Semiotische Verwirrungen

Eines der Probleme für uns in Japan ist die hartnäckige Verwendung des Japanischen durch die heimische Bevölkerung. Und das gleich auf drei Ebenen.

Als erstes wäre da die gesprochene Sprache. Bisher haben wir wirklich kaum Japaner getroffen, die auch nur minimale Englischkenntnisse haben (oder zugeben würden). Wir mit unserer Handvoll Brocken auf Japanisch (hallo, bitte, danke, wo ist, gibt es, ich möchte, ja, nein, lecker, ich spreche kein Japanisch) kommen auch nur in sehr einfachen Gesprächssituationen klar, allerdings meist zur Erheiterung der Japaner. Was oft weiterhilft, ist der Google Übersetzer auf dem Smartphone, der einfache Unterhaltungen hin und her dolmetscht. Toll, diese Technik.

Als zweites die Schrift. Um die Sache möglichst unübersichtlich zu machen, verwenden die Japaner ja nicht nur ein unlesbares Alphabet, sondern gleich drei davon (Hiragana, Katakana und Kanji). Keines davon können wir auch nur ansatzweise entziffern, und so bleiben Busfahrpläne, Beschriftungen und Speisekarten meist unverständlich. Hier kommt uns ebenfalls die Technik im Smartphone zu Hilfe, denn Google übersetzt auch den mit der Kamera aufgenommenen japanischen Text. Bei handgeschriebenen Zeichen oder stylischen Schriftarten scheitert das Programm allerdings.

Im Falle der Speisekarten gibt es weitere Hilfsmittel. Zwar versucht man ja normalerweise aus kulinarischen Gründen Lokale zu vermeiden, die Fotos ihrer Gerichte auf den Speisekarten abdrucken, in Japan ist das aber nichts Ehrenrühriges und wir nehmen die Hilfestellung für Analphabeten gerne an. Es geht aber noch besser: Japan ist absoluter Weltmeister in der Disziplin Plastikessen. Es gibt hier Firmen, die Speisen derart täuschend echt in Kunststoff nachbilden können, dass man ihren Geruch schon vom Ansehen in der Nase hat. Diese Plastikversion der Gerichte wird im Schaufenster ausgestellt, und das durchaus nicht nur in billigen Touri-Fallen.

Es bleiben aber oft genug Restaurants übrig, wo es weder Bilder noch 3D-Drucke der Gerichte gibt und das Verhältnis von Bestellabsicht zu geliefertem Essen von Überraschungen geprägt ist. Macht auch nichts, wir lernen ja gerne Neues kennen.

Die dritte Ebene der mangelnden Orientierung ist etwas schwieriger zu beschreiben. Bewegt man sich in Deutschland durch eine Stadt, so kann man meist unmittelbar wahrnehmen, ob es sich bei einem Laden um einen Bäcker, einen Metzger oder ein Reisebüro handelt. Dafür muss man weder die Beschriftung des Geschäfts lesen noch den Inhalt des Schaufensters sehen. Allein die visuelle Signatur verrät einem: „so sieht ein Bäcker aus“. Dieser Referenzrahmen fehlt uns in Japan. Bäcker, Metzger und Reisebüros sehen hier so komplett anders aus, dass wir oft ein Geschäft erst betreten müssen, um festzustellen, worum es sich handelt (und selbst dann sind wir oft am Rätseln).

Es kommen freilich auch andere Interpretationsfehler dazu: Anfangs war ich überrascht, dass es so viele Schuster in Japan gibt. Irgendwann habe ich dann kapiert, dass die vielen Schuhe im Schaufenster nicht zum Verkauf stehen. Es kann z.B. ein Kindergarten oder ein Büro sein, wo man sich beim Betreten die Schuhe auszieht und diese in einem Regal abstellt. Eigentlich logisch.
Zum Abschluss noch ein kleines Quiz: Worum handelt es sich bei den folgenden Geschäften?

Auflösung (von oben nach unten): Friseur, Bekleidungsgeschäft, Tierklinik, Bäckerei

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