Wasserspiele

In einem Reisebericht aus Japan darf natürlich ein Artikel über die Leidenschaft der Japaner für Toiletten nicht fehlen. Nach den oft rudimentären Aborten der Tropen kommt uns unsere Bordtoilette auf der Muktuk schon sehr komfortabel vor, immerhin sauber und mit (Salz-) Wasserspülung. Während unserer Deutschlandaufenthalte genießen wir den nochmals größeren Komfort, ohne Ventile auf- und zuzuschrauben, ohne 20 Pumpenschläge, einfach aufs Knöpfchen drücken zu können. Aber im Vergleich zu Japan ist die deutsche Toilettenkultur geradezu mittelalterlich.

Das fängt schon damit an, dass es für die Toilette eigene Pantoffeln gibt, die nur dort getragen werden, denn Toiletten sind potenziell schmutzig und man will das nicht im restlichen Haus verteilen. Während man beim Betreten eines Hauses die Schuhe auszieht und entweder in Socken oder in bereitgestellten Hausschuhen weiterläuft, wechselt man an der Schwelle zur Toilette nochmals das Schuhwerk.
Weiter geht es damit, dass einen nach dem Schließen der Tür die Toilette damit begrüßt, dass der Deckel der Klobrille motorgetrieben nach oben klappt (wohl irgendwie mit einem Kontakt am Türschloss gekoppelt). Setzt man sich auf die natürlich körperwarm beheizte Brille, ertönt das Geräusch eines Wasserfalls oder Bächleins, um eventuell peinliche eigene Geräusche zu übertönen. Die Lautstärke ist natürlich einstellbar. Die edleren Modellen können dazu noch überdeckendes Parfum versprühen.

Nach Verrichtung putzt man sich nicht etwa schnöde mit Papier, sondern benutzt verschiedene ausfahrbare Wasserdüsen zur Reinigung. Die Stärke des Wasserstrahls ist steuerbar, die genaue Zielerfassung regelt man durch die eigene Sitzposition. Am Ende (und wenn man den Knopf zum Ausschalten der Wasserspiele gefunden hat) muss man sich mit dem Papier nur noch abtrocknen. Es sei denn, man bevorzugt den eingebauten Föhn.

A propos Knopf: wo deutsche Toiletten einfachste Ein-Knopf-Bedienung aufweisen (oder zwei, wenn es einen Wassersparmodus gibt), ist die Bedienungstafel einer japanischen Toilette so komplex, dass oft ein Schaltpult an der Wand angebracht ist. Natürlich ausschließlich auf Japanisch. Und wo muss man nochmal draufdrücken, um zu spülen?

Findet man diesen Knopf, klappt dezent vorher der Deckel wieder zu, und nach Abschluss des Spülvorgangs zur Kontrolle wieder auf. Und natürlich ist da noch die Innenbeleuchtung der Schüssel zu erwähnen. Verlässt man den Raum, klappt die Toilette höflich wieder zu und desinfiziert sich für den nächsten Besucher.

Und bitte, bitte: nicht vergessen, die Pantoffeln auszuziehen. Ein schlimmerer Fauxpas wäre kaum möglich.

Raku in Kyoto

Dass wir ausgesprochene Keramik-Fans sind, steht ja schon in einigen anderen Artikeln dieses Blogs. Der Höhepunkt der getöpferten Kunstwerke kommt aber hier.

Der Begriff Raku hat in Japan eine speziellere Bedeutung als in Deutschland. Bei uns steht Raku allgemein für eine Brenntechnik, bei der das Töpfergut nach dem Brand bei niedriger Hitze (rund 1000 Grad) eine Reduktionsphase durchläuft, durch die sich Kohlenstoffeinlagerungen, feine Risse und metallischer Glanz bilden können.

In Japan wurde Raku aber auch als Familienname der berühmtesten Töpfer-Dynastie verliehen. Diese geht zurück auf Sen Rikyu, den Meister der Teezeremonie und den Töpfer Chojiro, die das alles im 16. Jahrhundert erfunden haben. Seither gibt es fünfzehn Generationen der Töpfermeister aus der Raku Familie. Der derzeit amtierende heißt Raku Kichizaemon XV, wurde 1949 geboren und löste 1981 seinen Vorgänger in der Dynastie ab. In jeder neuen Generation ist dabei beides gefragt: sowohl die Tradition fortzusetzen, als auch sie zu brechen und weiterzuentwickeln.

Die Produktionen dieser Raku Meister sind überwiegend Teeschalen, die im Rahmen der Teezeremonie Verwendung finden. Und was für welche! Wir hatten in Kyoto sowohl Gelegenheit, Werke aller fünfzehn Generationen im Raku-Museum zu sehen, als auch eine Ausstellung im nahegelegenen Segawa Art Museum, die ausschließlich Raku Kichizaemon XV gewidmet war.

Ein wenig zum Hintergrund: Bei der Teezeremonie dreht sich alles um wa (Harmonie), alle Details ordnen sich dem unter: vom Garten über die Architektur der Teehütte, den reduzierten Schmuck in der tokonoma mit ihrer Bild- oder Schriftrolle und ihrer zur Jahreszeit passenden Pflanze bis hin zur Auswahl des Teekessels und eben der Teeschale. Das kennzeichnende Element der Ästhetik ist dabei wabi-sabi. Sabi bedeutet soviel wie „gereift durch den Gebrauch“ und wird beispielsweise durch Patina erreicht, durch leichte Rostspuren am Teekessel, der seit Generationen im Einsatz ist oder eben durch die Raku-typischen Risse in der Keramik. Wabi ist das Ideal des Unvollkommenen, der Schlichtheit, das Gegenteil der Perfektion. Und typisch japanisch ist es, diese Schlichtheit und Unvollkommenheit zur höchsten Perfektion zu treiben – und damit sind wir wieder bei Raku.

Raku Teeschalen werden in einem mehrtägigen Prozess von Hand geformt, sind nie ganz rund, haben bewusst sichtbare Spuren des Bearbeitungsprozesses oder Abdrücke der Zange, mit der sie noch rotglühend dem Töpferofen entnommen wurden. Jede Schale ist natürlich ein Unikat, hat einen Namen, oft gibt es dazu ein Gedicht aus dem Man’yoshu, der ältesten Gedichtsammlung Japans. Und sie sind einfach unglaublich schön, egal ob es sich um alte Klassiker oder moderne Interpretationen dieses Stils handelt.

In beiden Museen war es eigentlich verboten zu fotografieren. Weil aber einige der ausgestellten Schalen in keinem Katalog zu sehen sind, haben wir doch heimlich ein paar Bilder gemacht:

Kyoto

18.-21. April 2019

Mit leichtem Handgepäck machen wir uns am frühen Morgen auf den Weg. Der Bus fährt über die vielen Brücken bis nach Fukuyama und dort steigen wir in den Shinkansen, den für seine Überpünktlichkeit bekannten Hochgeschwindigkeitszug, der uns innerhalb von eineinhalb Stunden nach Kyoto bringt. Eine angenehme Ruhe herrscht in den Waggons, Handys müssen auf stumm geschaltet werden und wer unbedingt telefonieren will, muss auf die Plattform zwischen den Waggons ausweichen. Der Schaffner verneigt sich, wenn er den Wagen betritt und bevor er zum nächsten weiter geht, dreht er sich noch einmal um und verbeugt sich abermals.

Der Bahnhof von Kyoto ist ein architektonisches Kunstwerk und alle Touristen, die das erste Mal hier ankommen, fahren die Rolltreppen hoch zur 5. Plattform, um Fotos zu machen.

Nach dem wir unsere Zimmer im Hotel bezogen haben, gehen wir erst einmal zur Einwanderungsbehörde, um unser Visum zu verlängern. Eine halbe Stunde später und 4.000 Yen pro Person leichter, erhalten wir den Stempel im Pass, der uns erlaubt, weitere drei Monate in Japan zu bleiben. Nun haben wir noch den ganzen Nachmittag Zeit, herum zu laufen und einen ersten Eindruck von der Stadt zu bekommen.

Kyoto gefällt uns auf Anhieb – diese Mischung aus mondäner Großstadt mit breiten Straßen und Shoppingzentren, großen Parks und Tempelanlagen und kleinen verwinkelten Gassen mit alten Holzhäusern ist etwas ganz Besonderes. In diesen historischen, größtenteils schön renovierten Häusern sind inzwischen viele Gästehäuser untergebracht: hochpreisige Ryokans, in denen man ganz traditionell wohnen kann und vom Personal rund um die Uhr umsorgt wird.


Einer der vielen Tempel im Nordosten der Stadt


Ein Tempel mitten in der Stadt

Unser (ganz normales) Hotel liegt gleich neben dem kaiserlichen Park, Kyoto war nämlich bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts über viele Jahrhunderte hinweg Sitz des japanischen Kaisers. Von hier aus können wir fast alle Sehenswürdigkeiten zu Fuß erreichen.


Die letzten Kirschblüten im Park, eine späte Sorte mit vielen Blütenblättern


In der U-Bahn stellt man sich auch in der Reihe auf

Die ersten beiden Tage verbringen wir abwechselnd in Kunsthandwerk-Museen bzw. laufen durch Einkaufsstraßen mit Läden voller Kunsthandwerk oder zwängen uns mit Hunderten anderer Touristen durch eine Straße voller Lebensmittelläden, neben der der Viktualienmarkt in München bescheiden aussieht.


Alles mit Grüntee


Der berühmteste Messerladen der Stadt


Überall französische Bäckereien mit Baguette, Croissant und Eclair!

Unterwegs entdecken wir häufig Interessantes, wie z.B. einen kleinen Handwerksbetrieb, der Soja-Sauce herstellt, wo wir in die großen Fässer reinschauen dürfen und von den ganz unterschiedlichen Saucen probieren.

Oder eine Ausstellung mit Kalligraphie, wo die jeweiligen Schöpfer der Rollen auch für die Gestaltung der Blumenvasen zuständig sind. Am Eingang liegt ein Besucherbuch aus, in das man sich eintragen kann, mit einem Pinsel seinen Namen zeichnen. Das versuchen wir auch!

Zurzeit findet gerade ein Fotografie-Festival statt, Kyotografie genannt: über die Stadt verteilt sind überall unterschiedliche Fotoausstellungen zu sehen. Von bekannten Namen wie Paolo Pellegrini von Magnum, der mit einer Fotoserie über die Antarktis vertreten ist, bis zu aufstrebenden jüngeren Fotokünstlern wie Weronika Gesicka aus Polen und japanischen Fotografen mit sozialkritischen Themen ist das Spektrum breit gestreut.

Im Raku-Museum sehen wir u.a. eine Sonderausstellung mit Keramik, die den Berg Fuji als Motto oder Motiv hat, Schönes bis Skurriles.

Eine richtig tolle Überraschung ist das Shibori Textilmuseum: Shibori ist eine ganz besondere Technik zur Bearbeitung von Seidenstoffen, bevor daraus die berühmten Kimonos genäht werden. Erst wird der Stoff mit vielen feinen Punkten bedruckt, dann wird der Stoff um den Punkt herum mehrmals ganz eng und fest mit einem Faden umgebunden, eine mühselige monatelange Kleinarbeit, für die man Jahre der Übung braucht, um die Perfektion zu erreichen, die einen Meister bzw. eine Meisterin ausmacht. Danach wird der Seidenstoff gefärbt und anschließend werden die Noppen wieder aufgetrennt. Dort, wo der Faden ganz dicht gewickelt war, ist der Stoff weiß geblieben, es ist das typische gepunktete Muster entstanden. Und solange die Stoffbahnen nicht gewaschen und gebügelt werden, behalten sie auch die unebene Struktur der Noppen. Zwar wurde auch eine Maschine entwickelt, die beim Knüpfen hilft und den Prozess etwas beschleunigt, aber da erscheint das Muster nicht ganz so fein. Ein Kimono aus diesem Stoff war und ist ein wertvolles Kunstwerk für sich und wird über Jahrzehnte sorgsam gepflegt. In der Kimono- und Geisha-Stadt Kyoto waren diese Stoffe früher sehr begehrt, heute aber gibt es nur noch etwa 40 Menschen, die das Handwerk beherrschen.

Abends sind wir so voller Eindrücke und so müde vom Herumlaufen, dass wir nach dem Abendessen nur noch die Beine hoch legen wollen. Erst am dritten Tag schaffen wir es, in das Vergnügungsviertel von Kyoto, wo sich eine Bar an die andere reiht. Wir haben bald genug von dem Trubel und gehen noch durch ein paar einsamere Straßen eines Wohnviertels, mit gedämpftem Licht herrscht hier eine ganz eigene Atmosphäre.


Um Missverständnisse von vornherein zu vermeiden. In diesem Restaurant gibt man mindestens 24,00 EUR aus

Am letzten Tag wollen wir früh raus zum großen monatlich stattfindenden Flohmarkt in einer Tempelanlage. Das Areal ist riesig und die Reihen schier unübersichtlich. Alte und neue Keramik, Holz- und Lackarbeiten, Stoffe und Kimonos, Haushaltswaren und Gemüse, alles kann man hier finden. Und an den Essenständen ist schon am frühen Morgen Hochbetrieb. Dazwischen wird gebetet, Mönche gehen in einer Prozession ein paar Mal durch die Reihen, den Weg wird ihnen von Polizisten frei geräumt.


Hier wird Okonomiyaki gebraten, in der Kyoto-Version: Pfannkuchenteig mit Kohl und Fisch oder Fleisch

Wir haben eine Einkaufsliste geschrieben und finden auch fast alles, was darauf steht: unter anderem einen Teekessel für die Muktuk, Keramik, Fächer und sogar einen Schalenkoffer für den Transport der Keramik nach Deutschland. Den allerdings musste Andreas einem Händler abschwatzen, denn der war eigentlich nicht zum Verkauf sondern zum Transport seiner eigenen Waren gedacht.

Schwer beladen machen wir uns auf den Weg zum Bahnhof und zurück zur Muktuk und überlegen die ganze Zeit, wo wir eigentlich das sperrige Teil auf dem Boot unterbringen können.

Ohmishima

16. – 22. April 2019

Um festzustellen, ob das Schwert echt ist, das Andreas in Nagasaki beim Trödelhändler gekauft hatte, mussten wir unbedingt einen Stopp in Ohmishima einlegen. Denn da befindet sich ein Museum, das eine der umfangreichsten Sammlungen Japans mit Rüstungen und Schwertern der Samurai ausstellt.

Zuerst aber ist das leibliche Wohl dran: der große Onsen der Insel wird von heißen Quellen gespeist und hat eine Vielzahl an heißen Becken mit oder ohne sprudelndem Wasser. In der kleinen Straße unweit des Hafens finden wir noch ein Lokal, das abends auf hat und wo wir ausnahmsweise mal nicht typisch japanisch essen und anschließend probieren wir zwei Häuser weiter die Biere der kleinen örtlichen Brauerei aus. In beiden Lokalen sind wir die einzigen Gäste, abends ist hier nicht mehr viel los.

Dafür tagsüber umso mehr, wie wir feststellen: Ohmishima ist 2006 mit dem Festland und den umliegenden Inseln durch Brücken und einer Schnellstraße verbunden worden, vorher konnte man die Insel nur mit der Fähre erreichen. Eine schöne Fahrradstrecke wurde ausgebaut, die über alle Inseln und Brücken quer über die Seto Inland See führt und sehr beliebt ist bei in- und ausländischen Touristen. Aber auch der Oyamazumi Schrein zieht Busladungen von Besuchern an. Er gilt als Ruhestätte des Gottes Oyamazumi, der als der Beschützer der Berge und des Meeres in Japan gilt, aber auch als ein Kriegsgott verehrt wird. Hier im Hof des Tempels steht ein dicker alter Baum mit einer Kordel umgeben, der rund 2.600 Jahre alt sein soll. Er ist in der Shinto-Religion ein Baum, der nicht nur über andere Bäume wacht, sondern auch Kraft und Glück beschert, wenn man es schafft, mit angehaltenem Atem drei Mal um den Baum herum zu gehen.

Zum Schrein gehört auch das Samurai-Museum und es ist in der Tat beeindruckend: so viele schöne alte Rüstungen aus Leder- und Textilflechtwerk überwiegend 17. Jahrhundert, die ältesten werden um 950 n. Chr. datiert. Dazu Schwerter und Messer in allen Größen und Formen. Leider durften wir nicht fotografieren. Mit Hilfe eines Buches und mit großem Bedauern muss die Angestellte des Museums feststellen, dass das Schwert, das Andreas vorzeigte, leider nur eine gut gemachte Kopie eines Katana aus der Edo-Periode sei.

Nach so viel Kultur und Kunst, denn das Ohmishima Art Museum besuchen wir auch noch, haben wir Hunger. Mittags ist die Auswahl groß. Gleich neben dem Kunstmuseum befindet sich ein Lokal, vor dem viele Leute warten. Wir denken inzwischen wie die Japaner: wo eine Schlange ist, muss es gut sein. Also stellen wir uns an und werden darauf hingewiesen, dass ein Buch am Eingang ausliegt, wo wir uns eintragen können. Sobald ein Tisch frei wird, kommt die resolute Wirtin raus, schaut ins Buch und ruft mit lauter Stimme die nächsten Gäste aus. Als wir dran sind, muss sie sich nicht mit unseren fremd klingenden Namen plagen, sie zeigt einfach nur auf uns, denn wir sind die einzigen Ausländer. Drinnen geht es mit der Zeichensprache weiter, bis die Schale mit viel rohem Fisch auf Reis und die Misosuppe dazu auf dem Tisch stehen.


Bonsai-Gärtnerei. Die Bäumchen werden mit Klammern in Form gebracht

Als wir danach zum Supermarkt bzw. Gemüsemarkt gehen, quer über den Parkplatz, spricht mich ein Mann an, der gerade eine Kiste voller Orangen ins seinen Pickup lädt: die besten Orangen hier in der Gegend, sagt er voller Stolz und holt drei Stück heraus, um sie mir zu schenken! Protest ist zwecklos, und wäre auch unhöflich. Und ich bin wieder mal sprachlos, über diese spontane Großzügigkeit. Von diesen Orangen wollte ich sowieso auch welche kaufen, denn die Sorte ist wirklich besonders, sie hat eine leicht bittere Note in Richtung Grapefruit, wir lieben sie!

Für den Nachmittag haben wir uns nochmal zwei Museen vorgenommen, die ein paar Buchten weiter mitten in die grüne Landschaft gebaut wurden. Eines davon ist das Tokoro Kunstmuseum, in Terrassen an den Hang gebaut. Moderne Kunst ist zu sehen, nicht viel, denn der Platz ist knapp, aber doch ein paar spannende Stücke. Die unterste Ebene ist eine offene Terrasse, mit einem großartigen Blick aufs Meer und die benachbarten Inseln. Ein paar Stühle und ein Kaffeeautomat für die müden Besucher stehen bereit.

Etwa hundert Meter weiter befindet sich ein weiteres Museum, das von Toyo Ito gebaut wurde. Der Stararchitekt hat hier ein kleines aber sehr interessantes Gebäude hingestellt, ein paar Oktaeder über- und ineinander geschachtelt. Darin ist gerade eine Ausstellung zu sehen über Projekte und Initiativen von engagierten jungen Menschen auf Ohmishima, die versuchen, den ursprünglichen typischen Charakter der Insel zu bewahren, der durch die Anbindung an die „Außenwelt“ fast schon verloren gegangen ist.

Nebenan steht noch ein Gebäude von Toyo Ito, es ist so ähnlich gebaut wie sein privates Wohnhaus und sieht von außen eher aus wie ein etwas edleres Gewächshaus. Wir dürfen in Begleitung einer kundigen Museumsführerin hinein – eine Handbibliothek mit Literatur zu Architektur und über Toyo Ito, ein paar Architekturmodelle stehen in den Regalen. Das Schönste ist auch hier der Ausblick aufs Meer.

Am Steg in Ohmishima, Miyaura

Nach einer Nacht vor Anker verlegen wir die Muktuk an den Steg von Miyaura. Fähren legen hier keine mehr an, dafür aber kann man als Segler für maximal eine Woche lang bleiben. Platz ist genug, an jeder Seite könnten mindestens fünf Muktuks liegen. Der Hafenmeister wollte von uns 5 Yen pro Tag, das sind umgerechnet 4 Cent. Dafür gab es sogar ein Quittung mit Stempel! Erst später erfuhren wir von anderen Seglern, dass sich die Liegegebühr nach dem Gewicht des Bootes richtet, also pro Tonne 1 Yen und wir hätten eigentlich 26 Yen pro Tag zahlen müssen, er hatte uns also einfach geschätzt.

So einen guten und sicheren Liegeplatz hatte die Muktuk schon lange nicht mehr. Also beschließen wir spontan, von hier aus unseren Landausflug nach Kyoto zu unternehmen.

Als wir vier Tage später wieder zurück kommen, liegt ein kleines Segelboot mit am langen Pier und wir begrüßen erfreut den Besitzer und laden ihn gleich auf ein Bier zu uns sein, denn bisher haben wir noch kaum Segler getroffen. Es ist Tana-San, ein ehemaliger Brückenbauingenieur im Ruhestand und mit seinen 72 Jahren segelt er immer noch jedes Jahr im Sommer in der Setouchi See. Obwohl wir ihn eingeladen haben, kommt er schwer bepackt mit Bier, Sake und Chips an.

Am nächsten Morgen legen auf der anderen Seite des Piers zwei dunkelgrau gestrichene Motorboote der japanischen Marine an, mit viel Trompetentrara aus dem Lautsprecher und der Mannschaft, die gerade nicht mit den Leinen zu tun hat, steht in Reih und Glied in Uniform zur Parade an Deck.

Als sie zwei Stunden später wieder ablegen, hören wir wieder Trompetenklänge und ich winke dem ersten Schiff zu, die Matrosen an Deck winken alle zurück und als ich mich auf japanische Art mit einer Verbeugung bedanke, klatschen sie auf einmal alle in die Hände. Auch dem zweiten Boot winke ich zu, aber keine Reaktion. Erst als aus dem Lautsprecher ein Offizier einen Befehl durchgibt, lüften alle Matrosen auf einmal ihre Mützen und winken damit. Nochmals ein Befehl und die Mützen sitzen wieder ordentlich auf den Köpfen. Herrlich, ich bin begeistert!

Tana-San hilft uns noch beim Ablegen, vorher aber machen wir noch ein paar Fotos zur Erinnerung.

Setouchi Inland See – Noshima bis Mitarei

13.-18. April 2019

Nun sind wir in der Seto Inland See und bewegen uns hier in Tagesetappen ostwärts von Insel zu Insel. Wind zum Segeln gibt es nur ganz selten, also tuckern wir die meiste Zeit. Nachts hier unterwegs zu sein ist nicht ratsam. Zwar würde man die Lichter der herumfahrenden Boote sehen, nicht aber die vielen Fischerfähnchen und Bojen, die überall überraschend auftauchen. Auch tagsüber muss immer einer von uns an Deck sein und Ausguck gehen, damit wir nicht aus Versehen ein Netz einfangen oder ein treibendes Fischerboot rammen.

Die erste Insel, die wir ansteuern, ist Noshima. Wir tuckern in den kleinen Hafen rein und finden einen Schwimmsteg, an dem wir anlegen können. Ein Mann werkelt an seinem Motorboot, eine Nacht da zu verbringen, sei wohl ok. Es ist noch früher Nachmittag und auf Mapsme sehen wir, dass es einen Wanderweg zum Leuchtturm gibt, den wir von See aus bewundert hatten. Wir gehen durch den kleinen Ort, am Tempel vorbei und den Berg hoch. Ein Bambuswald mit vielen dicken Stämmen verbreitet eine etwas düstere Atmosphäre, denn die Blätter lassen kaum Licht durch, obwohl sie so fein und zart sind.

Der Ort ist so ruhig, er wirkt fast wie ausgestorben. Hier, wie überall auf den Inseln und im ländlichen Raum Japans, ist das Problem der Überalterung der Gesellschaft schon bemerkbar. Verschärft wird die Situation dadurch, dass die jungen Leute in die Großstädte ziehen, und immer mehr Häuser leer stehen. Die Elternhäuser werden nicht so schnell aufgegeben, viele sind noch gut gepflegt, mindestens einmal pro Jahr kommt jemand zurück und schaut nach, ob alles in Ordnung ist. Aber man sieht auch schon etliche verfallene Häuser von Pflanzen überwuchert. Da, wo noch Leute wohnen, sind die Gärten voller Gemüse, Zwiebeln, Kohl, Salat, Spinat, Tomaten und Bäume mit Orangen bzw. Kumquats.

Noshima hat einen sehr schönen Strand, wo wir einen besonders malerischen goldenen Sonnenuntergang sehen können. Auf dem Weg dorthin kommen wir noch an einem kleinen Friedhof vorbei, wo viele frische Blumen in den Vasen stecken und an der Statue eine lachenden Göttin, die einen Fisch unter dem Arm hält. Sie soll den Fischern viel Glück bringen!

Das Wetter ist überwiegend schön, die Temperaturen steigen langsam. Zwischendurch gibt es auch mal einen ungemütlichen Regentag, da passt es gut, wenn wir gerade vor einem Hotel mit einem großen Onsen liegen, um uns aufzuwärmen, wie zum Beispiel auf der Insel, Yashiro.

Umso mehr wirkt die Sonne am nächsten Tag und wir genießen den Ausblick auf die vielen großen und kleinen Inseln, an denen wir vorbei tuckern.

Auch Kurahashi ist eine ruhige verschlafene Insel mit einem großen Tempel und Schrein, allerdings wird hier am Ufer fleißig gearbeitet, drei Leute sind damit beschäftigt, Wellenbrecher zu gießen.

Am nächsten Tag tuckern wir zur Insel Mitarei, deren Ortsmitte ein Kleinod ist, denn fast alle Häuser sind noch im alten Stil erhalten. Die Stadt war eines der Handelszentren der Inlandsee, strategisch günstig gelegen mit einem geschützten Hafen. Ein Geisha-Haus befand sich hier und starke Shoguns wechselten sich beim Regieren ab.

Die Restaurants und Cafés haben noch alle geschlossen, Mitarei liegt im Dornröschenschlaf, aber bald beginnt die Urlaubssaison und da ist bestimmt viel mehr los. In diesem Ort finden wir so viele schöne Fotomotive, hier ein Auswahl davon.

Ube und seine Hormone

Kurz nach der aufregenden Passage durch die Kanmon Strait suchen wir uns einen Hafen an der Nordküste aus. Ube heißt der Ort, das Hafenbecken ist groß und laut Seekarte tief genug, wir fahren am Nachmittag bei fallender Tide hinein. Bald sehen wir eine Pier, die mit schwarz-gelben Streifen markiert ist. Man hatte uns gesagt, so seien die öffentlich verfügbaren Liegeplätze markiert, also legen wir dort an. Wir benötigen allerdings etwas Hilfe, denn die Kaimauer ist gut zwei Meter über Deck und es gibt keine Leiter. Zwei Männer helfen uns, die Leinen anzunehmen, wir machen fest und ich klettere an Land. Mit Gesten und ein paar Brocken Englisch gibt uns einer der Männer zu verstehen, dass dies hier der Liegeplatz der Schlepper sei und wir nicht über Nach bleiben können. Ich zeige fragend mit der Hand im ganzen Hafen herum: „gibt es einen anderen Liegeplatz?“. Gibt es nicht, aber er zeigt mir auf der Handy-Landkarte einen Hafen weiter östlich. Da könnten wir hin. Er telefoniert kurz und bestätigt dann, dass wir dort eine Nacht bleiben könnten.

Diesen Hafen hatte ich auch schon auf der Seekarte angeschaut und als ungeeignet verworfen. Ein enges, langgestrecktes Hafenbecken mit geringen Tiefen, und laut Satellitenkarte liegen dort nur Jollen und kleine Kabinenkreuzer, maximal 4-5 Meter lang. Ein so großes Boot wie unsere Muktuk soll da reinpassen? Mit großen Zweifeln fahren wir die knapp vier Seemeilen und schauen uns den Hafen an. Den Kiel hoch, so dass wir nur noch 2,5 m Tiefgang haben, tasten wir uns in langsamer Fahrt in das Becken hinein. Wir werden schon erwartet, ein kleines Segelboot kommt uns entgegen, das hat nämlich seinen Liegeplatz für uns geräumt. Leute an Land signalisieren uns ganz zum Ende des Hafenbeckens, dort sollen wir an einem alten Kahn festmachen, der als Schwimmsteg dient und von dem eine klapprige Leiter die Pier hinauf führt. Viele Helfer vom hiesigen Segelclub nehmen unsere Leinen an, reichen uns eine Mooring, legen Extra-Leinen vom Schwimmsteg an Land zur Verstärkung, denn Muktuk ist fast doppelt so lang und wahrscheinlich zwanzigmal so schwer wie unser Steg-Kahn. Der Mann vom ersten Hafen ist auch wieder da, er ist mit dem Auto herübergefahren um sicherzugehen, dass wir gut unterkommen. Gastfreundschaft auf japanische Art!

Nachdem Muktuk sicher versorgt ist, machen wir uns auf, Ube zu erkunden. Einen Supermarkt gibt es direkt gegenüber, einen Onsen eine halbe Stunde entfernt. Auf dem Weg dorthin kommen wir an einem Restaurant vorbei, das ganz interessant aussieht. Dort steht auf jedem Tisch ein Grill, wir klopfen an und fragen, ob wir in etwa einer Stunde zum essen kommen können. „Können Sie Hormone essen?“ fragt uns die Wirtin mit Hilfe unseres Google Übersetzers. Birgit und ich schauen uns an. Hmmm… können wir schon, aber wollen wir? „Das sind die inneren Organe der Kuh“ stellt die Wirtin bzw. Google klar. OK, das ist einfacher. Leber mögen wir sowieso, Kutteln kennen wir ja aus der Toskana – wir sagen zu.

Eine Stunde später, frisch gebadet, ist das Restaurant rappelvoll. Gut, dass wir reserviert haben. Die Wirtin fragt, was wir haben wollen. Das Bier zu bestellen ist einfach, aber fürs Essen gibt es keine Speisekarte, die wir verstehen würden, wir machen per Zeichen klar, das wir einen gemischten Teller mit „Hormonen“ wollen. Der kommt dann auch, aber außer einem Stückchen Leber, einem Stückchen Fleisch und einem Stückchen Zunge erkennen wir keines dieser „inneren Organe“. Es sieht eigentlich auch nicht nach wirklichen Organen aus, eher eine Mischung aus Fett und Bindegewebe, mit eigenartigem Geschmack. Später werden wir diese Sachen auch im Supermarkt finden, aber auch da scheitert unser Taschen-Übersetzer, wir wissen bis heute nicht, was wir da gegessen haben. Wie heißt es so schön: interessanter Geschmack. Aber die Zunge war außerordentlich gut, die bestellen wir noch einmal nach und lernen, dass sie nicht wie alles andere in Sojasauce getunkt wird, sondern in Zitronensaft und mit frischem Pfeffer bestreut. Ziemlich gut.

Als wir am nächsten Morgen ablegen, drückt uns der hilfreiche Herr vom Vortag noch eine Tüte in die Hand, gefüllt mit Lebensmitteln. Man lässt in Japan seine Gäste eben nicht hungern. Und nachdem er erst einmal unsere Leine angenommen hat, waren wir wohl seine Gäste. Er springt in ein kleines Segelboot und fährt uns ein paar Minuten hinterher, um uns noch einmal zuzuwinken, dann dreht er ab und fährt wieder in den Hafen zurück.

Seto Inlandsee

Die drei Hauptinseln Japans umschließen ein Binnenmeer, in das wir am Freitag, den 12. April hineinfahren. Wir gehen am Tag davor kurz vor der Einfahrt vor Anker, um morgens pünktlich die Passage der engen Kanmon Strait beginnen zu können. Diese Passage ist nämlich nicht ohne, was im Wesentlichen zwei Gründe hat.

Zum einen ist die Seto Inlandsee eines der am dichtesten befahrenen Seegebiete der Welt, und die Kanmon Strait eine der dichtest befahrenen Seeschiffahrtsstraßen, d.h. dort gibt es einen Tanker nach dem anderen, fast wie vor dem Panamakanal. Vor der Einfahrt kommen vier Hauptschiffahrtslinien zusammen, und da müssen wir irgendwo durch, ohne die Großschiffahrt zu behindern. Auf dem AIS kann man die Verkehrsdichte gut erkennen. Jedes der grünen oder gelben Dreiecke ist ein Schiff.

Zum anderen schwappt die Tide aus dem Pazifik durch alle Öffnungen der Inlandsee hinein und heraus, und zwar umso stärker, je enger die Öffnung. Und die Kanmon Strait ist ziemlich eng, so dass zu Springzeiten bis zu neun Knoten Gezeitenstrom zu erwarten sind. Große Anzeigen an beiden Enden der Passagen zeigen die aktuelle Strömung und die Veränderung an. Diese Strömungen bremsen und beschleunigen nicht nur die Durchfahrt, sondern bilden auch quersetzende Stromwirbel, die selbst die Großschiffahrt je nach Richtung mal auf die Gegenfahrbahn, mal auf die Felsen am Ufer drücken.

An der kritischen Stelle sollte man als untermotorisiertes Segelboot also ziemlich genau bei Stillwasser (also beim Wechsel von Ebbe zu Flut oder umgekehrt) ankommen. Das ist aber gar nicht so leicht zu planen, denn die Geschwindigkeit bis dahin ändert sich wegen des Stroms ständig. Zudem müssen wir Zeit einplanen, um die Schiffahrtslinien vor dem Eingang zu kreuzen, und wer weiß wie lange wir warten müssen, bis sich eine Lücke im Verkehrt auftut.

Kurz und gut: wir müssen sehr genau planen (auf der Seekarte markiere ich für jede halbe Stunde den geplanten Zielort), Reserve einrechnen und ständig die Geschwindigkeit anpassen, um im Plan zu bleiben.

Es geht aber schließlich alles gut, die Passage erwischen wir minutengenau und haben daher auch keinen allzu großen Stress mit der Strömung. Außer dass in der Mitte der kritischsten Stelle ein paar todesmutige Fischer auf ihren Booten angeln, denn die Stromwirbel ziehen anscheinend die Fische an. Wenn die großen Pötte kommen, machen die Fischer Platz, aber so eine kleine Muktuk muss sehen wo sie bleibt und im Zickzack Ausweichmanöver fahren.

In der Seto Inlandsee werden wir nun sechs Wochen bleiben, uns die vielen kleinen Inseln ansehen, ein großes Kunst-Festival besuchen, das nur alle drei Jahre stattfindet und an einer internationalen Segel-Rally teilnehmen. Uns erwartet sehr wenig Wind (also viel Motorfahrt), viel Schiffsverkehr (also ständiges Ausguckgehen), praktisch kein Seegang (also keine Seekrankheit), kurze Tagesetappen und jede Nacht ein Hafen oder Ankerplatz. Wir haben also erst einmal sechs Wochen Urlaub.

Kurzmeldungen aus Babel

Wir haben ja schon berichtet, wie sehr wir auf die automatischen Übersetzungen des Herrn Google angewiesen sind. Eine gewisse Verständigung ist durchaus möglich, aber die Übersetzungen sind doch immer wieder amüsant bis philosophisch.

Beispiele gefällig? Unsere japanischen Schiffspapiere übersetzt Google-San z.B. so:

  • Name des unbekannten Hafens des Schiffes „MUKTUK“ der Bundesrepublik Deutschland, […] ist in der angemeldeten Form patentiert Daher meldet es sich durch das Leben.

Oder aus diversen Webseiten:

  • Bitte besuchen Sie uns mit leichten Wanderschuhen wie Turnschuhen und leicht zu bewegenden Kleidungsstücken.
  • Eltern werden vor der Einschulung in die Grundschule von einem Zwerg begleitet
  • Warum verbringen Sie nicht den ganzen Tag erfrischend, wenn Sie am Morgen von Feiertagen, die Sie an einem Tag ertrinken möchten, das Felsenbad betreten? Was?
  • Die Wirkung der natürlichen heißen Quelle und der Mottengeruch heilen Ihren Körper und Ihren Geist.
  • Das Mitführen von Zimmern in der Kühlbox ist strengstens verboten!

Rezensionen von Restaurants

  • Sowohl das Gebäude als auch die Oma sind sehr lecker und schöner Ort.
  • Kochen ist auch gut. Alkohol ist auch gut. Wenn es ein Tisch ist, kann ich Yakiniku essen. Allerdings habe ich viel über meine Tante gesprochen, ich mag es nicht sehr.

Aus der Speisekarte (zur Abwechslung mal in Englisch)

  • This special curry is a special curry made of rice specialties made of rice specializing in a special form of rice

Ashiya – Stadt der Teekessel

9. – 10. April 2019

Weiter geht es die Küste Kyushus Richtung Norden. Tagesziel ist der kleine Ort Ashiya, der seit dem 14. Jahrhundert Japans Zentrum für gusseiserne Teekessel war. In diesen Teekesseln wird das Wasser bei der Teezeremonie gekocht, sie haben eine besondere Form und sind mit kunstvoll ausgearbeiteten Reliefs verziert.

Allerdings war es erst einmal eine Herausforderung, dort hinzukommen. Wind und Strom sind gegen uns, wir müssen motoren und es steht eine unangenehme, ruppige See. Wir kommen nur mit 2-3 kn Fahrt voran. Auf einmal ertönt der Bilgenalarm – in der Motorbilge steht jede Menge Wasser. Da muss jemand etwas missverstanden haben: unter Seglern wünscht man sich neben Mast-und Schotbruch bekanntlich eine Handbreit Wasser unterm Kiel, von einer Handbreit Wasser in der Bilge ist keine Rede. Die Ursache ist schnell gefunden: die Wellendichtung dichtet die Propellerwelle nicht mehr genügend ab, wenn der Motor auf seinen Gummilagern durch die Bewegung im Seegang arbeitet. Je schneller wir fahren, desto mehr Wasser dringt ein, aber wenn wir langsamer fahren, kommen wir gar nicht mehr voran. Also Augen zu und durch, die Bilgenpumpe schafft es noch problemlos, die Wassermengen wieder nach draußen zu befördern. Aber alle ein bis zwei Minuten läuft sie für 20-30 Sekunden, das ist schon beunruhigend.

Für das Hafenbecken, in dem wir festmachen wollen, fehlen detaillierte Karten, und so sitzen wir trotz 1 Meter aufgeholtem Kiel und über einem Meter Tide erst einmal auf, kommen aber aus eigener Kraft wieder frei. Das mit der Handbreit Wasser unterm Kiel will heute einfach nicht klappen. Schließlich legen wir an einer alten Pier an, die dick mit Seepocken bewachsen, mit rostigen Eisenbeschlägen versehen und mit vorstehenden Betonelementen versetzt ist. Unsere dicken Styroporfender und Fenderbretter kommen also endlich zum Einsatz.

Die Wellendichtung kann ich zum Glück justieren, so dass sie jetzt wieder dicht ist. Dennoch muss sie bei nächster Gelegenheit ausgetauscht werden, denn das Material verliert über die Jahre seine Elastizität und ist mittlerweile am Limit. Der Austausch ist aber nur möglich, wenn das Schiff aus dem Wasser kommt. Das passende Ersatzteil haben wir schon seit Neuseeland an Bord. Einige Stunden Arbeit haben wir aber jetzt schon, bis die Bilge entwässert, mit Süßwasser gespült und getrocknet ist.

Am nächsten Tag ist das Wetter wieder besser und wir machen uns auf zum Teekesselmuseum. Wunderschön gelegen, bietet das Gelände einen klassischen japanischen Garten mit Teich, Steinen, Bäumen und gleich zwei Hütten für die Teezeremonie. Man kann diese Hütten für Veranstaltungen mieten, zur Zeit ist aber nichts los, so dass wir die große Hütte auch von innen besichtigen können, und auch den Garten haben wir praktisch für uns alleine.

Später werden wir berühmtere Gärten in Kyoto und Okayama besichtigen, dann aber zusammen mit Hunderten von Touristen. Hier dagegen können wir die Ruhe und Harmonie, die dieser Garten ausstrahlt, in vollen Zügen genießen.

Keramik in Karatsu

05.-08. April 2019

Am 4. April verabschieden wir uns von Mogi. Während wir die Südspitze der Halbinsel von Nagasaki umrunden, müssen wir ständig Ausguck gehen, so viel Verkehr ist da und wir sind froh, dass wir es bei Tageslicht tun. Die meisten Schiffe sieht man per AIS auf der Karte, aber es gibt immer mal wieder ein Containerschiff das inkognito fährt und die Fischerboote haben sowieso ganz selten ihr AIS eingeschaltet. Nachts ist immer noch große Aufmerksamkeit angesagt, auch wenn nicht mehr ganz so viele Schiffe unterwegs sind, unser Adrenalinspiegel ist entsprechend hoch, wir schlafen nicht viel.


Brücke bei Hierado

Am nächsten Tag am frühen Nachmittags machen wir die Leinen fest im Yachthafen von Karatsu. Allerdings können wir an dem langen Steg nicht liegen bleiben, denn der gehört der Stadt oder der Präfektur, so genau verstehen wir das nicht. Auch nicht, weshalb wir da nicht bleiben können. Die Marina hat leider nur kurze Stege, da passen wir mit der Muktuk beim besten Willen nicht hin. Die Marina-Leute telefonieren mehrmals vergeblich mit den Behörden, aber da will niemand die Zustimmung geben. Vom Fischereihafen gegenüber haben wir keine genauen Karten, so dass wir lieber das Hochwasser am nächsten Morgen abwarten wollen, um zu verlegen. Wir fragen, ob wir wenigstens die eine Nacht bleiben können. Der etwas Englisch sprechende Angestellte der Marina lächelt und sagt ja, „but I don’t care!“, damit hat er sich der Verantwortung entledigt und ist wieder guter Dinge.

Am nächsten Morgen finden wir im Fischereihafen tatsächlich einen unbenutzt aussehenden Schwimmsteg, wo wir die nächsten Tage liegen bleiben können.

Karatsu ist ein in Japan bekannter Ort für Keramik. Auch hier spricht man davon, dass im 16. Jahrhundert Keramikmeister von der koreanischen Halbinsel hierher kamen und sich hier ansiedelten. Unter dem Begriff Karatsu-Keramik versammeln sich viele verschiedene Formen und Farben, von dunkleren erdigen Tönen, schwarzen Schalen bis zu hellblauen oder hellgrauen Teetassen, Flaschen und Tassen für Saké und blauschwarzen Vasen ist alles zu finden. Das Spektrum ist groß und daher auch so interessant und abwechslungsreich. Mit einem Stadtplan in der Hand, auf dem die Töpfereien und Galerien verzeichnet sind, machen wir uns auf den Weg.

Gleich am Bahnhof befindet sich eine Verkaufsausstellung des Keramikerverbandes, in dem so ziemlich jede Töpferei mit Stücken vertreten ist und wo wir schon einmal einen ersten Eindruck von der Vielfalt bekommen, und auch von der großen Bandbreite der Preise (von umgerechnet 4 Euro bis zu 25.000 Euro!).

Ein paar Straßen weiter weg befindet sich ein historischer Brennofen mit vier Kammern, heute ganz mit Gras überwachsen, er gehörte zur Werkstatt von Nakazato Taroemon, der sich große Verdienste erworben hat, um die Marke Karatsu-Keramik bekannt zu machen und auch, die Kenntnis um traditionelle Techniken, Formen und Farben weiter zu geben. Sein Haus ist zu einer Galerie umfunktioniert worden, es ist ein schönes dunkles Holzhaus in einem traditionellen Garten mit Koi-Karpfen-Teich. Vasen und Schalen des Meisters sind hier ausgestellt, sehr schön anzusehen, jedes Stück für sich ein kleines Vermögen wert.

In der Fußgängerzone dann reiht sich ein Laden, eine Galerie an die andere, die Keramik ausstellen und anbieten. Schon in der ersten können wir uns nicht satt sehen und können auch nicht zwei kleinen Teetassen widerstehen, wir kaufen sie. Sie werden immer als Paar angeboten, in Größe und Muster ein bisschen anders, gleich und doch unterscheidbar. So langsam bekommen wir einen Blick für die einzelnen Formen und Stile, überall finden wir neue schöne Stücke, manche können wir leider nur anschauen und bewundern, denn sie sind einfach unerschwinglich.


Handgewebte Tücher mit ähnlichem Motiv

Mittags setzen wir uns in ein Lokal, in dem es ganz verführerisch nach Gegrilltem riecht. Es gibt Aal, der mit allerlei leckeren Beilagen serviert wird. Dazu wird, wie immer in Japan, Grüntee ausgeschenkt. Hier in wunderhübschen weißen Porzellanschälchen mit blassblauem Rand. Andreas fragt die Bedienung, wo diese denn her sind, aber er versteht uns leider nicht recht. Also versuchen wir es nach dem Mittagessen im großen Laden mit Gebrauchskeramik und Porzellan nebenan und zeigen ein Foto vor. Es ist Porzellan aus Arita, einem Ort nicht weit von Karatsu. Aber genau diese haben sie leider nicht. Etwas später, nachdem der große Ansturm der Gäste vorbei ist, gehen wir nochmal zu dem Lokal. Die Inhaberin spricht etwas Englisch und sagt uns, dass sie diese Teetassen bereits vor längerer Zeit direkt in Arita gekauft habe. Wir fragen vorsichtig an, ob wir ihr vielleicht zwei Tassen abkaufen dürften. Oh nein, das auf keinen Fall! Aber: sie will sie uns schenken, denn die Stücke seien schon so alt und hätten schon so viele Gebrauchsspuren. Und schon sind zwei Tässchen eingepackt! Wir sind überwältigt von ihrer Großzügigkeit und bedanken uns überschwänglich!


(Tags darauf bringen wir ihr ein kleines Dankeschön mit.)

Zum Marketing der Karatsu-Keramik gehört auch, dass viele Cafés und Restaurants Essen und Getränke in der einheimischen Keramik servieren. So auch das Café, wo wir einen starken Espresso aus Keramiktassen trinken, bevor wir am Nachmittag weitere Läden mit Keramik anschauen.

Als wir gegen Abend zum Hafen zurück kommen, steht am Nachbarsteg ein kleiner Tankwagen. Er wartet auf ein Fischerboot, das betankt werden soll. Wir fragen ihn ob er genügend Sprit habe, um auch uns welchen zu geben. Ja, gerne! Nachdem das Fischerboot betankt ist, kommt er auf unseren Steg gefahren und füllt 300 Liter Diesel in unseren Tank. Die einzige Schwierigkeit besteht darin, dass er nicht bar abrechnen kann. Deshalb geht der Sprit auf Kosten des Kontos des Fischerbootes und wir geben ihm das Geld. Alles nicht so einfach, aber mit ein bisschen Englisch und mit Hilfe des Handy-Übersetzers klappt die Kommunikation zur Zufriedenheit aller.

Am nächsten Tag ist Sonntag und viele Läden sind geschlossen, was zunächst sehr zur Schonung unseres Geldbeutels beiträgt. Wir gehen ins örtliche kleine Kunstmuseum, das ein paar sehr schöne Bildrollen ausstellt, natürlich auch Keramik, sowie Bilder des Künstlers Kawamura, der impressionistisch malte. Das Meisterwerk, ein Segelboot in der Abendsonne ist auch eines der schönsten Ausstellungsstücke des Museums. Zu unserer Überraschung entdecken wir einen ganzen Raum voller Bierkrüge – aus Deutschland! Die meisten von ihnen stammen aus dem 19. Jahrhundert. Wir können nur vermuten, dass es sich um einen passionierten Sammler handelt, der um die Wende vom 19. Zum 20. Jahrhundert eine Reise durch Deutschland unternommen hat, denn die Erklärungen sind nur auf Japanisch.

Vom ersten Stock des Museums können wir in den Nachbargarten hinunter schauen und in das kleine ebenerdige Holzhaus, wo die Schiebetüren offen stehen und zwei Frauen an einem Tisch Kaffee trinken. Es sieht so gemütlich aus, dass wir beschließen, dort eine Pause einzulegen.

Der Garten ist schon ein Schmuckstück für sich, eine Komposition aus Kiefern, Blumen und Steinen. Das Café erst – so liebevoll eingerichtet und ganz im Zeichen der Kirschblüte dekoriert. Wir haben das Gefühl, in einem Wohnzimmer bei Freunden zu sitzen. Als wir Grüntee bestellen, stellt uns die Inhaberin viele Tassen auf den Tisch, wir dürfen uns aussuchen, aus welcher wir den Matcha-Tee trinken wollen. Natürlich die mit den angedeuteten Kirschblüten! Wir dürfen auch fotografieren und die junge Inhaberin freut sich sehr, dass wir ihre Einrichtung und ihre Blumenarrangements bewundern.

Zwei Freundinnen von ihr kommen ins Café und nachdem sie ihnen Eiskaffee serviert hat, stellt sie uns einfach so auch zwei Gläser davon auf unseren Tisch. Kalter Kaffee mit Eiswürfeln wird mindestens so gerne und oft getrunken wie heißer. Wir kommen alle miteinander ins Gespräch und wie immer, wenn wir sagen, dass wir aus Deutschland kommen und mit dem Segelboot unterwegs sind, unsere Visitenkarte verschenken, wird vor Begeisterung in die Hände geklatscht. Zum Abschied dürfen wir uns noch aus einer Kiste mit hübschen Stäbchenbänkchen aus Keramik je eines als Geschenk aussuchen. Mal wieder reich beschenkt verabschieden wir uns fröhlich mit wiederholten gegenseitigen Verbeugungen.

Karatsu hat auch eines dieser Schlösser mit den geschwungenen Dächern, die wie eine Burg oben auf einem hohen Berg thront. Nur dass die japanischen Schlösser so viel zierlicher sind als die europäischen und auch so viel anfälliger für Feuer, da sie, außer den Fundamenten fast ganz aus Holz gebaut sind. Das Schloss von Karatsu wurde erstmals 1608 vom damaligen Fürsten gebaut und seither mehrfach renoviert und wieder aufgebaut. Darin gibt es auf mehreren Stockwerken Ausstellungen über die Geschichte der Clans und über das Kunsthandwerk der Region, die Papierherstellung und die Keramik. Wir bewundern u.a. ein paar schöne alte Schwerter, die die Samurai früher getragen haben.

Gerade stehen im Schlossgarten die Kirschbäume in der letzten Blüte und viele Familien und Gruppen von Freunden sind an diesem sonnigen Sonntag unterwegs, um ein letztes Mal in diesem Jahr Sakura zu feiern.

Anschließend schauen wir uns in einigen Galerien noch einmal die Vasen und Tassen an, die uns so gut gefallen haben und zuletzt stehen wir in dem großen Laden bei der Gebrauchskeramik vor den Regalen und suchen uns noch mehr schöne Stücke aus. Mit zwei Rucksäcken voller Keramik kehren wir zum Boot zurück. Nun brauchen wir wirklich einen stabilen Hartschalenkoffer, um alles heil im Flugzeug transportieren zu können.