Nagasaki

26. März – 04. April 2019

Obwohl die Stadt mit über vierhunderttausend Einwohnern sich auf ein paar enge Täler und die umliegenden Hügel verteilt, wirkt sie überhaupt nicht beengt und hektisch. Im Gegenteil, in den Bussen wird nicht gedrängelt, die kleinen Trams zuckeln in gemächlichem Tempo dahin und auch dort, wo sich die Touristen zu den Sehenswürdigkeiten einfinden, ist es nicht überfüllt.

Ein bisschen Respekt hatte ich schon vor dem Besuch dieser Stadt – denn bei Nagasaki denkt man sofort unweigerlich an die Atombombe, die hier am Ende des Zweiten Weltkrieges abgeworfen wurde. Würde sie sich sehr von anderen Städten Japans unterscheiden? Aber von all dem menschlichen Leid und den Verwüstungen ist heute nichts mehr zu sehen, fast alles ist wieder aufgebaut worden und die Stadt besitzt eine ähnliche Mischung wie andere japanische Städte, mit alten und neuen Häusern und Tempelanlagen dazwischen. Wie es den Menschen geht, die diese Katastrophe überlebten und Stadt wieder aufbauten und auch den nachfolgenden Generationen, das können wir als kurzfristige Besucher nicht einschätzen.
Nur am „ground zero“, wo in einer Höhe von etwa 500m die Atombombe explodierte, ist eine schwarze Stele als Mahnmal aufgestellt und ein Friedenspark drum herum angelegt worden. Die Kirschbäume haben schon die ersten Blüten geöffnet. Alles wirkt so friedlich und ruhig.
Ein paar Schritte weiter den Berg hoch befindet sich das Atombomben-Museum. Fotos von der Zerstörung, Überreste aus den Trümmern sind ausgestellt, ein Modell der Stadt ist aufgebaut, wo die Explosion und der anschließende Feuersturm in einer Simulation vorgeführt werden. Die umliegenden Berge wirkten zwar dämpfend, die Wucht der Druckwelle kanalisierte sich in den dicht besiedelten Tälern umso mehr. Das Museum dokumentiert aber auch die Geschichte der Atombombe nach 1945 bis heute und ist ein einziges starkes Plädoyer für Abrüstung und die Vernichtung dieser Waffen.

Ein kleines Mädchen aus Hiroshima, das infolge der Strahlen der Atombombe an Leukämie erkrankt war, glaubte fest daran, wenn es 1000 Kraniche falten würde, könnte es wieder gesund werden. Papierkraniche, als Symbol des Friedens, werden inzwischen von Kindern aus Japan und aus der ganzen Welt gefaltet und nach Hiroshima und Nagasaki geschickt.

Nagasaki als Hafenstadt war schon immer traditionell allem Neuen gegenüber offen. Auch während der Edo-Zeit, als sich Japan komplett abschottete, gab es hier eine Handelsstation mit ganz eigenen Regeln, besser bekannt unter dem Namen Dejima. Es ist eine von einheimischen Kaufleuten aufgeschüttete Halbinsel in der Bucht von Nagasaki, wohin die in der Stadt verstreuten Ausländer, die „Nambanjin“, Missionare und Kaufleute zusammengeführt wurden und ab 1641/42 auch die Niederländische Handelsstation angesiedelt wurde, die vorher etwas weiter nordöstlich auf der Insel Hirado lag. Ausländer durften das Stadtgebiet in den Jahrhunderten der Isolation nicht betreten, sie durften sich nur auf dieser kleinen Insel auf recht engem Raum aufhalten. Durch dieses enge Nadelöhr gelangte trotz der vielen Einschränkungen viel von europäischen Gütern und auch Wissen nach Japan und umgekehrt wurde japanisches Kunsthandwerk und mehr nach Europa gebracht. Auch später, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als sich Japan wieder öffnete, war Nagasaki die Stadt, von wo aus junge Männer zum Studium nach Europa aufbrachen.
Die ganze Anlage ist in den letzten Jahrzehnten liebevoll Haus um Haus neu aufgebaut worden, teilweise unter Anwendung traditioneller Materialien und sie ist inzwischen ein Publikumsmagnet nicht nur für ausländische Touristen. Wer mehr darüber wissen möchte, kann sich den Roman von David Mitchell: Die tausend Herbste des Jacob de Zoet vornehmen, der am Ende des 18. Jahrhundert in Dejima spielt und ein recht gutes Bild der damaligen Zeit zeichnet.

Nagasaki ist auch die Stadt der Tempel. Der größte ist auch zugleich der älteste buddhistische Zen-Tempel der Stadt, Sofuku-ji von den chinesischen Einwanderern 1629 gebaut. Eine große Anlage ist es, mit Hauptgebäude, einem großen Vorplatz, Nebengebäude und Garten, die eine sehr schöne ruhige Atmosphäre ausstrahlt.

Von hier aus reiht sich die Straße hoch ein Tempel an den anderen und dahinter befinden sich große steinerne Friedhöfe. Ein starker Kontrast zu den modernen Wohnblocks in unmittelbarer Nachbarschaft.

Und Nagasaki ist auch eine Stadt der Brücken, über den schmalen Fluss spannen sich viele ganz unterschiedliche Steinbrücken, die schönste davon und auch die am meisten fotografierte ist die sogenannte „Brillenbrücke“.

Unweit davon kommt man zu dem Einkaufsviertel der Stadt – große überdachte Einkaufspassagen und enge Straßen mit Kopfsteinpflaster und vielen kleinen Boutiquen und Restaurants in einstöckigen Häuschen. Es gibt hier so viele schöne Sachen zu entdecken.

Vorher aber, direkt in der Straße am Ufer des Flusses, kommen wir an einem Laden vorbei, der wie ein permanenter Flohmarkt wirkt. Hauptsächlich Keramik stapelt sich übereinander, ein unglaubliches Durcheinander und Chaos herrscht hier und es besteht ständig die Gefahr, die Türme zum wackeln zu bringen, sobald man etwas tiefer nach Sachen sucht. Ein Gang ist so vollgestellt, dass man schon gar nicht mehr durch kann. Der Besitzer hat im hinteren Teil des Ladens eine Küche, sitzt dort auf dem Boden in eine große wattierte Decke gehüllt und lässt sich nicht stören, während er seine Schale mit Sushi isst. Irgendwann müssen wir ihn aber doch fragen, was die Sachen kosten, die uns so gut gefallen und die wir Stück für Stück zusammen tragen. Schwer beladen mit viel Gebrauchskeramik und einer alten Bildrolle geht es an diesem Tag zurück zum Boot. Doch das Samurai-Schwert geht Andreas nicht aus dem Kopf, am nächsten Tag gehen wir noch einmal dorthin und dieses Mal kauft Andreas es auch, muss es allerdings den ganzen Tag über durch die Stadt mit herum tragen und wird oft darauf angesprochen.

Da die Winde immer noch aus Nord blasen, können wir nicht weiter die Küste von Kyushu hoch und nutzen die Zeit für Wäsche waschen, Proviantieren. Und für tägliche Fahrten nach Nagasaki, mit dem Bus ist es so einfach und bequem. Andreas findet einen Go-Club, setzt sich einen Nachmittag lang zu den Herren und spielt sogar eine Partie Go mit einem 3-Dan-Spieler, der ihn, ich zitiere: „komplett vom Brett gefegt hat“.

Die Kirschblüte in dieser Region ist nun auf ihrem Höhepunkt angelangt und wir suchen uns einen Park etwas außerhalb von Nagasaki, in Nagayo, in dem über 1000 Bäume blühen. Dieses Mal sind wir schon mittags da, junge Mütter sind unterwegs, ältere Damen sitzen in Gruppen zusammen, die Firmenfeiern sind für den Abend reserviert. Es ist ein Traum in Weiß und Rosa! Wir können uns immer noch nicht satt sehen an diesem herrlichen Schauspiel.

Nach elf Tagen am Steg wird die Muktuk ungeduldig, und wir auch. Der Wind passt, wir werfen die Leinen los und verabschieden uns von Mogi und Nagasaki, diesen beiden Ortschaften, wo wir uns so wohl gefühlt haben.

Fischereihafen Mogi

26. März – 04. April 2019

Eigentlich wollten wir direkt ins Stadtzentrum von Nagasaki, in die Dejima Marina, aber die Muktuk passt mit ihren 15m Länge einfach nicht an die kleinen Stege.
Also suchten wir auf der Karte und fanden einen Platz im Fischereihafen von Mogi, der besser nicht sein konnte. Wir durften am Steg der Personenfähre fest machen, auf der gegenüberliegenden Seite und während der ganzen 11 Tage, die wir da blieben, fragte man uns weder nach Papieren noch nach Liegegebühren. Im Gegenteil, wir wurden täglich von der Besatzung der Fähre herzlich begrüßt und von den Passagieren und den Hobby-Anglern im Hafen neugierig beobachtet und befragt.

Mogi liegt nur 10km weit weg von Nagasaki und mit dem Bus ist man innerhalb von 15min im Zentrum der großen Stadt. Mogi hat einen typischen dörflichen Charakter und das, was in Reiseführern oft als verborgenen Charme bezeichnet wird. Um den zu entdecken, muss man eine Weile im Ort bleiben.
Ein kleiner Fluss trennt das Dorf in zwei Hälften, vom Tal aus ziehen die Häuser und Straßen den Hügel hoch. Neben der großen Durchfahrtsstraße gibt es viele kleine Sträßchen, wo man teilweise nur zu Fuß durchkommt und beim Vorbeigehen den Bewohnern fast schon in die Küche schauen kann.

Alles Nötige und mehr gibt es in Mogi, mehrere kleine Supermärkte, drei Friseure, sogar eine französische Boulangerie mit leckerem Baguette und anderem süßen und salzigen Hefegebäck, für mittags mehrere kleine Restaurants, für abends nur eines, das aber bietet sehr guten und frischen Fisch in Form von Sushi und Sashimi an. Und ein Onsen, ein öffentliches Bad, das wir alle zwei Tage aufsuchen und fast schon wie Stammgäste behandelt werden.
Die örtliche Spezialität sind kleine Kuchen gefüllt mit einer Art Marmelade aus den Früchten der japanischen Wollmispel. Zu dem Verkaufsladen im Ort kommen die Touristen extra angereist. Die Bäume, auf denen diese Früchte wachsen, tragen Tüten – die Früchte sind so wertvoll, dass sie vor gefräßigen Vögeln geschützt werden müssen.

Eines Tages gehen wir am Hafen entlang und sehen ein paar Säcke mit Holzabfällen in einer Ecke stehen. Unsicher, ob wir sie einfach so mitnehmen können, fragen wir in dem gegenüberliegenden Laden nach. Es ist, was man von außen wie so oft nicht erkennen kann, ein winzig kleines Café, in dem es verführerisch nach frisch geröstetem und gemahlenem Kaffee duftet. Gerade mal zwei Tische passen rein. Wir setzen uns, bestellen einen Kaffee und unterhalten uns mit der Inhaberin und dem Gast am Nachbartisch, der recht passabel Englisch spricht. Sein Name ist Osami Nakamura und er lädt uns ein, am nächsten Tag den örtlichen Tempel zu besuchen, seinen Tempel, wie er meint. Der Tempel bzw. die Gemeinde gibt es seit dem Jahr 1626, aber da er aus Holz ist, muss er immer mal wieder neu gebaut werden – der aktuelle wurde vor gerade mal zwei Jahren eingeweiht. Nun ist das Eingangstor dran, es ist eingerüstet und es wird jeden Tag, auch am Sonntag, emsig daran geschraubt und gesägt. Das frische Holz riecht herrlich nach Zeder und einer anderen, uns leider nicht bekannten Art (die Säcke mit den Abfällen stammen von diesen Bauarbeiten und die nächsten Tage, als es draußen kalt geworden ist, riecht es auch auf der Muktuk genauso würzig).
Es stellt sich heraus, dass Osami-San einer der sieben Vorstände des Geyokutai-Tempels ist und bei der Planung des neuen Gebäudes intensiv mit gearbeitet hat. Vom alten Tempel sind nur noch die Holzskulpturen der Löwen an den Eckpfeilern übrig geblieben und das Bild an der Stirnseite. Alles andere ist modern und neu. Jeder der Räume, ob der große für Versammlungen der Gemeinde oder die kleineren für den Empfang von Gästen wie uns, hat seine eigene schlichte und schöne Ausführung.

Zwei kleine Gärten befinden sich mitten drin, einen davon hat Osami-San selbst gestaltet, die Steine und Pflanzen bilden das Schriftzeichen für „Herz“, erklärt er uns.
Wir werden nach der Führung in einen kleinen Raum gebeten, wo zum Grüntee eingeladen, den wir mit Blick auf den kleinen japanischen Garten trinken.

In den Raum mit dem Altar und den Klangschalen können wir heute nur durch die Scheiben rein schauen, denn es findet gerade eine Gedenkfeier statt zum einjährigen Todestag eines Verwandten.
Später kommt Osami-San zu uns an Bord zum Kaffeetrinken und bringt seinen Freund mit, ein Tierarzt im Ruhestand, der jetzt eine Farm betreibt und als Gastgeschenk aus seinem Garten Orangenmandarinen dabei hat, zusätzlich zu einem riesigen Laib Toastbrot von der französischen Bäckerei! Als er hört, dass wir noch nie frische Bambussprossen probiert haben, saust er noch einmal los, um welche zu holen. Die sind schon gekocht und müssen nur noch kurz angebraten werden, damit sie ihr köstlich nussiges Aroma entfalten.

Ein anderes Mal wartet ein Mann im Auto auf uns, als wir aus der Stadt zurück kommen. Er ist Hobbyfotograf und hat die Muktuk fotografiert, als wir in den Hafen reinfuhren. Er schenkt uns einen Abzug des Fotos im DINA4-Format und zeigt uns noch ein paar schöne Aufnahmen, die er z.B. von Raubvögeln im Flug gemacht hat.
Gleich gegenüber von unserem Fähranleger ist eine Halle in der nicht nur Fahrkarten verkauft werden, sondern auch frischer Fisch und zu Mittag auch Fischsuppe mit Nudeln und Beilagen. Und über die Straße hinweg steht drei Mal pro Woche ein Gemüsehändler mit seinem Wagen. Als ich dort am vorletzten Tag bereits am frühen Vormittag noch einmal einkaufen wollte, war er erst gerade dabei, die Waren auszupacken und Preisschilder zu schreiben. Der Wagen war aber schon umringt mit aufgeregt schwatzenden alten Damen, die schon eifrig Obst und Gemüse in Kartons und Taschen packten. Als ich mir auch einen Karton nahm, zeigte mir eine der Damen, dass es bereits eine Warteschlange gab, eine Reihe von Kartons, zu denen ich auch meinen legen konnte. Für diesen Hinweis war ich sehr dankbar, denn schnell kann man sich mit unbedachtem oder unbeabsichtigtem Vordrängeln als Ausländerin unbeliebt machen.
Es berührt uns sehr, wie freundlich wir doch immer wieder in diesem Land willkommen geheißen und wie zuvorkommend wir behandelt werden!

Blütenzauber

Es war ja schon fast kitschig. Aber nur fast. Die Kirschblüte (japanisch sakura) ist nämlich eine ernste Angelegenheit in Japan. Ab Anfang Januar gibt das staatliche meteorologische Institut erste Hochrechnungen heraus, wann in welchen Regionen mit dem Aufblühen der Kirschbäume zu rechnen ist. Neben der Vorhersage von Tsunamis, Erdbeben, Vulkanausbrüchen und Taifunen ist die Kirschblütenprognose eine wesentliche Aufgabe des Instituts.

Die Methodik wird ausführlich erläutert. Drei Kennzahlen (Erwachensindex, Wachstumsindex und Erblühungsindex) bilden die Basis für die quantitativen Vorhersagen für „Somei Yoshino“, eine speziell für die Blütenpracht gezüchtete Kirschsorte, die in Japan weit verbreitet ist.
Mit dem Näherrücken der Blütezeit gibt es dann tagesaktuelle Prognosen in Tageszeitungen, im Internet und als App („finde aufgeblühte Kirschbäume in Deiner Nähe“), zugrunde liegen dann offizielle Beobachtungsbäume an 58 Standorten in Japan. Das Voranschreiten der sakura zenzen, der Kirschblütenfront quer durch Japan von Südwest nach Nordost, wird aufmerksam verfolgt.

Und warum das Ganze? Weil hanami, das Feiern und Picknicken unter blühenden Bäumen, eine weit über tausendjährige Tradition in Japan hat. Man packt eine Decke, eine ausreichende Menge an Sake und ggf. etwas zu essen ein, sucht sich einen Park mit blühenden Kirschbäumen aus und feiert.

Und so haben wir das natürlich auch gemacht. Wetter und Timing haben gut zusammengespielt, so dass unsere hanami-Premiere auf Birgits Geburtstag fiel. Wir sind zum Tateyama Park gewandert, der auf einem Hügel mit Blick auf Nagasaki liegt und 700 Kirschbäume in fast schon voller Blütenpracht zu bieten hat. Schon als wir am Nachmittag ankamen, gab es überall kleine Gruppen, meist Familien mit Kindern auf Decken auf dem Rasen. Als es dunkel wurde, beleuchteten Hunderte von rosafarbenen Laternen die blühenden Bäume, die Kindergruppen gingen heim und die Freundes- und Firmenpartys übernahmen das Geschehen. Sake- und Geräuschpegel stiegen an, eine herrlich ausgelassene Atmosphäre.

Neben uns lagerte eine ganz professionelle Gruppe junger Leute, die auf ihrer Decke (die natürlich ganz japanisch nur mit Socken betreten wird, die Schuhe stehen am Rand davor) mehrere Kochstellen errichteten und darauf Reis und Eintopf kochten, mit verführerischen Gerüchen. Auch wir bekamen ein Schälchen Eintopf angeboten und alle lachten, als wir uns bedankten und unser japanisches Wort für „lecker“ anbrachten: oishi desu.

Das Kirschblüten hanami kommt jedenfalls definitiv auf die Liste der Dinge, die wir gerne aus Japan in unser Alltagsleben mitnehmen würden.

Doch irgendwann sind die Kirschen verblüht. Der Somei Yoshino trägt keine nennenswerten Früchte. Die Mischung aus Schönheit und Vergänglichkeit ist typisch für die japanische Ästhetik. Oder wie es Henry, der Hafenmeister aus Yonabaru, beschrieb: „Wenn die Blütenblätter herabrieseln, dann sitzen wir unter dem Kirschbaum, trinken Sake und weinen“.

Amakusa-jima

Die Insel Amakusa ist weder in den Reiseführern beschrieben noch in den Blogs der Japan-Segler zu finden. Wir sind einfach durch Zufall darauf gestoßen, dass diese Insel für ihr weißes Porzellan berühmt ist. Von China über Korea kam das Wissen über diese Kunst nach Japan und nachdem man auf Amakusa auch die richtigen Zutaten in der Erde fand, entstanden hier bereits vor mehr als vierhundert Jahren mehrere Töpfereien.

Da wir beide uns sehr gerne schöne Keramik anschauen und diese Insel sowieso auf dem Weg liegt, wollen wir dort vorbei schauen. In zwei Tagesetappen sollten wir dort sein.
Am 24. März in der Früh machen wir die Leinen los vom Hotelsteg in unserem Fischerdörfchen, es ist ein sonniger und windstiller Tag, wir müssen die ganze Strecke bis zur nächsten Insel Kami Kochiki durch tuckern. Wir kommen gerade bei Niedrigwasser an und die Kaimauern im Hafen von Sato sehen unüberwindlich aus, 2-3 Meter kann ich unmöglich mit den Leinen hoch springen, Leitern gibt es auch keine, da wo man anlegen könnte. Also beschließen wir, im Hafenbecken zu ankern, es ist genug Platz da.

Am nächsten Tag gehen wir schon um 6.00h morgens Anker auf und tuckern weiter. Vier Stunden später geht unterwegs auf einmal der Motoralarm los, das Kühlwasser läuft nicht mehr richtig durch. Ein Blick in den Kielkasten zeigt: beim Zulauf schwimmt störrisches Seegras, das haben wir wohl in Teilen mit eingesaugt. Andreas bekommt mit Hilfe des Bootshakens einen Teil der Pflanzen raus, den Rest müssen wir von Innen mit einer Luftpumpe raus pusten. Zwei Mal lassen wir den Motor an, zwei Mal holen wir aus dem Filter weitere Pflanzenteile raus, bis das Kühlwasser endlich wieder in der gewünschten Geschwindigkeit durch fließen kann. Wie gut, dass es den Impeller dabei nicht zerlegt hat.

Trotz dieser Unterbrechung kommen wir schon gegen 15.00 Uhr auf der Insel Amakusa an und werfen den Anker in der Bucht vor dem Ort Takahama. In den kleinen Fischereihafen können wir leider nicht rein, er ist nicht tief genug für die Muktuk. Es regnet und ist recht unfreundlich, aber wir wollen trotzdem an Land. Gut eingepackt in Regenzeug stiefeln wir durch den Ort. Er hat auch bei diesem Wetter seinen eigenen Charme, viele schöne Holzhäuser, und schon die erste Brücke ist mit einer weiß-blauen Porzellanvase geschmückt.

In einer Seitenstraße entdecken wir einen Tempel, gehen die Treppen hoch und schauen durch die Fenster rein. Da kommt auch schon der Mönch und öffnet die Schiebetüren. Sichtlich erfreut über diesen seltenen Besuch bittet er uns, herein zu kommen, eine Einladung, die wir sehr gerne annehmen. Es ist ein schöner eindrucksvoller Raum mit Tatami-Matten ausgelegt, zwei Reihen mit niedrigen Bänken stehen vor dem großen Altar, eine reichlich verzierte Lampe hängt von der Decke. Mit Hilfe unseres Handys können wir uns ein bisschen verständigen und der Mönch führt uns zum Schluss noch ein Gebet vor mit Gesang, Klangschalen und Trommel. Wir sind sehr beeindruckt und berührt.

Am nächsten Morgen scheint wieder die Sonne, wir stehen sehr früh auf und gehen noch einmal in den Ort, dieses Mal zur Töpferei Juhougama. Der Laden hat eine große Auswahl an Porzellanwaren – Teller, Tassen, Vasen, sogar Ingwer-Reiben. So viele schöne Stücke, am liebsten würde ich einen ganzen Korb voll füllen und mitnehmen. Das Museum nebenan hat zahlreiche alte Keramiken ausgestellt, viele mit dem traditionellen Motiv einer stilisierten Seegras-Blume versehen. Dieses Motiv wird neben anderen auch heute noch von dieser Töpferei verwendet.


Traditionelles Motiv


Teeschale mit Gebrauchsspuren im Museum


Der Garten des Museums


Vasen im Laden


Ingwer-Reiben

Eigentlich wollten wir an diesem Tag noch zu einen anderen Ort auf der Insel fahren und dort weitere Töpfereien besuchen, aber das Wetter spielt leider nicht mit, eine Winddrehung ist vorhergesagt. Wir beeilen uns, um rechtzeitig wieder an Bord zu kommen. Der Wind weht schon in die Bucht rein und die Muktuk tanzt schon ganz ordentlich in der Welle, wir schaffen es gerade noch so, an Bord zu gehen. Schnell holen wir das Dinghi an Deck und gehen Anker auf. Nächstes Ziel – Nagasaki!

Von Okinawa nach Kagoshima


14. – 24. März 2019

Das Wetter hält, was es verspricht und nach fast genau 36 Stunden sind wir von Okinawa mit nur einer Nachtfahrt auf der Insel Amami angekommen. Im Süden der Insel gibt es einen Kanal der die Hauptinsel von einer kleinen Inselgruppe trennt. Wir tuckern da durch, viele kleine Fischerboote sind unterwegs, Personenfähren kreuzen unseren Weg. Im Kanal pfeift der Wind ganz ordentlich und es regnet dazu noch. Wir biegen in eine der vielen kleinen Buchten ab und machen an einer Boje in einer ganz gut geschützten Ecke fest und auf einmal sind die Wolken und der Regen weg, die Sonne kommt heraus.

Mit einer Tasse Kaffee in der Hand sitzen wir in der Sonne an Deck, wenig später, um 17.00 erklingt aus den Lautsprechern vom Land her eine schöne Musik. So werden die Anlangen wohl täglich getestet, die im Ernstfall vor Erdbeben und Tsunamis warnen sollen. Aber auch morgens um sieben Uhr erklingt Musik und auch die eine oder andere Durchsage auf Japanisch hören wir tagsüber und wüssten gerne, was sie uns mitteilen möchten.

Vier Tage bleiben wir hier und warten auf das nächste Wetterfenster. Andreas repariert zum wiederholten Mal den Motor des Bugstrahlruders und versucht, ein paar Fische zu angeln. Vor uns liegt ein Dörfchen, mit einem schmalen Fluss und Fußgängerbrücken darüber. Auf den ersten Blick wirkt es wie ausgestorben, aber es leben doch einige Leute hier, viele haben kleine Gärten mit Zwiebeln, Kohl, Lauch und Möhren darin, dazu Obstgärten mit Orangen und Grapefruitbäumen. Und eine Wiese mit Ziegen, die ganz aufgeregt blöken, als wir vorbei kommen.

Wir spazieren auch mal bei Niedrigwasser am Ufer der Bucht entlang, über Felsen und Steine, ab und zu gibt es einen kleinen Sandstrand, und neben angeschwemmtem Holz finden wir hier auch viel anderes Strandgut, Plastik in allen Formen und Farben. Sogar noch mehr von den dicken großen Styropor-Fendern, wie wir einen aus dem Meer gefischt hatten.

Andreas tüftelt eine Route aus, bei der wir einen Bogen fahren und innerhalb von gut zwei Tagen zum Festland kommen können. Es klappt, der Wind hält sich in Geschwindigkeit und Richtung bis fast zuletzt an die Vorhersage und wir sausen bei 6-7 Bft und meist Halbwindkurs nur so dahin, es schüttelt uns nur am ersten Tag bei 3m Welle etwas durch.

Am 21. März nachmittags, erreichen wir endlich das Festland Japans und machen die Muktuk an einem Hotelsteg fest. In der südwestlichsten Ecke der Region von Kagoshima befindet sich in einem kleinen Fischerdorf namens Nomaike ein schönes modernes Hotel, das Kasasa Ebisu, das eben einen Steg für Segler bereit hält. Wir melden uns an der Rezeption an und freuen uns schon auf unseren ersten Besuch in einem Onsen, dem traditionellen japanischen Badehaus. (Dazu später mehr).

Danach feiern wir unsere Ankunft bei einem schönen Abendessen im Restaurant des Hotels mit einer großen Platte Sashimi, zu der es allerlei leckere Beilagen gibt, u.a. eine feine Misosuppe, eingelegtes Gemüse und alles wunderschön angerichtet. Wir bestellen dazu Shochu, eine Art Schnaps, der in dieser Gegend aus Süßkartoffeln gebraut wird. Wir lassen uns vom Kellner beraten, welche der vielen Sorten auf der Speisekarte am besten schmeckt und wie man ihn am besten trinkt: nämlich verdünnt mit heißem Wasser aus der Thermoskanne. Er freut sich sichtlich, dass wir alles so genießen und bringt uns zwischendurch ungefragt noch je ein Gläschen Sake und zuletzt noch ein Glas Bier. Wie gut, dass wir nach so viel Hochprozentigem nur einen kurzen „Heimweg“ haben.

Am nächsten Tag laufen wir durch den Ort, dessen Häuser sich im Wesentlichen um das große Hafenbecken entlang gruppieren. In einer Ecke werden große Wellenbrecher aus Beton in Formen gegossen, eine weitere Schutzmauer gegen die Wellen wird gerade gebaut um die Fisch- bzw. Muschelfarmen zu schützen. In einer Halle am Ufer stehen ein paar Fischer und unterhalten sich, gegenüber befindet sich der kleine Supermarkt. Wir gehen weiter, auch hier sind überall Frühlingsblumen zu sehen und viele kleine Gärten mit Gemüse. Wir sind auf der Suche nach einer Tankstelle, die es hier am Hafen irgendwo geben soll. Ein paar Tanks sehen wir, aber niemand ist da. Aber ein paar hundert Meter weiter, in dem Büro der Fischfarm, sitzen vier junge Männer. Wir klopfen an und fragen, ob einer von ihnen vielleicht Englisch spricht und wo man Diesel bekommen könnte. Mit Hilfe der Mobiltelefone bzw. der Übersetzungs-Apps können wir uns verständigen – einer der jungen Männer hängt sich ans Telefon und organisiert alles. Zwei Stunden später kommt ein kleiner Tankwagen zum Hotelsteg angefahren, einer der jungen Männer kommt mit dem Motorboot angesaust und beide helfen uns, Diesel in Kanistern zum Boot zu bringen.

Wir entschließen uns, am nächsten Tag doch nach Kagoshima Stadt zu fahren, auch wenn es mit dem Bus mit einmal Umsteigen drei Stunden lang dauert, nur die einfache Fahrt gerechnet. Auf der Strecke an der Küste entlang haben wir atemberaubende Aussichten auf Felsen und Meer, und auch die Hügel im Landesinneren mit den blühenden Pflaumenbäumen, feine weiße Tupfer im frühlingshaften Grün, sind schön anzusehen.

Vom zentralen Busbahnhof in Kagoshima erreicht man einen schönen Park am Fluss, wo man an Schautafeln und Skulpturen entlang gehen und über die Geschichte der Samurai und ihre Ausbildung in speziellen Schulen einiges lernen kann. Die berühmtesten Samurais werden auch heute noch verehrt. Wir kommen zum Museum der Meiji-Restauration und gerade rechtzeitig zu einer Multimedia-Show, die über die Kriegswirren ab der Mitte des 19. Jahrhunderts vom Ende der Edo-Zeit und Beginn der Meiji-Ära berichtet, als Japan sich nach 250jähriger Isolation wieder der Welt öffnete. Wir können die Handlung mit Kopfhörern zwar auf Englisch mit verfolgen, aber wir blicken trotzdem nicht ganz durch, denn die vielen Samurai, Fürsten und ihre Ratgeber, mal als Verbündete, dann wieder als Gegenspieler sind uns alle unbekannt. Wir bräuchten mehr Hintergrundwissen zur Geschichte Japans. Wir verstehen, dass es ziemlich kompliziert war und nicht einfach für die Befürworter der Vereinigung und Öffnung Japans sich gegen die Traditionalisten durchzusetzen.

Uns bleibt noch Zeit, durch die Stadt zu laufen, in einem Nudellokal zu Mittag zu essen, in der Einkaufspassage in ein paar Schaufenster zu schauen und am Fluss in der Sonne einen Kaffee zu genießen, bevor wir den letzten Bus zurück zu unserem Fischerdörfchen nehmen. Und wir kommen rechtzeitig zurück, um uns noch einmal im Onsen des Hotels richtig aufzuwärmen.


Der aktive Vulkan Sakurajima gegenüber der Stadt

Semiotische Verwirrungen

Eines der Probleme für uns in Japan ist die hartnäckige Verwendung des Japanischen durch die heimische Bevölkerung. Und das gleich auf drei Ebenen.

Als erstes wäre da die gesprochene Sprache. Bisher haben wir wirklich kaum Japaner getroffen, die auch nur minimale Englischkenntnisse haben (oder zugeben würden). Wir mit unserer Handvoll Brocken auf Japanisch (hallo, bitte, danke, wo ist, gibt es, ich möchte, ja, nein, lecker, ich spreche kein Japanisch) kommen auch nur in sehr einfachen Gesprächssituationen klar, allerdings meist zur Erheiterung der Japaner. Was oft weiterhilft, ist der Google Übersetzer auf dem Smartphone, der einfache Unterhaltungen hin und her dolmetscht. Toll, diese Technik.

Als zweites die Schrift. Um die Sache möglichst unübersichtlich zu machen, verwenden die Japaner ja nicht nur ein unlesbares Alphabet, sondern gleich drei davon (Hiragana, Katakana und Kanji). Keines davon können wir auch nur ansatzweise entziffern, und so bleiben Busfahrpläne, Beschriftungen und Speisekarten meist unverständlich. Hier kommt uns ebenfalls die Technik im Smartphone zu Hilfe, denn Google übersetzt auch den mit der Kamera aufgenommenen japanischen Text. Bei handgeschriebenen Zeichen oder stylischen Schriftarten scheitert das Programm allerdings.

Im Falle der Speisekarten gibt es weitere Hilfsmittel. Zwar versucht man ja normalerweise aus kulinarischen Gründen Lokale zu vermeiden, die Fotos ihrer Gerichte auf den Speisekarten abdrucken, in Japan ist das aber nichts Ehrenrühriges und wir nehmen die Hilfestellung für Analphabeten gerne an. Es geht aber noch besser: Japan ist absoluter Weltmeister in der Disziplin Plastikessen. Es gibt hier Firmen, die Speisen derart täuschend echt in Kunststoff nachbilden können, dass man ihren Geruch schon vom Ansehen in der Nase hat. Diese Plastikversion der Gerichte wird im Schaufenster ausgestellt, und das durchaus nicht nur in billigen Touri-Fallen.

Es bleiben aber oft genug Restaurants übrig, wo es weder Bilder noch 3D-Drucke der Gerichte gibt und das Verhältnis von Bestellabsicht zu geliefertem Essen von Überraschungen geprägt ist. Macht auch nichts, wir lernen ja gerne Neues kennen.

Die dritte Ebene der mangelnden Orientierung ist etwas schwieriger zu beschreiben. Bewegt man sich in Deutschland durch eine Stadt, so kann man meist unmittelbar wahrnehmen, ob es sich bei einem Laden um einen Bäcker, einen Metzger oder ein Reisebüro handelt. Dafür muss man weder die Beschriftung des Geschäfts lesen noch den Inhalt des Schaufensters sehen. Allein die visuelle Signatur verrät einem: „so sieht ein Bäcker aus“. Dieser Referenzrahmen fehlt uns in Japan. Bäcker, Metzger und Reisebüros sehen hier so komplett anders aus, dass wir oft ein Geschäft erst betreten müssen, um festzustellen, worum es sich handelt (und selbst dann sind wir oft am Rätseln).

Es kommen freilich auch andere Interpretationsfehler dazu: Anfangs war ich überrascht, dass es so viele Schuster in Japan gibt. Irgendwann habe ich dann kapiert, dass die vielen Schuhe im Schaufenster nicht zum Verkauf stehen. Es kann z.B. ein Kindergarten oder ein Büro sein, wo man sich beim Betreten die Schuhe auszieht und diese in einem Regal abstellt. Eigentlich logisch.
Zum Abschluss noch ein kleines Quiz: Worum handelt es sich bei den folgenden Geschäften?

Auflösung (von oben nach unten): Friseur, Bekleidungsgeschäft, Tierklinik, Bäckerei

Der königliche Garten Shikina-En auf Okinawa

Zum Frühling in Okinawa gehören auch regnerische Tage mit viel Wind, an denen wir die Leinen verstärken müssen, Muktuk zieht und zerrt am Steg mit der Kraft ihrer 26t. Da blieben wir lieber im Boot und kümmerten uns um die Muktuk, hatten viel Zeit, um im Internet zu recherchieren, Bücher zu lesen und uns auszuruhen.

Doch mit dem ersten Sonnentag machten wir uns auf zu einem weiteren Ausflug mit den Fahrrädern. Dieses Mal zum Shikina-En Garten der Ryukyu-Könige, gegen Ende des 18. Jahrhunderts gebaut bzw. angelegt.

Shikina-En ist eine Art ganzjährliche Sommerresidenz der königlichen Familie gewesen, denn das Wetter in dieser subtropischen Gegend ist eigentlich immer sommerlich oder frühsommerlich warm. Ein zum Shuri-Palast vergleichsweise einfaches Haus ist umgeben von einem kunstvoll angelegten Garten von knapp 42.000 qm. Von der Hauptveranda des Hauses hat man einen wunderbaren Blick auf den Teich, über den zwei steinerne Brücken führen und einem kleinen Pavillon nebenbei. Eine grüne Lunge, die heute von Wohngebieten und Schnellstraßen eingefasst ist.

Der Garten diente früher zur Erholung der königlichen Familie, aber auch ausländische Gäste wurden gerne hierher eingeladen. Auf einer  Anhöhe am Rande des Parks steht ein kleiner Pavillon, der den Blick frei gibt auf die umliegenden Täler und Hügel. Ausnahmsweise ist kein Meer zu sehen. Zu diesem Aussichtspunkt wurden in den vergangenen Jahrhunderten bevorzugt Gäste aus China geführt, um ihnen zu zeigen, wie groß Okinawa sei, so weit das Auge reicht, nur Land und kein Meer!

Auch diese Anlage wurde während der Schlacht von Okinawa zerstört, konnte aber in den 1970er Jahren wieder aufgebaut werden. Heute gehört der Garten ebenfalls zum Weltkulturerbe.

Wir laufen den Garten ab, immer den Wegweisern nach, die uns damit auf einen schönen geschlängelten Rundgang führen. Wir dürfen im Haus alle Räume betreten, nachdem wir vorher die Schuhe an der Treppe ausgezogen haben und bewundern auch hier wieder die eigentümliche warme Ausstrahlung der Holzkonstruktion und die Schlichtheit und Schönheit der Innenräume.

Es ist eine Ruhe und Abgeschiedenheit in diesem Garten und im Haus, man fühlt sich ein bisschen wie aus dem Jahrhundert gefallen.

Doch auch damals wie heute muss man zwischendurch was essen, und so gehen wir anschließend zu einem kleinen Nudellokal, das wir unweit des Gartens entdeckt haben. Das Wetter ist zu schön, um drinnen zu sitzen.  Wir setzen uns raus an den Tisch, wo schon zwei Männer unter dem Sonnenschirm ihre Nudelsuppe löffeln. Sie lächeln uns freundlich zu und bevor sie gehen, will der Banknachbar von Andreas unbedingt noch ein Foto von mit ihm.


Ohaio! Eine Kindergartengruppe unterwegs, wir winkten uns begeistert zu!

Wir haben viele ähnliche Begegnungen mit freundlichen und neugierigen Menschen, trotz aller sprachlichen Hürden. So z.B. trafen wir an einem anderen Tag eine kleine zierliche ältere Dame, die uns spontan zu sich nach Hause auf einen Kaffee einlud, als sie hörte, dass wir noch nie Karaoke mitgemacht haben. (Für das Nachtleben in Yonabaru waren wir abends einfach zu müde!). Im Erdgeschoß ihres Hauses hat sie einen gemütlichen Raum eingerichtet, mit einer Bar, ein paar niedrigen Tischen und viel Krimskram vom Flohmarkt, das den heimeligen Eindruck nur noch verstärkt. Das modernste im Raum ist die Karaoke-Anlage, auf der sie uns ein paar japanische Schlager vorspielt und sie erzählt in recht gutem Englisch, (sie lebte 10 Jahre in den USA), dass sich meistens am Nachmittag eine Damengruppe hier trifft und viel Spaß am Singen hat.

Am übernächsten Tag in der Früh schauen wir uns, wie jeden Morgen, die Wettervorhersage an: dieses Mal scheint es tatsächlich ein kleines Wetterfenster von eineinhalb Tagen zu geben, wo wir ausnahmsweise keinen Nordwind zu erwarten haben. Also entscheiden wir uns, am nächsten Tag ganz in der Früh los zu segeln. Und so nutzen wir den letzten Tag in Okinawa, um noch einmal Wäsche zu waschen und Proviant einzukaufen, füllen den Kühlschrank und die Netze mit frischem Obst und Gemüse und gehen noch einmal ins Ricchu Café zum Mittagessen.


In diesem Häuschen befindet sich das Ricchu Café, ein kleines Wohnzimmer mit vier Tischen


Jeden Tag gibt es ein Menü, heute: Suppe, Huhn auf Salat, Gemüse und Reis, ein Algenpudding, Tomatenkompott mit Zimt und Zucker und als Nachtisch ein Kuchen mit einer Tasse Tee.

Am Nachmittag verabschieden uns ganz herzlich vom Hafenmeister und seinen Mitarbeitern. Viel zu früh oder viel zu spät ziehen wir los, je nachdem, wie man es sehen mag: ich habe schon wieder angefangen, Wurzeln zu schlagen. In jedem Gespräch mit Henry, dem Hafenmeister, sagte er mindestens einmal, wir sollten doch einfach die nächsten Monate hier bleiben, am besten ein Jahr lang, das Wetter und das Essen seien doch so gut und ich könnte Deutsch unterrichten, wenn ich wollte.

Zum Abschied sagt er uns noch „I will never forget you!“ – Ich werde mich immer an euch erinnern. Wir auch!

Auf dem Weg zum Königsgarten kamen wir auchStaatlichen Archiv vorbei, das eine schöne und informative Ausstellung zur Geschichte der Insel mit vielen interessanten Dokumenten präsentiert.


Die Unterschrift des Königs


Das Siegel von Ryukyu, auf einer Keramiktafel im Foyer

Naha City, Okinawa

Im Internet studieren wir lange die Bus-Pläne, was gar nicht so einfach ist mit den japanischen Webseiten. Morgens stehen wir an der Haltestelle, gespannt darauf, ob das auch alles so klappt mit unserem Ausflug nach Naha. Eine ältere Dame stellt sich dazu, studiert den Fahrplan und wendet sich wortreich an uns, bevor sie weiter geht. Wir erwidern ihr Lächeln, können ihr aber nicht antworten, denn wir haben kein einziges Wort verstanden. Meinte sie etwa, der Bus käme nicht?
Der aber kommt pünktlich und wir fahren los. Wo Yonabaru aufhört und wo ein anderer Ort anfängt, ist überhaupt nicht zu erkennen, die Ortschaften gehen ineinander über. 80% der Bevölkerung von Okinawa wohnt hier im Süden der Insel, im Ballungszentrum um Naha herum. Wir sehen viele zweckmäßige Wohnhäuser, Einkaufszentren, Autohäuser, Betriebe, alles neu und nach den Zerstörungen der letzten Kriegsmonate nach und nach aufgebaut.
Am zentralen Busbahnhof in Naha steigen wir aus und finden schon nach wenigen Schritten ein nach außen hin unscheinbares aber im Inneren äußerst luxuriösen Kaufhauses im Stil der Galerie Lafayette. In einer der oberen Etagen bei der Haushaltsabteilung bewundern wir die schöne Alltagskeramik und das Regal mit den Stäbchen. Und passend dazu, befindet sich auf dieser Etage auch eine Abteilung mit Ständen, an denen allerlei Köstlichkeiten angeboten werden: im Waffeleisen gebackene salzige und süße Teilchen, mit Ingwer eingelegte kleine Venusmuscheln, Algen aller Art, ein in Fässern über Jahre gereifter Pflaumenessig, der ähnlich wie ein guter alter Balsamico schmeckt und ein Vermögen kostet. Überall an allen Ständen darf man probieren, was wir, genauso wie die japanische Kundschaft, ausgiebig tun – und wir sind hin und weg von den vielen so unterschiedlichen Geschmackrichtungen!


Muji-Produkte!

Aber eigentlich wollten wir zur Kokusai-dori, dem touristischen Zentrum der Stadt, einer 1,6 km langen Straße mit Läden und Restaurants, im Wesentlichen für die 6,5 Mio Touristen gedacht, die jährlich nach Okinawa kommen. Hier kann man sich mit allen möglichen Mitbringseln eindecken, die für Okinawa typisch sind, Bittergurken als Saft oder getrocknet, schwere dunkle Keramikgefäße oder bunte Gläser, die Hunde mit Löwenkopf in allen Größen und Farben und sommerlich-bunte Hemden und Kleider. Schon nach ein paar hundert Metern sind wir völlig überfordert von dem Trubel und den vielen Läden mit ihrem fast identischen Angebot.

Plötzlich bleibe ich überrascht stehen und traue meinen Augen nicht: siebenbürgischer Baumstriezel wird da beworben! Der Laden führt den ungarisch klingenden Namen für Baumstriezel, die es in Ungarn ja auch gibt: „Kürtös Kalacs“, der Inhaber stammt aus Tschechien. Aber wie auch immer, da drinnen werden kleine Baumstriezel am laufenden Band gebacken und die Leute stehen Schlange dafür.
https://de.wikipedia.org/wiki/Baumstriezel

Nach einer Weile haben wir genug gesehen und biegen in eine Seitenstraße ab, die zum großen überdachten städtischen Markt, dem Daiichi Makishi, führt. Dort gibt es in der großen Halle so ziemlich jeden Fisch zu kaufen, den man aus dem umliegenden Meer ziehen kann, und unzählige kleine und große Muscheln und Schnecken. Auch die Metzger haben hier einen Stand am anderen, hauptsächlich Schwein, alles sehr schön und kunstvoll aufgebaut. Mit Obst und Gemüse, Tee und Heilkräutern und vielem mehr kann man sich in der Halle und in den Läden um den Komplex herum eindecken. Wir finden in einer der angrenzenden Straßen ein Fischlokal mit ein paar einfachen Bänken davor und während wir die Tafel mit der Speisekarte und den Bildern darauf studieren, fragen uns zwei junge Männer auf Englisch, ob sie uns vielleicht helfen können. Ja, natürlich gerne! Wir sind dankbar für Empfehlungen und folgen ihrer Einladung, uns zu ihnen an den Tisch zu setzen. Der eine ist der Bruder des Besitzers, hat eine Schürze um und hilft mit im Laden aus, der andere komponiert und textet Lieder für Musiker und möchte demnächst gerne ein Jahr lang in Berlin verbringen, die Stadt sei so spannend, habe er gehört. Wir essen Fisch-Carpaccio (roh) und ausgebackenem Fisch und Gemüse und bekommen darüber hinaus einen Teller mit kleinen Meeres-Schnecken zum Probieren.

So gut gestärkt gehen wir zurück zur Hauptstraße, erst zum Zentrum für Kunsthandwerk. Traditionelle, kunstvoll gewebte oder bedruckte Stoffe für Kimonos aus Seide oder Baumwolle sind dort zu bewundern, Lackarbeiten mit Intarsien und die schwere irdene Keramik, die für Osaka so typisch ist.


Werbetafel beim Tourismusbüro

Mit dem Stadtbus fahren wir danach zum Museum der Präfektur Osaka. Das riesige Gebäude aus Beton mit oben abgerundeten Ecken sieht innen sehr viel heller und freundlicher aus. In einem Trakt ist eine große kulturgeschichtliche Sammlung ausgestellt, während der andere für die moderne Kunst reserviert ist, ausschließlich Arbeiten von Künstlern aus Okinawa. Wir sehen uns die Sonderausstellung mit schwarz-weiß-Fotografien von Okinawa der letzten Jahrzehnte an, jeder der vier ausgestellten Fotografen hat seine eigene künstlerische Handschrift. Wir bekommen einen kleinen Einblick in die Zeit vor der großen Modernisierungswelle, die auch diese Inseln erfasst hat.

Gegen Ende des Nachmittags sind unsere Augen müde und brennen, wir können gar nichts mehr aufnehmen. Mit dem Bus fahren wir zurück nach Yonabaru und setzen uns zum Abendessen in eine winzige Kneipe, wo es die besten Yakitori (Fleisch am Spieß) geben soll. Der junge Mann am Grill begrüßt uns und alle anderen Gäste mit einer Freude und Herzlichkeit, als würde er Freunde willkommen heißen. Sozusagen im Fenster des Ladens steht ein Holzkohlegrill, wo Hühnerleber, -herzen und -mägen gebraten werden, ebenso wie Schweinefleisch, auch Eier oder Tomaten mit Schinken umwickelt gibt es am Spieß. Wir bestellen Bier und eine Variation von allem und futtern uns Spießchen um Spießchen entlang, unter den begeisterten Blicken des Personals und der Gäste, die sich freuen, dass es uns so gut schmeckt.

Zahnersatz

Weil wir auf der Überfahrt nach Japan praktisch durchgehend schönen Wind hatten, segelten wir mit der Windsteueranlage. Das war auch gut so, denn unser Autopilot hat zuletzt endgültig seinen Geist aufgegeben. Eine eigentlich sehr pfiffige Konstruktion überträgt die Drehung des Motors über vier Kunststoffzahnräder auf das Ritzel. Dieses Getriebe hat schon auf der Fahrt nach Guam fürchterlich geknirscht, denn die Zähnchen aus Plastik sind mit der Zeit abgeschliffen und drehen durch. Ich hatte bereits vor ein paar Jahren ein Ersatzgetriebe verbaut und versuchte noch aus acht kaputten Zahnrädern die vier besten einzubauen, aber das hat auch nicht mehr lange gehalten. Als also am Ende unserer Überfahrt der Wind einschlief und wir die Windsteuerung nicht mehr fahren konnten, musste einer von uns immer im Cockpit sitzen und entweder von Hand steuern oder zumindest dem Autopiloten beim Steuern helfen.

Jetzt haben wir aus Großbritannien ein sündhaft teures Ersatzgetriebe bestellt. Für die vier kleinen Plastikzahnrädchen waren umgerechnet 136 Euro fällig, das sind 34 Euro pro Zahnrad oder 1,30 Euro pro Zahn. Na ja, immer noch billiger als Zahnersatz sonst, und nun schnurrt unser Autopilot wieder.

Unser Respekt vor der früheren Seglergeneration, die ohne Autopilot oder Windsteuerung die Welt umsegelten, ist jedenfalls noch einmal ein Stück gewachsen.

Geld

In der Reihe „was alles anders ist in Japan“ geht es heute ums Geld. Das braucht man nämlich zum Einkaufen, und zwar in Form von Bargeld. Kreditkarten werden üblicherweise weder in Supermärkten oder anderen Geschäften noch in Restaurants akzeptiert. Selbst unsere Liegegebühr in der Marina müssen wir in bar bezahlen. Geldautomaten gibt es zwar viele, aber kaum einer akzeptiert nicht-japanische Kreditkarten. Wenn man aber einen passenden Automaten findet, kann man viel Geld auf einmal abheben.

Mit Bargeld zu bezahlen ist aber – typisch japanisch – eine hochautomatisierte Angelegenheit. Als ich am ersten Tag im Supermarkt dem freundlichen Herrn an der Kasse einen Geldschein entgegenreiche, schaut der etwas verlegen und hält mir auf Japanisch einen längeren Vortrag, bis ich es endlich kapiere: an der anderen Seite der Kasse ist der Automat zum Bezahlen. Dort gibt man Geldscheine und/oder Münzen hinein und bekommt automatisch das Wechselgeld wieder ausgespuckt.

Wenn man einmal sein Wechselgeld von einem Menschen erhält, wird es auf typisch japanische Weise präsentiert: mit beiden Händen, einer Verbeugung und vielfacher Dankesbezeugung: „Arigato gozaimashita“.

An jeder Straßenecke und in den kleinsten Dörfchen gibt es Verkaufsautomaten für Essen und Trinken. Im Nudelrestaurant steht am Eingangsbereich ein großer Automat, dort drückt man die Tasten mit den gewünschten Gerichten, wirft das Geld ein und erhält aus dem Automaten kleine Zettelchen, die man an der Theke zur Küche abgibt. Das Essen wird dann aber, wenn es fertig ist, ganz normal von Hand an den Tisch gebracht.

Im Bus zieht man beim Einsteigen ein Ticket mit einer Nummer darauf, die den Tarifbereich der Haltestelle angibt. Auf einem Monitor kann man verfolgen, wie der Fahrpreis zu dieser Tarifnummer während der Fahrt immer höher wird, je weiter man fährt. Beim Aussteigen wirft man das Ticket und den am Ende erreichten Fahrpreis in einen Automaten.

Man kann eben auch aus dem Bezahlen mit Bargeld eine Kunst machen.