Essen ohne Supermarkt


Typische Auswahl auf dem Dorfmarkt


Wo die Erdnüsse wachsen


Bananenchips selbst gemacht


Alle zwei Wochen gibt’s Rindfleisch. Zwei Preise: mit oder ohne Knochen


Superreife Papayas


Hier kauft man Hühnchen wirklich frisch


Nach 30 Seemeilen ist klar: der Hahn taugt nicht zum Matrosen


Da sieht das Fischbrett mal was Neues


Mangrovenkrebse – nachts gejagt


Mangrovenkrebse – mittags gegessen

Wo ist die Kokosnuss, wo ist die Kokosnuss?

Na ja, eigentlich fast überall in den Tropen. Was wir aber hier erzählen wollen: was man alles mit der Kokosnuss machen kann. Hierzulande, also eigentlich Dazulande, soll heißen in Deutschland kannte man ja bis vor kurzem nur die braunen hartschaligen, meist schon etwas älteren Nüsse, die man hin und wieder im Supermarkt findet und dann daheim mit Hammer und Schraubenzieher auf dem Balkon aufklopft und mit zwei bis drei abbrechenden Tafelmessern traktiert, um das weiße Fruchtfleisch herauszubekommen, auf dem man dann herum kauen kann. Das macht in den Tropen natürlich niemand, allein schon mangels Balkon.

Also fangen wir von vorne an: wenn die Palme noch jung ist, vielleicht 3-4 Meter hoch, und da wo sie wächst nicht gebraucht wird, kann man sie mit der Machete in Bodennähe abschlagen, und aus dem unterem halben Meter den inneren weißen und weichen Stammabschnitt herauslösen. Das sind Palmenherzen, schmecken köstlich roh als Salat oder kurz angebraten. Aber lassen wir die Palme weiter wachsen und Früchte tragen.

Die Kokosnüsse sind nicht nur von der braunen harten Schale umgeben, sondern nochmals in ein rund fünf Zentimeter dickes faseriges, sehr zähes Gewebe verpackt, damit sie den Aufprall nach ihrem planmäßigen Sturz zu Boden übersteht. Anfangs ist dieser Schutzhelm grün, und grüne Kokosnüsse fallen nur herunter, wenn es stürmt oder jemand raufklettert und sie runter wirft. Grüne Kokosnüsse sind zum trinken da. Sie werden mit der Machete geköpft (die harte braune Schale ist noch nicht so hart), so dass sie ein mundgerechtes Loch bekommt. Das Innere ist vollständig mit Flüssigkeit gefüllt, das junge Kokoswasser schmeckt frisch und leicht süß. Weißes Fruchtfleisch gibt es kaum.

Wird die Kokosnuss reif und die Umverpackung braun, fallen die Nüsse freiwillig herunter. Entfernt man nun die faserige Hülle, findet man die braune Kokosnuss wie im erwähnten Supermarkt. Die Flüssigkeit schmeckt nun anders, das weiße Fruchtfleisch ist jetzt das Hauptprodukt. Es wird aber nicht einfach gegessen. Man kann zweierlei damit machen:

Erstens Geld verdienen. Löst man das Fleisch heraus, trocknet es und füllt das dann schon leicht ranzig riechende Produkt in Säcke, nennt man das Kopra. Es dient zur Produktion von Kokosöl für Kosmetik, Lebensmittel und Industrieanwendungen. Kopra ist noch heute das Hauptexportgut vieler tropischer Inselstaaten. Leider unterliegt der Preis starken Schwankungen, das macht es vielen Menschen dort schwer, etwa das Schulgeld für ihre Kinder zu bezahlen. In manchen Jahren reicht es, in manchen nicht. Und es ist ein hartes Geschäft! Für die Kopraproduktion werden die Kokosnüsse samt Umverpackung mit der Axt gespalten und dann mit dem Messer ausgelöst. Ein Könner ist da natürlich schon geschickter als unser Heimwerker auf dem Balkon, aber bis ein 60kg Sack Kopra voll ist, braucht es rund 400 Kokosnüsse, und dafür gibt es umgerechnet 20-30 Euro.

Zweitens essen. Dazu wird die Kokosnuss ebenfalls halbiert (das geht auch ohne Axt mit einem Stein), dann wird das Fleisch als Brei herausgeschabt. Früher traditionell mit einer harten Muschelschale, heute meist mit einem kleinen Reibeisen, das am Ende der Sitzfläche eines kleinen Hockers befestigt ist. Da sitzt man drauf, schabt die halbe Kokosnuss auf und ab und fängt den Brei in einer darunter gestellten Schüssel auf. Auch wir haben uns an Bord so ein Ding gebastelt, geht viel schneller so.

Der Brei, vermengt mit dem Wasser der Kokosnuss, wird dann durch ein Tuch gepresst. Sollte man kein Tuch haben, hilft die Kokospalme weiter, denn um die jungen Stämme herum bildet sie eine Art Bast, der als faseriges Sieb fungiert und traditionell zum Filtern des Kokosbreis verwendet wird. Übrigens: auch zum Feuermachen dient dieser Bast, denn das Zeug brennt wie Zunder. Zurück zur Kokosnuss: die ausgepresste Flüssigkeit ist die Kokosmilch, die und nur die dient zur menschlichen Ernährung. Der im Tuch verbleibende Rückstand der Kokosflocken wird an Schweine und Hühner verfüttert. Aber die frische Kokosmilch hat es in sich. Man kann Fisch, Fleisch und Gemüse darin dünsten, oder sie mit stärkehaltigen Früchten wie gekochten Süßkartoffeln, Taro, Yams, Maniok oder gerösteten Brotfrüchten zu einem Brei vermengen.

OK, satt sind wir jetzt. Was machen wir mit den Schalen? Nichts, denn mit denen haben wir das Feuer zum Kochen gemacht. Oder das Feuer, mit dem in der Regenzeit das Trocknen des Kopras beschleunigt wurde. Wenn doch noch eine übrig ist, hat man ein prima Trinkgefäß (z.B. für Kava) oder eine Schale zum Kochen.

Aber damit ist noch nicht das Ende der Palmenstange erreicht. Da gibt es ja noch die Palmwedel. Aus denen kann man auf einfache Weise Matten, Fächer, Tabletts oder Körbe flechten. Fast alles, was man auf dem Markt kauft, ist ein einem dieser Palmkörbchen, das Körbchen bekommt man kostenlos mit dazu als wiederverwendbare, kompostierbare Einkaufstasche. Je nach Anzahl Blattrippen und Flechttechnik entstehen verschiedene Standardgrößen und –Formen von Körben. Phantastisch.

Vom Markt geht’s zurück nach Hause. Für so ein Haus muss man hier in den Tropen aber nicht ein halbes Leben lang schuften. Eine einfache Hütte ist in einer Woche gebaut, mit Gerüst und Wänden aus Bambus und einem Dach aus… richtig: Kokospalmen. Dazu werden aus den Blattrippen die harte „Mittelgräte“ entfernt, die Blätter um ein Stück Bambusholz gefaltet und – jeweils ein halbes Blatt überlappend – mit der zuvor entfernten Mittelgräte durchstochen und fixiert. Die so entstandenen Reihen werden – nun von unten nach oben überlappend – am Dachgerüst befestigt, und fertig ist das Reetdach aus Kokospalme. So ein Dach kann fünf bis zehn Jahre halten, oder bis zum nächsten Taifun.

Bleibt noch der Stamm der Kokospalme. Den kann man – von Hand oder mit der Kettensäge(!) – in Bretter schneiden und als Bauholz verwenden. Wenn man gerade kein Bambus zur Hand hat.

Weniger gibt mehr

Wir stellen uns vor: ein dunkelhäutiger Mann wandert durch ein kleines Dorf in Deutschland. Ein Einheimischer werkelt in seinem Garten und spricht ihn lächelnd an. Woher er komme? Oh, aus Melanesien – wie interessant! Von so weit her! Ob er Familie habe? Er selbst habe drei Söhne und zwei Töchter. Da kommen sie auch schon dahergelaufen, etwas scheu dem Fremden gegenüber, aber fröhlich und neugierig. „Hier sind ein paar Möhren und Kartoffeln aus meinem Garten. Die Zwetschgen sind leider noch nicht reif. Du kannst gerne überall herumlaufen und Dir alles anschauen. Das hier ist mein Haus, da drüben wohnen meine Nachbarn. Komm, Sohnemann, pflück‘ unserem Besucher schnell noch ein paar Äpfel! Und meine Tochter zeigt Dir den Weg durchs Dorf.“

Am Marktplatz kommt der Fremde mit ein paar Marktfrauen ins Gespräch. Sie unterhalten sich über das Leben in Deutschland und in Melanesien, über Schulgeld, Familie und Arbeit. Bald bieten ihm die Marktfrauen ein paar Päckchen ihrer Waren an. Was er dafür zahlen solle? „Nein, gar nichts! Du hast uns doch Deine Geschichten geschenkt.“

Ein Märchen? Ja schon, aber man muss nur die handelnden Personen vertauschen, schon wird es Wirklichkeit. Wenn Birgit und ich durch ein neues Dörfchen in Vanuatu gehen, kommen wir fast immer voll beladen heim. Ein paar Grapefruits, Papaya, ein paar Bananen, Kürbisse, was eben im Garten gerade so wächst. Auf dem Markt bekommen wir Tomaten, Bohnen und einen Bund Frühlingszwiebeln geschenkt. Mittlerweile sind wir vorgewarnt und haben immer ein paar Geschenke unsererseits dabei. Ein Tütchen Reis, eine Packung Wäscheklammern, ein abgelegtes T-Shirt – alles wird hier gebraucht und sorgt für Freude.

Wir haben auf unserer Reise ja schon viele sehr freundliche und hilfsbereite Menschen und Länder getroffen, aber Fröhlichkeit und Entgegenkommen der Menschen in Vanuatu sind einfach umwerfend. Schade, dass wir nur fünf Wochen hier verbringen werden. Wir sind uns einig: Vanuatu gehört auf die Liste der Orte, an die wir gerne noch einmal zurückkehren möchten.

Schwimmendes Krankenhaus

Nein, es ist nicht das Opernschiff aus Wien. Das legt ja bekanntlich nur am Südpol an (wer es nicht kennen sollte: Heidenreich/Buchholz, „Am Südpol, denkt man, ist es heiß“, unbedingt lesen!). Es ist das Hospitalschiff aus China. Genauer gesagt die „Daishan Dao“ oder auch „Peace Ark“ aus Zhoushan im Osten Chinas, die hier in Port Vila gerade vor Anker liegt.

Es gehört zur Marine der Chinesischen Volksarmee, ist aber in Friedenszeiten auf den Weltmeeren unterwegs, um etwa nach Tsunamis oder Wirbelstürmen Hilfe zu leisten oder eben in Ermangelung von Naturkatastrophen medizinische Versorgung in Gebieten zu ermöglichen, die dies aus eigener Kraft nur unzureichend leisten können.

In Vanuatu war die Peace Arc das letzte Mal 2014, damals wurden in fünf Tagen über 5000 Patienten behandelt. Ärzte gab es genug, aber die zentrale Aufnahme war wohl etwas überfordert. Daher hilft diesmal die kleine Gruppe chinesischer Einwanderer auf Vanuatu mit, die Massen an Behandlungswilligen zu betreuen. Ausgesandte Ärzteteams besuchen zudem die kleineren Nachbarinseln und behandeln dort ambulant. An der Pier in Port Vila stehen jeden Morgen ewig lange Schlangen von Patienten, die mit Beibooten zum großen Hospitalschiff transportiert werden. Bis zum Nachmittag ist die Schlange abgearbeitet, die Konsultationen laufen den ganzen Tag, die OPs werden im Wesentlichen nachts durchgeführt.

Seit zehn Jahren ist die die Peace Ark im humanitären Einsatz. Mit 300 Betten, 8 OP-Sälen, 130-köpfigem medizinischen Personal ist das schwimmende Krankenhaus besser als manche Klinik an Land ausgestattet. Medizintechnik von feinsten, Röntgengeräte, MRT, CT,… alles dabei. Außer Organtransplantationen und Herz-OPs ist alles machbar, allerdings werden einsatzbedingt z.B. keine Maßnahmen durchgeführt, bei denen ein längerer Krankenhausaufenthalt nötig ist. Man muss schließlich weiter. Nach Fiji und Vanuatu stehen noch Papua Neuguinea, Kolumbien, Venezuela, Grenada, Dominikanische Republik und Ecuador auf dem Törnplan.

Ebenso wie das US-amerikanische Hospitalschiff „USNS Mercy“ ist der Einsatz der Peace Ark ein Zwischending aus humanitärer Hilfe, ein wenig Propaganda und subtiler politischer Einflussnahme. So wie die USNS Mercy nur Staaten besucht, die sich nicht gerade allzu heftig gegen die Politik der USA aussprechen, macht auch die derzeitige Mission der Peace Ark feine Unterschiede. Fiji, Vanuatu und PNG werden angelaufen, die ebenfalls auf dem Weg liegenden Solomonen aber nicht, obwohl deren medizinische Infrastruktur noch schlechter als die der Nachbarstaaten ist. Die Solomonen sind eins der weltweit 18 Länder, die Taiwan formell als eigenständigen Staat anerkennen. Ein Schelm, der Böses dabei denkt…

Wetterwechsel

Heute wollen, ja müssen wir an dieser Stelle einen Missstand ansprechen, den wir schon allzu lange Zeit stillschweigend hingenommen haben. Die Vorkommnisse auf den Überfahrten der letzten Wochen zwingen uns aber, die teilweise skandalösen Verhältnisse öffentlich anzusprechen. Es geht um die völlig unzuverlässige Belieferung mit Wind in den Tropen.
Diese blieb z.B. mehrfach ohne Begründung ersatzlos aus. Tagelang dümpelten wir in der Flaute und warteten vergeblich auf die bestellte Brise. Bei anderer Gelegenheit erhielten wir bis zu sieben oder acht Windstärken, obwohl wir überhaupt nichts bestellt hatten. Und wenn doch einmal die Stärke passte, wurde wiederholt Wind aus völlig unbrauchbaren Richtungen geliefert.
Wie Gespräche mit etlichen anderen Seglern beweisen, handelt es sich bei unseren Erfahrungen keineswegs um Einzelfälle. Es ist also durchaus angebracht, sich über einen Wechsel des Windanbieters Gedanken zu machen.
Freilich muss ein solcher Schritt gut überlegt sein. Gerade hier in den Tropen gibt es in den jeweiligen Sommermonaten verdächtig günstige Pauschaltarife, bei denen aber nach Presseberichten die Windstärken häufig unkontrolliert übers Ziel hinausschießen. Hurrikans, Taifune, Zyklone: steht natürlich alles nur im Kleingedruckten. Auf Anbieter, die ihre Windstärken nicht im Griff haben, wollen wir keineswegs hereinfallen. Außerdem wollen wir natürlich sicherstellen, dass wir wieder in die gesetzliche Windversorgung zurückkehren können, wenn wir die Tropen verlassen.
Wir stellen uns auch grundsätzlich die Frage, ob die Versorgung mit Wind und mit Welle unbedingt aus einer Hand erfolgen muss. Warum soll man z.B. Seegang in Kauf nehmen, der das Wohlbefinden an Bord ernsthaft beeinträchtigt, nur weil man kräftigen Wind für eine zügige Reise wünscht? Was soll das mit den Kreuzseen oder dem lästigen „Wind gegen Strom“? Jede Marktanalyse würde ergeben, dass die wenigsten Kunden so etwas wünschen. Aber auf Kundenzufriedenheit wird eben keine Rücksicht genommen. Warum? Nur weil es in hunderten von Jahren des Anbieter-Monopols immer so war?
Höchste Zeit, dass hier einmal frischer Wind einkehrt.

Lomo

Die Idee des Erdofens gibt es ja in vielen Kulturkreisen. Auf Fidschi nennt sich das „Lomo“, und wir durften bei einem solchen Gelage mitmachen. Das Ganze funktioniert so:

Etwa vier Stunden vorher hebt man eine Grube aus, schichtet lagenweise Holz und große Steine hinein und zündet das Feuer an. Wenn die Hölzer durchgebrannt sind, fallen die heißen Steine in die Grube.

Gleichzeitig bereitet man das Kochgut vor. Fische und ganze Hühner werden in Palmwedel eingeflochten. Empfindliche Stücke kann man vorher noch in Bananenblätter wickeln.

Ist das Feuer ganz heruntergebrannt, werden sorgfältig alle Kohlereste entfernt. Es soll nichts mehr brennen und qualmen, nur die heißen Steine sollen später die Kochhitze abgeben, sonst könnte das Essen anbrennen.

Auf das Steinbett wird eine Lage gespaltener Palmwedelstiele wie eine Art Lattenrost gelegt. Auf diese Plattform schichtet man nun das eingewickelte Fleisch und Fisch, stellt die Töpfe dazu, ein mit Kokosmilch gefüllter ganzer Kürbis etc.


Das Ganze wird nun mit etlichen Lagen Palmwedeln zugedeckt, dann kommen noch einige Bananenblätter, die alles abdichten. Normalerweise wird jetzt der ganze Berg mit Erde zugeschüttet. Weil aber heute so viele Ausländer (wir Segler) dabei sind, darf auch nicht der kleinste Krümel Erde ins Essen kommen, also gibt’s noch eine Zwischenschicht aus Säcken. Dann aber kommt die Erde drauf, und jetzt heißt es etwa anderthalb Stunden warten. Es soll kein Rauch aufsteigen, und die Oberfläche des Erdhaufens fühlt sich angenehm handwarm an.



Dann endlich ist es soweit, wir packen unser Abendessensgeschenk aus. Schon wenn die Säcke weggezogen sind und die weichgedämpften Bananenblätter zum Vorschein kommen, riecht das so unglaublich lecker…

Fawn Harbour und die Kauri-Schnecken

Eigentlich nur ein Zwischenstopp auf dem Weg von Savusavu zur Viani Bay, liegt Fawn Harbour gut geschützt hinter einem langgestreckten Riff, das bei Hochwasser überspült wird. Eine verwinkelte, aber breite und gut navigierbare Einfahrt führt hinein.

Ich mache das Beiboot klar und fahre an Land, um Sevusevu zu machen. Das ist die traditionelle Vorstellung beim Dorfältesten, das vorgeschriebene Päckchen Kava und ein paar Lebensmittel als Gastgeschenk dürfen natürlich nicht fehlen. „You are welcome“ – das Geschenk war also angemessen. Wir unterhalten uns eine Weile, und ich lade den Chief und seine Kinder zum Gegenbesuch aufs Boot ein.

Als sie uns am nächsten Morgen tatsächlich besuchen, sprechen wir übers Fischen, übers Leben in Deutschland und auf Fidschi, am Ende fragen wir, ob es hier am Strand auch Muscheln zu finden gibt. Wir meinen die kleinen „cockles“, die wir seit Neuseeland immer aus dem Sand ausgraben. Der Chief meint, es gäbe schon welche, das müssten sie uns aber zeigen. Wir sollen mitkommen. Wir fahren mit seinem kleinen Fischerbötchen zum Riff, es ist fast Niedrigwasser und wir laufen zwischen Korallen und Pfützen herum. So viel gibt es zu sehen, es ist wie schnorcheln ohne nass zu werden: Seesterne, kleine Seeaale, die von uns aufgescheucht davon flitzen, Krebse, Kammmuscheln, kleine Fische. Ohne die Kinder des Chiefs, die uns begleiten, hätten wir sie allerdings nicht entdeckt, die großen Muscheln und Kauri-Schnecken. Hat man aber erst einmal den Blick heraus, macht das Muschelsammeln so viel Spaß wie das Pilzesuchen in den heimischen Wäldern. Dort in einem Felsloch, hier unter einem kleinen Überhang, noch eine und noch eine. Bald haben wir ein Dutzend der handtellergroßen Schönheiten beisammen.


Kauri-Schecken (es sind wirklich keine Muscheln) waren lange Zeit in der Südsee Zahlungsmittel. Das chinesische Schriftzeichen für Geld ist eine stilisierte Kaurischnecke. Und weil ihr Gehäuse so schön durchscheinend und glänzend ist, wurde das Porzellan nach dem italienischen Name für die Kauri – „porcellana“ – benannt.

Warum sie so glänzt, haben wir nachts herausgefunden. Wir haben in den Eimer, in dem wir die Tierchen in Seewasser zwischengelagert haben, mit der Taschenlampe hineingeleuchtet. Die Kauri hat nicht nur einen klassisch schneckigen Saugfuß ausgefahren, sondern eine dünne Hautschicht über beide Seiten ihrer Schale hochgezogen, bis die beiden Hauthälften sich oben am Rücken wieder treffen. Das hält die Schale sauber und baut immer neue Kalkschichten auf. Kleine Tentakeln wachsen auch noch aus diesem Häutchen, eventuell zur Nahrungsaufnahme?

Bleibt nur noch das Problem, wie wir die Schalen schneckenfrei bekommen. Angeblich kann man sie für ein paar Wochen in Sand eingraben, dann werden sie wohl leergefressen. Mit einem Ameisenhaufen in der Nähe wird das wohl schneller gehen. Haben wir aber gerade keinen, und wir wollen bald Richtung Vanuatu aufbrechen. Unsere Lösung: wir haben sie gekocht, mit einem Draht so viel wie möglich Fleisch heraus gepuhlt, den Rest wecken wir ein, darin haben wir ja Übung. Und irgendwann werden wir schon einen Ameisenhaufen finden, dann machen wir die Gläser auf.

Raststätte Minerva Nord

Nein, tanken kann man hier nicht. Auch Toiletten oder ein Restaurant wird man vergeblich suchen. Trotzdem ist das nördliche der beiden Minerva-Riffe ein beliebter Zwischenhalt, wo Segler, die von Neuseeland nach Tonga oder Fidschi unterwegs sind, Station machen können.
Mitten im Nirgendwo (genauer auf 23°37’S 178°55’W) liegen die beiden Atolle, das nördliche fast kreisrund mit zweieinhalb Meilen Durchmesser, wo man – so man erst einmal drin ist – geschützt vor den Wellen des Ozeans in ruhigem Wasser ankern, einen eventuellen Sturm abwettern oder sich einfach mal wieder ausschlafen kann. Und da sind wir jetzt, zusammen mit einer Handvoll anderer Segler.
Die Amerikaner haben im 2. Weltkrieg einen sicheren Platz für ihre Kriegsschiffe gesucht, und eine ca. 150 Meter breite Lücke in das Korallenriff gesprengt, deshalb können wir heute problemlos hineinfahren. Eine andere Ein- bzw. Ausfahrt gibt es nicht.
Wir haben zehn Tage bis hierher gebraucht, sind also wie immer langsam unterwegs. An Wetter hatten wir fast alles, von Rauschefahrt bis Dümpeln, von Schmetterling bis hart am Wind, von Flaute bis Windstärke acht. Zwei Nächte Erholung wollen wir uns hier gönnen; am Sonntag soll es nach Fidschi weitergehen.
Wir hoffen, morgen früh bei Niedrigwasser mit dem Beiboot aufs Riff hinausfahren zu können – angeblich gibt es hier reichlich Hummer einzusammeln. Mal sehen, ob wir Glück haben.

Abschied und Aufbruch

Anderthalb Jahre waren wir in Neuseeland. Es sind uns schon ein paar Wurzeln gewachsen, der Abschied fällt uns nicht leicht.

Aber das kleine Häuflein übriggebliebener Boote, also alle die den Absprung zu den tropischen Inseln im Norden noch nicht geschafft haben, scharren ungeduldig mit den Seehufen und warten auf das nächste passende Wetterfenster. Für die meisten, uns eingeschlossen, ist es morgen soweit. Ein Tief zieht heute noch durch, seine Rückseite gibt uns noch zwei Tage lang guten Wind, dann versuchen wir an der Ostseite eines großräumigen Hochs nach Norden zu kommen. Es sieht nach einer langsamen, schwachwindigen Überfahrt aus, zumindest in der ersten Woche. Mal sehen was danach kommt, mindestens zwei, eher drei Wochen werden wir wohl für die 1200 Meilen bis Fiji brauchen.

Die Einkäufe sind verstaut, die neuen Starterbatterien eingebaut, das letzte Holz verfeuert, der neue Windmesser ist im Masttop montiert und angeschlossen. Morgen nach dem Ausklarieren wollen wir noch zollfrei Diesel tanken, Wasser auffüllen und dann geht es los. Ziel: jeden Tag ein Grad wärmer.

Knapp daneben

Rund 540 sm sind es von Havelock nach Opua in der Bay of Islands, wo wir letzte Einkäufe und Reparaturen erledigen und am Schluss ausklarieren wollen. 540 sm jedenfalls, wenn man die kürzere Route nimmt: die Westküste der Nordinsel hinauf, ums Kap Reinga und das Nordkap herum und die Ostküste wieder ein Stück hinunter. Und so ähnlich haben wir es auch gemacht.

Es ging allerdings erst einmal damit los, dass es nicht losging. Die Starterbatterien sind tot und müssen in Opua ausgetauscht werden. Nur wenn man stattdessen die Bordbatterien auf den Anlasser schaltet, startet der Motor. Die Starterbatterien lassen sich aber auch nach langer Ladezeit nicht füllen. So müssen wir also sehr aufpassen, dass wir nicht zu viel Strom verbrauchen, denn sonst geht der Motor gar nicht mehr an (und die Bordbatterien können nicht wieder geladen werden).

Die Wetterprognose ist mittelprächtig: erst soll es zwei Tage Südwind geben – gut für uns beim Weg die Westküste nordwärts. Der übliche Sturm aus der Cook Strait beschert uns allerdings gleich mal drei Meter Welle bei Wind von hinten, und das heißt „Geige“: das Schiff rollt im fünf Sekunden Takt mal auf die eine, mal auf die andere Seite. Alles rollt weg, fällt um, rutscht runter. Uns eingeschlossen beim Versuch, ab und zu mal zu schlafen.

Dann fängt die Flaute an, wir müssen motoren, 48 Stunden Gebrumm, aber immerhin auf ebenem Kiel. Dummerweise erreichen wir die beiden Kaps im Norden zum ungünstigen Zeitpunkt der Tide: sechs Stunden lang strömt das Wasser im Gegenuhrzeigersinn um die Kaps, wir müssen – natürlich – im Uhrzeigersinn herum. Für die Strecke von 30 sm brauchen wir 14 Stunden.

Für die letzten 120 sm die Ostküste hinunter sind 5-6 Bft Nordost vorhergesagt. Das würde vom Kurs her genau passen, Halbwind bzw. Voll und Bei, wir rechnen mit einer Geschwindigkeit von 6 Knoten und könnten am Freitagabend beim letzten Büchsenlicht in Opua einlaufen. Nur leider hat Rasmus den Wetterbericht wohl nicht gelesen. Statt aus Nordost kommt der Wind aus Ostsüdost. Statt sechs Knoten schaffen wir eher zwei, egal ob wir unter Segeln kreuzen oder unter Maschine gegenan knüppeln. Dazu steht eine See, die eher zu 7 als zu 5-6 Bft passt. Schlafen kann da auch keiner (Bewegung diesmal auf und ab statt hin und her), und bis Opua bräuchten wir bei der Geschwindigkeit über zwei Tage. Außerdem steht für Samstag/Sonntag ein ordentlicher Sturm mit Wind bis 40 Knoten zu erwarten, den wir dann abbekommen würden.

Kurz und gut: Opua ist erstmal nicht zu erreichen, 60 sm vorher gibt es einen kleinen Ort namens Mangonui, und in dem sind wir nun wohlbehalten, aber recht erschöpft gelandet. Hier werden wir den Sturm abwarten und in ein paar Tagen dann hoffentlich nach Opua weiterfahren.