Lakona Bay, Gaua – Welkam, welkam!

25. – 29. August 2018

Die Insel Gaua liegt schon weiter oben im Norden von Vanuatu und gehört zur Banks Gruppe, von Malekula aus brauchen wir fast genau 24h, wir segeln einen Tag und eine Nacht durch. Kaum ist der Anker gefallen, kommen zwei Auslegerboote längsseits, der Sohn des Inselchiefs, der uns einlädt, das Dorf zu besuchen und Father William Levy, der örtliche anglikanische Pfarrer, dem wir unsere Teilnahme am Fest zusagen.

Wieder ein schwarzer Sandstrand mit spielenden Kindern, dahinter ein paar Häuser, in denen vier Familien leben, darunter auch die Großfamilie von John Star, dem Chief der ganzen Insel Gaua. Rechts, hoch am Berg klebt wie ein Schwalbennest ein Haus, da wohnt Christobal, der Chief der Dörfchen von Lakona Bay. Das eigentliche Dorf mit der anglikanischen Kirche und der Grundschule liegt linker Hand auf einer Anhöhe, von der aus man einen herrlich weiten Blick aufs Meer und auf die Bucht hat. Wir begrüßen die Dorfbewohner, werden herumgeführt, der jüngste Sohn des Chiefs, auch John genannt, trägt die meiste Zeit seinen kleinen Sohn auf dem Arm, zeigt uns die Stelle am Strand, wo eine Art unterirdische Quelle mit Süßwasser aus dem schwarzen Sand hervor kommt. Man muss nur ein bisschen graben, um eine Mulde zu bilden und schon kann man die Kanister füllen. Jedes Mal, wenn Andreas Wasser holt, sind die Kinder sofort da, um ihm zu helfen. Sie graben und tragen mit Begeisterung die schweren 10l Kanister zum Beiboot.

Für das Festival in diesem Jahr hat außer uns nur noch ein weiteres Boot den Weg hierher gefunden: ein Katamaran mit Frances, einem Segler aus Australien, drauf. Daher fällt das Programm in diesem Jahr etwas kürzer aus, statt der vollen zwei Tage beginnt das Fest erst am Sonntagnachmittag und auch das angekündigte Lagerfeuer am Strand wird wegen der wolkenbruchartigen Regenfälle abgesagt, die ungewöhnlich sind für diese Jahreszeit, denn die Regenzeit beginnt eigentlich erst im November. Es ist schade für die Dorfgemeinschaft, weil sie sich für das Fest viel Arbeit machen und die Einnahmen der zahlenden Gäste, also der Segler, dringend für das Schulgeld der Kinder benötigen. Für uns aber wird es ein sehr schönes und ergreifendes Erlebnis, von Anfang an haben wir das Gefühl, in die Dorfgemeinschaft wie in eine große Familie aufgenommen zu werden. Es geht ganz gemütlich zu, keine Hektik, wir dürfen überall mitmachen, sollen nicht nur Zuschauer sein, manchmal wird auch improvisiert und das Programm etwas umgestellt, weil gerade ein Regenschauer nieder geht oder der jüngste Sohn des Chiefs noch nicht aus dem Garten zurück gekommen ist.

Zur Eröffnung des Festes wird es trotzdem ein bisschen feierlich: so stehen Frances, Andreas und ich zusammen mit dem alten Chief John Star in einer Reihe, bekommen eine Halskette mit roten Blüten umgehängt, vor uns steht ein kleiner Chor mit Gitarrenbegleitung, wir hören ein Willkommenslied auf Bislama, von Father Levy komponiert: „Welkam, welkam, welkam!“ geht der Refrain.

Danach werden wir in die Kochhütte der Chief-Familie gebeten, wo schon ein paar Brotfrüchte in den glühenden Kohlen liegen. Kokosnüsse werden ausgeschabt und wir dürfen ausprobieren, wie das früher gemacht wurde. Mit flachen scharfen Muschelschalen musste man schon sehr geschickt sein, um die Kokosnuss fein raspeln zu können. Danach werden die fein geraspelten Flocken ausgedrückt und die Milch in einem großen grünen Blatt beiseite gestellt. Eine feste grüne „Popo“, eine Papaya, wird erst mit den ausgedrückten Kokosflocken eingerieben, um eine ölige Schicht zu erzielen und dann mit einem Stock durchbohrt, so dass eine Art Nudelholz draus wird. Die Brotfrüchte sind nun außen ganz verkohlt und schwarz und werden von den Frauen aufgebrochen, das Innere herausgeholt und etwas geknetet. Die Brotfrucht hat wohl einen ähnlichen Kleber wie die Kartoffel, so dass John mit der Walk-Papaya aus den einzelnen Brei-Stücken einen großen Teig mit viel Kraft knetet. Dann folgt das nächste Schauspiel. Kleinere Steine, die im Feuer lagen, werden erst im Wasser kurz gewaschen, dann wird in eine Kokosnuss-Schale Kokosmilch gegossen, ein heißer Stein kommt dazu, die passende Hälfte der Schale wird darauf gesetzt und die Milch mit dem heißen Stein geschüttelt, dadurch wird die Milch warm und bekommt eine sahnige Konsistenz. Dies wird ein paar Mal wiederholt, bis der Teig von einer dickflüssigen Schicht an Kokosmilch bedeckt ist: fertig ist das Laplap aus Brotfrucht. In kleine quadratische Stücke geschnitten wird das Laplap verteilt. Es ist köstlich und sehr sättigend! Ein kleines Mädchen von vielleicht zwei Jahren nimmt vorsichtig ein Stück in die Hand – und schleckt erst einmal die Kokosmilch ab! Das Beste zuerst!

Wir sitzen noch eine Weile gemütlich zusammen und erzählen, bevor wir uns für diesen Tag verabschieden und zurück aufs Boot fahren.

Am nächsten Morgen pünktlich um 9.00h geht es weiter. Wir sehen, wie das Dach eines Hauses aus Palmwedeln hergestellt wird, wie verschiedene Körbe,Schalen und Armbänder kunstvoll geflochten werden, dann führt Chief John uns zu seinem „Nakamal“, einem ganz besonderen Versammlungshaus, das etwas versteckt hinter den Wohnhäusern liegt. Es hat zwei große Figuren aus einem schwarzen porösen Holz säulenartig vor dem Eingang und dazu zwei weitere Figuren aus Stein auf dem Boden. Eine davon stellt eine sterbende Frau dar, denn Frauen ist es bei Strafe verboten, diesen Nakamal zu betreten. Ich muss draußen bleiben, während Andreas mit Frances, den Chiefs und Father Levy den Nakamal von innen anschauen. Aber Father Levy versichert mir, dass sie mir danach alles ganz genau erzählen werden.


Nakamal


Father Levy, Herz und Seele des Festivals, eine beeindruckende Persönlichkeit!


Chief John Star, mit seiner ruhigen Ausstrahlung

Derweil sitze ich mit Susan, der Frau des Chiefs zusammen und lerne sie näher kennen: Sie ist eine sehr herzliche Person mit den oft anzutreffenden orangegelben Haaren, von der Sonne ausgebleicht und leicht angegraut, einem gewinnenden Lächeln, meistens mit ihrer jüngsten zweijährigen Enkelin auf dem Schoß. Sie spricht gut Englisch, wir erzählen von unseren Familien und so erfahre ich unter anderem, dass vier ihrer Söhne gerade in Neuseeland sind als Gastarbeiter, sieben Monate lang in der Nähe von Tauranga Kiwis pflücken. Und auch mit den anderen Frauen und Mädchen ist es spannend, zusammen zu sitzen und zu erzählen.


Susan mit Enkel

Sohn und Enkel von Chief John

Der Tag vergeht schnell mit Bogenschießen und Tauziehen an dem auch Andreas und Frances mitmachen, einem fröhlichen Tanz, bei dem die Männer und Jungen viele grüne Zweige in den Händen tragen und auf ein Kommando jubelnd hochspringen und das Grün in die Luft werfen, weiter tanzen, Zweige einsammeln und wieder in die Luft werfen. Auch ein Kanurennen mit den Auslegerkanus wird organisiert, in einem sitzt Frances mit einem jungen Mann aus dem Dorf, im anderen Andreas mit Father Levy, als Markierungsboje wird eine Kokosnuss ins Wasser geworfen und los geht es unter lautem Gejohle der Zuschauer. Am Ende gehen beide Kanus fast gleichzeitig durchs Ziel.


Damit werden Vögel geschossen

Ein besonderer Programmpunkt ist die Vorführung von „magic“, also Zauberei, die Chief Christobal beherrscht. Christobal kann einen toten Flughund (sieht eher wie eine kleine Fledermaus aus), der in einen Korb gelegt wird, wieder lebendig werden lassen. Und tatsächlich, nachdem mit ein paar grünen Zweigen um den Korb gewedelt wurde, fliegt das Tierchen schnell auf und davon. Christobal beherrscht noch ein paar mehr Zaubereien, wie uns die Dorfbewohner mit viel Bewunderung und Stolz erklären, die viel spektakulärer sind, so z.B. kann er sich selber wieder zum Leben erwecken oder aus einem Feuerring verschwinden und bei den Zuschauern wieder auftauchen.

Während es draußen mal wieder regnet, sitzen wir in der Hütte beisammen und führen längere Gespräche. Frances hat ein Fotobuch von seinen beiden Töchtern mitgebracht, das sehr interessiert angeschaut wird, wir bekommen viele Fragen zu unseren Familien, unserem Leben in Europa und dem Segeln gestellt und fragen auch unsererseits viel.

Am Nachmittag kommt doch noch mal die Sonne raus und das nutzen die Frauen, um ihre berühmte Wassermusik vorzuführen, die hier auf der Insel Gaua von den Frauen erfunden wurde. Und das ist wirklich etwas ganz Besonderes: sie stehen in einer Reihe bis zur Hüfte im Wasser und klopfen mit der hohlen Hand aufs Wasser, platschen, klatschen und erzeugen damit einen mitreißenden Rhythmus. Aber nicht nur einen, viele unterschiedliche Rhythmen beherrschen sie und wir Zuschauen sind ganz hingerissen von ihrer Aufführung. (Video folgt!)

Abends versammeln wir uns alle noch einmal im Dorf und sehen zu, wie Kava hergestellt wird. Aus frischen Wurzeln wird ein Brei gestampft, eine kräftezehrende Angelegenheit. Danach wäscht Father Levy die Wurzeln aus und presst sie mehrfach hintereinander mit einem Tuch aus. In einer feierlichen Zeremonie bekommen wir drei Segler und Chief John als erste ein Glas voll Kava gereicht. Und dieses Mal traue auch ich mich, von diesem schlammig grauen Wasser zu trinken. Der Chor singt ein Abschiedslied, ein paar kurze bewegende Reden werden gehalten und dann sitzen wir noch eine Weile gemütlich unter dem Dach und lassen den Tag ausklingen.

Am nächsten Tag ist wieder schönster Sonnenschein, die Wäsche kann endlich trocknen und nachmittags machen wir noch einen letzten Spaziergang zum großen Dorf hoch. Ein junger Mann begleitet uns, zeigt uns das Haus des alten Steinmetzes, der sich noch an den Zweiten Weltkrieg erinnern kann, als amerikanische Soldaten auf der Insel waren. Er ist inzwischen erblindet, hat aber in seinem Enkel einen Nachfolger gefunden, dessen Kunstwerke uns so gut gefallen, dass wir ihm kurzerhand zwei in Stein gehauene Köpfe abkaufen.

Der Blick vom Strand aus auf die Bucht in der Abendsonne ist so schön, Chief John, Susan und andere Leute aus dem Dorf verabschieden sich noch einmal ganz herzlich von uns. Wie gerne würden wir noch länger hier bei diesen so überaus freundlichen Menschen bleiben.

Essen ohne Supermarkt


Typische Auswahl auf dem Dorfmarkt


Wo die Erdnüsse wachsen


Bananenchips selbst gemacht


Alle zwei Wochen gibt’s Rindfleisch. Zwei Preise: mit oder ohne Knochen


Superreife Papayas


Hier kauft man Hühnchen wirklich frisch


Nach 30 Seemeilen ist klar: der Hahn taugt nicht zum Matrosen


Da sieht das Fischbrett mal was Neues


Mangrovenkrebse – nachts gejagt


Mangrovenkrebse – mittags gegessen

Wo ist die Kokosnuss, wo ist die Kokosnuss?

Na ja, eigentlich fast überall in den Tropen. Was wir aber hier erzählen wollen: was man alles mit der Kokosnuss machen kann. Hierzulande, also eigentlich Dazulande, soll heißen in Deutschland kannte man ja bis vor kurzem nur die braunen hartschaligen, meist schon etwas älteren Nüsse, die man hin und wieder im Supermarkt findet und dann daheim mit Hammer und Schraubenzieher auf dem Balkon aufklopft und mit zwei bis drei abbrechenden Tafelmessern traktiert, um das weiße Fruchtfleisch herauszubekommen, auf dem man dann herum kauen kann. Das macht in den Tropen natürlich niemand, allein schon mangels Balkon.

Also fangen wir von vorne an: wenn die Palme noch jung ist, vielleicht 3-4 Meter hoch, und da wo sie wächst nicht gebraucht wird, kann man sie mit der Machete in Bodennähe abschlagen, und aus dem unterem halben Meter den inneren weißen und weichen Stammabschnitt herauslösen. Das sind Palmenherzen, schmecken köstlich roh als Salat oder kurz angebraten. Aber lassen wir die Palme weiter wachsen und Früchte tragen.

Die Kokosnüsse sind nicht nur von der braunen harten Schale umgeben, sondern nochmals in ein rund fünf Zentimeter dickes faseriges, sehr zähes Gewebe verpackt, damit sie den Aufprall nach ihrem planmäßigen Sturz zu Boden übersteht. Anfangs ist dieser Schutzhelm grün, und grüne Kokosnüsse fallen nur herunter, wenn es stürmt oder jemand raufklettert und sie runter wirft. Grüne Kokosnüsse sind zum trinken da. Sie werden mit der Machete geköpft (die harte braune Schale ist noch nicht so hart), so dass sie ein mundgerechtes Loch bekommt. Das Innere ist vollständig mit Flüssigkeit gefüllt, das junge Kokoswasser schmeckt frisch und leicht süß. Weißes Fruchtfleisch gibt es kaum.

Wird die Kokosnuss reif und die Umverpackung braun, fallen die Nüsse freiwillig herunter. Entfernt man nun die faserige Hülle, findet man die braune Kokosnuss wie im erwähnten Supermarkt. Die Flüssigkeit schmeckt nun anders, das weiße Fruchtfleisch ist jetzt das Hauptprodukt. Es wird aber nicht einfach gegessen. Man kann zweierlei damit machen:

Erstens Geld verdienen. Löst man das Fleisch heraus, trocknet es und füllt das dann schon leicht ranzig riechende Produkt in Säcke, nennt man das Kopra. Es dient zur Produktion von Kokosöl für Kosmetik, Lebensmittel und Industrieanwendungen. Kopra ist noch heute das Hauptexportgut vieler tropischer Inselstaaten. Leider unterliegt der Preis starken Schwankungen, das macht es vielen Menschen dort schwer, etwa das Schulgeld für ihre Kinder zu bezahlen. In manchen Jahren reicht es, in manchen nicht. Und es ist ein hartes Geschäft! Für die Kopraproduktion werden die Kokosnüsse samt Umverpackung mit der Axt gespalten und dann mit dem Messer ausgelöst. Ein Könner ist da natürlich schon geschickter als unser Heimwerker auf dem Balkon, aber bis ein 60kg Sack Kopra voll ist, braucht es rund 400 Kokosnüsse, und dafür gibt es umgerechnet 20-30 Euro.

Zweitens essen. Dazu wird die Kokosnuss ebenfalls halbiert (das geht auch ohne Axt mit einem Stein), dann wird das Fleisch als Brei herausgeschabt. Früher traditionell mit einer harten Muschelschale, heute meist mit einem kleinen Reibeisen, das am Ende der Sitzfläche eines kleinen Hockers befestigt ist. Da sitzt man drauf, schabt die halbe Kokosnuss auf und ab und fängt den Brei in einer darunter gestellten Schüssel auf. Auch wir haben uns an Bord so ein Ding gebastelt, geht viel schneller so.

Der Brei, vermengt mit dem Wasser der Kokosnuss, wird dann durch ein Tuch gepresst. Sollte man kein Tuch haben, hilft die Kokospalme weiter, denn um die jungen Stämme herum bildet sie eine Art Bast, der als faseriges Sieb fungiert und traditionell zum Filtern des Kokosbreis verwendet wird. Übrigens: auch zum Feuermachen dient dieser Bast, denn das Zeug brennt wie Zunder. Zurück zur Kokosnuss: die ausgepresste Flüssigkeit ist die Kokosmilch, die und nur die dient zur menschlichen Ernährung. Der im Tuch verbleibende Rückstand der Kokosflocken wird an Schweine und Hühner verfüttert. Aber die frische Kokosmilch hat es in sich. Man kann Fisch, Fleisch und Gemüse darin dünsten, oder sie mit stärkehaltigen Früchten wie gekochten Süßkartoffeln, Taro, Yams, Maniok oder gerösteten Brotfrüchten zu einem Brei vermengen.

OK, satt sind wir jetzt. Was machen wir mit den Schalen? Nichts, denn mit denen haben wir das Feuer zum Kochen gemacht. Oder das Feuer, mit dem in der Regenzeit das Trocknen des Kopras beschleunigt wurde. Wenn doch noch eine übrig ist, hat man ein prima Trinkgefäß (z.B. für Kava) oder eine Schale zum Kochen.

Aber damit ist noch nicht das Ende der Palmenstange erreicht. Da gibt es ja noch die Palmwedel. Aus denen kann man auf einfache Weise Matten, Fächer, Tabletts oder Körbe flechten. Fast alles, was man auf dem Markt kauft, ist ein einem dieser Palmkörbchen, das Körbchen bekommt man kostenlos mit dazu als wiederverwendbare, kompostierbare Einkaufstasche. Je nach Anzahl Blattrippen und Flechttechnik entstehen verschiedene Standardgrößen und –Formen von Körben. Phantastisch.

Vom Markt geht’s zurück nach Hause. Für so ein Haus muss man hier in den Tropen aber nicht ein halbes Leben lang schuften. Eine einfache Hütte ist in einer Woche gebaut, mit Gerüst und Wänden aus Bambus und einem Dach aus… richtig: Kokospalmen. Dazu werden aus den Blattrippen die harte „Mittelgräte“ entfernt, die Blätter um ein Stück Bambusholz gefaltet und – jeweils ein halbes Blatt überlappend – mit der zuvor entfernten Mittelgräte durchstochen und fixiert. Die so entstandenen Reihen werden – nun von unten nach oben überlappend – am Dachgerüst befestigt, und fertig ist das Reetdach aus Kokospalme. So ein Dach kann fünf bis zehn Jahre halten, oder bis zum nächsten Taifun.

Bleibt noch der Stamm der Kokospalme. Den kann man – von Hand oder mit der Kettensäge(!) – in Bretter schneiden und als Bauholz verwenden. Wenn man gerade kein Bambus zur Hand hat.

Big Nambas in Malekula

22. August 2018

Auf der Insel Malekula leben zwei große Stämme, die Big Nambas und die Small Nambas, bzw. Große und Kleine Nambas, benannt nach den Penisköchern, die sie früher trugen. Die Big Nambas waren einst gefürchtete Krieger und schon ihr Ruf allein sorgte dafür, dass sie selten angegriffen wurden. Auch hatten und haben sie viele Rituale und Tänze, die sie auszeichnen. Um diese nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, hat sich der junge Dorf-Chief von Mae vor drei Jahren entschlossen, ein jährliches Festival zu organisieren. Eine größere Gruppe von Jungen und Alten üben das ganze Jahr über und tanzen auch schon mal zwischendurch für zahlende Touristen, aber das ganz große Fest findet nun jährlich in der zweiten Augusthälfte statt und dafür haben wir uns angemeldet. Vier Segler und drei an Land reisende Touristen sind dabei, die Tourismusbeauftragte ebenfalls, und auch das halbe Dorf schaut zu.

Auf einem von hohen Bäumen und Sträuchern umsäumten Platz mitten im Dorf ist alles vorbereitet, große Trommeln, ein paar Bänke mit Blumenschmuck am Rand und eine kleine Hütte. Wir, die Gäste von außerhalb, warten erst einmal unter den Bäumen, werden von einer trommelnden und singenden Gruppe begrüßt und bekommen von den Kindern ein Halsband mit Blümchen umgehängt. Danach werden auf den Platz gebeten. Dort ist alles noch wie vor zweihundert Jahren, kein Stück Stoff oder Schuhwerk oder Werkzeug aus der heutigen Zeit, von unseren Fotoapparaten, Smartphones und unserer Alltagskleidung mal abgesehen. Der junge Chief hält eine kurze Ansprache und erklärt uns, dass wir heute eine Reihe von Tänzen zu sehen bekommen, die zu verschiedenen Anlässen getanzt werden,  und dass zwischendurch ein paar Aktivitäten für uns vorbereitet worden sind, wie z.B. Feuermachen, Flechten und eine Kava-Zeremonie. Außerdem wird für mittags ein traditionelles Essen gekocht. Vor jedem Tanz beschreibt er uns kurz dessen Bedeutung – in seiner einnehmenden freundlichen Art.

Nach dem Willkommenstanz sehen wir Tänze, die für die Vorbereitung der Beschneidung junger Männer aufgeführt werden und solche, die nach der Rückkehr der Männer in die Dorfgemeinschaft getanzt werden. Um in der sozialen Hierarchie des Dorfes aufzusteigen, muss ein Mann ein Fest ausrichten und ein oder mehrere Schweine dafür hergeben, auch dafür gibt es ganz bestimmte Tänze. Einen so genannten Beschneidungstanz für Frauen bekommen wir zu sehen, auch wenn diese Tradition zu unser aller Erleichterung längst nicht mehr praktiziert wird. Kleine Kinder weinen ganz fürchterlich, als nacheinander drei teuflische Gestalten auf den Platz hüpfen, mit einer schwarzen Maske und einem Kostüm aus getrockneten Palmenblättern. Zum Schluss zeigen sie noch den Kriegstanz mit Bogenschießen bevor wir eine Zeremonie vorgeführt bekommen, die nur ganz selten tatsächlich praktiziert wird, nämlich dann wenn ein neuer Chief das Amt von seinem Vater übernimmt. Bei diesem Anlass werden sehr viele Schweine geschlachtet und das ganze Dorf tanzt mit, normalerweise die ganze Nacht hindurch, und dazu wird viel Kava getrunken – auch wir dürfen mittanzen, allerdings nicht ganz so lange und statt der Schweine müssen dieses Mal symbolisch ein paar Kokosnüsse herhalten.

Die Männer der Big Nambas tragen einen breiten Gürtel in dem frische grüne Zweige stecken, vorne haben sie rot gefärbten Pandanusblätter, die einen Penisköcher bedecken. Nur die Männer tragen diese roten Pandanusblätter, die Jungs begnügen sich mit grünen Zweigen. Auf dem Kopf tragen sie einen schönen Federschmuck, eine einzelne Feder oder ein ganzes Büschel von Hahnenfedern. An den Füßen haben sie rasselnde Nuss-Schalen umgebunden, die bei den Tänzen zusätzlich für Rhythmus sorgen. Das Besondere bei den Big Nambas ist wohl auch die unterschiedliche Bemalung der Körper zu den entsprechenden Tänzen, mit Kokosnuss-Öl und Asche eingerieben sehen sie gespenstisch grau aus, mit gelber Farbe (Gelbwurzel oder Lehm?) haben sie auf einmal eine ganz hellere Hautfarbe und beim Kriegstanz sind sie ganz schwarz.

Die Frauen wiederum haben fein geflochtene Matten aus rot gefärbtem Pandanus umgebunden, die verheirateten Frauen tragen zudem noch eine Art Matte aus dem gleichen Material auf dem Kopf, lange Fäden der Matten bedecken die Brüste.

Hier ein paar Impressionen dieses ganz besonderen Tages!


Begrüßung


Chief

 


Laplap, in Bananenblätter gebackener Brei und Fleisch, dazu frische Kokosmilch


Bunte Süßkartoffeln mit Tomaten, auch in Bananenblättern gebacken


Teufel


Verabschiedung!


Zaungäste

Dorfleben

Von der Insel Efate mit der Hauptstadt Port Vila segeln wir in Tagesetappen weiter nördlich, den steten Süd-Ost-Passat nutzend. Wir gönnen uns ein paar Tage Strandurlaub vor dem Inselchen Lelepa, machen einen Zwischenstopp auf der Insel Emae, und erreichen schließlich die Insel Epi. Hier ankern wir in der Revolieu Bucht, seitlich etwas geschützt durch ein breites Riff.

Ganz verdeckt von dichtem Grün und hohen Bäumen liegt das Dorf. Nur am Rauch, der gegen Abend hoch steigt, und an den vielen Kindern, die am Strand entlang laufen, ist zu erkennen, dass dahinter Menschen wohnen.

Am nächsten Vormittag fahren wir mit dem Dinghi an Land, finden einen Fußweg durch das Dickicht und stehen schon nach wenigen Schritten vor der Wasserpumpe des Dorfes. Eine Frau weicht dort Wäsche ein, begrüßt uns ganz herzlich und stellt sich als Lily vor. Sie spricht gut Englisch und fragt uns gleich, ob wir ein paar Süßkartoffeln bräuchten und bittet uns, ihr zu ihrem Haus zu folgen. Wir überqueren einen breiten Weg aus Sand und Kies mit zwei tief eingefahrenen Radspuren, es ist die Hauptstraße der Insel, ein Rundweg, der die einzelnen Ortschaften an der Küste miteinander verbindet.

Kleinere und größere Häuser liegen inmitten von gepflegten Gärten, schmale Wege und manchmal auch ein Zaun aus Blumen und niedrigen Sträuchern trennen die Höfe voneinander. Die meisten Häuser haben Dächer aus Palmenwedel und schön geflochtene Seitenwände, manchmal auch ein Wellblech-Dach und ab und an sieht man ein gemauertes Gebäude. Überall Blumen, rosa und orange blühende Bougainvillea-Sträucher, auch Gemüse und viele Bäume mit Zitrusfrüchten dazwischen. Hühner laufen frei herum, kleine Kinder schauen uns neugierig nach, die Großen sind alle noch in der Schule. Lily besitzt ein Haus zum Kochen und Arbeiten und eines in dem die ganze Familie schläft, daneben ein gemauerter Ofen zum Backen.

An ihrem Haus rankt sich eine Pflanze hoch mit einer Frucht, die aussieht wie eine Mischung aus Zucchini und Bohne. Lily zupft sie für uns ab und erklärt uns, wie man die zubereitet.

Wir gehen mit ihr weiter durch das Dorf, begrüßen ihre Schwiegermutter, eine ehrwürdige weißhaarige Dame, kommen an der Kirche vorbei, ein einfaches Haus mit Strohdach und halb offenen Wänden. Daneben wird die neue Kirche gebaut, aus Betonziegeln, sie ist erst zur Hälfte fertig. Lily führt uns zum Fluss, der neben dem Dorf entlang fließt und weiter unten im Meer mündet, zu einer Stelle, wo Wasserkresse wächst, weil sie weiß, dass auch die Segler diese gerne als frischen Salat zu schätzen wissen. Und ja, sehr gerne dürfen wir uns Trinkwasser in unsere Kanister abfüllen und wie alle anderen im Dorf, im Fluss unsere Wäsche waschen…

Lily ist 36 Jahre alt, hat sechs Kinder, der älteste Sohn  ist schon verheiratet, die etwas jüngere Tochter auch, eines der Kinder, ein 7jähriger Junge ist adoptiert. Und ihr jüngstes Kind ist gerade mal 1 Monat alt! Am Nachmittag bringen wir ein paar Sachen für ihr Baby und bekommen zu den Süßkartoffeln noch einen dicken Bund Frühlingszwiebeln mit. Ihre Tochter ist gerade da, sie hat ein 3 Monate altes Mädchen. Und so sitzen Mutter und Tochter nebeneinander und stillen ihre Babies!

In diesem Dorf entdecken wir ein großes neues Gebäude aus stabilen Betonziegeln mit Dach, davor eine schön angelegte Grünanlage. Es ist ein Schutzhaus für die Bewohner der Ecke: sollte wieder ein Zyklon über die Inseln hinweg fegen, haben sie hier ein festes Dach über dem Kopf mit Behandlungsräumen und Sanitäranlagen dazu. 2016 hatte der Zyklon Pam in Vanuatu so ziemlich alle Häuser zerstört, Bäume umgeknickt und sehr viel Schaden angerichtet.

In diesem Haus haben wir ein Ehepaar kennen gelernt, die beiden teilen sich das Büro: Tousil ist Verwaltungsangestellte für den Bezirk und ihr Mann Basil arbeitet für die Entwicklungshilfe der UNO und andere Hilfsorganisationen, koordiniert den Bau von befestigten Brücken, Straßen, die Aufforstung der Küste, um der Erosion vorzubeugen uvm. Die beiden freuen sich über unseren Besuch und unsere vielen Fragen und können uns sehr viel über Land und Leute erzählen.

Am nächsten Tag wollen wir etwas herumlaufen, wandern bis zum nächsten Dorf, wo es eine Schule gibt und wir ein paar Hefte und Stifte abgeben können. Wir brauchen etwa eine halbe Stunde bis dorthin, für viele Kinder ist das der tägliche Schulweg. Mit Spielen und etwas Trödeln brauchen sie viel länger, erzählen uns ein paar Mütter.

Wir kommen an vereinzelten kleinen Siedlungen vorbei, wo man uns überall fröhlich zu winkt oder neugierig heran kommt, um uns zu begrüßen und zu fragen, woher wir kommen. Dazwischen liegen kleine Gärten mit Taro und Süßkartoffeln, Zitronen-, Orangen-, Mandarinen- und Pampelmusen-Bäumen und eine langgezogene Plantage mit Kokospalmen. Im Prinzip sind alle Selbstversorger und um das Schulgeld aufzubringen, müssen sie Kopra machen, also reife Kokosnüsse spalten, das Fleisch heraustrennen und trocknen. Nur ist der Preis für Kopra im letzten Jahr stark gefallen und viele bangen, ob sie das Schulgeld überhaupt aufbringen können.

In der Schule ist gerade Mittagspause und sofort sind wir von einer ganzen Kinderschar umringt, die kichern und sehr neugierig sind und sich erst kaum trauen, mit uns zu reden. Das legt sich aber schnell und irgendwie schaffen wir es, mit einer Mischung aus Englisch und Bislama und mit Händen und Füssen uns zu verständigen. Und haben viel Spaß dabei!

Am dritten Tag in dieser Bucht sind wir mit Tousil und Basil verabredet. Wir wollen eine unserer alten Bordbatterien der Krankenstation der Insel vermachen und sie organisieren einen Transport dafür. Es ist Freitag, und der Tag, an dem die staatlichen Angestellten alle zwei Wochen ihren Lohn ausgezahlt bekommen und diesen dann gleich für Einkäufe nutzen. Also sind auf der Insel überall kleinere oder größere Marktstände aufgestellt. Auch in unserem Dörfchen in der Bucht sitzen in der Früh schon drei Frauen in dem überdachten Stand und haben auf ihren Matten ihr Gemüse ausgebreitet. Mittags gibt es Lunchpakete zu kaufen und Krapfen und sogar Kaffee aus der Thermoskanne. Bei dieser Gelegenheit lernten wir auch den Dorf-Chef kennen, er war am Vormittag im „Nakamal“, dem traditionellen Versammlungshaus, mit einer Adoptions-Zeremonie beschäftigt.


Nakamal

Geld gibt es in einem Ort eine knappe Stunde mit dem Auto weit weg, in der einzigen Bank der Insel. Dort stellt sich Tousil bei der Bank an und wir schauen schon mal zum Markt nebenan. Hier gibt es alles in großen Gebinden, selbst geflochtene Körbe aus Palmenblättern voller Süßkartoffeln, Orangen oder Pampelmusen, große Stauden mit Kochbananen. Die Leute kaufen ein und beladen die Ladeflächen der Trucks, wir ebenfalls. Dann müssen wir auf Tousil warten, knabbern Erdnüsse und leckere Bananenchips, unterhalten uns mit ihrem Mann und schauen dem Treiben zu. Es dauert, denn von den zwei Bankbeamten darf nur einer Geld auszahlen, es wollen heute aber alle Lehrer und Angestellten ihr Gehalt haben! Auf dem Rückweg halten wir ein paar Mal an, um die Mitfahrer mit ihren Einkäufen abzuladen, dann bei einem Laden, wo gerade in der Früh ein Rind geschlachtet wurde und die Fleischstücke an der Luft hängen. Wir kaufen auch was davon (es schmeckt hervorragend gut, kein Wunder, die Rinder hier laufen frei herum und knabbern wahlweise an frischem Gras oder Kokosnüssen).

Am Ende des Tages sitzen wir noch mit unseren neuen Freunden Tousil und Basil am Strand und schauen der untergehenden Sonne zu und sind einfach nur glücklich und dankbar für all diese schönen Begegnungen.

Lukim yu! Auf Wiedersehen!

Weniger gibt mehr

Wir stellen uns vor: ein dunkelhäutiger Mann wandert durch ein kleines Dorf in Deutschland. Ein Einheimischer werkelt in seinem Garten und spricht ihn lächelnd an. Woher er komme? Oh, aus Melanesien – wie interessant! Von so weit her! Ob er Familie habe? Er selbst habe drei Söhne und zwei Töchter. Da kommen sie auch schon dahergelaufen, etwas scheu dem Fremden gegenüber, aber fröhlich und neugierig. „Hier sind ein paar Möhren und Kartoffeln aus meinem Garten. Die Zwetschgen sind leider noch nicht reif. Du kannst gerne überall herumlaufen und Dir alles anschauen. Das hier ist mein Haus, da drüben wohnen meine Nachbarn. Komm, Sohnemann, pflück‘ unserem Besucher schnell noch ein paar Äpfel! Und meine Tochter zeigt Dir den Weg durchs Dorf.“

Am Marktplatz kommt der Fremde mit ein paar Marktfrauen ins Gespräch. Sie unterhalten sich über das Leben in Deutschland und in Melanesien, über Schulgeld, Familie und Arbeit. Bald bieten ihm die Marktfrauen ein paar Päckchen ihrer Waren an. Was er dafür zahlen solle? „Nein, gar nichts! Du hast uns doch Deine Geschichten geschenkt.“

Ein Märchen? Ja schon, aber man muss nur die handelnden Personen vertauschen, schon wird es Wirklichkeit. Wenn Birgit und ich durch ein neues Dörfchen in Vanuatu gehen, kommen wir fast immer voll beladen heim. Ein paar Grapefruits, Papaya, ein paar Bananen, Kürbisse, was eben im Garten gerade so wächst. Auf dem Markt bekommen wir Tomaten, Bohnen und einen Bund Frühlingszwiebeln geschenkt. Mittlerweile sind wir vorgewarnt und haben immer ein paar Geschenke unsererseits dabei. Ein Tütchen Reis, eine Packung Wäscheklammern, ein abgelegtes T-Shirt – alles wird hier gebraucht und sorgt für Freude.

Wir haben auf unserer Reise ja schon viele sehr freundliche und hilfsbereite Menschen und Länder getroffen, aber Fröhlichkeit und Entgegenkommen der Menschen in Vanuatu sind einfach umwerfend. Schade, dass wir nur fünf Wochen hier verbringen werden. Wir sind uns einig: Vanuatu gehört auf die Liste der Orte, an die wir gerne noch einmal zurückkehren möchten.

Bislama

In Vanuatu werden um die 180 verschiedene Sprachen gesprochen. Selbst von Dorf zu Dorf kann der Unterschied so groß sein, dass man einander nicht versteht, wurde uns versichert. Aus Melanesien haben sich vor etlichen tausend Jahren in mehreren Wellen wagemutige Menschen auf den Weg gemacht und die Inseln besiedelt. Sie brachten bereits unterschiedliche Sprachen mit, im Laufe der Jahrhunderte lebten die Einwohner hier recht abgeschlossen in ihren Dorf- und Stammesstrukturen, was die Entwicklung von unterschiedlichen Sprachen noch mehr befördert.

Es waren die ersten europäischen Segelboote, die sich mit einer einfachen Sprache behalfen, um mit den Einwohnern zu kommunizieren. Später, während der Kolonialisierung der Südsee holten sich die Plantagen- und Minenbesitzer Arbeitskräfte von Papua Neuguinea, den Salomonen und von den Neuen Hebriden (Vanuatu) auf die Inseln und nach Australien, weniger mit Versprechungen als mit Gewalt. Und so entwickelte sich ziemlich schnell eine einfache Verkehrssprache, ein verballhorntes Englisch mit etwas französischem Einschlag. Auch die Missionare verwendeten diese Sprache und übersetzten Bibel und Gesangbücher für die Einheimischen in „Bislama“, wie es in Vanuatu heißt, oder „Tok Pisin“ bzw. „Pidgin English“ in Papua Neuguinea und „Pijin“ auf den Salomonen.

Der Wortschatz ist nicht besonders umfangreich, darum braucht man einiges Geschick, um verschiedene Sachverhalte auszudrücken, viele Wörter werden mit „blong“ zusammengesetzt, das Wort „long“ wird auch sehr häufig verwendet, um Richtungen, Beziehungen usw. anzugeben. Auf den ersten Blick erscheint es ganz einfach, auch gibt es nicht so komplizierte Verbformen und Konjugationen wie z.B. im Französischen oder Spanischen. Und trotzdem hat es seine Tücken, denn die Satzstruktur ist melanesischen Ursprungs und muss von uns erst verstanden werden. Langsam gesprochen und aufgeschrieben erschließt sich manches von selbst. Man muss es sich manchmal laut vorlesen, denn die Wörter, die aus dem Englischen stammen, werden genauso geschrieben, wie sie ausgesprochen werden und nicht in der gebräuchlichen englischen Orthographie.

Hier ein paar Beispiele: Das Cafe „Nambawan“ bedeutet „Number One“ = Nummer 1

Die öffentliche Bibliothek von Port Vila: „Pablik Laebri blong Port Vila“

Und hier das weltweit bekannteste Weihnachtslied: Stille Nacht, Heilige Nacht. Vom Deutschen ins Englische und vom Englischen in Bislama übersetzt, spricht der Text für sich. „Pikinini“ ist das Wort für Kind, und „Pikinini blong God“ ist Jesus, das Kind Gottes.

Hier die englische Fassung der ersten Strophe:

Silent night, holy night!
All is calm, all is bright
Round yon Virgin, Mother and Child
Holy Infant so tender and mild
Sleep in heavenly peace
Sleep in heavenly peace

Und hier die Fassung in Bislama:

Kwaet naet! Tabu naet
Taem is gud, skae is laet
Raonabout long yangfala pel
Wetem pikinini y blong hem
Pikinini blong God,
Slip long pis ya blong hem.

Aus dem Gesangbuch der Presbyterianischen Kirche „Ol sing blong niu laef“, Buk fo = Buch vier

Ein Band zum Tag des Kindes in Port Vila

Die Bitte um Sauberkeit in der öffentlichen Toilette an der Uferpromenade:

Heute spricht ein Ni-Vanuatu, so nennen sich die Einwohner von Vanuatu, mindestens zwei Sprachen, meistens sogar drei oder vier: nämlich erstens die Sprache seines Dorfes bzw. der Region, dann Bislama und schließlich Englisch oder Französisch, je nachdem ob er oder sie in einer englischen oder französischen Schule war. Beeindruckend!

Das fand bereits Georg Forster vor mehr als zweihundert Jahren, als er auf der „Resolution“ mit Kapitän James Cook unterwegs war und sie auf der Insel Malekula auf Einheimische trafen:

„Hier lernten wir sie als das verständigste und gescheuteste Volk kennen, das wir noch bis jetzt in der Süd-See angetroffen hatten. Sie begriffen unser Zeichen und Gebehrden so schnell und richtig, als ob sie schon wer weiß wie lange mit uns umgegangen wären; und in Zeit von etlichen Minuten lehrten auch sie uns eine Menge Wörter aus ihrer Sprache verstehen. […] Bey ihrer angebohrnen Neigung zum Plaudern, geriethen wir gleich ins Gespräch mit einander und ließen uns in ihrer Sprache Unterricht geben. Sie wunderten sich, daß wir die Wörter so schnell ins Gedächtniß faßten, und schienen eine Weile nachzudenken, wie es zugehen mögte, daß man den Klang der Worte durch Bleystift und Papier ausdrücken könne. So emsig sie einer Seits waren, uns ihre Sprache zu lehren; so neugierig waren sie anderer Seits auch, etwas von der unsrigen zu lernen, und sprachen alles was wir ihnen davon vorsagten, mit bewundrungswürdiger Fertigkeit ganz genau nach. Kaum hatten wir ihnen die Namen unsrer Zahlen vorgesagt, als sie solche sehr schnell an den Fingern wiederholten; kurz: was ihnen an cörperlichen Vorzügen abgieng, wurde durch ihren Scharfsinn reichlich ersetzt.“

(Zitat aus: Georg Forster: Reise um die Welt. Insel Taschenbuch 757. Frankfurt am Main, 1967. S. 683 bzw. S. 688)

Schwimmendes Krankenhaus

Nein, es ist nicht das Opernschiff aus Wien. Das legt ja bekanntlich nur am Südpol an (wer es nicht kennen sollte: Heidenreich/Buchholz, „Am Südpol, denkt man, ist es heiß“, unbedingt lesen!). Es ist das Hospitalschiff aus China. Genauer gesagt die „Daishan Dao“ oder auch „Peace Ark“ aus Zhoushan im Osten Chinas, die hier in Port Vila gerade vor Anker liegt.

Es gehört zur Marine der Chinesischen Volksarmee, ist aber in Friedenszeiten auf den Weltmeeren unterwegs, um etwa nach Tsunamis oder Wirbelstürmen Hilfe zu leisten oder eben in Ermangelung von Naturkatastrophen medizinische Versorgung in Gebieten zu ermöglichen, die dies aus eigener Kraft nur unzureichend leisten können.

In Vanuatu war die Peace Arc das letzte Mal 2014, damals wurden in fünf Tagen über 5000 Patienten behandelt. Ärzte gab es genug, aber die zentrale Aufnahme war wohl etwas überfordert. Daher hilft diesmal die kleine Gruppe chinesischer Einwanderer auf Vanuatu mit, die Massen an Behandlungswilligen zu betreuen. Ausgesandte Ärzteteams besuchen zudem die kleineren Nachbarinseln und behandeln dort ambulant. An der Pier in Port Vila stehen jeden Morgen ewig lange Schlangen von Patienten, die mit Beibooten zum großen Hospitalschiff transportiert werden. Bis zum Nachmittag ist die Schlange abgearbeitet, die Konsultationen laufen den ganzen Tag, die OPs werden im Wesentlichen nachts durchgeführt.

Seit zehn Jahren ist die die Peace Ark im humanitären Einsatz. Mit 300 Betten, 8 OP-Sälen, 130-köpfigem medizinischen Personal ist das schwimmende Krankenhaus besser als manche Klinik an Land ausgestattet. Medizintechnik von feinsten, Röntgengeräte, MRT, CT,… alles dabei. Außer Organtransplantationen und Herz-OPs ist alles machbar, allerdings werden einsatzbedingt z.B. keine Maßnahmen durchgeführt, bei denen ein längerer Krankenhausaufenthalt nötig ist. Man muss schließlich weiter. Nach Fiji und Vanuatu stehen noch Papua Neuguinea, Kolumbien, Venezuela, Grenada, Dominikanische Republik und Ecuador auf dem Törnplan.

Ebenso wie das US-amerikanische Hospitalschiff „USNS Mercy“ ist der Einsatz der Peace Ark ein Zwischending aus humanitärer Hilfe, ein wenig Propaganda und subtiler politischer Einflussnahme. So wie die USNS Mercy nur Staaten besucht, die sich nicht gerade allzu heftig gegen die Politik der USA aussprechen, macht auch die derzeitige Mission der Peace Ark feine Unterschiede. Fiji, Vanuatu und PNG werden angelaufen, die ebenfalls auf dem Weg liegenden Solomonen aber nicht, obwohl deren medizinische Infrastruktur noch schlechter als die der Nachbarstaaten ist. Die Solomonen sind eins der weltweit 18 Länder, die Taiwan formell als eigenständigen Staat anerkennen. Ein Schelm, der Böses dabei denkt…

Vanuatu, Port Vila

26.-31. Juli 2018

Hätte man mich vor zwei Jahren gefragt, wo Vanuatu liegt, hätte ich erst einmal den Schulatlas aus dem Regal holen und nachschauen müssen, ob das eine Insel, ein Land oder eine Ortschaft ist, und schon gar nicht hätte ich die Hauptstadt hersagen können. Aber nun erschließt sich uns nach und nach die Geographie der Südsee, die Entfernungen werden in Seemeilen und zu segelnden Tagen gemessen. In Muktuk-Geschwindigkeit ist Fidschi von Neuseeland 16 Tage weit entfernt, wiederum Vanuatu von Fidschi sieben Tage auseinander: so lange brauchen wir von Savusavu auf Fidschi bis nach Port Vila auf der Insel Efate, Vanuatu. Und ja, das ist die Hauptstadt dieses Inselstaates. Vanuatu umfasst etwas mehr als 80 Inseln, elf größere und sehr viele kleine, zusammen ergeben sie gerade mal 12.000 qm Land, verteilt auf 860.000 qm auf dem Ozean. Auf diesen Inseln leben rund 281.500 Menschen, etwas mehr als in Karlsruhe…

Wir ankern direkt vor dem Zentrum von Port Vila, haben schon unsere gelbe Quarantäne-Flagge gehisst, melden uns per Funk an für die Einklarierungsformalitäten und werden auf zwei, halb drei Uhr nachmittags vertröstet, jetzt sei Mittagspause. Als um halb vier immer noch niemand von den Behörden auftaucht, rufen wir erneut per Funk an. Der Skipper solle doch einfach zum „Customs“-Büro fahren, mit allen Schiffspapieren, die Crew müsse nicht mit. So einfach und so entspannt ist alles hier. Am nächsten Tag gehen wir noch zu „Immigration“, der Visastelle, und erhalten dort einen Stempel im Pass, mit dem wir drei Monate in Vanuatu bleiben dürfen. Noch eine kleine Gebühr bezahlt und somit sind wir offiziell eingereist und können nun die Stadt erkunden.

Wir laufen die Hauptstraße entlang, hier und in den Querstraßen könnte man stundenlang bummeln, Kleidung für jeden Geschmack und Geldbeutel, Kunsthandwerk in der Maison Française, Haushaltsgeräte, Werkzeuge. Dazwischen ein paar Restaurants, Behörden, die Stadtbibliothek. Viele Läden werben mit zollfreiem Einkauf, die damit vor allem die Touristen von den Kreuzfahrtschiffen im Blick haben.

Natürlich werfen wir in jeden dieser Läden einen Blick rein, vor allem in jene, die sich „Hardwarestore“ (Baumarkt) nennen. Es könnte ja etwas Nützliches fürs Boot zu finden sein!

Und auch der große Markt zieht uns magisch an, er ist eine Augenweide! So viel frisches Gemüse und Obst in unglaublichen Mengen, und alles so bunt und hübsch anzuschauen. In der zweiten Halle beim Markt sind Tische und Bänke in Reihen aufgestellt, dazwischen kleine Kochnischen eingebaut, in denen von mittags bis abends gekocht wird. Leckere Gerichte werden angeboten und sind zudem so günstig, dass sich das Kochen auf dem Boot fast nicht lohnt. Gleich am ersten Tag setzt sich eine der Köchinnen zu uns an den Tisch, sie erzählt von den Inseln, von ihrer Familie und will auch von uns genau wissen, was uns hierher gebracht hat.

Zur Begrüßung hier schüttelt man die Hand und stellt sich mit Vornamen vor, und sogleich werden wir gefragt, woher wir kommen. Oh ja, wirklich aus Deutschland! Daraufhin werden wir sofort mit einem strahlenden Lächeln angeschaut, worauf dann sogleich erwähnt wird, dass alle Leute so verrückt nach Fußball sind, und die deutsche Nationalmannschaft eine große Fangemeinde haben soll. Tatsächlich entpuppt sich der Zöllner, der auf unser Boot kommt, um zollfrei eingekauften Wein in den Kartons zu versiegeln, als ein begeisterter Fan. Er hat sowieso Dienstschluss und bleibt noch eine ganze Weile gemütlich bei einer Cola auf der Muktuk, so dass wir uns länger mit ihm unterhalten können. Es gibt sogar richtige Vereine, Fangemeinschaften für die jeweiligen Nationalmannschaften und es fand sogar eine Parade zu Beginn der Spiele statt, wo die Fangruppen mit den Nationalflaggen ihrer Mannschaften durch die Stadt zogen. Allerdings war unser Zöllner sehr traurig, als die deutsche Mannschaft ausgeschieden ist und ging tags darauf nicht in die Arbeit, auch, um sich die Bemerkungen der Arbeitskollegen nicht anhören zu müssen.

Eigentlich könnten wir gleich weiter, aber wir bleiben noch ein paar Tage in Port Vila, denn am Montag, dem 30. Juli, wird der 38. Jahrestag seit der Unabhängigkeitstag gefeiert, mit Reden, Tänzen und einem Feuerwerk am Abend und das würde ich mir sehr gerne anschauen. Früher hießen die Inseln Neue Hebriden und waren von 1906 an unter einer gemeinschaftlichen Verwaltung von Frankreich und Großbritannien, Kondominium genannt. Alles gab es doppelt, Verwaltung, Polizei, Währung, Schulsystem. Die europäischen Einwanderer besaßen 30% des urbaren Landes und wollten noch mehr, um rentable Kokosplantagen und Viehweiden anzulegen. An diesen Expansionen zündete der Funke für die ersten Bestrebungen zur Unabhängigkeit in den 1960er Jahren, denn die Ni-Vanuatus, wie sich die Einwohnen der Inseln nennen, sehen Landbesitz traditionell als einen Schatz, den man  für die kommende Generation erhalten und pflegen muss.

Schon am Freitag und Samstag davor ist viel mehr Betrieb als sonst in der Stadt. Jeder will schnell noch was einkaufen, überall sieht man schon Flaggen, an den Autos, in den geflochtenen Haaren der Frauen.

Auf der Hauptstraße stauen sich die Minivans. Ein praktisches und sehr sinnvolles Beförderungssystem zwischen Bus und Taxi angesiedelt: man zahlt einen Einheitspreis an den Fahrer und nennt das Ziel. Kann sein, dass man ein paar Umwege in Kauf nehmen muss, weil erst die anderen Gäste abgeliefert werden müssen. Schade, dass sich so was nicht auch in einer Großstadt wie München durchsetzen kann oder in ländlichen Gebieten in Deutschland, wo die Busse so selten fahren…

Gut beschäftigt vor dem Unabhängigkeitstag sind auch die Frauen in der großen Halle an der Hauptstraße. In vielen kleinen Abteilen sitzen die „mamas“, wie sie genannt werden, jede an einer alten oder sehr alten Singer-Nähmaschine und nähen die schönsten Kleider und Hemden. Die fertigen hängen hoch an den Wänden, daneben Strandtücher in ebenso bunten Farben und Blumenmustern, viele der bedruckten Stoffe sind in Eigenarbeit entstanden, erzählen sie mit einigem Stolz. In dem Labyrinth aus Gängen und Kojen kann man sich schnell verirren und nachdem ich die Halle ein paar Mal abgeklappert habe, schwirrt mir der Kopf von den vielen Farben. Am liebsten würde ich mir auch eines der Kleider zulegen, begnüge mich dieses Mal aber mit einem Strohhut aus Hibiskus.

Am Unabhängigkeitstag selber ist die ganze Stadt auf den Beinen. Oben am Platz der Unabhängigkeit findet die Parade statt, am Rand sind rundherum Stände aufgebaut, die Essen anbieten. Nach dem offiziellen Teil wird viel fotografiert, um die Essensstände bilden sich Trauben von Menschen. Später verteilen sich die Menschen auf die Stadt, Großfamilien sitzen im Park an der Uferpromenade auf Picknickdecken zusammen, Kinder laufen herum, Festtagsstimmung überall!

Wetterwechsel

Heute wollen, ja müssen wir an dieser Stelle einen Missstand ansprechen, den wir schon allzu lange Zeit stillschweigend hingenommen haben. Die Vorkommnisse auf den Überfahrten der letzten Wochen zwingen uns aber, die teilweise skandalösen Verhältnisse öffentlich anzusprechen. Es geht um die völlig unzuverlässige Belieferung mit Wind in den Tropen.
Diese blieb z.B. mehrfach ohne Begründung ersatzlos aus. Tagelang dümpelten wir in der Flaute und warteten vergeblich auf die bestellte Brise. Bei anderer Gelegenheit erhielten wir bis zu sieben oder acht Windstärken, obwohl wir überhaupt nichts bestellt hatten. Und wenn doch einmal die Stärke passte, wurde wiederholt Wind aus völlig unbrauchbaren Richtungen geliefert.
Wie Gespräche mit etlichen anderen Seglern beweisen, handelt es sich bei unseren Erfahrungen keineswegs um Einzelfälle. Es ist also durchaus angebracht, sich über einen Wechsel des Windanbieters Gedanken zu machen.
Freilich muss ein solcher Schritt gut überlegt sein. Gerade hier in den Tropen gibt es in den jeweiligen Sommermonaten verdächtig günstige Pauschaltarife, bei denen aber nach Presseberichten die Windstärken häufig unkontrolliert übers Ziel hinausschießen. Hurrikans, Taifune, Zyklone: steht natürlich alles nur im Kleingedruckten. Auf Anbieter, die ihre Windstärken nicht im Griff haben, wollen wir keineswegs hereinfallen. Außerdem wollen wir natürlich sicherstellen, dass wir wieder in die gesetzliche Windversorgung zurückkehren können, wenn wir die Tropen verlassen.
Wir stellen uns auch grundsätzlich die Frage, ob die Versorgung mit Wind und mit Welle unbedingt aus einer Hand erfolgen muss. Warum soll man z.B. Seegang in Kauf nehmen, der das Wohlbefinden an Bord ernsthaft beeinträchtigt, nur weil man kräftigen Wind für eine zügige Reise wünscht? Was soll das mit den Kreuzseen oder dem lästigen „Wind gegen Strom“? Jede Marktanalyse würde ergeben, dass die wenigsten Kunden so etwas wünschen. Aber auf Kundenzufriedenheit wird eben keine Rücksicht genommen. Warum? Nur weil es in hunderten von Jahren des Anbieter-Monopols immer so war?
Höchste Zeit, dass hier einmal frischer Wind einkehrt.