Makeup in Valdez

Es war dringend mal wieder nötig. Eigentlich hätten wir schon letztes Jahr auf die Werft müssen, aber in Japan wollten wir die Zeit nicht opfern, und in Alaska war auch keine Gelegenheit. Nach dem Frost in Cordova war dann aber definitiv und im Wortsinne der Lack ab. Von Valdez erhielten wir die Zusage, nach mindestens zwei Wochen Quarantäne in den Ankerbuchten dort für die Arbeiten willkommen zu sein. Als wir dann schließlich ankamen, hat sich dafür aber sowieso keiner mehr interessiert, denn die Reisebeschränkungen innerhalb Alaskas wurden mittlerweile vom Gouverneur aufgehoben.

So kamen wir also problemlos aus dem Wasser, mussten allerdings unser Vorstag demontieren, weil der Travellift etwas zu klein war und uns sonst nicht weit genug anheben konnte. Wir hatten den Werfttermin mit Blick auf die Wettervorhersage gewählt, denn bei Regen kann man ja nicht streichen. Wir hatten dann aber wirklich Glück mit dem Wetter, denn es blieb tatsächlich sieben Tage am Stück schön, so dass wir jeden Tag von früh bis spät arbeiten konnten. Unser Programm war auch ganz schön umfangreich:

An Deck musste der Rest der alten Farbe soweit wie möglich entfernt werden, dafür konnten wir einen starken, benzinbetriebenen Hochdruckreiniger verwenden, den wir zwei Tage lang im Dauereinsatz hatten, bis der Motor den Geist aufgab. Dann alles anschleifen, eine Lage Epoxy als Tiecoat streichen, darauf zwei Lagen weißen Deckslack.

Das Unterwasserschiff wollte ebenfalls gereinigt sein, ein paar Roststellen behandelt, zwei Lagen Antifouling gestrichen… puhh, was muss dieses Schiff auch immer so groß sein!

Am Rumpf zwei Lagen neue rote Farbe, nebenbei noch die Wellendichtung ausgewechselt, der Propeller geputzt und poliert, das volle Programm eben.

Jetzt strahlt Muktuk wieder wie für eine Zahnpastawerbung. Wir haben uns entschieden, auf die grauen Flächen an Deck zu verzichten und alles einheitlich weiß zu streichen, sind aber noch nicht ganz glücklich damit. Zum einen ist die große weiße Fläche optisch etwas eintönig, zum anderen sieht man natürlich jetzt jeden Schmutzfleck umso deutlicher. Vielleicht ist hier also das letzte Farbwort noch nicht gesprochen. Aber zumindest kann sich Muktuk wieder sehen lassen, und mit dem frisch gestrichenen Unterwasserschiff ist sie auch fast einen Knoten schneller unterwegs.

Nach genau einer Woche auf dem Trockenen kamen wir zurück ins Wasser, nach genau einer Woche fing es an zu regnen. Punktlandung. Das Arbeitsprogramm ist erledigt. Wir auch, und jetzt gönnen wir uns ein paar ruhige Tage in den Ankerbuchten.

Quarantäne im Prince William Sound

Seit mehr als zwei Wochen sind wir nun schon draußen im Prince William Sound. Es war eine lange Zeit im Hafen: seit Mitte September für die Muktuk und seit Mitte Februar für uns. Vor allem ich hatte mich so sehr an Cordova gewöhnt, die Freunde im Hafen, die tägliche Routine trotz der vielen Einschränkungen, so dass ich mir gar nicht mehr so recht vorstellen konnte weg zu fahren. Und schon gar nicht an einem Regentag.

Aber schon nach den ersten hundert Metern, als die Masten und Antennen der Boote im Hafen und die Häuser von Cordova hinter uns langsam im Nieselregen verschwammen und sich vor uns das Wasser weitete, in der Ferne sich die schneebedeckten Berge mit den schwarzen Wäldern auftürmten, da kam gleichzeitig mit der Erinnerung an die Buchtentage des vergangenen Jahres eine unerwartete Euphorie auf. Ich hatte tatsächlich vergessen, wie schön es draußen sein kann!

Vier Stunden später hatten wir unsere erste Bucht, die Sheep Bay, erreicht. Unzählige Otter ließen sich mit der Strömung treiben, hoben neugierig den Kopf, sobald sie unseren Motor hörten, schwammen ein Stück näher, um dann mit einer schnellen Drehung unter Wasser zu verschwinden, bevor ich sie fotografieren konnte. Zwei Weißkopfadler flogen von Tannenspitze zu Tannenspitze und der große Wasserfall in der Bucht rauschte so laut, dass er das Motorengeräusch übertönte und überall an den Steilhängen stürzten, gespeist vom Schmelzwasser, größere und kleinere Bäche herunter.

Die ersten Tage verbrachten wir im Wesentlichen damit, zu lesen, zu kochen, den Regen und die Landschaft zu betrachten – das Aufregendste war eine donnernde Schneelawine hoch oben am Berg, die Steine und Strauchwerk mit sich riss. Internet gab es keines (zu hohe Berge ringsherum). Die Ruhe und Einsamkeit der Bucht tat uns gut.

Nach ein paar Tagen kam die Sonne heraus, ich hatte keine Ausrede mehr, nicht an Land zu gehen. Mit Bärenspray, Tröte und Gewehr stiefelten wir los und anfangs war mir schon noch ein bisschen mulmig zu Mute – auch noch, als wir den Berg hoch gingen auf der Suche nach dem Wanderweg zum See. Der Weg war nicht ausgezeichnet, also bewegten wir uns auf den Wildpfaden durch den Wald – Pfade, die die Rehe und Bären im Laufe der Zeit ausgetreten hatten. Doch von Bären waren noch keine Spuren zu sehen, nur die Losungen der Rehe und die Abdrucke ihrer Hufe in den verbliebenen Schneefeldern. Die ersten Blaubeersträucher blühen schon an besonders geschützten Stellen mit rosa oder weißen Blütenkelchen, und leuchtend kräftige hellgelbe, fast schon neonfarbene, Pflanzen wachsen aus dem Moos oder dem Schnee hervor, von Weitem sehen sie aus wie Pilze und sind wohl eine Delikatesse für die Rehe.

Auf Montague Island fanden wir einen Strand, wo wir an einem Abend grillten, anderntags lange Spaziergänge unternahmen und wo Andreas noch mal gutes Feuerholz sägte. In der Lagune konnten wir die ersten Zugvögel beobachten, sie waren nicht zu überhören: die Gänse zogen paarweise laut rufend übers Wasser.

Unterwegs von einer Bucht zur anderen hielten wir immer mal wieder an, um an einem Unterseehügel zu angeln – der erste Rockfisch der Saison ging gleich am ersten Tag an den Haken zusammen mit einem kleinen vorwitzigen Fischchen und eine Woche später biss sogar ein schöner mittelgroßer Heilbutt an! Jedes Mal ein Fest für die Bordküche!

Am Tag vor der Abfahrt aus Cordova hatten wir von der Werft im Nachbarort Valdez die schriftliche Zusage bekommen, dass wir die Muktuk dort aus dem Wasser heben können. Die Zusage war allerdings mit der Auflage verbunden, vorher mindestens zwei Wochen lang in Quarantäne vor Anker zu liegen. Außerdem sollten wir möglichst gut mit Vorräten ausgestattet sein, denn es sei nicht klar, wie frei wir uns in Valdez außerhalb der Werft bewegen dürften.

Der „travel ban“, das Verbot von Ort zu Ort zu reisen, wird also sehr pragmatisch ausgelegt. Ähnlich wie sich auch der wirtschaftliche Druck auf viele Entscheidungen ausgewirkt hat: die Fischerboote dürfen fischen, die Fischfabriken können den Fisch annehmen. Vorausgesetzt wird, dass jeder Betrieb ein Quarantäne- und Sicherheitskonzept vorlegt, das im Einzelnen von den Behörden genehmigt werden muss. Im Falle der Fischerboote heißt das, jedes einzelne braucht ein eigenes Konzept, da die Fischer als Selbständige mit Crew arbeiten.

Mitte Mai wird die Lachssaison eröffnet, die ersten Lachse, die zum Copper River Delta zurück schwimmen, gelten als ausgesprochene Delikatesse. Die Fischerboote richten momentan ihre Boote und Netze dafür her, viele von ihnen kommen für die Saison aus dem Süden und müssen zwei Wochen Quarantäne einhalten, wie auch die eingeflogenen Arbeiter, wobei ihnen die Zeit unterwegs wohl auch schon angerechnet wird. Cordova hat den Hafen inzwischen zur „hot zone“, also zu einem Brennpunkt erklärt, wo höhere Sicherheitsmaßnahmen als im Dorf selbst gelten.

Ein paar Sendemasten sind im Prince William Sound aufgestellt, so dass wir unterwegs und auch in einigen Buchten Internet haben. So können wir die Nachrichten einigermaßen verfolgen und uns über die neuesten Entwicklungen in der Pandemie informieren. Alaska hat bisher 378 getestete Fälle an Erkrankungen, davon 10 Tote, und in Anchorage werden ab Montag die Ausgangsbeschränkungen gelockert, Kinos, Restaurants, Fitnessstudios und mehr dürfen wieder öffnen. Aber nun ist auch in Cordova der erste Fall einer Covid-19 Ansteckung bekannt geworden.

Wir sind froh, dass wir momentan draußen in der Wildnis sein können. In Quarantäne oder im „lock down“, also wochenlang zu zweit alleine auf dem Boot zu leben, das kennen wir und es funktioniert sehr gut. Wir hatten ja auch ein paar Jahre Zeit, es zu üben. Wir müssen aber auch nicht gleichzeitig einen Vollzeitjob in Heimarbeit stemmen und nebenher die Schulaufgaben der Kinder beaufsichtigen. Ulrich Tukur, Schauspieler, Musiker und Schriftsteller schrieb kürzlich:

„Meine Gedanken sind oft bei denen, die mit dem Rücken an der Wand stehen und für die diese Zeit kein absurdes Theater ist, sondern existenziell bedrohliche Wirklichkeit. Ich hoffe inständig, dass sich der Vorhang bald über dieses seltsame Stück senkt und wir danach alle etwas bescheidener nach Hause gehen und darüber nachdenken, was da eigentlich gespielt wurde. Vielleicht fühlen wir dann endlich, wie zerbrechlich diese Welt ist und wie schützenswert. Wissen tun wir es längst.“ (Aus: DIE ZEIT Nr. 19, 29.04.2020)

Wursten und Räuchern

Fragt man deutsche Segler, was sie unterwegs vermissen, dann ist die Antwort ziemlich eindeutig: Brot, Schinken und Wurst.

Brot backen kann man recht schnell lernen, aber das mit den Würsten und dem Schinken ist nicht so einfach. Bislang haben wir uns immer einen Vorrat an Geräuchertem aus Deutschland mitgebracht, aber in die Vereinigten Staaten darf man dergleichen nicht einführen.

Also packte Andreas irgendwann den Räucheraufsatz für unseren Holzofen aus, legte Fleischstücke in Salzlake ein und probierte, Schinken zu räuchern. Das klappte schon mal sehr gut!

Und dann machten wir eine unerwartete Entdeckung beim Fleisch-Kühlregal im Supermarkt in Cordova: eingesalzene Därme, vakuumverpackt! Einen Fleischwolf haben wir an Bord, es fehlt aber der Aufsatz für den Wurstdarm. Andreas suchte nach allerlei Plastikteilen, aus denen er die Tülle bauen konnte, recherchierte im Internet nach Wurstrezepten und legte los. Zuerst gab es Bratwürste mit Majoran und Piment nach fränkischer Art gewürzt. Eine schweißtreibende Arbeit, das Brät durch den Fleischwolf zu drehen und gar nicht so einfach, gleichmäßige Würste herzustellen. Aber sie schmeckten hervorragend! Beim zweiten Mal wünschte ich mir siebenbürgische Bratwürste mit viel Knoblauch. Und auch die schmeckten fein, fast genauso wie vom Metzger Moser in Nürnberg. Eine Hälfte davon waren mit Pökelsalz statt einfachem Kochsalz vermischt und fürs Räuchern bestimmt. Zwei Tage lang mussten sie erst einmal in der Küche hängen, um zu Reifen. Leider können wir mit unserem Ofen nur warm räuchern, und es wurde den Würsten schon fast zu heiß. Da müssen wir noch ein bisschen üben.

Neue Normalität

Als wir von Deutschland weg flogen, wurden in den Nachrichten von den ersten Fällen mit Corona-Virus in einer Firma im Süden Münchens berichtet. Seither verfolgen wir die Entwicklung, lesen täglich lange im Internet, telefonieren mit Familie und Freunden in Deutschland. Sogar die Tagesschau sehen wir uns nun an. Erst schien alles weit weg, aber es war bald klar, dass auch die USA nicht von dem Virus verschont bleiben würde und auch Alaska nicht, so abseits im hohen Norden.

Cordova hat das erste Mal den Winter über für sieben Monate lang keine Fährverbindung mehr, Waren werden mit privaten Fähren oder einem Frachter von Seattle hierher gebracht. Oder aber mit dem Flugzeug. Und mit diesem reisen auch viele Bewohner hin und her, nach Anchorage für Besorgungen, oder in den Urlaub nach Florida. Vor gut drei Wochen wurde dann der erste Kranke in Anchorage gemeldet, es war der Pilot einer Frachtmaschine, und damit kamen so langsam auch in Alaska die Vorbereitungen in Gang, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen.

Die Kinder hatten gerade alle eine Woche Frühlingsferien, diese wurden erst einmal bis Ende März verlängert (inzwischen sollen sie bis Ende April daheim bleiben). Das Wetter war prächtig, der Schilift im Ort lief noch und alle waren guter Dinge. Ein paar Tage später verfügte der Gouverneur von Alaska die Schließung aller öffentlichen Einrichtungen, also wurde auch das Kulturzentrum bis auf Weiteres zu gemacht, aber auch das städtische Schwimmbad (wo ich mit meiner Dauerkarte morgens gerne zum Schwimmen ging) und auch das Bidarki-Sportzentrum (mit der Sauna, wo Andreas die Dauerkarte hat) sind nun geschlossen. Damit fällt auch unsere Duschmöglichkeit weg. Die Marina besitzt zwar auch Duschen, aber da kosten 3 Minuten heißes Wasser 6,00 USD!

Restaurants und Bars mussten nun auch zumachen und auch einige Geschäfte haben freiwillig geschlossen, so z.B. für Schiffszubehör, Handys, der wunderbare große Handarbeitsladen. Sie machen nur auf Anruf auf, wenn man etwas dringend benötigt.

„Social distancing“ ist die Devise, man solle mindestens 2 Meter Abstand voneinander halten.

In den Supermärkten laufen die Angestellten mit Handschuhen und Desinfektionsmittel herum und an der Kasse steht man sowieso meistens alleine, auch mit Hamsterkäufen halten sich die Menschen hier im Wesentlichen zurück. Einer der drei Supermärkte bittet um Verständnis, dass man pro Familie und Einkauf nur eine begrenzte Menge an Reis, Toilettenpapier und Desinfektionsmittel abgeben könne.

Da in Anchorage die Regale der Supermärkte leer gekauft wurden, schrieb der Kolumnist der wöchentlich erscheinenden Zeitung „The Cordova Times“ dazu: „We all need huge rolls of respect, caring, sacrifice, hope, patience … and humor. “ (Wir brauchen alle große Rollen an Respekt, Zuwendung, Verzicht, Hoffnung, Geduld … und Humor).

Auch die sieben Kirchen des Ortes (Anglikanisch, Katholisch, Orthodox, zweierlei Baptisten…) werden nun an den Sonntagen vorerst keine Gottesdienste abhalten, alle gehen online.

Große Sorgen bereitet den Menschen hier an den Küsten Alaskas, wie es in dieser Saison mit dem Fischfang sein wird, unglaublich viele Arbeitsplätze und Einkommen hängen davon ab. Allein in Dutch Harbor, landeten 2018 rund 346.000 Tonnen Fisch im Wert von 182 Millionen USD. Damit steht dieser Hafen auf Platz 1 innerhalb der USA und das schon seit 22 Jahren. Alaska liefert 58% des gesamten Fangs der USA an Fisch und Meerestieren und 97% des gesamten Lachses.

Sehr viele Fischerboote würden sich normalerweise in diesen Wochen fertig zum Auslaufen machen. Bald wäre der berühmte Königslachs aus dem Copper River Delta dran, der in großen Mengen direkt frisch an die Restaurants in den USA verschickt wird. Da diese aber alle geschlossen sind, fallen sie als Kunden weg. Anfang Mai sollten dann schon viele Gast- bzw. Saisonarbeiter hier sein, um in den „Canneries“, den Konservenfabriken, zu arbeiten. Sie würden aber zusätzliche Ansteckungen mitbringen, denn selbst wenn sie erst einmal für zwei Wochen in Quarantäne gingen, so würden sie wahrscheinlich, wie sonst auch, zu viert in den kleinen Unterkünften wohnen, wo sich das Virus weiter ausbreiten könnte. Aber ohne diese Arbeitskräfte kann der angelieferte Fisch nicht verarbeitet werden. Noch ist nicht klar, wie es weiter gehen wird, ob es sich für die Boote überhaupt lohnt, in dieser Saison raus zu fahren.

Das soziale Leben verlangsamt sich zusehends, auch zum geliebten und beliebten Potluck treffen wir uns nicht mehr. Und auch hier im Hafen überlegen wir täglich, wie oft wir noch zusammen sitzen sollen, auch wenn wir wenige bis gar keine Kontakte zu anderen Leuten im Dorf haben.

Wir wollen in den nächsten Wochen, sobald wir mit allen Reparaturen und Wartungen auf der Arbeitsliste fertig sind und das Wetter besser wird, in den Prince William Sound raus fahren, um der ersten Welle der Infektion zu entgehen und auch um im Zweifelsfall nicht selbst den Virus zu verbreiten.

Für uns ausländische Segler im Hafen stellt sich aber nun zusätzlich ein ganz neues ungewohntes Problem. Wir beide hier auf der Muktuk haben bei der Rückreise aus Deutschland bzw. der Einreise am Flughafen ein Visum für sechs Monate bekommen. Das geht noch bis Mitte August. Bis dahin wollten wir so langsam in Richtung Kanada segeln, um dann im Herbst in Seattle zu sein. Nun aber haben Kanada und die USA ihre Grenzen dicht gemacht, die Häfen für Kreuzfahrtschiffe und eben auch für Segler sind in Kanada geschlossen. Das bedeutet für uns, dass wir momentan nicht nach Kanada segeln können, aber auch wenn wir ausreisen, nicht wieder in die USA einreisen können, weiter südlich die Westküste runter. Hawaii ist auch dicht, ebenso wie die Marschall-Inseln. Kurz gesagt: wir müssten raus, könnten aber nirgendwo wieder rein – auch wenn wir länger als zwei Wochen auf See wären und somit die nötige Quarantäne hinter uns gebracht hätten.

Die Behörden haben auf telefonische Nachfrage auch noch keine Lösung für unser Problem, sie sind von den Ereignissen genau so überrascht worden, wie wir auch und halten sich vorläufig strikt an die Vorgaben, niemanden rein zu lassen. Wir hoffen nun alle, dass es bald Ausnahmegenehmigungen gibt, so dass wir unsere Visa verlängern können. Wir könnten in unser Heimatland zurück, noch. Aber unser Schiff ist momentan unser Zuhause und das wollen und können wir nicht auf eine so lange unbestimmte Zeit alleine lassen.

Wie schnell sich alles um uns herum innerhalb kürzester Zeit verändert hat und wie normal uns inzwischen alle Vorsichtsmaßnahmen erscheinen. An Tagen wie diesen wünschen wir allen vor allem eines: Gesundheit!

Cordova – Alltag im Hafen

So einen schönen Winter hatten wir schon lange nicht mehr! So viele sonnige Tage hintereinander und wenn der Himmel dazwischen mal grau wurde, dann nur, um noch mehr Schnee zu bringen!

Die Sonne steht zwar noch nicht sehr steil am Himmel, aber wir haben nun deutlich längere Tage. Anfang März wurde dann noch die Sommerzeit („daylight saving time“) eingeführt, nun haben wir vom Aufwachen bis gegen acht Uhr am Abend Tageslicht. Die Sonne mag es an manchen Abenden besonders spektakulär und färbt die umliegenden schneebedeckten Berge in unterschiedliche gelb-orange-rosa Töne. Und da die Dämmerung hier oben so viel länger andauert, kann man dann den Bergen zusehen, wie sie in dem diffusen Licht nach Sonnenuntergang in einem kalten Weiß-Blau scheinen.

Und nicht nur die Schifahrer hatten was von dem vielen Schnee. Ein langer schöner Wanderweg führt vom Dorfrand den Berg hoch bis zur Skipiste mit wunderbaren Aussichten auf die umliegenden Bergketten und das Delta des Copper Rivers. Ich bin den Weg ein paar Mal hoch gegangen und jedes Mal war es, als ob ich durch einen Märchenwald ginge, still und verzaubert.

Frost und Schnee zusammen konnten aber auch über Nacht für Überraschungen sorgen, etwa wenn morgens die Luke zum Niedergang nicht mehr auf ging. Wie gut, dass wir unsere Stegnachbarn anrufen konnten und Jan es mit Hilfe der Schneeschaufel und heißem Wasser schaffte, uns zu befreien.

Cordova hat vor ein paar Jahren ein Kulturzentrum gebaut mit Museum, öffentlicher Bibliothek, Räumen für Tagungen und einem großen Saal, der für Konzerte, Theater und Kino gleichermaßen geeignet ist. Der örtliche Kulturverein „Cordova Arts and Pageants“ von viel ehrenamtlicher Arbeit getragen, kümmert sich um das Programm: Künstler auf Alaska-Tournee, die auch nach Cordova eingeladen werden und hier ein enthusiastisches Publikum vorfinden. Zwei bis drei Spielfilme oder Dokumentarfilme werden pro Monat von dem Freundesverein der Bibliothek ausgesucht und gezeigt. Ganz anders als in München, wo einen das kulturelle Angebot schnell erschlagen kann, freut man sich hier auf jede Aufführung und geht dann auch hin.

Außerdem wurden wir von unseren Freunden hier im Hafen zu ihren Freunden im Ort mitgenommen, wo jeden Montagabend ein „Potluck“ stattfindet. Alle sind herzlich willkommen, jeder bringt etwas zum Essen mit und schnell entfalten sich spannende Gespräche. So sehen wir nicht nur fast alle unsere Stegnachbarn wieder sondern lernen auch viele neue Leute aus dem Dorf kennen. Eine sehr schöne Sache und ein großes Dankeschön an das junge Paar, das sein gemütliches großes Wohnzimmer dafür zur Verfügung stellt.

Weil unser kleiner Ofen ein großer Holzfresser ist, mussten wir dann doch noch einmal in den Wald. Zwar hätten wir uns für den großen Holzschlagplatz des staatlichen Forstamtes beim Flughafen anmelden können, da liegen riesige Holzstämme unter dem Schnee. Aber die sind viel zu dick für unsere kleine Kettensäge. Also fragten wir beim Forstamt nach, ob wir uns aus dem Wald einen kleineren Baum aussuchen dürften. Ja, das wäre möglich, solange es sich um Totholz handelt. Vorsichtshalber fragten wir auch noch bei der Stadt nach und bei den Anwohnern des Waldes, um nicht in privatem Besitz zu wildern. Und so stiefelten wir dann an einem sonnigen Tag los, mit Kettensäge, Axt und Eimern den Berg hoch – Andreas sägte und zusammen schleppten wir die Stücke aus dem Wald raus an den Straßenrand.

Als wir fertig waren – und auch so richtig „fertig“ von der ungewohnten Arbeit – und uns noch überlegten, wie wir diese Menge Holz am besten mit einem Schlitten oder unserem Wägelchen in wie vielen Fuhren runter zum Hafen bringen könnten, kam der Nachbar vorbei und bot uns an, das Holz auf seinen Pickup zu laden. Großartig! Ein paar Stunden später trafen wir uns und er brachte Verstärkung mit: seine kleine Tochter, noch keine fünf Jahre alt, bestand darauf, mit zu helfen. Tauschte ihre Ballerina gegen Gummistiefel ein und schleppte fröhlich singend ein Stück nach dem anderen zum Auto. Als sie nach einem größeren Stück griff und ich meinte, „Vorsicht, das ist doch viel zu schwer für dich“, sagte ihr Vater nur: Ach, wir würden uns wundern, was sie für ihr Alter schon alles schleppen könne. Starke Frauen in Alaska!

Von der spontanen und unkomplizierten Hilfsbereitschaft und dem Zusammenhalt der Menschen hier sind wir jedes Mal überwältigt.

Überhaupt mussten wir uns in den ersten Tage an ein anderes Tempo und einen anderen Ton gewöhnen: dass aus den vorbeifahrenden Autos jeder und jede mit Handzeichen grüßt, dass so ziemlich jedes Auto anhält, wenn man die Straße überqueren will, dass die Autos die großen Pfützen umfahren, wenn ein Fußgänger am Straßenrand entlang geht, dass man überall freundlich angesprochen wird und gefragt wird, wie es einem geht und was es doch für ein schöner Tag heute sei und wie schnell man ins Gespräch kommt mit den Menschen hier. Keine Hektik, nirgends!

Das Problem mit der Tropfsteinhöhle, sprich: dem nassen Mittelschiff, wo das Kondenswasser von den Wänden floss, ging vom täglichen Abwischen und Abwarten leider nicht weg. Den Heizlüfter täglich anzufeuern, das hätte unsere Stromrechnung in die Höhe getrieben. Also kam der Zufall uns zu Hilfe, denn in einem Baucontainer unweit des Hafens fand Andreas ein paar Sperrholzplatten, betätigte sich für ein paar Stunden lang als Schreiner und baute eine Türe. Die ist nun eine ungleich bessere Barriere als der Vorhang. Nun entweicht keine warme Luft mehr und es bleibt auch um einiges wärmer da, wo wir heizen und uns überwiegend aufhalten, in der Messe und in der Küche!

In dem Baucontainer lag noch viel mehr Holz, trocken und hervorragend als Brennholz geeignet. Nun musste Andreas erneut am Steg Sägen und Holz hacken. Aber jetzt sollten wir wirklich genug haben.

Cordova ist ein hervorragender Platz, um den Winter zu verbringen!

Winter

Eine Überraschung war es ja eigentlich nicht. Aber es ist wirklich ganz schön kalt in Alaska. Vor allem im Winter. Und wenn man die Schnapsidee hat, diesen ausgerechnet auf einem Segelboot zu verbringen. Eine Schneeschaufel haben wir uns schon zugelegt, denn die Marina räumt nur den Hauptsteg. Den Zugang zur Muktuk müssen wir uns selbst freischaufeln – wenn die Luke vom Niedergang nicht über Nacht zugefroren ist und wir überhaupt hinauskommen.

Unser Holzofen heizt die Messe und Achterkabine problemlos auf durchschnittlich 25 Grad auf. Aber wie das mit dem Durchschnitt so ist: unter der Decke sind es gut 30 Grad, am Fußboden eher 15. Auch der kleine Ventilator hilft nicht wirklich. Jetzt haben wir den Boden mit ein paar Pappkartons und einem Stück Teppich isoliert, das macht es ein wenig gemütlicher. Mit unserem Holzvorrat (immerhin hatten wir das ganze Cockpit voll) werden wir aber nicht weit kommen. Wir verfeuern zur Zeit einen großen Eimer voll jeden Tag, mit diesem Verbrauch werden wir Ende März neues Holz brauchen.

Insofern sind wir ganz froh, dass die neue Diesel-Warmluftheizung jetzt eingebaut ist und funktioniert – so haben wir eine Alternative und können Holz sparen. Mit beiden Heizsystemen könne wir aber nur den hinteren Teil des Schiffes heizen. Die vordere Hälfte, also Mittelkabine, Lotsenkoje, Werkstatt und Toilette sind kalt. Was von der Temperatur her kein großes Problem wäre, aber die warme und feuchte Luft von hinten findet ihren Weg nach vorne und kondensiert dort an Wänden, Decken, Luken und in den Schapps. Und wir reden hier nicht von einem leichten Feuchtigkeitsfilm, sondern von tropfnassem Holz, rinnendem Wasser und Pfützen.

Der Muktuk wird also einiges abverlangt vom Winter. Uns geht es aber ausgezeichnet, wir genießen die Gesellschaft unserer Segelfreunde (fünf Segelboote überwintern hier), arbeiten unsere Reparaturliste ab, nehmen am kulturellen Leben des Ortes teil und hatten als besonderen Leckerbissen schon drei wunderschöne Skitage: bei gutem Wetter öffnet ab 13h Amerikas älteste Liftanlage, ein Ein-Personen-Sessellift mit schönen und abwechslungsreichen Abfahrtsmöglichkeiten, ein paar präparierten Pisten und jeder Menge Tiefschnee. Und grandioser Aussicht!

Brennholz

Unsere Hauptheizung an Bord ist ein kleiner gusseiserner Ofen für Holz. Eingeweiht haben wir ihn schon in Steward Island auf der anderen Seite der Welt, und immer mal wieder hat er unsere Muktuk schön behaglich gemacht, wenn es draußen ungemütlich wurde, aber in Alaska wird er sich zum ersten Mal richtig beweisen müssen.

Wenn wir im Februar an Bord zurückkehren, liegen noch drei Monate mit regelmäßigen Minustemperaturen vor uns. Holz muss ja eine Weile lagern und trocknen, bevor es richtig brennt. Die empfohlenen drei Jahre Lagerzeit schaffen wir zwar nicht, aber ein paar Monate helfen auch schon. So haben wir in den letzten Wochen in Alaska rund einen Ster Holz gesägt, gespalten und gestapelt, um zumindest für den Anfang gerüstet zu sein. Der Stauraum an Bord ist ja beschränkt: jetzt ist unser Cockpit zum Holzlager umfunktioniert, und unter Deck lagern auch noch ein paar Eimer voll.

Wie lange diese Holzmenge reichen wird, wissen wir noch nicht. Wir werden unseren Ofen sicherlich mit weiteren Maßnahmen unterstützen müssen: Zusätzliche Plastikscheiben vor alle Luken haben wir schon angebracht, so dass sie nun zweilagig verglast sind. Den Boden – zumindest in der Messe – werden wir noch mit Styropor, Schaumstoff und/oder Teppich belegen, um keine kalten Füße zu bekommen. Ein Gebläse wird den Austausch zwischen der warmen Luft unter der Kabinendecke und dem kalten Bodenbereich fördern. Und schließlich werden wir unsere defekte Webasto Diesel-Warmluftheizung ersetzen, um auf die Schnelle Wärme zu haben, bis der Holzofen in Gang kommt.

Wie sich das ganze Konzept bewähren wird, werden wir sehen. Aber wir sind ja nicht auf See, wo wir alles mit Bordmitteln lösen müssen – in Cordova gibt es zusätzliches Material und Ausrüstung zu kaufen. Und ein paar weitere Bäume stehen notfalls auch noch herum.

Muktuk vor Gletscher

Ende August 2019

Je weiter östlich wir reisten, umso höher wurden die Gebirge und die ersten Gletscher tauchten auf. Wie gewaltig diese Eismassen sind, konnten wir aus der Ferne nur erahnen. Also entschlossen wir uns, noch einen Tag länger beim Nationalpark der Kenai Fjords zu verbringen, um einen Gletscher aus der Nähe anzuschauen.

Bei der Einfahrt mussten wir ein bisschen aufpassen, denn in den Karten war die Rede von Sandbänken, die sich jedes Jahr ein wenig verschieben. Ein paar Gezeiten-Wellen brachten uns noch zum Schaukeln und dann waren wir im stillen Wasser der langgezogenen Bucht. Die Gletscher waren noch weit weg und trotzdem wurde die Luft immer kälter, denn die Morgensonne musste sich erst noch aus den Schleierwolken heraus kämpfen. Nur mit dicker Jacke und Mütze war es am Vorschiff beim Ausguck und Fotografieren gemütlich.

Die Gletscher boten beim Näherkommen immer neue Blickwinkel und jeder war spektakulärer als der vorherige. Kleine Eisschollen in bizarr anmutenden Formen trieben träge an uns vorbei, auf manchen hatten sich Möwen einen Ruheplatz gesucht. So stellt man sich eigentlich Alaska vor…

Wir umrundeten eine der Inseln in der Bucht und fuhren zum Northwestern Glacier, ganz hinten in der NW-Ecke. Dort kommen von zwei Seiten die festgepressten Schneemassen herunter, es knackste ab und zu bedrohlich, und manchmal fielen auch ein paar Kubikmeter Eis polternd und donnernd die Felsenwände herunter. Auch wenn es, mit Abstand betrachtet, gar nicht so große Stücke waren, so machte es doch einen ziemlichen Lärm.

In einer respektvollen Entfernung vom Gletscher hielten wir an und ließen uns treiben, denn zum Ankern war es viel zu tief. Mit einer Tasse Kaffee saßen wir in der Sonne, schauten uns diese wunderbare Märchenwelt aus Eis an und fühlten uns mal wieder wie Glückspilze.

Und überlegten, warum eigentlich der festgepresste Schnee an den Abbruchkanten so blau schimmert. Eisdichte, Lichtbrechung? Am liebsten wären wir den ganzen Tag da sitzen geblieben.

Nach ein paar Stunden fuhren wir die Bucht ab auf der Suche nach einem sicheren Ankerplatz, was gar nicht so einfach war, denn fast überall ging es ganz nah am Ufer von 3-4 Meter gleich auf 20 Meter runter. Schließlich fanden wir eine Stelle vor einem Fluss in der Nordostecke der Bucht und im Schlick hielt der Anker auch einigermaßen.

Auch hier war ein Gletscher, ganz weit oben stürzte ein großer Wasserfall die Felsen herunter und weiter unten, wo sich noch ein paar Eismassen türmten, sahen wir eine Art offene Kathedrale aus gepresstem Schnee. Mit dem Dinghi fuhren wir an Land und wanderten den Gletscherfluss hoch, auch hier waren immer wieder Gruppen von Lachsen unterwegs, selbst in den kleinsten Nebenrinnsalen versuchten sie, über Stock und Stein höher zu kommen. (Später erfuhren wir in Gesprächen mit Fischern, dass es in diesem Sommer in Alaska viel zu heiß war und viel zu wenig geregnet hatte, dass die Flüsse normalerweise viel mehr Wasser führen. So hatten viele Lachse nicht nur Probleme, zu ihren angestammten Laichgründen hoch zu schwimmen, es war ihnen auch viel zu heiß, was ihnen zusätzlichen Stress bereitete.)

Am nächsten Tag machten wir uns auf den Weg in Richtung Prince William Sound und konnten bei der Ausfahrt noch einmal die großen und kleinen Gletscher in der Morgensonne bewundern. Wir tuckerten an der Ostseite der Granit-Insel vorbei. An der Ostseite dieser Insel befindet sich eine winzig kleine geschützte Bucht mit einer spektakulären Einfahrt, wo wir zwei Tage zuvor geankert hatten. Hätten uns unsere Freunde nicht darauf hingewiesen und von der Bucht vorgeschwärmt, hätten wir uns da vermutlich gar nicht erst rein gewagt. Mitten in der Einfahrt sind Felsen, die sichere Passage ist links davon und so eng, dass meinem Skipper und mir ganz mulmig wurde. Aber wir wagten es, Andreas manövrierte uns durch die enge Stelle, wo sich auch noch der Schwell der See brach und zusätzlich für Nervenkitzel sorgte.

Einfahrt in die Bucht
Geschafft!

Bären satt

Wie schon erwähnt, versuchen wir normalerweise den Bären aus dem Weg zu gehen. Selbst auf einem harmlosen Ausflug zum Blaubeersammeln sehen wir aus wie Bruce Willis. Nein, nicht im Unterhemd, aber bis an die Zähne bewaffnet: Im Gürtel auf einer Seite das Bärenspray, auf der anderen Seite eine 120 dB Drucklufthupe, griffbereit eine Seenotsignalfackel, die praktischerweise auch gegen Wölfe helfen soll. Hier in Geographic Harbor ist aber alles ganz anders. Hierher kommt man extra, um die Braunbären zu sehen, und zwar möglichst von nahem.

Dabei sind wir nicht alleine. Anders als in den anderen Buchten, liegen gleich drei weitere Schiffe vor Anker und haben Schaulustige mit Landungsbooten an die Flussmündung gebracht. Ein Wasserflugzeug bring dreimal am Tag weitere Kleingruppen. Am ersten Tag lassen wir uns auf der großen vorgelagerten Sandbank trockenfallen und beobachten die Bären von Bord aus. Wenn wir zusehen, wie dicht die Bären um die Besucher am Fluss herumlaufen, wird uns ganz anders. Zu unserer Muktuk kommt allerdings kein Bär gelaufen, was auch ganz gut ist, denn wir erfahren später, dass Bären gerne mal an Schlauchbooten knabbern, irgendwas im PVC zieht sie wohl an, und wir hatten unser Dinghy hinterhergezogen und mit trockenfallen lassen. Aus dem Cockpit heraus sehen wir zwei Jungbären beim Balgen zu, bis das Auftauchen eines großen Alpha-Männchens sie in die Flucht schlägt.

Nachdem der erste Tag komplett verregnet war, beschließen wir, am nächsten Tag bei strahlendem Sonnenschein noch einmal hinzufahren. Diesmal bietet uns eines der Ausflugsboote an, uns zusammen mit ihrer Gruppe an Land zu fahren, wenn wir uns nicht trockenfallen lassen, sondern außerhalb ankern. So stört die Muktuk auch nicht auf den Fotos, die ja schließlich Bären in der Wildnis zeigen sollen.
Gerne nehmen wir das Angebot an und hocken mit rund zehn weiteren Personen unter sachkundiger Anleitung an der Flussmündung. Alle außer uns sitzen auf vom Veranstalter zur Verfügung gestellten blauen Eimern. Die Logik dabei: hockend erscheinen wir kleiner, so fühlen sich die Bären nicht bedroht und kommen näher. Und wenn sie zu nahe kommen, kann die Gruppe geschlossen aufstehen, damit größer wirken und die Bären zurückscheuchen.

Hier in Geographic Harbor sind die Bären die Nähe der Touristen gewöhnt. Sie sind weniger scheu als woanders, und auch nicht aggressiv. Lachs gibt es im Überfluss, also haben die Bären keinen Hunger. Gut für uns. Und so sehen wir in der Tat Bären aus großer Nähe, bis auf 50 Meter kommen sie an uns heran, fischen im Fluss nach Lachsen und verspeisen sie vor unseren Augen, als hätten sie dieses klassische Fotomotiv extra geprobt. Wir sind begeistert.

Von Sand Point bis Kodiak

05. – 15. August 2019

Sand Point ist ein winzig kleines Dorf, hat einen großen, gut geschützten Fischereihafen und vor allem eine Tankstelle mit dem günstigsten Sprit weit und breit. Während wir unsere Runden drehten und warteten, dass der Tank-Steg frei wird, kam ein Fischer mit seinem großen Beiboot vorbei, brachte uns ein paar Filets vom frisch gefangenen Lachs und war schon wieder weg, bevor wir ihm als Dankeschön ein paar selbst gebackene Kekse hinüber reichen konnten.
Auch ist der Fischfang allgegenwärtig – gleich neben der Tankstelle liegen die Hallen der Fischfabrik, dahinter die Wohnhäuser der Gastarbeiter, daneben ihre Kantine und ein kleiner Supermarkt. Und als ganz heißer Tipp vom Tankwart, eine Wäscherei, wo man die Wäsche einfach abgeben und sie nach zwei Stunden fertig zusammen gelegt abholen kann. Wunderbar, ein Luxus, denn seit Japan hatte es nur Handwäsche am Fluss gegeben. Der Rest des Dorfes verteilt sich auf eine Hauptstraße mit zwei Restaurants, einem Café, zwei bis drei Behörden und einem weiteren Supermarkt, wo für Obst, Gemüse und andere Lebensmittel erschreckend, aber verständlich hohe Preise. Denn alles muss mit der Fähre oder dem Flugzeug hierher gebracht werden.
Nachdem wir alles erledigt und unsere Freundin zum Flughafen gebracht hatten, segelten wir gleich weiter, in einem durch mit zwei Nachtfahrten bis zur südöstlichen Ecke der Insel Kodiak.
Und nun legte auch der Supersommer los – ein sonniger Tag nach dem anderen, vier Wochen lang. Wir konnten es kaum glauben, jeden Tag morgens wieder strahlend blauen Himmel zu sehen und wärmende Sonne, hatten wir doch ganz andere Geschichten von den Seglern in Alaska gehört und gelesen.
Wenn wir nun an Land gingen, wurde es immer mühsamer, die Berge hoch zu kraxeln. Denn das Gras und die Pflanzen bildeten mit ihren Wurzeln einen sehr holprigen und unsicheren Boden. Bäume tauchten vereinzelt auf und je weiter wir die Buchten ostwärts abfuhren umso höher wurde das Buschwerk.

Wir lagen in Buchten mit den schönen Namen wie Three Saints Bay (Bucht der drei Heiligen), wo es angeblich die erste russische Siedlung auf Kodiak gegeben hat oder Japanese Bay, wo wohl mal ein Japaner gewohnt haben soll. Allesamt unglaublich malerisch, umgeben von hohen schroffen Felsen, andere wiederum mit runden sanften Hängen, an denen auch schon mal ein Reh graste.

Den berühmten Kodiak-Bären sahen wir zunächst nicht, nur hin und wieder Spuren im Sand, die beeindruckend groß erschienen.

Japanese Bay

Wo springt der nächste Lachs?

Krebse, ein Festmahl!

Trockenfallen – der Rumpf musste mal dringend geschrubbt werden …

denn es hingen viel zu viele Muscheln dran.

Die Wege hier Bild sind nicht von Menschenhand gestaltet: das waren Rehe und Bären