieses wird die Genua gewickelt, wenn man das Segel einrollt. Gebogen werden gehört nicht zu den Stärken dieses Rohrs. Unten war das ganze noch befestigt, oben im Mast nicht mehr, so dass vorne noch etwa 20 qm Segel flatterten, dann das Profilstag gebrochen war, und sich ab dort das Segel Richtung Wasser neigte. Und es wehten ja auch noch knapp 6 Windstärken.

Etwa eine Stunde brauchten wir, um das Segel aus dem gebrochenen Abschnitt herauszuziehen, damit den Druck aus dem Segel zu nehmen, den Riesenlappen aus dem Wasser zu fischen und provisorisch an der Reling festzubinden. Das Ganze im Dunkeln, angeleint im Lifebelt und bei gut zwei Meter Welle. Genug Programm für diese Nacht.

Bestandsaufnahme des Schadens am nächsten Morgen: der Bruch erfolgte am Übergang vom Stahldraht zu dem aufgepressten Terminal im Masttopp. Wahrscheinliche Ursache Materialermüdung, und innerhalb der Presshülse auch durch regelmäßige Inspektion nicht zu erkennen. Um das Segel richtig bergen zu können, müssen wir die Rollreffanlage und das Vorstag am Bug demontieren, nochmal ein ordentliches Arbeitsprogramm von zwei Stunden, denn die Befestigung ist so stark verbogen, dass wir Teile mit der Flex durchschneiden müssen.

Bestandsaufnahme unserer Situation: Wenn man schon einen Teil des Riggs verlieren will, ist das Vorstag gar keine so schlechte Wahl. Zum einen gibt es noch das kleinere Vorstag für die Fock, das ebenfalls die Masten nach vorne stützt. Zum anderen haben wir noch das Spi-Fall, das zwar nur Tauwerk und kein Draht ist, aber auch vom Masttopp nach vorne läuft. Außerdem wirken beim normalen Segeln die meisten Kräfte auf die Masten zur Seite und nach vorne ein, nur selten nach achtern. Wenn wir also vorsichtig sind, wenig Segel setzen und auf den Fischerman verzichten, sollten die Masten wohl stehen bleiben. Und dank des kräftigen Windes kommen wir auch mit der verbliebenen Fock ganz gut voran. Nur den Abstecher zu den Louisiaden geben wir auf und setzen direkt Kurs nach Port Moresby ab, um mehr Zeit für die Reparaturen zu haben.

Die stellen sich auch nicht gerade einfach dar. Der einzige Mechaniker vor Ort zuckt die Achseln und meint, das Material könne man in Papua Neuguinea nicht bekommen. Ein Schiffsausrüster in der Marina meint nur, wir sollten alles demontieren, nach Australien verschiffen, dort reparieren und wieder herschicken lassen. Dass das komplette Vorstag samt Rollreffeinrichtung 16 Meter lang ist und nicht gebogen oder gefaltet werden kann, hat er dabei nicht bedacht. Keiner der beiden hat Lust, auch nur einen Kostenvoranschlag abzugeben.

Da müssen wir also selber ran. Ich recherchiere zwei Wochen lang im Internet über Bezugsquellen, bestelle Teile aus Australien und Großbritannien, wir bringen einige Teile aus Deutschland mit, und wenn wir kurz vor Weihnachten wieder zurückfliegen, steht die Montage auf dem Programm. Am Ende muss ich ca. 30 kg Vorstag und Rollanlage irgendwie in den Mast hochziehen und dort befestigen. Wird bestimmt noch lustig. Aber vielleicht haben wir als Weihnachtsgeschenk dann wieder ein Vorstag samt Genua.

Eine Welt für sich

Die Lebensweise in den abgelegenen Dörfern und abgeschiedenen Inseln Vanuatus kann man sich als Europäer nur schwer vorstellen. Ein wenig hat die Moderne schon Einzug gehalten, auf den Bambushütten findet man manchmal Solarpaneele, die Baströckchen werden nur noch zu besonderen Anlässen angelegt und sind im Alltag normalen T-Shirts gewichen, aber vieles der alten Kultur und Tradition ist noch erhalten geblieben.

Father Levy aus der Lakona Bay hält morgens den Gottesdienst im vollen Ornat des anglikanischen Priesters, später sieht man ihn in Hemd und kurzer Hose, und am Nachmittag bringt er im Baströckchen bekleidet den Jungs des Dorfes Bogenschießen bei. Er sieht das nicht als Widerspruch, ganz im Gegenteil: „Wir stehen hier in Vanuatu auf drei Beinen – der Kirche, der Moderne und dem ‚Kastom‘ (der traditionellen Lebensweise)“. Eine beachtliche Entwicklung, wenn man bedenkt, dass sich noch vor weniger als hundert Jahren die Nachbardörfer und -stämme gegenseitig bekriegt und nicht selten aufgegessen haben.

Stammesangelegenheiten werden auch heute noch im traditionellen Versammlungshaus, dem Nakamal besprochen, zu dem Frauen oft keinen Zutritt haben. Zwei Steinfiguren vor dem Nakamal der Lakona Bay zeigen dies drastisch, denn die Frauenfigur ist tot (erkennbar an der heraushängenden Zunge), erschlagen vom alten Häuptling, weil sie das Nakamal betreten wollte. Im Inneren ist ein Bereich abgegrenzt, der nur vom Chief selbst betreten werden darf. Ein Eckstein im Inneren ist der „Wächter“, er sorgt für die Einhaltung der Regeln, auch wenn der Chief gerade nicht selbst aufpassen kann. Er ist – so sagt man uns – auch dafür zuständig, Hühner oder Schweine zu töten, die sich aus Versehen ins Nakamal hinein verirren. Der alte Chief des Dorfs zeigt uns einen weiteren Stein, sein „Radio“: der ist dafür zuständig, den Chief von besonderen Vorkommnissen im Dorf zu unterrichten, wenn er gerade im Nachbardorf oder auf einer anderen Insel unterwegs ist. Er erzählt uns völlig ernsthaft von Beispielen, bei denen er vom seinem Stein unterrichtet wurde und bei seiner Rückkehr schon Bescheid wusste, dass z.B. sein Neffe beim Tauchen ertrunken war.

Geld spielt eine untergeordnete Rolle im Leben der Dorfbewohner. Essen und Wohnen ist umsonst, das dafür nötige wächst in der Gegend. Für wichtige Ereignisse im Leben (Hochzeit, Erbschaft, neuer Chief etc.) muss man rechtzeitig vorsorgen, denn dazu müssen traditionell Schweine geschlachtet werden, und die muss man Jahre zuvor anfüttern. Während Hühner und im Wald erlegte Wildschweine normales Nahrungsmittel sind, werden die im Dorf gehaltenen Schweine ausschließlich zu zeremoniellen Anlässen geschlachtet.

Geld braucht man hauptsächlich für die Schulbildung der Kinder, verdient wird es durch Verkauf von Kopra, Kakao oder anderer Gartenfrüchte. In den Küstendörfern sind Segelboote mittlerweile regelmäßige Tauschpartner für die Dorfökonomie und gern gesehene Quelle für Kleidung oder Angelzubehör.

Auf Ureparapara, der letzten Insel die wir anlaufen, sind wir schon bei unserer Ankunft von einem Dutzend Kanus umringt. Man zeigt uns den besten Ankerplatz, der Chief stellt sich vor, und am nächsten Tag werden wir mit dem großen Kanu zur Dorfbesichtigung abgeholt. Dass wir eine unserer ausgemusterten großen Bordbatterien als Gastgeschenk mitbringen, sorgt für große Freude.

Ureparapara hat es zur Zeit besonders schwer. Das Versorgungsboot, das normalerweise einmal im Monat kommt, ist seit geraumer Zeit in der Werft zur Reparatur. Wann es das nächste Mal kommt, weiß niemand. Da sind die paar Segler, die sich hierher verirren, natürlich sehr willkommen. Nicht unbedingt für „Luxusgüter“ wie Mehl oder Reis, denn dafür gibt es ja auf der Insel genügend Alternativen. Dringend gebraucht werden dagegen Streichhölzer, Seife und Batterien für die Taschenlampen. Gerne teilen wir unsere Bordbestände und segeln am nächsten Morgen weiter. Weg von Vanuatu, das uns so unerwartet stark ans Herz gewachsen ist.